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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-27 · Heft 1223 (27.6.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1223 (27.6.1922)
Date
1922-06-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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, Kn Uzi ’T" Ans der errgLischen Presse. . - London, 25; Jllni. (Wolfs.) „Sunday Times" schreiben in einem besonderen Artikel: Durch den an, Rüthenan begangenen feigen Mord wird nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa betroffen. Es' wird Deutschland schwer sein, einen Ersatz für ihn zu finden. Die Alliierten beklagen den Tod eines früheren Feindes, der, obwohl er natürlicherweise das Spiel seines Landes spielte, kein Anhänger des Imperialismus oder der Rache war, sondern offenbar den- Frieden und das europäische Zusammenarbeiten erstrebte. „Observer" schreibt: Von welchem Gesichtspunkte auch immer, von deutschem,» von'französischem oder dem unseligen, war Rathenau gerade der Deutsche. Er hätte ermutigt und beschützt werden sollen. Er war ein Mann von Verstand und Blick, er sah, daß der Weg zur.. Klugheit für Deutschland der war,, sein Bestes zur Erfüllung des Vertrages zu tun. Der SeeZenrmWzwrmg. Wir lesen in dem ch r i st l i ch s o z i a l e n „Welt- Mtt" die folgende Anmerkung: Während die ganze gesittete Welt, die „Feinde" Deutschlands miteingeschlossen, unter dem erschütternden Einfluß dieser Schreckenstat steht, bringt cs das Organ der Großdeutschen V o l k s p a r t c i, die in Wien erscheinende „Deulschöstereichischc Tageszeitung" über sich, an leitender Stelle ihrer Genugtuung über diese Tat Ausdruck zu gobcn, die eine Folge des „A u f s ch w u n g s der Seele n" in Deutschland sei, ein Akt der „Gegenwehr der Verzweiflung" imb hoffentlich „ein Kapitel tiefster deutscher Erniedrigung" beenden werde. Erfreulicherweise zeichnet der Schreiber dieser Bekenntnisse einer schönen Seele mit Naryen: Es ist der Leitartikler des Blattes Dr. Hartmeye5, zum Glück kein Oestcreichcr! .Wir meinen, so lange solche „Leitartikel" geschrieben werden, ist das Kapitel tiefster deutscher Erniedrigung nicht abgeschlossen! Oesterreich. NaLiormLrot. Auf der Tagesordnung der heute um 3 Uhr nachmittags staUsindenden Sitzung des Nationalrates befinden sich insgesamt 17 Verhandlungsgegenstände, und zwar die in der abgelaufenen Woche von den Ausschüssen, insbesondere dem Finanzuub Budgetansschuß fertiggestellten Vorlagen. Hauptausschütz. In der.heute unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Weiskirchner abgehaltenen Sitzung des Hauptausschusses gelangte zunächst die Verordnung über die Erhaltung des Arbeiterstandes in den gewerblichen Betrieben zur Beratung. Abg. Hanusch stellt den Antrag, die Verordnung mit 31. Dezember 1922 (Antrag der Regierung 31. Juli 1922) zu befristen, ferner den in der Verordnung enthaltenen Artikel 3 äit streichen, der beinhaltet, daß der Gewerbeinhaber zur Einstellung von Arbeitern und Angestellten nicht verpflichtet ist: a) Wenn das Dienstverhältnis des Arbeitnehmers durch den Tod erloschen ist; b) wenn der Arbeitnehmer das Dienstvechältnis ohne einen.wichtigen Grund, der ihn zum vorzeitigen Austritt berechtigen würde, ausgelöst hat; c) wenn der Arbeitnehmer aus einem wichtigen Grunde vorzeitig.entlassen wurde; d) wenn das Dienstverhältnis eines Angestellten gemäß Z 23 Ang.-Ges. gelöst wurde. Bei der Abstimmung wurden die Anträge Hanusch abgelehnt, und die Anträge der Regierung mit Mchrheit a ng-e nommen. Die Beratung über die Verordnung betreffend die R e g el n n g d e s H o l z v e r k e h r e s wurde nach einer längeren Debatte vertagt. WeisWrchner über die SozialdeMoMaLer?. ■ Der Präsident der Nationalversammlung Dr. Richard W eiskirchn 's r: teilte dem Wiener Vertreter des „Cablograinme" die folgende interessante. Einzelheit aus der gegerrwärtigen Situation mit: „Ich vertraue dem gesunden Sinn der österreichischen Bevölkerung und der Einsicht der .sozialdemokratischen Führer. Als am 12. Juni die Devisenkatastrophenhausse einsetzt-.', imd die Kommunistische Partei im Arsenal die Arb c it einstellen ließ, gelang es der Intervention der sozialdemokratischen Nationalräte S e i tz und P ö l z e r, die ins Arsmal sofort hinanseilten, die sozialdemokratische Arbeiterschaft zur Anfrechthaltung der Ruhe und Orvuuufl und zur Arbeitserfüllung durch die zwingendsten Gesetze der Logik zu bewegen,' daß ein b.o.ls ch e w ik is ch c s Wienern einer Woche v o l l st ä n d i g ausgehungert wäre." Tschecho - Slowakei. Gemeirrdervahlerr irr Gödirrg. Zwei Jüdischnationale. Gödiug, 26. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung.) Bei den gestern /durchgeführten Neuwahlen in den seinerzeit aufgelösten (kommunistischen) Genreinderat wurden 1-7 Tschechen, drei Deutsche, zwei Iüdischnation a l e und 14 Kommunisten gewählt. si-y «rrfsT- * $ r« Fusion der -eutschruLLkKren Pnrteren. Prag, 25. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die Deutsche Nationalpartei hat sich mit der Deutschen nationalsozialistischen Arbeiterpartei vereinigt. Den Vorsitz - führt Abgeordneter L o d g e m a n. . Jugoslawien. Die russische Gesandschast in Belgrad. Belgrad, 24. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzcitung".) In der Kammer erklärte gestern der Minister des Aenßern Nincic auf eine Anfrage des Abg. Kr ist an betreffend die. russische Gesandtschaft in Belgrad, daß cs in Belgrad wirklich eine solche Gesandtschaft gebe, doch vertrete sie keineswegs das offizielle Rußland. Der Minister fügte hinzu, daß eine solche russische Gesandtschaft nicht nur im jugoslawischen Staate, sondern im Interesse der Ausrechterhaltung der Traditionen fast in sämtlichen Staaten Europas bestehe. Es hätte kaum einen Sinn, diese russische Gesandtschaft zu entfernen, schon mit Rücksicht darauf, -daß dies bisher seitens keines einzigen Staates geschehen sei. Die Haltung des jugoslawischen States hänge davon ab, welche Aenderungen in Rußland und in Europa überhaupt cintreten, nicht nur-in dieser einzelnen Frage, sondern überhaupt gegen" ber dem offiziellen Rußland. OrLnnng der Finmaner Frage. Belgrad, 24. Juni. Minister des Aeußern Nincic beantwortete gestern in der Kammer die Anfrage des Abg. Andielinovie über den Schutz der Konstituante des Freistaates Fiume. Die Verhandlungen mit Italien dürften Resultate ergeben, die es ermöglichen, alle strittigen Fragen zwischen Jugoslawien und Italien aus dem Wege zu räumen. Es liege ein Vermittlungsvorschlag des englischen Ministerpräsidenten vor, über den die Regerung berate. Ueber einige Details werde noch verhandelt, er hoffe aber, in einigen Tagen werde die Angelegenheit so geklärt sein, daß er in der Budgetdebatte über alles werde berichten können. Abg. Kucie erklärte, es seien soeben Depeschen eingelangt, daß in Fiume ein neuer Streich im Einverständnis mit Castelli geplant sei. Er verlangte sofortige Schutzmaßnahmen für die jugoslawischen Untertanen und Interessen.. Der Minister antwortete, dies hänge mit der Sicherung der Verhältnisse in Fiume zusammen, die der Rapallo- Vertrag vorsehe, der sofort ausgesührt werden müsse. Ungarn. Die Iudenmorde zwischen ipna* und Theiß. Eine überraschende Wendung. Bor kurzem berichteten wir über die aufsehenerregende Befreiung der in Un1ersuchnngHyft.sitzendelt, der Morde. an den Juden in Jzsak überführten Personen. Wie erinnerlich, wurden damals die Akten dieser Strafangelegenheit von der Oberstaatsanwaltschast plötzlich abverlangt und gleich darauf sämtliche Verhaftete bis auf zwei auf Grund höherer Weisung aus der Haft entlassen. Jetzt hat dieser Strafprozeß eine überraschende Wendung genommen. Neben den zivilen Gerichtsbehörden haben auch die militärischen Strafbehörden parallel mit der Staatsanwaltschaft Untersuchungen gepflogen, weil sich unter, den Verdächtigen auch. mehrere Personen befanden, die zur Zeit der Verübung dieser Strafhandlungen aktiven Militärdienst geleistet hatten. Die Angelegenheit dieser Verdächtigten leitete der Oberst- Auditor Gendarmerie-Jnspektoratsanwalt Dr. Artur Sch m i tz als delegierter öffentlicher Ankläger. Bor kurzem ist -nun Oberst Dr. Schmitz im Verlaufe der Militärrecherchen in den Besitz von Daten gelangt, die bewiesen, daß einzelne Verhaftete, die bisher als Zivilpersonen der Kompetenz der Staatsanwaltschaft unterstanden, zur Zeit der Begehung der strafbaren Handlungen Soldaten waren. Nach dieser Feststellung studierte Dr. Artur Schmitz sämtliche Necherchierungsakten der Staatsanwaltschaft durch, ließ nach Beendigung dieser Arbeit die beiden noch in Zivilhaft befindlichen Beschuldigten zu sich eskortieren, sprach nach kurzem Verhör auch ihre Verhaftung als Militärhäftlinge aus und ließ sie in Militärgewahrsam nehmen. Vor einigen Tagen nun entsendete Doktor Schmitz ein verläßliches Gendarmerie-Detachement nach Keeskemet, mit der strengen Weisung, dort mehrere bezeichnte Personen zu verhaften. Diese Verhaftungen sind auch erfolgt. So wurden auf Weisung des Obersten Schmitz die drei Brüder Toth, die in den jüngsten Wochen auf freien Fuß gesetzt worden waren, und Michael Da nies verhaftet, gegen den die Recherchen schon früher schwer belastende Momente ergeben hatten. Oberst Schmitz geht gegen die Verhafteten wegen des Verbrechens des Raubmordes vor- Das ist deshalb von Wichtigkeit, weil die- Beschuldigten ihn diesem Falle nicht unter die Verfügungen der Amnestie fallen, da die Angeklagten sich von gemeinen Motiven leiten ließen und sowohl ihre Opfer, als auch deren Familienangehörige beraubt hatten. Der dreifache Jzsaker Raubmord, dem die Juden Alexander Beck, Zoltan P a n c z e l und Arpad Schmidt zürn Opfer fielen, ist schon vollständig geklärt. Auf dieselbe Weise dürften nunmehr auch die Strafangelegenheiten von Lajos M i z s e und Maria H a z a, über welche wir seinerzeit berichteten, erledigt werden. Oberst Schmitz hat engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen-und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei - oi-, OTtirr ,-- J' die Anklageschrift bereits sertiggestelli, so das; die Schluß- Verhandlungen binnen kurzem stattsinden können. Der Advokat ( Dr. Geza Dombovgry, der bis vor 'kurzen: der Leiter des Rechtsschutzbureäns derPesterKultn.sgemeinde'war, und in diesem Strafprozeß die betroffenen Familien vertritt, hat nun auch seinerseits das Studium der Necherchierungsakten begonnen und wird der Militäranwaltschaft auch seine sehr umfangreichen und durchaus verläßlichen Necherchierungsdaten zur Verfügung stellen. Trotz dieser durch die halbamtliche Korrespondenz „M a g y a r H i r a d o" bestätigten Maßregeln wird in' Budapest daran gezweiselt, daß diese Schützlinge uub Heukerknechte des Obermörders H c j j a s auch tatsächlich ihre schon längst verdiente Strafe erhalten werden. ' Die Vorkrsegsschulden. Budapest, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung*.) Zur Begleichung der Vorkriegsschulden zwischen England und Ungarn traten das englische und ungarische Clearing!o,mitee zusammen und trafen ein Uebereinkommen, das die Kompen.sierung der englischen Schulden durch in England befindlichen ungarischen Besitz festsetzt. Demnach dürfen die ungarischen Schuldner von einem Pfund ihrer Schulden 3 Schillings mit Forderungen ungarischer Gläubiger gegen englische Schuldner ausgleichen. Das Verhältnis würde sich also 20 :3 stellen, was denn tatsächlich gegebenen Umständen allerdings nicht entspricht, da ungarische.Schulden von 5 Millionen englische von bloß einer Million entgegenstehen, weshalb das Verhältnis richtig 20:4 sein müßte. Das englische Clearing fürchtete jedoch, daß im Falle weitgehender Konzessionen die englischen Gläubiger überhaupt, nichts erhalten würden und entschlossen sich zur Herstellung einer besonderen Verhältniszifter. 12 MMarÄerr Defizit, Budapest, 24. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Gestern abends hielt der Finanzausschuß der Nationalversammlung eine Sitzung ab, in welcher Finanzminister Kallay sich mit der allgemeinen Finanzlage befaßte. Er wies darauf hin, daß das B u ö g e 1 des Vorjahres einen Fehlbetrag von 12 Milliarden aufweise. Um dieses D e f i z i t zu decken, beschloß die Regierung den schleunigsten Beamtenabbäu und die Erhöhung der Steuern bis zur Friedensparität. Falls die Entente nicht unzeitgemäße Wiedergutmachungsforderungen stellen wird, welche die finanzielle Entwicklung Ungarns hindern, dieses 'seine ausländischen Verpflichtungen seinerseits erfüllen, andernfalls aber nicht einmal seine privaten Verpflichtungen decken können. Polen. SliWrrrski Mit -er Ka-weLLs-ttdmlS keLraAt.v ' Warschau, 25. Juni. Staatschef Pilsudski teilte dem Landtagspräsidenteil -mit-- daß. er den Vizepräsidemeu der Stadt Warschau, Artur Sliwinski, zum Ministerpräsidenten ernenne. Sliwiuski hat das Mandat zur Kabinettsbildung angenommen. Der designierte ^Ministerpräsident Sliwinski gehört keiner politischen Parte au. Seine Berufung wird von der Linken, Vom Zentrum imb von der bürgerlichen. Partei gutgeheißen. Sliwinski gehörte dem österreichischen Neichsrat an und war Mitglied des Polenklübs, stand jedoch im Gegensatz zu seinen Klnbkollegen nicht auf dem außerpolitischen Standpunkt. Er trat stets für die volle Unabhängigkeit Polens ein. RitUKLMsrdhstzL irr Poftrr. Posen, 23. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung") Bor kurzem ereignete sich tu Wongrowiee bei Posen ein Mord. Die antisemitische 'Presse, mit dem „Kurjer Poznanski" cm der Spitze, verbreitete die Nachricht, daß dieser Mord von Juden zn R itu alzw eck en verübt wurde. Die damit verbundene antisemitische Agitation veranlaßt die jüdische Gemeinde von Posen, sich an K a r d i n a l p r i m a § Dal <bor mit dem Ersuchen zu wenden, die Geistlichkeit zn beauftragen, gegen die aniijüdische Hetzkampagne zu predigen. Der Posener Rabbiner Dr. Gott schal! veröffentlicht in der Posener deutschen Zeitungen einen Artikel, in dem er an den polnischen Staatsanivalt folgende drei Fragen richtet: 1. Ob es in Polen erlaubt sei, in Wort oder Schrift eilte ganze religiöse Gemeinschaft zn beleidigen und die übrigen Staatsbürger gegen sie aufzuhetzen, 2. Ob es in Polen erlaubt sei, mündlich oder schriftlich eine Angelegenheit, die erst Gegenstand einer Gerichtsnntersuchung sein soll, zu behandeln. 3. Ob es schließlich in Polen einen Schutz für die religiösen Minderheiten gebe und ob der Staatsanwalt gerreigt sei, daraus zn achten, daß dieser gesetzlich gesicherte Schutz tatsächlich durchgeführt werde. Litauen. Der Ka«pf nm die jüdLsch-nalionali Autonomie in LiLanen, Kowno, 22. Jmri. (I. C. B.). 7Fm Beisein Volt Vertretern aller parlamentarischen Fraktionen mit Ausllahnie. der Landwirtspartei fand' beim litauischen Staatspräsidenten eine zweistündige Besprechung über die strittigen Fragen betreffend die n a t i o n a l e A u t o n o m i e der litanischen Inden statt, deren Ergebnisse als günstige Wendung bezeichnet, werden können. Besondere Beachtung verdient Taborstraße 48 Telephon 47-1 «79 En gfos En rffttaü

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