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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-26 · Heft 1222 (26.6.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1222 (26.6.1922)
Date
1922-06-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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W ■■ ■' 1 ■■■ I >>>»' " ■■^".iiii.ii ■— .. 1 " 1 ■ . - anständigen Leute haben kein Recht, in Deutschland zu leben. - Was Rathenaus Chauffeur sagt. Berlin, 24. Juni. Der Chauffeur Dr. Rath e- « a u s.sagt über den Hergang der Mordtat folgendes aus: Ich bemerkte ein Auto, das mich um jeden Preis überholen zu wollen schien. Um einem Zusammenstoß auszuweichen, lenkte ich nach rechts ab, stieß aber an das Trotoir an- und der Anprall war so heftig, daß ich fast vom Sitze geschleudert wurde. In diesem Moment hörte ich Revolverschüsfe und eine starke Explosion, deren Erschütterung mir für einen Augenblick das Bewußtsein nahm. Ehe ich halten konnte, war der Wagen auf das Trottoir hinaufgefahren. Das andere Auto fuhr davon. Verbot der Krawallfeste. Berlin, 24. Junü Der Polizeipräsident hat alle Sonnwendfeiern untersagt. Das preußische Ministerium des Innern hat alle nationalen Festlichkeiten und Regimentsfeiern verboten. Das-sächsische Ministerium hat ähnliche Verfügungen getroffen. Generalstreik in Deutschland. Berlin, 24. Juni. (Wolfs.) Der gegenwärtig in Leipzig 'tagende Gewerkschaftskongreß hat die Ausrufung des Gen eral streiks für die Zeit von Dienstag mittags bis Mittwoch mittags im ganzen Reiche beschlossen. Ebert nach Berlin zurückgekehrt. Berlin, 25. Juni. Reichspräsident Ehert hat seinen Urlaubsaufenthalt im Schwarzwald unterbrochen und kehrt nach'Berlin zurück. Er hat an die Dtutter Dr. Rathenaus, an die Reichsregierung und an die demokratische Partei Beileidstelegramme gerichtet. \ Rockefeller gestorben. New Bork, 25. Juni. William Nockefeller, der Bruder John Nockefellers, ist heute in New Dor! gestorben. Tagesbericht. Das Buch vom Hunger. Der „Vorwärts" veröffentlicht einen Auszug aus dem „Buche des Hungers", welches im Russischen Staatsverlage in Samara erschienen ist. Wir entnehmen diesem Hilferuf nachstehende erschütternde Passagen: Er ist ein gräßliches Ungeheuer — der Zar Hunger. Aus unseren Dörfern, wo die Menschen hungern und eines qualvollen Todes sterben, rufen wir euch zu: Heft! Rettet uns vor dem Tode!. Hat c£ eine solhe &urt;er*nrt je gegeben? Ist sie zü vergleichen mit der Lun^rsnoi des 12. Jahrhunderts in Deutschland, als Ue Hälne d:r Bevölkerung dahinstarb? M«t, der Kartoffelnot in Irland, die Mitte des Vorteil Jay>-- hmwerts über eine Million Mer. chenleben vernichtet hu. Mit den Hungersnöten in Indien? Mit den früheren Hungersnöten in Rußland? Nein, der Hunger an der Wolga und am Schwarzen Meer ist viel schwerer, viel schrecklicher, viel grausamer. Er hat keine Beispiele. Wenn nicht geholfen wird, so stirbt nicht stur die Hälfte der Bevölkerung auZ, nicht eine Million, wie in Irland, sondern mehr, viel mehr, allein an der Wolga verhungern 15 Millionen Menschen! Und doch: Unwillkürlich tauchen vor einem die Bilder aus den russischen Hungerjahren von 1601 bis 1602 auf. Auch damals hungerten die Menschen! Auch damals zitterten sie vor Hungerqualen, sehnten sich inbrünstig ihren Tod herbei. Sie scheuten vor nichts zurück. Sie aßen nicht nur das Fleisch gefallener Tiere, sondern auch Menschenleichen. Sie ermordeten Sterbende kurz vor ihrem Tode, ermordeten gesunde, nicht abgemagerte Menschen, um besseres, nahrhafteres Menschenfleisch ru erhalten. Und heute? Dieselben Greuel des Hungers. Malt euch aus, welche Qualen man beim Hunger, beim Verhungern empfinden muß, wenn man sich zur Verzehrung von Leichen entschließt. Wie groß-Hüssen die Hungerqualen sen. wenn man, vernunstlos geworden und gefühlsstumpf, die Hanv erhebt wider sin eigenes Kind, es schlachtet, und sich mit seinem Fleische sättigt. ,! Das alles geschieht nicht im 17., sondern im 20. Jahrbundert. Im. Jahrhundert der Kultur, der Zivilisation! Wir verzweifeln an der Menschheit. .Wir weinen nicht mehr, sondern winseln nur noch. Helft! Wir sterben vor Hunger! Der leere Sarg. ' Nach einer Mitteilung des „Kurjer Warszawska" ivird aus Moskau berichtet, die Bolschewiken hätten die Zarengräber in der Kathedrale Uspien erbrochen und im Sarge Alexanders 1. keine Leiche gefunden. Das bringt eine alte, einst stark verbreitete Erzählung in die Erinnerung. . Alexander 1., jener allmächtige Selbstherrscher aller Reußen, dem 1801 Pglastverschwörer durch Ermordung seines Vaters Paul 1. zur Krone verhaften hatten, galt früher für das Ideal eines Monarchen, besonders nachdem Napoleons Zug gegen Rußland gescheitert und damit ein Umschlag in' der Weltpolitik eingetreten war. Nachdem er früher liberalen Ideen gehuldigt hatte, geriet er als Schirmherr der „Heiligen Allianz" auf die Bahn her Reaktion, machte alle Reformen* rückgängig und führte eine despotische Regierung, unter der sein Land schwer zu > leiden hate. Die Unzufriedenheit, welche darüber namentlich in den Kreisen' der Gebildeten entstand, blieb ihm nicht verborgen und 'erzeugte in 'feinem empfindsamen, »leicht beeinflußten Gemüte eine wachsende Verbitterung. In rauschenden Hoffesten, Liebesabenteuern und ganz besonders im mystischen Treiben okkultischer Kreise suchte er Trost und Betäubung. Doch nahm feine Melancholie zu' beim Todeseiner einzigen unehelichen Tochter und bei Fehlschlägen in der inneren und äußeren Politik und schon äußerte er den-Wunsch abzudanken und als Privatmann, fern von allen Geschäften, auf seinem Landsitze zu leben. Am Ende des Jahres 1825 machte er eine Reife im die Krim und starb fast plötzlich in Taganrog am 1. Dezember, nach der offiziellen Angabe an einem dort grassierendem Gallenfieber. Bald nach seinem Tode, und nachdem sein jüngster Bruder Nikolaus 1. unter Verdrängung des rechtmäßigen Thronerben Konstantin den Thron bestiegen hattewurde eine weitverzweigte Verschwörung aufgedeckt, die schon unter Alexander 1. angestiftet worden war, und von der astch er noch Kunde erhalten hatte. Da entstanden eigenartige Gerüchte. So wurde vielfach erzählt, Alexander sei keines natürlichen Todes gestorben, sondern vergiftet oder auf gewaltsame Weise umgebracht worden. Andere dagegen behaupteten, er fei gar nicht tot, sondern habe die Nachricht von seinem Ableben verkünden lassen, sich in ein Kloster zurückgezogen und lebe hier als Mönch unter falschem Namen. Bis in die neueste Zeit hat diese Erzählung Glauben gefunden. Sie klingt ja ungeheuerlich, gewinnt aber eine gewisse Stütze, wenn A'exanders Grab jetzt wirklich leer gefunden worden ist. Und was wäre schließlich im „Heiligen Rußland" unmöglich? Gin jüdisches Spital für Karpathorutzrand. Wie uns aus U z h o r o d (Ungvar) berichtet wird, hat das dortige Jüdische Aufbaukomitee von der Pariser EuropäzeMrale des Join't die Mitteilung erhalten, daß der Joint seine zur Errichtung eines jüdischen Spitals für Karpatho- Rußland bereits bewilligte Widmung von 10.000 Dollar um weitere 7 0,00 0 Dollar erhöht und außerdem Spitalseinrichtungsgegenstände im Werte von 26.000 Dollar abgeschickt hat. DaS neue Spital wird aller Voraussicht nach im Kohner-Palais in MunkaeS errichtet werden. . * Blinden-Sammeltag. In warmer Förderung der Blindenfürsorge wurde den Blinden Wiens vom Bürgermeister Jakob Reumann die Durchführung eines allgemeinen Sammeltages in ganz,Wien für den 1. Juli l. I. bewilligt. DaS Erträgnis dieser Sammlung ist der Errichtung eines Erholungsheimes für die Blinden Wiens, einer Wohlfahrtseinrichtung, wie sie in anderen Ländern längst besteht,, gewidmet. * Am Donaukanal. Der Arbeiter Josef Ku r z ist von der Polizei unter dem Verdacht verhaftet worden, er habe Samstag nachts seine Geliebte Grete I u r f o bei der Stephaniebrücke in den Donaukanal geworfen. Kürz gibt an, die Jursa . habe Selbstmord begangen. Briefkasten der Redaktion. Lea Gold. Ihre Mitteilung überrascht uns nicht. Die Herren haben sich nicht erst die Mühe genommen, die Gesuche ordentlich durchzusehen. Eine Neuaufnahme der Angelegenheit wäre gegenwärtig zwecklos. Für die Aufenthaltsbewilligung muß jener Bescheid nicht maßgebend sein. — Neugieriger. Man kann uns nicht zumuten» daß wir uns mit jedem obskuren Blättchen auseinandersetzen. — R. B. Wegen des Termins der Konfirmation müssen sie sich mit der betreffenden Abteilung der Kultusgemeinde, 1. Bez., Seitenstettengasse 4, inS Einvernehmen setzen und dies dort rechtzeitig anmelden. — W. G. Eine Revision Ihrer Lose können Sie bei verschiedenen hiesigen Bankanstalten vornehmen lassen, dafür ist eine gewisse bescheidene Gebühr zu entrichten. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Lieber Futzjchmerzen. Klagen über Schmerzen am Fuße gehörest zu den alltäglichen Erscheinungen in der ärztlichen Ordination. Und doch sind in Wirklichkeit noch viel mehr Menschen von Beschwerden in den Füßen und Beinen geplagt, als es der Arzt erfährt. Während ein TH sich Eden bloß zeitweilig auftretenden Schmerzen absindet, konsultiert der andere gar nicht mehr den Arzt, da er ja ohnehin nicht helfen könne. Gewöhnlich ist in Laienkreisen die Diagnose; rheumatischer Zustand oder Verkühlung gleich bei der Hand und, wenn die Mittel es erlauben, wird schon die Wahl eines entsprechenden Badeortes beraten. Das natürlichste, sich zuerst von einem tüchtigen Arzt untersuchen zu lassen und erst aus Grund dessen Gutachtens die Heilwege einzuschlagen, wird meist unterlassen. Auf das Doktern verstehen sich alle Menschen gut, dazu bedarf es — nach der Meinung vieler keiner besonderen Ausbildung. Diese Ansicht vertreten den anderen gegenüber meist solche Leute, die bei eigener Erkrankung am ängstlichsten sind und die ihren eigenen Leib sonst nur gleich den größten Professoren anvertrauen. An sich selbst probieren sie ihre sicher wirksamen Heilmittel nicht. Fußschmerzen heißt also picht immer RheuMlisMüs, ja im Gegenteil, in den seltensten Fällen beruhen die Schmerzen auf.rheumatischer Grundlage. Der Arzt fordert meist einen über Fußschmerz klagem den Patienten sofort auf, den nackten Fuß zu zeigen, weil er richtigerweise gleich an Plattfußbeschwerden denkt. Die Notwendigkeit dieser Untersuchung leuchtet den wenigsten Patienten ein, nicht deshalb etwa, weil sie die Entblößung des. Fußes zu scheuen haben, sondern weil sie selber ganz gut zu wissen glauhen, daß'die Ursache wo anders liegt. Sollte der Arzt die Unvorsichtigkeit begehen und gar einer Dame oder einem Mädchen gegenüber von einem beginnenden Plattfuß sprechen, dann hat er es sich meist Mit dem Patienten "verscherzt — die Feststellung eines etwa unschönen Fußes verzeiht ihm das schöne Geschlecht nicht. Da muß man sich also vorsichtiger ausdrücken. Man spricht am besten von Senkung des Fußgewölbes, das hört sich schöner an. Diese. Fußbeschwerden haben meist ihren Grund in einem Mißverhältnis zwischen Kraft und Belastung des Fußes. Das tritt besonders, bei Frauen in dem Alter auf, wo sie stärker werden und die Füße eine größere Last zu tragen haben. Aber auch schwächlichen Individuen, die sehr viel stehen und gehen müssen, wie Kellner, Dienstmänner, und-Wäscherinnen neigen zu Plattfüßen. Der ausgebildete Plattfuß, ist auch für den Laien kenntlich, er ist verlängert, ermangelt der Fußwölbung und der Gang ist stampfend und nach auswärts gerichtet. Solche Menschen zeigen auch verschiedene Schwielen an den Sohlen als Zeichen der schlechten Gangart. Zum Gang mit nach auswärts gewendeten Fußspitzen werden die Menschen in ganz fälschlicher Weise erzogen. Die richtige Art des Gehens wäre nach einwärts, doch das scheint den Menschen nicht zu gefallen. Bei Untersuchung der Füße findet der Arzt oft keinerlei Symptome, er muß sich mit den Angaben des Patienten zufrieden geben, daß dieser insbesondere das längere Stehen unangenehm empfindet. Die Leim Pllrttfuß auftretenden Beschwerden müssen auch gar nicht zuerst am Fuße beginnen, sondern äußern sich oft in Stechen am Knie, in ziehenden Schmerzen am Oberschenkel, ja selbst in schmerzhaften Anfällen wie bei Ischias. So manche schwere Ischias, so manches Gelenksrheuma des Beines ist durch eine entsprechende Plattfußbehandlung geheilt worden. Nebenbei sei bemerkt, daß Fußschmerzen bei Kindern z. B. auf rhachittsche Erkrankung der Knochen zurückzusühren sind, daß altere Leute infolge gichtischer Anlage an Fuß- und Beinschmerzen leiden. Auch Verletzungen, Versteifungen am Fußgelenke geben Anlaß zu langdauernden Beschwerden. Frauen wieder können durch Krampfadern an den Beinen stark belästigt werden. . Ist einmal die Ursache der Fußschmerzen in einem beginnenden oder ausgebildeten Plattfüße erkannt, dann muß vom Arzte nach einem Gipsabdrucke des Fußes eine Einlage für den Schuh hergestellt werden. Diese hat den Zweck, den schlechtfunktionierenden Band- und Muskelapparat des Fußes zu schützen. Eine solche Einlage soll nie fertig in einem Geschäfte gekauft, sondern' muß individuell angeferttgt werden, wenn sie ihren Zweck erfüllen soll. Der Patient betrachtet damit die Behandlung des Plattfußes als abgeschlossen. Sie soll es aber nicht fern, denn die Schwäche des Muskel- und Bandapparates hat zum Einsinken des Fußgewölbes geführt, die Einlage übernimmt einen Teil der ausgefallenen Funktionen, doch muß der Fuß durch Gymnastik, Massage, Bäder geübt werden, um eine Kräftigung der-Muskulatur des Beines und Fußes herbeisühren. - Die jetzt so häufigen Klagen über Fußschmerzen haben vielfach ihre Ursache in dem schlechten Schuhwerk, das die Mode vorschreibt. Die. Mehrzahl der Menschen vertragt vor allem nicht Halbschuhe, die jetzt so begünsttgt werden. Zur Vorbeugung des Plattfußes sollen Leute mit schwachen Füßen nur Schnürschuhe mit niederen Absätzen, breiten Kappen, in denen die Zehen Raum gewinnen, tragen. Sehr zu empfehlen ist das Barfußgehen im Sommer, Es gibt kaum einen dankbareren Patienten als denjenigen, welchen der Arzt von seinen dauernden Fußschmerzen befreit hat. Die Leistungsfähigkeit und Lebensfreude vieler Menschen leidet unter den Fußschmerzen, die sie fast zum Krüppel machen. Aerztlicher Fragekasten. Netz-Zionah. Die unreine Gesichtshaut kann ihre Ursache in einem schlecht funktionierenden Darme haben, es Hilst dann keine Schälkur, die jedenfalls nur unter ärztlicher Beobachtung duxchgeführt werden soll. ■ Sie können sich damit an jeden erfahrenen Arzt wenden. Unerfahrenes Mädchen. Die angeführten Beschwerden bei der Menstruation sind krankhaft und wahrscheinlich auf die bestehende Blutarmut zurückzuführen. Behandlung notwendig. — I. St* Worauf diese Verhaltung zurückzuführen ist, läßt sich aus der Ferne nicht beurteilen. Doch sollen Sie vor alle^ die Diät regeln. Trinken Sie früh morgens nüchtern ein Glas kaltes Wasser, essen Sie viel Gtzmstse, Obst, Graham-Brot, kurz voluminöse, nicht leichte, Kost, machen Sie täglich einen ausgiMgen Spaziergang. — Elektrisch. Auch der gewöhnliche SttotWHm 110 und 220 Polt kann dem Menschen gefährlich werden. ' Es sind wiederholt tödliche Unfälle durch diese Stromstärke vorgekommen. —Erziehung. Fürchten Sie nicht die Berhnngernng heS Kindes. Lassen Sie es ruhig einen gysizen Tag ohne Nahrung, es wird sich dann das Hungergefühl einstellen, das Kind wird von selbst Nahrung forj der» und die gereichten Speisen annchwen. Es gehört dazu eine gewisse Energie von seiten der Mutter. » ■Hm JSBSi. iäÜUBL

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