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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-25 · Heft 1221 (25.6.1922) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1221 (25.6.1922)
Date
1922-06-25
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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vrrr» iu «ou'Mi Olt irgend welche „Stiftungen" zu verschenken und es anderen zu überlassen, sH mehr oder weniger dringenden Mgemeinbedürfnissen dienstbar zu machen, er hat selbst mit unermüdlicher Hingebung an der sozialen und geistigen Hebung seiner Arbeiter und an jedem Werk für Soziologie, Physiologie, Handelswissenschasten, Physik und Chemie, eine der großartigsten Gesamtstiftungen für wissenschaftliche Zwecke, bis ins einzelne mitorganisiert und geholfen, ihre Ergebnisse auszuwerten. Am 16. April 1838 in Rabecq bei Brüssel geboren, fand Solvay als Angestellter einer Gasanstalt in einer Brüsseler Vorstadt ein Verfahren zur Herstellung von Soda mittelst Ammoniaks, das endlich, erfolgreicher als zahllose vorhergegangene Versuche, das uralte Leblanc- Verfahren aus dem Felde schlug. Dies Ziel erreichte der Erfinder freilich auch erst auf hindernisreichem Weg, denn nach mehreren Jahren erst hatte er das Kapital für eine kleine Sodafabrrk zusammengebracht, und damit den Punkt erreicht, von dem aus er unbeirrt vorwärtsschreiten konnte. Heute wird in zahllosen Unternehmungen aller Länder Soda in der von Solvay angegebenen Weise hergestellt. Sein Verfahren beherrscht die Sodabereitung fast ausschließlich und über die Hälfte der Sodafabriken der Welt gehören ganz oder teilweise der Solvay-Gesellschaft. Der Preis der unentbehrlichen Chemikalie ist durch Solvays Erfindung um mehr als die Hälfte herabgesetzt worden; auch dies war schon eine große der^ Menschheit erwiesene Wohltat, die ihrem Urheber dann die Möglichkeit zu seinem weiteren uneigennützigen Tun geboten hat. In seinem Lande hat Solvay beim ersten wie beim geringsten gleiches Ansehen genossen. Auf den seiner sozialen Gesinnung wegen gerühmten belgischen König Albert ist er von großem Einfluß gewesen, und der sozialistische Führer Vandervelde. konnte über ihn schreiben: „Seine Stellung ist ganz eigenartig. Ohne ein Sozialist im eigentlichen Sinne des Wortes zu fein, ist er doch der einzige, der in mancher Lage der sozialistischen, Partei mit seinem Gelde geholfen hat und der verstanden hat, daß ohne den sozialistischen Antrieb keine soziale Umänderung im Sinne der Gleichheit und Gerechtigkeit möglich ist." Einst wollte ihn der König zum Baron machen. Aber Solvay wehrte ab. „Sire," sagte er, „denken Sie an meine Sodapackungen. Soll ich sie alle Umdrucken und ,Baron Solvay' darauf schreiben lassen? Ist das nicht eine viel zu hochtrabende Aufschrift für eine so plebejische Sache, wie Soda? Soll der „Baron" in allen Küchen und Werkstätten herumliegen?" Und Ernest Solvay ist geblieben, was er war. Akrairrrsche Waisenkinder nach Bessarabien. Paris, 19. Juni (I. C. B.) Mehrere jüdische Fa nullen in. Bessarabien haben bei der rumänischen Regierung uni die Erlaubnis ersucht, Kinder ihrer in den Pogromen umgekommenen Verwandten in der Ukraine bei sich unter- -»bringen. Nachdem die rumänische Regierung die'Erlaubn:s zur Einreise der Kinder erteilt hat, wurde dem Vertreter der jüdischen Welthilfskonferenz in der Ukraine, Doktor Viktor Adler, ein Verzeichnis von ungefähr 600 Waisenkindern übermittelt, die Verwandte in Bessarabien besitzen. Wie Dr. Adler der Exekutive der jüdischen W:lthilsskonferenz mitteilt, unterhandelt er in dieser Frage mit dein Regierungsvertreter Ljubschenko; es besteht die begründete Hoffnung, daß die zentrale Sowjetmacht die Erlaubnis zur Ausreise der Kinder nicht verweigern wird. Das Exekutivkomitee der jüdischen Welthilfskonferenz erhielt die Mitteilung, daß das jüdische Waisenhaus in Aradia-Mara (Transsylvanien) von der rumänischen Regierung die Erlaubnis erhalten hat, 150 jüdische Waisenkinder aufzunehmen. * Das Neueste ist . .. Das Neueste ist nämlich, daß in Wien alles billig wird, das heißt, vorderhand ist davon, wenigstens in der Praxis, noch, nichts zu merken, aber alle maßgebenden Faktoren sind sich einig darüber, und in der Theorie natürlich herrscht bei uns paradiesische Billigkeit. Man hat nämlich eine Enquete einberufen, eine richtiggehende Enquete mit Krön und Schweif, wie in der guten alten Zeit und brüderliche Eintracht und süßester Friede walten, in dem selig der geistige Arbeiter neben dem Kohlenhändler und grast — in der Theorie natürlich. Die Maß- und Mehl« gebenden sind sich vollkommen klar darüber, daß endlich mit dem Abbau begonnen wevden müsse, in der Theorie natürlich. Leider sind die Ansichten darüber geteilt, wo begonnen werden soll, da jeder höflich und galant dem anderen den Vortritt lassen will. Der Mehlhändler meint, das dringenste wäre doch die Kohle, der schwarze Hüter schwarzer Schätze ist der Ansicht, auf den Zucker käme es an und der Kaufmann bHveist haar« scharf, daß wir keine Wilden sind und daher vor allem in die Lage versetzt werden müßten, uns wohlfeile Kleider zu erstehen — in der Theorie natürlich. Also turnen die verschiedenen Fleischsortenimmer noch zwischen sieben und zehn herum und die sorgenvolle Hausfrau muß, in der Praxis, ein Ei mit 800, einen Laib Brot, mit 1300 St rotten bezahlen. In dem edlen Wettstreit der Abbauer scheint aber nun die Regierung Pazemaker werden zu wollen, denn sie verheißt der erfreuten Bevölkerung die Erhöhung sämtlicher Steuern, Tarife und Gebühren. Als erste Erscheinungsform des Preisabbaues in der Praxis, kann dieses Versprechen nicht hoch genug bewertet werden. Im übrigen müssen wir uns damit begnügen, daß die maßgebenden Faktoren einmütig feststellten: es gebt io nicht weiter — in der Theorie natürlich. Ldater Murr. An die geehrten Abonnenten und Leser der Wiener Tageszeitungen! Die in -er letzten Jett neuerlich eingelrelene enorme Verteuerung aller zue Äerslellung der Tages, zeilungen notwendige» Rohmaterialien» insbesondere die be-errtende Erhöhung der. Papierpreise sowie die fortgesetzte Steigerung der Gehalte und Löhne zwingen die Wiener Tageszettungen» die Abonnements- und Verschteitzpreise abermals zu erhöhen» um den Fortbestand derselben noch zu ermöglichen. Die geserligle Vereinigung hofft» -atz die geehrten Leser der Wiener Tageszeitungen die zwingenden und unabweisbaren Gründe für die Erhöhung der Abonnements- und Verfckleitzpreise würdigen werden, und gibt der Erwartung Ausdruck» -atz die geehrten Abonnenten und Leser ihrer gewohnten Tageslektüre trotz der geSnderten Verhüttnisse ihre Anhänglichkeit bewahren werden. Kochachtungsvoll Die Vereinigung der österreichschen Tageszeitungen. » * * Demzufolge befragen die neuen Bezugspreise -er „Wiener Morgenzettnng" ab 1. Juli 1922: Abonnement für Wien (zum Abholen im Expedit oder in den Derschleitzstetten) monatlich.. . Ä. 2900'— Oesterreich monatlich... . K. 2900*— Tfchecho-Elowakei monatlich .... tschech. K. 20'— Polen mönattich... poln. Mark 800*— Jugoslawien monatlich. Dinar 28— Deutschland monatlich .......... Mark 60»— Rumänien monatlich.Lei 40'— Ävlland mönattich... . hott. fl. 1*50 Italien monatlich... Lire 6*— Schweiz mönattich.schweig. Franken 3.— Frankreich monatlich.Francs 6»— Belgien mönattich.belg. Francs 6 — England monatlich. Schilling 3'— Amerika monatlich.Dollar —'50 Verschleitzprerse ab Montag, 26. Juni: Einzelnummer an Wochen- und Sonntagen . K. 100'— Wontagsnummee . ... . Ä. 80'— Zahlstelle«: Oesterreichifches Postsparkastenkonlo 159.693. Tfchecho-slowakisches Postsparkastenkonlo (Prag) 83.351. Polnisches Postsparkastenkonto (Warschau) 190.227. Deutsches Postscheckkonto (Berlin W 7) 108*722. Rumänien (Ezernowitz): Allgemeine Depositenbank Czernowitz. Schweiz: Schweizer Volksbank in St. Gatten. Jugoslawien: Postsparkastenkonlo (Zagreb) 40.085. Italien: Soziela di Credito Cymmerciale Triefte» Bia Mazzini 30. Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung" Wien, IJ., Tabor strafte 1—3. Telephon 44.038, 43.319. * Begräbnisse am heutigen^ Tage. Zentralfriedhof: l0 Uhr 30 Min. Ru.sicßa Luzis. — Netter Friedhof: 6 Uhr Goldstern Moses. 9 Ilhr 3 Min. Polarer Fanny, 10 Ilhr Äohn Lina. 10 Uhr 30 Min. Deutschberger Elsa. * 70. Geburtstag Professors Alfred Grünfeld. Samstag den 1. Juli d. I., 9 Uhr vormittags, findet im großen Tempel, 8. Bez., Tempelgasse 3, im Rahmen des Gottesdienstes eine Feier für Professor Alfred Grünfeld statt. * Ehrung. Anläßlich der Wiederkehr des Todestages des Vizepräsidenten der früheren Kultusgemeinde Floridsdorfs, Herrn Emanuel Grünfeld, der auch als Mitbegründer des jüdischen Waisenhauses, 14. Bez., Herklotzgasse, und anderer Wohltätigkeitsinstitutionen bekannt ist, wurde im Sitzungssaale der Floridsdorfer Gemeinde sein Bild enthüllt. Herr Rabbiner Dr. R o s e n m a nn und andere Redner legten die Bedeutung des Gefeierten dar. Auch wurde eine Emanuel Grünwald- Stiftung geschaffen, deren nähere Bestimmungen erst festgelegt werden sollen. * Sitzungen im Rathause. Der Stadtsenat hält Dienstag vormittags eine Sitzung ab. — Der Gemeinderat tritt Freitag, 4 Uhr nachmittags, zu einer Sitzung zusammen. * Uebersiedlung des -Jugendamtes. Die Magistratsabteilung 7 (städtisches Jugendamt) übersiedelt Montag und Dienstag nach 1. Bez., Rathänsstraße 9, 3. Stock. Fernsprecher 12.248, 16.418, 16.514, 19.904. - / * Der „Abend" konfisziert. Die gestrige Auflage des „A b e n d" wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die Konfiskation erfolgte wegen einer Stelle in dem Artikel „Das verfluchte Prestige", der sich mit der Streikbewegung de.r Bundesangesicllten befaßte. * Der offizielle Schulschluß. Nach den vom Stadtschulrate < für Wien aetronenen Anordnungen werden die Schülereinschreibungen der Schulkinder an den städtischen Volksunk Bürgerschulen diesen Montag den 26. d., Dienstag den 27. d und Mittwoch den 28. d. in den Nachmittagsstunden von 2 bis 4 Uhr in den städtischen Schulgebäuden von den Lehrkräften vorgenommen werden. Der letzte Unterricht an den städtischen Volks- und Bürgerschulen Wiens findet am 8. Juli d. I. statt, die Zeugnisverteilung am 16. Juli. Die Ferien endigen am 15. September. * Außerkurssetzung von Briefmarken. Das am 21. d. erschienene Postverordnungsblatt Nr. 81 bringt die Verordnung, daß vom 31. Juli an nur noch die im Jänner dieses Jahres und nachher erschienenen Marken, die sogenannten Dachauer- Marken im Kurse bleiben. Die Renner-Ausgabe — es sind dies die in den Jahren 1919,1920 und 1921 erschienenen Werte, darunter auch die Parlamentsausgabe — treten mit dem genannten Tage außer Kurskraft. * Im Zeichen der Wohnungsnot. Im Finanz- und Budgetansschuß wurde unter anderem die Vorlage über den Ausbau des Westslügels des Hauptgebäudes des Schlosses Schönbrunn, für dessen ,/unbedingt erforderliche bauliche Herstellungen" 16 Millionen augesprochen werden, angenommen. Der sozialdemokratische Abgeordnete Schiegl erklärte, daß dort auch Personen wohnen, die keine Miete zahlen. Er ersuchte die Regierung, das zu untersuchen, namentlich ob es richtig sei, daß Herr W e i s k i r ch n e r, der dort wohne, ein besonderes Interesse am Ausbau habe. * Das älteste hebräische Schriftstück. Professor Flindcrs Petric an der Universität in London hat den Mitgliedern der Jüdischen historischen Gesellschaft Papyrusteilchen gezeigt, welche vor kurzem in Aegypten ausgefunden worden sind und die ältesten hebräischen Schriftzeichen aüs dem dritten und vierten Jahrhundert tragen. * Ein Opfer der Zeit. Eine seit vielen Jahren kranke Frau, die infolge ihres Leidens in hilflosem Zustand ist, befindet sich infolge ihrer Bedürftigkeit in einer Lage, welche das Eingreifen wohltätiger Menschen erforderlich macht, da sich zu ihrem schweren Leiden eine starke Unterernährtheit gesellt, die an den letzten Kräften der Kranken zehrt. Ihre Adresse ist: Frau Therese Müller, 16. Bez., Neulerchenfelderstraß- 63, 2. Stock, Tür 21. * Spenden. Herr Leo Wang, Spediteur, spendet für die Chaluzim 5000 Kronen als Resultat einer gewonnenen Wette. Ferner 25.000 Kronen für das Rothschild-Spital (Hals- und Nasenabteilung Dr. Tschiasny) und 25.000 Kronen für die Abteilung Dr. Schwarzwald des genannten Spitals. * Organisation der jüdische» Angestellten in öffentliche» Diensten. Während der Monate Juli und August entfallen die jeden Dienstag stattfindenden Sprechstunden der Organisation der jüdischen Angestellten in öffentlichen Diensten, 2. Bez., Obere Donaustraße 65. In dringenden Angelegenheiten erteilt Auskunft Herr Leo Straußler. (Fernruf 48.205.) ' * Der jüdische Flüchtlingsstrom ans Odessa. In Konstautinopel ist der erste große Transport jüdischer Flüchtlinge aus Odessa eingetroffen. Alle sind im Besitze der erforderlichen Dokumente für die Weiterreise nach Amerika und Paläst i n a. (I. C. B.) * Reiseerleichterungen für die jüdischen Auswanderer aus Rußland. Nach vielfachen Anstrengungen zur Erleichterung der jüdischen Auswanderung aus Rußland ist es gelungen, eine große amerikanische Schiffsgesellschaft zur Aufnahme von Verhandlungen mit der russischen und lettischen Regierung zu bewegen, damit die jüdischen Auswanderer aus Rußland ihre Reise nach Amerika in direkter Fahrt vom H'-sen in Reval absolvieren können. Hierdurch würden ihnen viel Mühsal, Schikanen und sonstige Erschwernisse, die durch die häufigen Reiseunterbrechungen in den verschiedenen Durchwan,derungsländern entstehen, erspart werden. Wie wir erfahren, befinden sich diese Verhandlungen in einem vorgeschrittenen Stadium, sie bezwecken in der Hauptsache die Wiederaufnahme der direkten Vorkriegslinie zur See zwischen dem Baltischen Meere und den amerikanischen Gewässern. (I. C. B.) * Eine Morgan-Anekdote. Vom alten Pierpont Morgan, dessen Sohn gegenwärtig in Europa weilt, erzählt die Pariser Zeitschrift „Les Anales" folgende Anekdote: Eines Tages erschien in mehreren New-Borker Blättern ein großes Inserat mit der Aufforderung: „Bringt mir einen Dollar. Smith. New Bondstreet 12." Am nächsten Tag las man an derselben Stelle: „Ihr könnt mir Euren Dollar bis morgen bringen." lind wieder einen Tag darauf hieß es: „Wenn Ihr mir Euren 'Dollar nicht heute bringt, so behaltet ihn. Morgen ist es zu spät." Ein neugieriger Reporter begab sich in dü New Bondstreet 12. Er fand aber nur eine Angestellte vor, die sich zur Entgegennahme des Dollars bereit erklärte, im übrigen aber jede Auskunft über die Verwendung des Geldes verweigerte. Nach langem Nachforschen kam der Reporter endlich dahin, daß der angebliche Mr. Smith niemand anders als Pierpont Morgan sei, und daß es sich bei der Angelegenheit um eine Wette handle. Morgan habe gewettet, daß es tu Ncw. Aork mindestens tausend Du mm köpfe gebe, die ihm ohne jede Garantie einen Dollar überlassen würden, indem sie aus irgend etwas Unerwartetes zählen. Am dritten Tag hatten denr ominösen Mr. Smith in der Tat bereits 1200 Personen das gewünschte Geld überbracht. * Wirtschaftsverband der jüdischen Hochschitter aus Rn» mänien. Zu der Meldung von der Gründung eines Wirtschaftsverbandes der jüdischen Hochschulen aus Rumänien schreibt uns der Jüdische Hochschulausschnß: Der Jüdische Hochschulausschuß als Exekutive des Gcsamtverbandes jüdischer Hochschüler Oesterreichs „Judäa" repräsentiert all? an österreichischen Hochschulen studicrendeu jüdischen- Hochschüler, eingeschlossen solche, die aus Rumänien stammen oder rumänische Staatsbürger sind: Der Jüdische Hochschulausschnß

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