Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1221 (25.6.1922)
- Date
- 1922-06-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1221 Men. Sonntag v*’*-1 ■" ... 1 ' —————— einen warmen Appell an die Landwirtschaft, auch ihrerseits zum Abbau der Lebensmittelpreise das Möglichste Leizutragen und dadurch an der Gesundung des Staates tätig mitzuwirlen. Dieser Appell fand, so berichtet die Staatskorvespondenz, einmütig eine günstige Aufnahme und die Anwesenden erklärten, in diesem Sinne auf die Landwirte Einfluß nehmen zu wollen. Es wurde dabei ganz besonders das große Interesse betont, das die Landwirtschaft an der Stabilisierung der Währung und an der Ordnung der staatsfinanziellen Verhältnisse überhaupt hat.; Das Programm des Erfparrmgs- KommiffLrs. Der neuernannte Ersparungskommissär Dr. Fritz ^ornik erklärt in verschiedenen Interviews, er konnte bei der Auflösung der Militärstellen 49.000 Personen reibungslos abbauen und fast alle, unterbringen. Ersparungen will er erzielen: durch Abbau von Staatsbediensteten, die einen ausreichenden Nebenberuf haben, und durch Abbau von . wiedereingestellten Ruheständlern und Ausgedienten. Eine eigene Stellende r m i t t l u n g soll btc Abgebauten unterbringen. Aentter sollen zusammengelegt, Kanzleibetriebe und Dienstweg vereinfacht und die Verwendung gemieteter Räume möglichst vermieden werden. Dadurch ließen sich schon an Beheizung und Beleuchtung Millionen ersparen. Erstaunlich hoch ist der Aufwand für Repräsentation, für die staatlichen Kraft- Wagen und für 'die Auslandsreisen. Hier seien gewaltige Ergebnisse zn erzielen. Beschaffung aller Erfordnisse für die Schreibstuben, für die Beheizung, Beleuchtung von einem Ort aus lassen ebenfalls namhafte Ersparungen erhoffen. Fisch am end, Wörth und das Arsenal sollen verkauft werden. Für die ersten zwei sind, schon Bewerber da. Ein ungarisches Urteil über den Finanzplan. Budapest, 24. Juni. (Tel. b. „Wr. Morgenzeitung".) Der ehemalige Staatssekretär Dr. Hantos schreibt in der ungarischen' „Börse" über die Gründung der österreichischen neuen Notenbank: Die österreichische- Regierung entschloß sich' zu einem energischen Schritt, in dem sie als Ausgangspunkt des Finanzprögramms - die Errichtung einer Notenbank bezeichnete. Sie will nicht altes schlechtes Geld verbessern, sondern durch neues besseres ersetzen. Dieser Plan sei durchaus sympathisch und wird sicherlich auch bei anderen' Staaten, die sich in ähnlicher Situation befinden, nachgeahmt werden. Man darf aber nicht übersehen, daß die österreichische Regierung nicht allein für die Beschaffung der Golddeckung Sorge zu tragen hat, sondern auch für deren Konservierung. Dazu ist es aber unbedingt unerläßlich, daß das Gleichgewicht im Staatshaushalte gesichert werde. Wenn dies gelingt, dann bedeutet der Finanzplan kein leeres Experiment, sondern er' % der Grundstein für die finanzielle Entwicklung Mittel- ^-opas.. Das Testament des Exkaisers. Wie die „Neue Zürcher Zeitung" berichtet, ist das Testament des in Funchal verstorbenen Exkaisers. Karl in München, in Anwesenheit der gewesenen Erzherzoge Friedrich, Max, Albrecht, einer Schwester der gewesenen Kaiserin und einigen Vertrauensmännern eröffnet worden. Berchtold war auch dabei. Das Testament verlangte. die Beisetzung in der Wiener Kapuzincrgruft oder, wenn dies nicht möglich sein sollte, itt der Bndapester Matthias Krönnngskirche. Zita habe für den kleinen Otto die „Regentschaft" zu führen. Max Habsburg sei mit . ihr Vormund. Nach der Testamentseröffnnng habe Zita den Ungarn bekanntgegeben, daß sie an einen Thron Verzicht überhaupt nicht denke,-die Regentschaft übernehmen wolle und entschlossen sei, die Rechte ihres Sohnes zn wahren. Solange er minderjährig ist, gebe sie zu, daß e i n V e r w.e s e r die Regierungsgeschäfte in Ungarn leitet oder ein Staatsrat, bestehend aus dem Fürstprimas C s e rno.ch, Apponyi und Andrassy, eventuell tväre sie auch mit Horthy einverstanden. Tscheche - Slowakei. Der Steuervertrag mit Oesterreich. Prag, 23. Juni. (Abgeordnetenhaus.) Außer der stoioakischen Volkspartei hatten auch die Kommunisten den Saal verlassen.' Die deutschen Abänderungsanträge waren zurückgezogen worden. Sodann wurde der Vertrag mit Oesterreich bezüglich der Doppelbesteuerung in erster Lesung angenommen. Ungarn. Minister Rakovszky gegen Dombenattentate. Budapest, 24. Juni. Auf eine Interpellation des Abgeordneten K i s über das gegen das Klubhaus der Erwachenden Ungarn verübte Bombenattentat erwiderte Minister des Innern Rakovszky, die Untersuchung befinde sich vorläufig, in einem solchen Stadium, daß er sich, meritorisch nicht äußern könne. Er müsse jedoch eine prinzipielle Erklärung abgeben. Die vier Bombenattentate, die innerhalb kurzer Zeit einander gefolgt seien, zeigeneine irauriac Dekadenz' der Verhältnisse. Politische Attentate w i'.d e r str e b e u i m öligem ei n e n dem ungar is ch eit Charakte r, um so mehr ein Bornbenattentat. das vor allen übrigen Atten- Mener DrorseMetrung. Letzte Nachrichten. Der gesamte telegraphische Verkehr wieder ausgenommen. Wien, 24. Juni. Wie die Korrespondenz Herzog um 10 Uhr abends meldet, würde bereits um viertel 11 Uhr im Haupttelegraphenamt der gesamte telegraphische Dienst nach dem In- und Ausland wieder ausgenommen. In der Provinz wurde die Streikparole überhaupt abgelehnt. Es steht zu erwarten, daß auch der telephonische Verkehr ehestens wieder funktionieren wird. Der Streik war im Hauttelegraphenamt um 6 Uhr 15 Min. durch Aüsschalten der Kabel ausgebrochen. Der Vertrauensmännerausschuß hatte sich gegen den Streik ausgesprochen und alle Bediensteten, mit Aus n a h m e der M ech a n i k e r, sind im Dienste verblieben. Den. Arbeitswilligen gelang es schließlich, den telegraphischen Verkehr wieder in Gang zu bringen. In den Telephonzmtralen (manuellen und Auto) hat sich die Beamtenschaft ebenfalls durchwegs arbeitswillig erklärt, ist jedoch vorläufig infolge der Ausschaltung der Kabel außerstande, den telephonischen Verkehr aufrechtzuerhalten. Lediglich die Spitäler, Retturrgsgesellschast, Feuerwehr und die W a ch st u b e n sind telephonisch eingeschaltet, während die Telephone der Aerzte, aller Behörden usw. ebenfalls ausgeschaltet sind. Auf dm. Eisenbahnen ruht der Verkehr. Alle jene, die in der Umgebung. Wiens wohnen, könnten nach 6 Uhr nicht mehr nach Hause gelangen. taten verabscheuungswürdig und niederträchtig sei. Die Entschuldigung der politischen Verblendung oder Exaltation, die für andere politische Attentate ins Treffen geführt wird, könne für ein Bombenattentat nicht gelten. Ein Bombe nattentat sei nicht nur unmenschlich und niederträchtig, sondern a u ch e i n außerordentlich feiges, gewissenloses und -gemeines Verbrechen und diejenigen, die sich zu solchen Attentaten herbeilassen, sündigen dadurch nicht nur gegen ihre Mitmenschen int allgemeinen, sondern auch gegen die Ehre, den guten Ruf und gegen die Konsolidation des Landes. Der Minister erklärte unter allseitig lebhaftem Beifall, er werde kein Mittel unversucht. lassen, unr den Tätern auf die Spur zn kommen. — Wie energisch doch so ein ungarischer Minister werden kann, wenn den „Erwachenden" etwas geschehen zu sein scheint! Das Attentat, von dem hier die Rede ist, war kein Attentat, sondern eine durch Nachlässigkeit verschuldete Explosion. Weshalb aber fragt der Minister nicht, wie in das Lokal der Erwachenden das Handgranatenlager hineingekommen ist -, und wozu es dienen soll? -r ...■ Die ungarische» Reparationen. Budapest, 24. Juni. (Tel.-Komp.) Die finanziellen Beratungen der ungarischen Wiedergutmachungskommisston sind jetzt bei der Ueberprüfung der Bilanzen der ungarischen S t a a t s b a h ne n und der von ihnen betriebenen Privatbahnen angelangt, Um festzustellen, wie weit die finanzielle Lage der Staatsbahnen durch den Verlust der an die Sukzessionsstaaten abgetretenen Linien beeinträchtigt wurde. Man hofft, daß die Wiedergutmachungskommission in dieser Richtung eine neue Entscheidung treffen wird. Landtag und Regierungskrise. Warschau, 24. Juni. (Poln. Tel.-Ag.) In der gestrigen Sitzung des Landtages wurde die Dringlichkeit des Antrages der Sozialdemokraten betreffend die Reaffnmiernng der Interpretation der sogenannten KleinenVerfassung mit 181 gegen 173 Stimmen abgelehnt und der Antrag selbst dem Verfaffnngsausschuß überwiesen. Hierauf erfolgte die Mstimmnng über.das Wahlordnnngsgesetz. Der Abänderungsantrag der Sozialdemokraten, die Zahl der Mandate von 408 auf 460 zu erhöhen, wurde in namentlicher Abstimmung mit 235 gegen 121 Stimmen abgelehnt. — Der Präsident des. Sejm, Trampczynski, hatte gestern eine längere Konferenz mit dem Staatschef P i l s u b s k i über die K a b i n e t t skrise und deren Lösung. Der Warschauer Obrrrabbiaerposten. Warschau, 24. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der Ministerpräsident hat in seiner Eigenschaft als Kultusminister die Ernennung Prof. M. Schorrs zum Warschauer Oberrabbiner bestätigt. Wie verlautet, soll Prof. Schorr die ihm angebotene Stelle bereits a b g elehnt haben. Grosse Posten Futteru. Textilwaren , bei 32« Ungar L Nenmann,.. n. a. h. Wien, l.» Sonnenfelsgasse 4 (Lofieck) neU.Mtisnliaiis §.K»y 2o. Nun! 1922 .. Seite 7 Rumänien. Die Forderunge« der Minoritäten iv der Bukowina. Gemeinsame Kundgebung der Deutschen, Ukrainer, Inder» und Polen. Aus E z e r n o w i tz wird uns gemeldet: Am verfloffenen Sonntag fand im großen Festsaale des Deutschen Hauses eine von Vertretern aller Nationalitäten, der Deutschen, Ukrainer, Juden und Polen einberusene Massenversammlung der Bnkowinaer Nationalitäten statt, die trotz Störungsversuchen rttmänischer Studenten einen imposanten Verlauf nahm. Sowohl im Präsidium wie auch unter den Rednern waren sämtliche Nationalitäten vertreten. Es wurde eine Reihe von Resolutionen angenommen, welche die Forderungen der Nationalitäten der Bukowina enthalten. So gelangte eine Resolution Dr. Mayer Ebners zur Annahme, in welcher unter Berufung aus die Reichsgesetze und den Friedensvertrag die Anerkennung der nationalen Eigenart der Nationalitäten und die Erfüllung ihrer kulturellen Forderungen sowie eine angemessene politische Vertretung in allen Körperschaften gefordert wird. Insbesondere fordert die Versammlung die Zulassung der Sprachen der Nationalitäten in Schule und Amt sowie bei der Rechtssprechung. Eine andere Resolution fordert die söfottige Zurücknahme eines Prüfungserlasses des Justizministers, welcher von den Advokaten die Ablegung der Prüfung in rumänischer Sprache verlangt. Die Versammlung ermächtigte das Präsidium, in dieser Angelegenheit telegraphisch den Schutz des Königs anzurufen, da durch den Erlaß die gesetzlich gewährleistete Freiheit der Advokatur und die Unabhängigkeit des Richterstandes bedroht und die Rechtspflege erschüttert werde. Schließlich wurde gegen die Benachteiligungen und Bedrückungen der Staatsangestellten und die Außerkraftsetzung der Dienstpragmätik Protestiert, wodurch die "Beamten zu hilflosen Werkzeugen der herrschenden Parteien herabgewürdigt werden. Rundschau. Die Ermordung Rathermns. Die Trauerkundgebung des Reichstages. Berlin, 24. Juni. Der Reichstag trat, um 3 Uhr nachmittags zu einer Trauersitzung zusammen. Unmittelbar nach Eröffnung der Sitzung drängten die Abgeordneten der äußersten-Linken gegen die, Sitze der Rechten und veranstalteten lärmende Kundgebungen, insbesondere gegen den Abg.Helfferich, der unter Beschimpfungen als .geistiger Urheber des Mordes bezeichnet tvurde. Nach Beilegung . dieses Zwischenfalles ergriff Reichstagspräsident Lobe das Wort zu einer längeren Trauerrede,- in. derer die Verdienste Rathenäus rühmte .und seine Entrüstung über den Mord anssprach. Der Reichstagspräsident gab der Meinung Ausdruck, daß die sich immer mehr häufenden politischen Morde von einer 'weit verzweigten Vereinigung ansgingen, die . gut fundiert sein müsse, so daß die Mörderdank ihrer Hilfe immer wieder entkommen können. Es scheine, daß sich die Bedrohung gegen alle richte, die her Republik in leitender Stellung dienend Hier handle es'sich aber um mehr als um das Leben einzelner: Die Republik und das Wohldes deutschen Volkes selbst werden durch diese Morde in Frage gestellt. Nach dem Reichstagspräsidenten ergriff Reichskanzler Dr. Wirth das Wort, der den verstorbenen Außenminister als Pionier des Gedankens der Völkerversöhnung feierte und im allgemeinen den gleichen Gedanken Ausdruck gab wie der Reichstagspräsident. Zum Schluß seiner Rede rief er jene bürgerlichen Parteien und die Arbeiter, die sich ohne jeden Vorbehalt in den Dienst der Völkerversöhnung und der Republik gestellt hatten, zu deren Verteidigung auf. Abg. D i t t m a n n der U. S. P. erhielt zur Geschästsordnttng das Wort itnd teilte mit, daß nach Mitteilungen, die der U. S. P. zugekommen seien und die Anspruch auf Verläßlichkeit hätten, die Ermordung eines Ministers das verabredete Zeichen für den Ausbruch einer g r o ß a n g e l e g t e n m o n a r ch i st i s ch e n G e g e n r e v o l u t i o n in der darauffolgenden Nacht sein solle. Auf Antrag der Linksparteien wurde hierauf mit allen Stimmen, ausgenommen jene der deuischnationalen und der deutschen Volkspartei, beschlossen, die Rede des Reichstagspräsidenten unb die des Reichskanzlers in allen Gemeinderl der Republik öffentlich anschlagen zu lassen. Berlin, 24. Juni. Um 7 Uhr abends wird der Reichstag neuerlich zusammentreten, um die Erklärung der Regierung über die geplanten Ausnahmsverfügungen entgegenznnehmen. Sonntag mittags findet eine außerordentliche Sitzung des Reichstages statt, in der die Debatte über die Regierungserklärung eröffnet werden soll. Die Flucht nach Potsdam. Berlin, 23. Juni. (Tel.-Komp.) Heber das Attentat auf Außenminister Dr. R a t h e n a u. werden noch folgende Einzelheitert bekannt. Das Privatauio des Ministers fuhr von feiltet Villa im Grunewald die Königsallee in der Richtungnach Halensee entlang. An der Eche der Erdener- und Wallotstraße, unmittelbar vor einem Neubau, wurde der Wagen von einen: e l e g a n t e n o sfenen Auto überholt, in dem vortte der Chauffeur und im Innern drei junge, ettva 25 bis 28 Jahre alte 971