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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-25 · Heft 1221 (25.6.1922) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1221 (25.6.1922)
Date
1922-06-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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feette 6 Wien, Sonnlag Wiener Morgenzeitung. 25. Juni 1922 .Nr. 1221 "«IM* (OriginalLericht der „Wr^ Morgenzeitung".) Der immer geschäfüge Dr. Wilhelm Rosenberg, der seiner Klugheit wahrlich nicht wenig dadurch zu verdanken hat, daß er den richtigen Augenblick fand, sich aus der Rolle eines finanziellen Ratgebers der Negierung Schober zurückzuziehen — und wie wenige Politiker finden ihn — empfängt mich in seinem Heiligtum in der Strauchgasse. Auf meine Frage, ob es chm möglich sei, sich über den Finanzplan Segurs zu äußern, .antwortete, er mit einem zustimmenden Lächeln: . „Der Finanzplan der Negierung — beginnt Doktor Rosenbcrg — ist wahrlich das A e u ß e r st e, das momentan in Oesterreich geleistet werden kann. Unter den gegen-, wärtigen Verhältissen ist es für fast alle kontinentalen Staate,:, zumindest aber für die besiegter: Staaten nicht möglich, das Defizit gänzlich durch Steuern und Abgaben zr: decken. Der Staat steht also vor der Alternative, das Defizit entweder durch Anleihen oder durch Notendrrrck zu decken. Indem die.österreichische Regierr:ng feierlich erklärt, jede künftige Bedeckung des Defizits durch Notendruck zu perhorreszieren und hierzu. eine innere Anleihe auftunehmen, appelliert sie an die Opfer-. Willigkeit der Bevölkerung in sehr hohem Maße, da ja diese Anleihe, solange das Vertrauen in die heimische Währung nicht hergestellt ist, keine großen Vorteile bieten kann. Dazu kommt noch die in Aussicht genommene Stei-. gerung vieler wichtiger Steuern, vor allem aber der Plan, das Defizit der Staatsunternehmungen in der nächsten Zukunft durch Tariferhöhungen zu decken und aus der: Staatsmonopolen einen angemessenen Gewinn durch Erhöhung der Preise zu ziehen. Alle diese Maßnahmen sind, wie auch das sogenannte Mantelgesetz zeigt, mit Recht in eine organische Verbindung gebracht worden. Die Errichtung der Notenbank wäre eine vollkommen sinnlose Maßregel, wenn nicht gleichzeitig durch andere Mittel als durch Notendruck für die Deckung des Gebarungsabganges gesorgt werden würde. Die Erhöhung der Tarife wäre ein Schlag ins Wasser, wenn nicht durch Errichtung der Notenbank und durch Aufnahme der inneren Anleihe einerseits der Kurs der Krone stabilisiert, andererseits das Defizit eingeschränkt werden würde. Endlich wäre die innere Anleihe allein ein untzloses Opfer für die Bevölkerung, wenn nicht gleichzeitig durch Erhöhung der Staatseinnahmen Sie Staatsausgaben zum großen Teil ihre Deckung finden und durch die Einführung der neuen Bank der Notenumlauf eine gewiffe Fundierung, in Gold erfährt. Freilich -darf man sich nicht verhehlen, daß auch bei der Durchführung aller dieser Maßnahmen doch noch immer mehrere Fragen offen bleiben. Denn wir sind in einem gewiffen Sinne, wie alle besiegten Staaten, an das Schicksal Deutschlands gekettet, welches gerade für Oesterreich der gefährlichste Konkurrent der Exportindustrie geworden ist. Ein weiterer Sturz der deutschen Mark müßte daher auch unsere Währung bedrohen. Das endgültige Urteil für die Möglichkeit, die besiegtes Staaten und daher auch Oesterreich wieder lebensfähig zu machen, muß daher von der Grundvoraussetzung der Entscheidung über das deutsche Reparationsproblem abhängen. Gelingt es nicht, in verhältnismäßig kurzer Zeit die beteiligten Großmächte zur Ueberzeugung zu bringen, daß der Ruin des Deutschen Reiches unausbleiblich ist, wenn die Reparatiousfrage nicht gelöst wird, dann bleiben alle Maßnahmen der Sanierung für Mitteleuropa, insbesondere aber für Oesterreich, mehr als prekär. Für den anderen Fall dagegen ist ein Notbau errichtet worden, welcher uns die Zeit überdauern läßt, bis die Welt wieder von der Vernunft regiert wird. Aber auch dieser Notbau würde sich als. brüchig erweisen, wenn Oesterreich inzwischen nicht auch'die Hilfe der Westmächte findet. Meine Hoffnung kann nur die sein, daß die.äußerste Kraftanspannung Oesterreichs auch dem Auslande zeigen wird, daß die Bevölkerung von bestem Willen erfüllt ist, sich aus eigener Kraft zu helfen. Doch müssen auch diejenigen, welche diesen neuen Staat.begründet, haben, ihren moralischen Verpflichtungen nachkonm:en. Bis jetzt ist mir der Gedankengang der Entente nicht verständlich geworden. Denn indem die Entente einerseits den Anschluß an Deutschland verbietet, andererseits aber uns ruhig verkommen läßt, muß faktisch das gerade Gegenteil davon eintreten, was sie wünscht. Es wird nämlich Deutschland die Möglichkeit gegeben, die wichtigsten Produktionsguellenund wirtschaftlichen Gebilde in Oesterreich unter seine Botmäßigkeit zu bringen. So würde zwar ein politischer Anschluß vermieden werden, wirtschaftlich aber Oesterreich zur vollständigen Kolonie des Deutschen Reiches herabsinken, und..dies unter Bedingungen, welche für keinen Oesterreicher — mag er den Anschluß wünschen oder nicht — willkommen sein können, die aber jedenfalls einen vollkommenen Schiffbruch der Ententepolitik bedeuten. Die Errichtung der neuen Notenbank ist in meinen Augen äls Versuch der Ordnung der großen Probleme Oesterreichs von der psychologischen Seite her zu werten. Die Krone ist aus zwei Gründen immer tiefer gestürzt: erstens wegen .der Fortsetzung des Notendruckes und zweitens, weil das Publikum immer mehr das Vertrauen in die heimische Währung, verloren hat. In Wirklichkeit wäre es um die ö st e r r e i ch i sch e Zahlungsbilanz gewiß nicht so schlecht bestellt, wie mancher meiner Landsleute es zu glauben scheint. Wenn aber in einem Lande ein Mißtrauen gegen die Währung besaht und infolgedessen die Exporteure die., fremden Valuten und Devisen nicht auf den Markt bringen und-die Importeure sich immer auf lange Zeit hinaus decken und die Besitzet von Kapitalien im Auslände diese^nicht heimbringen,, sondern sie Im Ausland belassen,'wenn weiters jeder Bauer das, was er in ausländischer Währung - - er-, hält,. thes auriert: dann muß der Zusammenbruch der Währung die notwendige Folge sein. Wenn nun das Publikum sieht, daß die Großbanken bereit sind, die neue Notenbank zu unterstützen, so darf und muß gehofft werden, daß das Vertrauen zur heimischen Währung innerhalb gewisser Grenzen wieder hergestellt wird. Darin erblicke ich die. Bedeutung des Finanzplanes der Regierung für. die nächsten Monate. Auf längere. Zeit hinaus kann kein Finanzminister in Oesterreich einen Finanzplan ausarbeiten und halten. baasiamMsarmmammssBm Oesterreich. Der Streik. Die Regierung gegen die Beamtenorganisationen. . Von seiten der Regierung wird in vorgerückter Nachtstunde eine Erklärung über die Forderungen der streikenden Bund-^bediensteten veröffentlicht, in welcherder Standpunkt des Kabinetts dargelegt wird. Am Schluffe heißt es: Der Ministerrat kann nur annehmen, daß der Streikbeschluß in voreiliger Weise gefaßt wurde, ohne daß dibetreffeirden Organisationen die Zugeständnisse des Mmisterrates auf ihre materielle und soziale Tragweite überprüft haben. Die Differenz bei ledigen Bundes-'."gestellten kann ein die Bevölkerung so schwer schädigendes Vorgehen von Bundesangestellten in ke:- e r Weise rechtfertigen. Die Regierung, die es tu schwerster Zeit übernommen hat, den Staat vor rem Zrsommenbruche zu retten, kann sich den Willen einer Gruppe von Bundesangestellten nicht aufzwingen lassen, ohne ihren Beruf im voraus aufzugeben. Die Entscheidung über die Bezüge der Bundesangestellten muß der verantwortlichen Regierung gewahrt und kann nicht Beamtenorgan ffationen überlassen werden. Die endgültige Entscheidung steht verfassungsmäßig dem Nationalrat zu. Die Regierung erwartet, daß die streikenden Bcrkeyrsangestellten, wieder eingedenk des Gelöbnisses, dos sie dem Vaterlande geleistet haben, den Streik sofort aufgeben und zur Erfüllung ihrer Pflicht zurückkehren. Den: Herausgeber der Korrespondenz Herzog gegenüber gab Bundeskanzler Dr. Seipel gleichfalls feinem Befremden darüber Ausdruck, daß in einem Augenblick, in dem die ersten SckriUe unternommen werden, uy: den Staat uud unsere Wirtschaft'zu retten, ein relativ so geringfügiger Anlaß genügen konnte, einen schwerwiegenden Streik herbeizuführen. Die Regierung ist zu dem Entschluß gekommen, bei ihrem gestrigen Beschlüsse zu verharren. Dr. S e i p e l will es nicht glauben, daß durch diesen Beschluß ein Bundesangestellter in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht ist und erklärt, daß es sich bei den Organisationen. die in den Streik getreten sind, um eine reine Prestigefrage handle. Er leugnet andererseits aber auch nicht, daß es auch der Regierung um das Prestige gehe. „Materiell ist keine Differenz vorhanden, es handelt sich einfach um ein Diktat. Niemand würde mehr Vertrauen zu unserem Staate haben, wenn die Regierung auch in einem solchen Falle, in dem das Recht auf ihrer Seite ist und keine Existenz gefährdet ist, zurückweicht. Wir hätten sonst nur die Eventualität vor uns, zu erklären: Wir sind nicht in der Lage, die Rettungsaktion durch Zufuhren. Wir haben uns für den gewählten Schritt in der Hoffnung entschlossen, in der Öffentlichkeit vollstes Verständnis zu finden." Schließlich gibt der Bundeskanzler noch beruhigende Erklärungen über die getroffenen Maßregeln zur Aufrechterhäktung der Ruhe und Ordnung im Staate. Für die notwendigste Ernährung der Bevölkerung ist besser vorgesorgt als i.,i; einem anderen Augenblick und über Kohle verfügen wir momentan in ausreichendem Maße. Im selben Sinne sprach sich Finanzminister Segür aus: „Ich bin mir nun auch dessen bewußt, daß der Eindruck des Streiks im In- und Ausland kein günstiger sein kann. Wenn wir aber gleich beim ersten Widerstand gegen unsere Sanierungspolitik restlos nachgegeben und das soziale Moment' verletzt hätte;:, so wäre der Eindruck überall ein noch unaünstiai"'er gewesen. Die Vorbereitungen für die Notenbank schreiten rültia vorwärts unh kmumenden Montag werde ich das Gesetz einbringen. Bevor, das Statut veröffentlicht wird, werden alle berufenen Faktoren ge* hört werden. Die Aufteilung der Quoten auf die einzelnen Banken und Sparkassen ist im vollsten Gange. Die englische Regierung ist mit dem Sanierungsplan sehr einverstanden und hat uns dies durch ihren hiesigen Vertreter zum Ausdruck bringen lassen. Insbesondere hält sie die Gründung der Notenbank für sehr glücklich. Einzelne Steine können aus dem Gebäude des- Finanzplanes nicht herausgenommen werden, da er ein ineinander greifendes Ganzes bildet und entweder ganz oder gar nicht durchgesichrt werden muß. Erfreulich ist, daß die erste Rate des französischen Kredits bereits sichergestellt ist und bei der Länderbank 20 Millionen Franken eingezahlt wurden." Der wahre Dolchstatz vorr hinten. Der Patriotismus der „Bodenständigen". Als Prototyp der Bodenständigkeit, der Bev. wurzelung jm deutschen Heimatboden gilt der Bauernstand. Natürlich auch als der Träger des patriotischen und nationalen Idealismus. Uud innerhalb dieses be-. vorzugten Standes gibt es eine besondere Auslese: Die märkischen Junker. Seit sie dem deutschen Volke einen Bismarck geschenkt haben, galten sie — und gelten drüben im Reiche noch heute bei den Schwärmern für die altpreußischen Traditionen — als die berufenen Lenker der deutschen Geschicke. Seriöse Geschichtsforscher haben sogar die Vererbungstheorie bemüht, um aus der in den exklusiven Adelskreisen üblichen Inzucht die Züchtung einer für die militärischen und zivffen Staatsgeschäfte besonders prädestinierten Edelrasse nachzuwersen. Kein Wunder, das; das auf solche Weise unausbleibliche Gefühl der kraut- . junkerlichen Auserwähltheit in deren Trägern bisweilen groteske Ausdrucksformen von Standesdünkel zeitigte. In dieser Hinsicht ist der edle Oldenburg besonders bekannt geworden, unter anderem durch seinen berühmten Ausspruch, ein Leutnant mit zehn Mann genüge/ um den deutschen Reichstag — dieses gewiß bescheidene, weil damals einzige Zugeständnis an die Demokratie in Deutschland — auseinanderzujagen. Bürger- und Arbeiter- Vertreter erschienen dem Wortführer des märkischen Bauernadels als unfähig, jemals in die Geheimnisse des wahren Patriotismus , der bedingungslosen Opferfreudigkeit für das Vaterland, einzudrivgen. Einen Oldenburg-Januschau ist so etwas natürlich angeboren — sollte man meinen! Leider verbreitet ein Brief, den dieser durch Geburt, Tradition und marktschreierisch betonte politische Einstellung zum- Ueberpatrioten prädestinierte Agrarier in Deutschland schwerster Zeit verfaßt hat, und den ein Sozialdemokratt dieser Tage im deutschen Reichstag vorzulesen die Bosheit hatte, über das, was ein adeliger Agrarier für Patriotismus und vaterländische Opferbereitfchaft hält, ein sehr merkwürdiges Licht., Der besagte Brief enthält nämlich sehr u n z wer d e u i ig e A u s d r ü ck e der Freude darüber, daß es dein adeligen.Schreiber vergönnt sei, das notleidende Deutschland verlassen zu können. Mit besonderer Schadenfreude betont er dabei, daß er dort 600 Morgen Ackerland unbebaut zurücklasse. Mit Recht meinte der sozialdemokratische Redner, daß dieser Brief die eigentlichen E x e k u t o r e n des sprichwörtlichen „D o I chstoßes von Hinten" gegen die Vaterlandsverteidiger im Schützengraben entlarve. Leider gönnt aber der demokratische Zug, den ein unergründliches Schicksal der Nachkriegszeit aufgedrückt hat, nicht einmal mehr auf solch anrüchigem Geriete eine adelige Vorrechtsstellung. Es zeigt sich, daß* auch die „demokratischen" Bauern, die nicht von den adeligen Großgrundbesitzern, sondern vor: deren Leibeigenen abstammen, der Aufklärung und dem Liberialismus ihre Befreiung von unwürdigem Sklaventum und Robot verdanken und seither ihr politisches Selbstbestimmungsrecht im schärfsten Kampfe gegen ihre einstigen Befteier zur Geltung bringen,-die Kunst, die ihre einstigen Herren groß und mächtig im Staate gemacht hat, genau so gut treffen wie diese. Wenn am letzten Börsentage die Kurse wieder eine für Zeiten des Pessimismus, den wir schon überwunden glaubten, charakteristische Tendenz zeigten, ist wohl die famose Fehdeansage der österreichischen Bauernschaft an die Regierung, die auch ihrem bisher verhätschelten. Stande plötzlich Opfer zuznmuten wagte, in erster Linie dafür verantwortlich zu machen. Erst in weitem Abstande davon kommen die bedauerlichen Symptome für die Verwilderung unseres öffentlichen Lebens in Betracht, die sich intätlchen Exzessen gegen mehr oder weniger hochgestellte lichen Exzessen gegen mehr oder weniger hochgestellte Repräsentanten der behördlichen Autorität offenbaren. Wenn das Hauptorgan der führenden Regierungspartei an einem Tage die Verprügelnng einer jüdischen Amtsperson mit größtem Jubel und am anderen Tage die Mißhandlung eines Bezirkshauptmannes durch Arbeiter mit übrtrebenen Zeter- und Mmdiogefchrei registriert, so trägt es mit diesen beiden journalistischen Großtaten, gewiß nicht zur Hebung des österreichischen Ansehens in: Auslande und zur Befeuerung des österreichischen Optimismus im Innern hei. Aber eine viel verheerendere Wirkung hat das offene Bekenntnis zur Drückebergerei in der Stunde, in der höchste Opferwilligkeit das dringendste Gebot für alle ist, denen das Wort Vaterland noch etwas mehr bedeutet als leeren Phrasenschwall am Biertisch. Ein Appell an die Bauern. An: Donnerstag fand unter dem Vorsitze des Ministers B u ch i n fl c r eine Besprechung der maßgebenden landwirtschaftlichen Kreise aus allen Bundesländern über die Gestaltung der Preise der landwirtschaft- . licken Vradntta statt. , Der Miuister rücktet-, dabei

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