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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-23 · Heft 1219 (23.6.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1219 (23.6.1922)
Date
1922-06-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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, Nr. 121^ Men. ^renass Wiener wcoesenzettung. ' 23. Juni 1922 Seite 3 SespM mit Maxim Gorkij über den Mtisemilismm. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung.) ner Ausführungen wurde von den erregten Demonstranten unter stürmischen Zwischenrufen .seine Abdankung verlangt. Erst nachdem der Bezirkshauptmann die Anbahnung neuer Verhandlungen zwischen den Streikenden und den Arbeitgebern zugesagt hatte, zerstreute sich über Aufforderung des Sekretärs des Land- und Forstarbeiterverbandes nach und nach die eregte Menge. Der Bezirkshauptmann wurde hierauf von den Arbeiterführern in seine;Kqnzlei zurückgeleitet. Die Arbeitsgemeinschaft der Akademiker in öffentlichen Diensten Oesterreichs, der Landesverband der Bun^ des- und Landesangestellten Oberösterreichs, die Landesgruppe des Bundes der öffentlichen Angestellten und die Gewerkschaft des oberösterreichischen Landesdienstes haben eine Entschließung gefaßt, in welcher sie gegen die Mißhandlung des Bezirkshanptmannes schärfsten Protest erheben. Die weitere Haltung der Beamtenschaft wird von der Genugtuung abhängig gemacht, die dem mißhandelten Beamten von den verantwortlichen Stellen geleistet werden wird. Der Vertrag mit Jugoslawien verlängert. Belgrad, 22. Juni. (Avala.) Der Ministerrat hat den Handelsminister ermächtigt, in der Skupschtina einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, durch den die Gültigkeit des zwischen Oesterreich und Serbien bestehenden Vertrages bis zum Abschluß eines definitiven Vertrages verlängert wird. Tschecho- Slowakei. Berresch — Univerfitäts-rofessvr. Prag, 22. Juni. Wie die „Tribuna" meldet, hat Präsident Mafaryk die Ernennung des Ministerpräsidenten Dr. Benesch zum ordentlichen Professor der Soziologie an der hiesigen Universität unterzeichnet. Der Professor für österreichische Geschichte und der historischen Hilfswissenschaften an der . deutschen Universität in Prag Dr. Samuel Steinh.erz ist » n: Rektor für das Studienjahr 1922—23 gewählt w. % Verlängerung der tschecho-jngoslawischen MilitLrkonventiorr. Paris, 22. Juni. (Funkspruch.) Der „Temps" meldet, daß sich Pasitsch nächstens nach Prag begeben wird, um die Verlängerung des Militärabkommens zwischen Südslawien und Tschecho-Slowakei zu unterfertigen. Jugoslawien. Das Wahlgesetz. Graz, 22. Juni. Die „Tagespost" meldet aus Belgrad: Nach der bis Mitternacht dauernden technischen O h st r n k t i o n der Oppositionsparteien hat die Skupschtina das neue Wahlgesetz mit 195 gegen 5 Stimmen angenommen. Die Oppositionsparteien hatten vor der Abstimmung den Saal verlassen. Ungarn. Kovstituierung der Rattonalvrrsamm- Charlottenburg, 16. Juni 1922. Fern von Berlin, wo das lärmende Getriebe der Großstadt sich in einem harmonischen dumpfen Brausen auflöst, am Fuße des stillen Grunewaldes, steht ein kleines Gartenhäuschen. Die beiden runden Fenster oben im ersten Stockwerk sind bis in die späie Nacht hinein beleuchtet: das einzig wachende Augenpaar in der stillen entschlafenes Ruhe dieser verlassenen Gegend. Dort oben, wo das elektrische Licht wacht, arbeitet emsiig der Russen größter Dichter, M a x i m G o r k i j. Die Tür öffnet sich leise und der späte Besucher steht im kleinen kreisförmigen Salon. Auf dem Sofa, dem breiten Bett und dem Schreibtisch überall Bücher. Das Licht der kleinen Stehlampe zeichnet einen phantastischen Schatten auf die Wand. Wäre denn dieser' glattrasierte, blaffe Europäer mit den tiefen melancholischen Augen, mit der von Sorgen gefurchter: Stirn der Bauernprophet Gorkij? Der Russe, den man sich ohne den traditionellen russischen Bart kaum vorzustellen vermöchte? Ja, Gorkij, der Ruhelose, der ewige Russe, ist Europäer geworden. Er trägt das modern geschnittene. Gewand des Berliner Bürger, und wenn die unsagbare, typisch slawische Melancholie des Denkerhauptes den slawischen Dichter nicht verraten würde, man glaubte kaum, Gorkij gegenüberzustehen. Er ist stark gealtert. Der Fünfzigjährige scheint fast ein Greis zu sein. Man hat das Gefühl, als wenn seine Stimme nicht aus unmittelbarer Nähe, sondern aus verlorener Ferne klingen würde, und die nervösen Augen scheinen etwas ständig und vergebens zu suchen. Ich zweifle, ob er zu mir spricht und suchte unwillkürlich den dritten Unbekannten, dem das gebrochene Deutsch des russischen Uebermenschen gilt. Er ist nicht mehr der Freie, der Große, der Ueberlegene, der er einst war. Als wenn der Alpdruck, der auf dem Riesenland, dessen Sohn er ist, liegt, auch auf jedem seiner Worte lastete. Er ist zurückhaltend, sucht mühsam die Worte, ein slawischer Fakir, auf den: eine unbekannte Macht ihre Riesenfesseln legte. Das Zarentum, erklärt auf die Frage des Besuchers, war zweifelsohne die größte Prüfimg, die den heimatlosen Juden seit den Kreuzzügen und Inquisitionen auferlegt wurde. Ich weinte Blut, als ich immer wieder von der blutigen Schmach der Pogrome zu hören und zu lesen bekam. Wenn das Volk Israels seit seiner Zerstreung an allen Ecken und Enden der Erde von jeher ein Märtyrervolk gewesen, dessen ungeheuere Kraft in seiner passiven Duldung für die von ihm heilig. gehaltenen Traditionen und Ueberzeugungen bestand, so ist wohl das ruffische Judentum der größte und erstaunlichste Dulder der Weltgeschichte. Seine jedem menschlichen Gefühl und jeder menschlichen Vernunft hohnsprechenden•. Verfolgungen haben nicht wenig dazu beigetragen, um endgültig das immoralische Fundament, auf dem die unsinnigste, unwürdigste Tyrannei des asiatischen Zarentums aufgebaut war, zu untergraben. Der große Umsturz, der mit K e r e n s k i j die Freiheit dem russischen Reiche brachte, entfesselte mit einem Schlage die Kräfte und Werte, die ungebraucht und ungenutzt im russischen Judentum schlummerten. Kein Wunder daher, wenn sie im ersten Rausche vielleicht hie und da eine größere Rolle im öffentlichen Leben für sich heischten, als sie ihnen ihrem statistischen Gewichte :-ch zugekommen ldäre. Der mit den Ruinen des Zarenreiches begrabene Antisemitismus strebte nun von diesen: siegreichen Vorsprung des jungrussischen Judentums neue Nahrung zu gewinnen, um sich den Boden, der für ihn immer für verloren schien, wieder zu erobern. Denn der Antisemitismus ist nicht nur der Sozial:sn: u s der Dummen, wie ihn Bebel nannte, wohl aber auch die Impotenz der Talentlosen, die in dem ohnmächtigen Zorn des unterlegenen Rivalen den stärkeren Gegn e r m a ngels andererWaffenmit derKeule finstersten Aberglaubens und bewußten Betruges totschlagen zu können wähnt. Daß sich unter den bolschewistischen Führern auch Juden befinden, ist selstverständlich. Es wäre ja undenkbar, daß, von den sechs Millionen Juden Rußlands, deren überwiegender Teil die Demokratie Kerenskijs — seinen: inneren Triebe enffprechend — dazu verwendete, um geistige Laufbahnen zu betreten — es wäre, wie gesagt, undenkbar, daß unter diesen vielen Hunderttausenden geistig hochstehenden und begabten jüdischen Bürgern keine bedeutende Anzahl von denkenden Köpfen sich finden tvürde, die mit Fug und Recht die Führerrolle — die jeden: dazu Befähigter: in Rußland preisgegeben ist — für sich zu heischen. Es ist wohl bekannt,, daß dieser Umstand der: Antisemiten eine Waffe in die Hand gab, um den Bolschewismus einfach zur Revolution der russischen Juden zu stempeln und überhaupt den Bolschewismus mit dem jüdischen Geist zu identifizieren. Eine größere Lüge wurde noch nie von Lügnern, die ihrer Verleumdung bewußt waren, hervorgebracht. Ist doch in Rußland allgemein bekannt, daß im Lager der Gegner des Bolschewismus zwischen den Emigranten, die sich teils zu Kereusüj, teils zur konstitutionellen Monarchie bekennen, überaus viele Juden zu finden sind. Auch wurde öfters mit Recht betont, daß diese Bolschewisten, deren Rainen die Antisemiten' ständig im Munde führen, wohl von jüdischer Abstammung sind, doch sich schon längst von jeder religiösen Zusammengehörigkeit mit dem Volke Israels losgesagt haben. Ob ich an die Weltrevolution glaube? Nein, ich glaube nur. an die Weltrevolution. Das große Gesetz der Kausalität läßt sich in der Beschicht ebensowenig verkenne:: wie in der Natur. Auch was in Rußland jetzt vorgeht, ist das folgerichtige Ergebnis einer Revolution, die sich nur deshalb extrem auswirkt, weil ihre ursächlichen Wurzeln ebenso etxrem beschaffen waren. lung. Budapest, 22. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die ungarische Nationalversammlung hat sich gestern konstituiert und Abg. Agaston von Gaa.l zum Präsidenten gewählt. Polen. Die Ministerkrise. - Paderewski kommt wieder? Warschau, 22. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der zmn Ministerpräsidenten designierte Abgeodnete Przanowski hat, wie schon berichtet, den Auftrag zur Bildung eines Kabinetts zurückgelegt. Vorher verhandelte er mit den einzelnen Parteien. Namens des Jüdischen KlubS erschien bei ihm Abgeordneter Dr. Thon. Przanowski erklärte ihm, er sei. kein. Politiker und übernehme die Kabinettsbildung nur für den Fall, daß die Regierung nur für die Zeit der Wahlen eingesetzt werde und der Sejm spätestens zwischen dem 10. und 16. Juli aufgelöst werde. Er wünsche die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Abgeordneter T h o n erklärte, daß es im Interesse des Staates liege, möglichst rasche Wahlen durchzuführen. Er erachte es jedoch für notwendig, daß der Sejm vor seiner Auflösung eine Reihe von wichtigen Angelegenheiten durchführe. Der Jüdische Klub verlange die u n b e d i n g t e* Aufhebung, sämtlicher Rechtseinschränkungen hinsichtlich der Juden. Die Beschleunigung der j ü d tschen Gemeindewahlen, die Regelung der sogenannten Fremdensrage und die damit verbundene Erledigung der Staatsbürgerschaft jener Juden, die hierzu berechtigt sind. Er verlange auch, daß in der Regierungserklärung festgelegt werde, daß die neugeschaffene Regierung im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung auf dem Standpunkt der Verfassung verbleiben werde. Przanowski erwiderte, daß seine Regierung als provisorische sich aüf keinen Fall verpflichten könne, selbst die b e r e ch t i g st e n rechtlichen A e n d erungen durchzuführen, er sei jedoch bereit, seiner Regierungserklärung einen Absatz über die Juden im Sinne maammmmmmmmmmmmmmmmmamammmmmmmma der Wünsche des jüdischen Abgeordnetenklubs hinzuzufügen, wie auch alle jene Angelegenheiten, die rein administrativer Natur sind, durchzuführen. Dr. Thon erklärte, daß der Jüdische Klub für den Weiterverbleib des Außenministers Skirmunt eintrete, der eine ausgesprochene Friedenspolitik führe. Er se: jedoch gegen den Finanzminister M i ch a l s k i, der in der letzten Zeit eine durchwegs antisemitische Stellungnahme bekunde. Der jüdische Abgeordnetenklub erklärte sich kategorisch gegen die Kandidatur, des Kriegsministers Sosnikowskt. Sollte er jedoch dem zukünftigen Kabinett angehören, so werde der Jüdische Klub in die schärffte Opposition treten müssen. Hierauf empfing Przanowski die Vertreter der übrigen Sejmklubs. „Nasz Kurjer" meldet, daß die Nationaldemokraten beschlossen haben, die Krise so lange in die Länge zu ziehen, bis Paderewski, der zurzeit in London weilt und von der Parteileitung telegraphisch, nach Warschau berufen wurde, in Polen eintrefsen wird. Die Nationaldemokraten beabsichtigen, seine Kandidatnr zum Ministerpräsidenten mit Hilfe des Zentrums, welches ihn gegenwärtig unterstützen will, zu proklamieren. Da Pilsudski unbedingt gegen Paderewskis Kandidatur auftrcten wird, ist eine Verschärfung der gegenwärtigen Regierungskrise zu erwarten. , „Robotnik", das Organ der Sozialdemokraten, meldet, in Warschau seien Gerüchte verbreitet, daß Paderewski bereits, inkognito feit mehreren Tagen dort weile. Inzwischen führt sein Sekretär Dr. Orlowski Verhandlungen mit den rechten Parteien. Antisemitische Hetzarbeit der Rationaldemokraten.; Warschau, 22. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Anläßlich der feierlichen Uebernahme Oberschlesiens durch Polen beginnt die nationaldemoiratische Presse eine scharfe Kampagne gegen, die o b e r s ch l e s i s ch e n Juden. „Rzeszopospolitä" schreibt, daß die Juden in Kattowitz uyd anderen oberschlestischen Orffchaften große Warenvorräte zu Schieberzwecken in Polen und Rußland aufgestapelt und geheime Magazine angehäuft haben. Sodann beschuldigt die „Rzeszpospolita" die oberschlesische Judenheit, daß sie Polen wirtschatflich zugrunde zn richten beabsichtige. . Für jeden Fall :uuß es wunder nehmen, daß die Regierung keine Schritte unternommen hat, die Veröffentlichung dieser völlig unbegründeten Beschuldigungen zu verhindern. Auf eine solche Weise wird man sicherlich die oberschlesische Judenheil der polnischen Staatsidee nicht näherbringen können. Schutz der Wilnaer StaaLsbLrger. Warschau, 22. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Angesichts der Uebernahme Wilnas durch die polnische Regierung hat das Außenministerium sämtliche polnische Gesandtschaften und Konsulate im Ausland beauftragt, ihren Schutz auch auf die Personen, die aus den Gebieten des ehemaligen Mittellittanens stammen, cmszndehesien. WrmdschKA Das Palästina-Mandat. Das englische Oberhaus. London, 21. Juni. (Havas.) Das Oberhaus hat trotz entschiedener Einsprache des Ministers des Aeußern B a lfour mit 60 gegen 29 Stimmen einen Antrag angenommen, der das englische Mandat über Palästina in seiner jetzigen Form als unannehmbar bezeichnet. Der Antrag betont die Notwendigkeit, den A r a b e r n eb«* Negierungsauton omie einzuräumen. ... wird reformiert. London, 21. Juni. In einer der letzten Sitzungen de» 'Oberhauses gelangte ein Gesetzesantrag betreffend die R cf o r m d e r e r st e n K a m m e r zur Verteilung. Der Motivenbericht bezeichnet als Hauptziel der Reform die Er- Hoch* HHnHHHBMnni engl. Stoffe, Herren- und DamenwSsche, Leinen-und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei wmmmmmmmmmmrnmmm Schiffmann II., TaborstraSe 4:: Telephon 47-1-73 En gros En detail 4

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