Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1214 (18.6.1922)
- Date
- 1922-06-18
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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pgavizig ... Men, DVNNKH _ Ich bin in Rußland. Ich bin in Moskau, in den Kammer« spielen. Ich bin Lei „Turandot". In der russischen, großen, echtes Kunst. Welches Glück, teilzuhaben, die Verbindung mit dieser Kunst zu suhlen, zu fühlen, wie in deine verstaubten Lungen Lyogen reiner, frischer, frühlingshafter Kunst strömen. Nehmt hin, meine Freude, meinen Stolz, meine Ergriffenheit, meinen Glauben, .Dankbarkeit und Hochachtung, ihr, wundervolle Jugend der Turandot." Es wäre von Katschalow löblich gewesen, wenn er seine Kritik noch während seiner Berliner. Wirksamkeit kundgetan hätte. Nicht erst zu Hause, in Moskau. Anthologia hebraieä. Soeben erschien die vom Präger Oberrabbiner Brody und Meir Wiener besorgte Auswahl der wichtigsten Zeugnisse hebräischer Dichtkunst bis zur Austreibung der Juden aus Spanien. Diese 22 Bogen starke, durchwegs hebräisch gehaltene Arbeit stellt die erste systematische und in jeder Hinsicht vollkommene Uebersicht über das Schaffen der glänzendsten Epoche hebräischer Dichtkunst dar. Druck und Ausstattung des Werkes sind gleich vorzüglich. In vornehmem Pappband gebunden 120 Mk., in Halbpergament 240 Mk. erhältlich in der Buchhandlung R. Lowit (Dr. Präger), «4. Bez., Rotenturmstraße 22. GerLchtssaal. Eine Orgie Lm Gefängnis. Am 13. März stand, wie damals berichtet wurde, der Gefangenenaufseher Karl W i t t r i ch vor dem Einzelrichter, weil er,, seine Amtsgewalt mißbrauchend, männliche und weibliche Sträflinge zusammengeführt und im Gefängnis wahre Orgien veranlaßt hatte. Die Verhandlung wurde damals zwecks Untersuchung des Geisteszustandes Wittrichs vertagt. Nunmehr liegt das Sachverständigengutachten vor. Es billigt dem Angeklagten zu, daß sein Handeln in der kritischen Nacht auf den 1. April von pathologischen Faktoren bestimmt war, bezeichnet ihn aber als nicht geisteskrank, sondern intellektuell gut ausgestattet. , Einzelrichter Hofrat Dr. Hotter erkannte den Angeklagten Karl W i t t r i ch des Verbrechens des Mißbrauches der Amtsgewalt schuldig und verurteilte ihn unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes zu sechs Monaten schweren, mit einem harten Lager monatlich verschärften Kerkers. In diese Strafe wurde ihm die Untersuchungshaft vom 3. April bis 17. d. als verbüßt eingerechnet. Wittrich hielt sich Bedenkzeit offen. Der Fahnenjunker als Mörders . Der letzte Tag des Mordprozefses brachte als Höhepunkt die Konfrontation des Angeklagten Franz D e m m e l mit seinem.Opfer, dem 65jährigen Sekretär Franz Weigl. Dieser gab an, er habe gleich, als er Demmel spät abends in seine Kanzlei treten gesehen, Böses geahnt. Er unter-, schrieb das Gesuch des Eindringlings, um ihn los zu werden, da drehte dieser Plötzlich das Licht ab — was weiter geschehen sei, wisse er nicht. Er sei dem Demmel niemals feindlich gesinnt gewesen, doch jet es ihm natürlich nicht gleichgültig, .daß er ein Krüppel geworden sei. Der Angeklagte, erklärt, aus solche Beleidigungen nichts antworten zu können. Nach den Erklärungen der Aerzte, daß die Aussagen Weigls klar und bestimmt seien, lehnte, der Gerichtshof alle weiteren Anträge ab und der Vorsitzende schloß das Beweisverfahren. Das Urteil. Nach etwa dreiviertelstündiger Beratung erkannten die Geschwornen den Angeklagten Franz Demmel des Verbrechens des versuchten tückischen Raubmordes mit neun gegen drei Stimmen schuldig. Die Zusatzfrage, < ob Franz Weigl durch den Ueberfall auf seine Person eine schwere körperliche Beschädigung erlitten, wurde mit zwölf Stimmen „Ja" beantwortet. Auf Grund dieses Verdikts verurteilte der Gerichtshof den Angeklagten zu einer schweren Kerkerstrafe in der Dauer von fünfzehn Jahren, verschärft durch einsame Absperrung in dunkler Zelle, am 4. März jedes Jahres, dem Tage der Bluttat. Der Angeklagte nahm das Urteil, ohne eine Miene zu verziehen, vollkommen ruhig entgegen. Der Verteidiger meldete die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung an. Der Prozetz Bessarabo. Ein teilweises Geständnis der Tochter. Paris, 13. Juni. Am vierten Verhandlungstag benimmt sich Frau B e s s a r a b o vor Gericht viel manierlicher als die Tage vorher. Sie hat nur einen Vetter ihres erster: Marrnes ziemlich scharf angefahren, der behauptet hgtte, daß sie eine mittelmäßige Hausfrau gewesen sei und ihren Gatten mit ihren, literarischen Ambitionen sehr gelangweilt habe. Als hierauf der Zeuge einige Zweifel über den Selbstmord seines Vetters, des ersten Mannes der, Frau Bessarabo, äußert, erhebt sich spontan b tc kleine P a u l e I a e q u e s, die nran bisher kaum Wiener Morgenzeitung. 18. Juni 1922, Seite 11 zum Sprechen bringen konnte, und ruft aü§: „Ich war fünfzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Wenn es nur eme Stimme auf der Welt gibt, um meine Mutter zu verteidigen, so soll man die meinige vernehmen i" Madame Bessarabo, wütend aber äußerlich ruhig, apostrophiert den Zeugen von oben herab: „Sie-verdächtigen mich. Und trotzdem haben Sie mich immer herzlich empfangen. Nach dem Tode meines Mannes haben Sie mich sogar gebeten, Ihnen , meine literarischen Werke zu schicken, was ich auch immer getan habe." Zeuge: „Aber ganz und gar nicht. Wir hatten ja ganz andere Ansichten über die Literatur." Die als Zeugen, berufenen medizinischen S g chv e r st, ä n d i g e n geben dann eine Schilderung, wie Und in welcher Verfassung, sie,die Leiche in dem Koffer auf dem Bahnhofe von Nancy gefunden haben. Dieser schauerliche, blutrünstige Bericht macht auf Frau Bessarabo.keine nE i n d ruck. Sie hört ihn gleichmütig an. Ihre Tochter jedoch benimmt sich wie ein Trauergast auf einem fremden Begräbnis und folgt der Schilderung des Zeugen mit höflicher,, doch unbemerkter Aufmerksamkeit. Der, Sachverständige über den Geisteszustand der Frau Bessarabo befragt, erklärt sie für vollständig normal. Während der Einvernahme der übrigen Zeugen, des Chauffeurs und des Hausmeisters, die zwar neue Indizien für die Schuld der Frau Bessarabo aussagen». doch kein überführendes Material wissen, ereignet sich kein Zwischenfall. Plötzlich stellt der Vorsitzende die unvermittelte Frage an die Angeklagte: „WiewurdederKör perinden Koffer g e l e g t?" Frau Bessarabo antwortet resolut: „Bor allen Dingen habe ich niemals-einen Leichnam in einen Koffer gelegt." Präs.: „Sie haben es aber zügegeben." Angeklagte (leichthin): „Ach ja, in der Voruntersuchung, als ich dumme Eingeständniisse machte." Präs.: „Und Sie, Paule Jacques, wiederholen Sie uns die Vorgänge, so wie Sie es vor dem Untersuchungsrichter getan haben. Sie sagten damals, den Koffer gestürzt zu" haben, um ein in Leinwand gewickeltes Paket hineinzuschieben. Geben Sie das heute auch zu?" Paule Jacques, die aufrecht, doch mit gesenktem, Haupte dasteht, scheint diese Frage nicht zu-hören. Der Präsident wiederholt sie. Und leise, fast unhörbar, wiederholt nunmehr Paule Jacques ein d r e i m a l i g e s I q. Das Geständnis war dieSensation des Verhandlungstages, denn nunmehr hat Paule -Jacques bekannt, daß sie ein Paket in den Koffer gelegt hat. Ob dieses Dokumente enthielt, oder die Leiche ' des Herrn Weißmann-Bessarabo, werden die Geschwornen nach ihrem guten Glauben und, ihrer eigenen Ueberzeugung zu entscheiden haben. Denn es ist kaum anzunehmen, daß die beiden Angeklagten ein weiteres Geständnis machen werden. Zum Schluß dieses Verhandlungstages werden die beiden Freundinnen des Ermordeten als Zeugen aufgerufen. Zuerst kommt Fräulein Gaby Nollot, das Tippfräulein des Ermordeten,M'^gleichzeitig,seine Geliebte war. Sie ist mit diskreter Elpganz geklDet: grauer Tailleur, Fuchspelz, blauer Taffethuft Sie ist so bewegt, daß man ihr einen Stuhl anbieten muß. Sie äußert sich sehr gemäßigt und zurückhaltend: „Herr Bessarabo sagte mir oft, daß er mit seiner Frau und.seiner Stieftochter nicht harmoniere. Er ging ungern nach Hause. Am Tage, nachdem seine Frau ihn zu erwürgen versucht hatte, erzählte er mir, was vorgegangen war, und zeigte mir die Spurendes Gewaltaktes an seinem Halse.", Auf Befragen kann Fräulein Nollot nicht bestreiten, daß Herr Bessarabo auch bei ihr sich Geld ausgeliehen und daß sie ihm mit mehr als 4000 Frcs. ausgeholfen habe. Die Verlesung eines von Fräulein Nollot aus Evian abgeschickten Briefes, in dem sie'einer lebhaften Beunruhigung Ausdruck gibt, veranläßt Madame Bessarabo abermals, an geheimnisvolle Z n s a m m e n künfte zwischen ihrem Mann ■■ und gewissen Militärpersonen, deren Namen sie angibt, zu erinnern. Frau Bessarabo wendet sich an die Zeugin: „Ich will Sienichtanklagen, aber Sie haben nicht durchschaut, was vorging. Sie müssen aber zugeben, daß Sie in B egleitüng meines Mannes mit gewissen Militärpersonen diniert haben." Fräulein Nollot bestreitet dies nicht. Als letzte Zeugin erscheint Fräulein Germaine Cazenave, ehemals gleichfalls Tippfräulein bei Herrn Bessarabo. Sie sagt aus, daß nach dem Verschwinden des Herrn Bessarabo seine Frau aller Welt von Spionage erzählt habe, in die der Ermordete verwickelt gewesen sein soll, daß aber niemaüd ihr ein Sterbenswörtchen glauben wollte. Fräulein Cazenave muß übrigens die diskreteste aller Tippfräuleins gewesen sein. Denn, nach ihrer heutigen Aussage, will sie gar nicht zugehört haben, wenn Madame Bessarabo ins Bureau kam, um ihrem Gatten Szenen zu machen. Als der Präsident wissen möchte, ob sich Herr Beffarabo über seine Frau bei ihr beklagt habe, gibt sie die schnippische Antwort: „Ich pflege meine Chefs s owenigwie möglich über ihre privaten Verhältnisse auszufragen." Paris, 15. Juni. Im Prozeß Bessarabo dauerte heute die Zeugenvernehmung mit der gleichen Monotonie an. Nur zum Schluß der Sitzung rief eine besonders 1 > "■ » —>l 1 ■ bissige Bemerkung des VerteidigersMoro di Graffe rr, der ein Teil des Publikums und besonders die im Saale als Zuhörer befindlichen Advokaten stürmischen Beifall zollten, einen derartigen Tumult hervor, daß der Präsident den Saal r ä u-m e n ließ. Die bis heute vernommenen Entlastungszeugen haben ebensowenig wie die Belastungszeugen etwas -zur Klärung der Schuldfrage beigetragen. Es handelt sich bei dem-ganzen Prozeß mehr um einen Gefühlsbe-Weis als um einen Indizienbeweis. fc Die Verhandlungen - sind insofern interessant,, als die allgemeine Stimmung-gegen die Angeklagten ist, dagegen ziemlich offen für den Verteidiger gegen den Staatsanwalt. - - \. Volkswirt. Gestempelte Krone --- —.0372 Centimes. Auszahlung Wien — — .03V* Centimes. $n Zürich notierte. die österreichische Kronr . . . —.037< (—.03 am 16. Juni) die österr. gestempelte Krone. -^-.037, (—.037* am 16. Juni) die tschechische Krone . . . 10.05 (10.05 am 16. Juni) dir Mark.; . . : 1.63 ( 1.66 am 16. Juni) Agram . . . . . ..... 1.81 ( 1.80 am 16. Juni) Sofia .......... 3.50 ( 3.65 am 16. Juni) Budapest . . . . ..... —.52'/° (—.51 am 16. Juni) Warschau ......... —.127» (—.12'/» am 16. Juni) Valutenkrrrse. Die in den letzten Tagen eingetretene Entspannung auf dem hiesigen Valutenmarkte hat eine Besserung der Kwuc aus fast allen auswärtigen Plätzen zur Folge gehabt. In Zürich ist gestern Auszahlung Wien von 0.03 auf 0.03.28, die gesteMelte Krone von 0.03.25 auf 0.03.50 Centimes, in Berlin Auszahlung Wien von 1.7525 auf 2.03, die gestempelte Krone von 2.0750 auf 2.3250 Pfennige, in Amsterdam Auszahlung Wien von 0.0150 auf 0.01.1650 Cents gestiegen. In Wien, fand gestern kein offizieller Verkehr statt, doch . waren die Kurse im internen Bankenverkehr weiter rückgängig. Die Fiuanzkatastrophe in Sowjetrntzland. Von Smilg-Benario. Als der Bürgerkreg in Rußland seinem Ende entgegenkam, schien es, daß die katastrophale Entwertung des Rubels ihre. Höchstgrenze erreicht hat. Es schien als ob mit dem Eintreten des Friedens die wirtschaftlichen Verhäliniste und somit auch die allgemeine finanzielle Lage sich, bessern wird. Doch diese Hoffnung' erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, die finanzielle Lage wurde immer schlimmer. Das Land Wurde immer mehr mit Papiergeld überflutet. Während man noch in Sowjetrußland nach Veen- . digung des Bürgerkrieges mit 10.000 und 100.000 Rubeln rechnete, wird jetzt dort mit Milli 0 nen und Milliarden gerechnet. Die Ursachen der tveiteren Entwertung des Rubels sind in erster Linie in der allgemeinen Wirtschaftslage und , in der allgemeinen Wirtschaftspolitik der Sowjeiregierung zu suchen. Der Welt- und der Bürgerkrieg haben das Land gänzlich ruiniert. Die Landwirtschaft, diese Grundlage der russischen Volkswirtschaft, ist eingegangen und wir sind gegenwärtig Zeugen eines ’ krankhaften Zustandes. Muß-. land, das bis zum Ausbruch des Krieges eines der wichtigsten Getreideexportländer war, ist zu einem. Getreideimp ortland geworden. Der Transport ist gänzlich zerrüttet, und die Industrie weist, dank der Nationalisierungspolitik der Bolschewiken, im Verhältnis zur ... Vorkriegszeit eine. ganz unbedeutende Produktion auf. Alle diese Umstände haben wie gesagt - die weitere Entwertung des Rubels gebracht. In den letzten Monaten haben sich Anzeichen bemerkbar gemacht, welche auf eine weitere katastrophale Entwertung 'des Rubels Hinweisen. Bekanntlich veröffentlicht, die russische Staatsbank.regelmäßig Kurse, aus denen zu ersehen ist, tvieviel für ausländische Wertnoten gezahlt wird. Nachstehende Tabelle gibt einen Ueberblick über die sprunghafte Steigerung der ausländischen Werte, in den - letzten 2 Monaten: AnfangApril: 1 Pfund Sterling ..... 1 Dollar .. ...... 3,300.000 Rubel 1 Kanadischer Dollar .... 1 französischer Frank . . . n 1 schwedische Krone .... „ 1 deutsche Mark . . . . 1 polnische Mark. n 1 10 Rubel-Goldmünze. . . .4,OCO.COO 1 Sololnik-Goldmünze . . . .2,200.000 1 Solotnik-Platinmünze . . * . 1 Solotnik-Silbermünze . . ." 45.000 9 T—*"