Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1211 (15.6.1922)
- Date
- 1922-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*; vytf l t'j i Mvttr Acorgeqzeuung 15. Stik 3'^ /ührun i von „reiyen Wahlen". Er hahe das einzige Bestreben, eine Regierung zu schaffen, die die Sicherheit auf eine klaglose Durchführung, von reinen Wahlen bieten wird. An der Durchführung dieser Wahlen müsse den klei- >nen Klubs an: meisten daran liegen. Abg. Grünbaum be-! Merkte hierauf, daß gerade die Juden an der Durchführung i von reinen Wahlen das größte Interesse haben. Es sei l jsdöch unbedingt nötig, vorher die Frage.der Staatsbürgerschaft zu erledigen, weil gegenwärtig in den Ostgebieten über eine Halbe Million Juden i des Bürgerrechtes und somit der Möglichkeit einer Entsendung von Vertretern ins Parlament beraubt sind. Obzwar es klar ist, daß diese Juden vollsten Anspruch auf die Staatsbürgerschaft haben, ist -lese Frage bis heute noch ungelöst. Auf die Bemerkung des Staatschefs, ob da nicht technische Schwierigkeiten vorhanden sind, erklärte Abg. Grünbäum, daß die zukünftige Regierung Unbedingt mit der antisemitischen Politik brechen müsse, und nur eine Regierung, die keine antisemitischen Tendenzen verfolgt, kann auf die Unterstützung des jüdischen Kltzbs rechnen. Die neue Regierung müsse eine unbedingte Friedenspolitik führen. Der jüdische Klub werde auf keinen Fall eine Negierung unterstützen, der der gegenwärtige Kriegsmmister General S o s s e n k o w s k i, dessen antisemitische Tendenzen bekannt-sind,' angehören sollte. Hierauf erklärte der Staatschef, daß er auf alle die von Abg. Grünbaum vorgebrachien Bedenken bezüglich des antisemitischen Kurses die Aufmerksamkeit des neuen Premiers lenken wird. ■! '■ PalMnq. Aenderungen 1« der Verwaltung. AuS I er u sa l e m wird berichtet: Wie offiziös gemeldet wird, .soll ab 1. Juli 1922 eine Aenderung in der Verwaltung Palästinas Platz greifen, welche nicht nur eine Erleichterung in den Verwaltungsarbeiten, sondern auch eine starke Ersparung in den Verwaltungskosten herbeiführen soll. Anstatt der bisherigen sieben Verwaltungsdistrikte wird Palästina nunmehr in v i e r D i st r i k t e geteilt: erstens Jerusalem einschließlich der Stadt Jaffa und der Nachbärkolonien, zweitens - Südpalästina mit den Städten Gaza und Beerscheba (Gouverneur Abrahamsön), drittens Samaria (Sichern, Gouverneur Cox), viertens Galiläa (Haifa), welcher Distrikt auch die Städte und die nächste Umgebung von Safed und Tiberias in sich schließt. Gleichzeitig ist auch ein starker Beamte nab b a u in den größeren Regierungsdepartements geplant, wobei vor allem an die Abteilungen für öffentliche Arbeiten, für Sanitätswesen und .Eisenbahnen gedacht ist. RrmWhau. Die Haager Konferenz. Haag, 14. J"ni. Wie das Niederländische Korrespondenzbureau erfährt, wird die erste Zusammenkunft der Delegierten der Vorkonferenz morgen um halb 3, Uhr nachmittags im Friedenspalast stattfinden. Im Namen der niederländischen Negierung wird der Minister des Aeußern die Delegierten begrüßen.; Paris, 14. Juni. Die Agencc Havas teilt mit: Auf Grund des Beschlusses des Ministcrrates, wonach Frankreich an der Konferenz im Haag teilnimmt, hat Ministerpräsident Poin ca re den französischen Gesandten im HaagBenoist zum Führer der französischen Abordnung ernannt. Ihm wird eine Anzahl von Fachleuten beigegeben werden, die jedoch erst vom 25. Juni ab an den Beratungen tcilnehmen werden, während Benoist der am 15. Juni zusammentretenden Borversammlung beiwohnen wird. Paris, 14. Juni. (Tel.-Komp.) Ministerpräsident P o i n c a.r e hat gestern abends in der Pressekonferenz den Journalisten sehr interessante Mitteilungen iiber Frankreichs Teilnahme an der Haager Konferenz gemacht. Der Ministerpräsident erklärte, es werde voraussichtlich zu einem erbitterteil Kampfe zwischen derfranzösischen unb der englischer! Auffassung kommen. Poincare vertrat die Ansicht, daß Frankreich diesem Kampfe nicht ans beut Wege gehen dürfe, nachdem es seinen Standpunkt vor der ganzen Welt dargelegt habe. Die jüdische Frage aus dem Prager Völkerbundkongretz. Genf, 12. Juni. (I. C. B.) Ueber die in Prag stattgehabte Tagung der internationalen Völkerbundligen wird hier nachträgliche bekannt, daß von e n gl i s ch e r u n d italienischer Seite auch die Frage der jüdischen Minderheitsrechte in Osteuropa, namentlich in Polen, Lettland und R u m ä n i e n, zur Sprache gebracht wurde. Es wurden diesbezüglich die vom Komitee der jüdisch e n De l e g a t i o n in Paris und von anderen jüdischen Organisationen eingebrachten Memoranden verlesen, in denen gegen die systematische Verletzung der jüdischen Minderheitsrechte, in den erwähnten Landern Protest erhoben wird. Von den zur Rechtfertigung dieses Vorgehens aufgeforderten Ländern konnte bloß der Führer der rumänischen Völkerbundgesellschaft das Bestreben seiner Regierung, die jüdischen Minderheitsrechte zu respektieren, einigermaßen uachweisert, während die Ausführungen der polnischen, insbesondere der lettischen Vertretung in keiner Weise die Konferenz befriedigen konnten. Die Schulden der Alliierten. Berlin, 14. Juni. (Wolfs.) Mach einer Blättermeldung aus Was h i it gjb.it teilte Finanzsekretär M e l l o n Mit, man hoffe sich vor Ablauf von drei Monaten über die Rückzahlung der Schulden der Alliierten zu verständigen. Die Konferenz der Notenbanken. London, 14. Juni. (Tel.-Komp.) Im Unterhause fragte gestern der Abgeordnete M a l l o n e den Schatzkanzler, ob die Bank von England bereits eine Zusammenkunft der Notenbanken einberufen habe, um die Kreditpolitik der verschiedenen Länder zu regulieren, wie die Konferenz von Genua dies empfohlen habe, und ob Amerika all dieser Konferenz,vertreten sein werde. Minister H orn e antwortete, daß seines Wissens die Bank von England bereits mit den Vertretern anderer Großbanken in.Verbindung stehe, um ein D a t u m. festzusetzen, zu dem diese Zusammenkunft einberufen werden soll. Er sei aber nicht in der Lage, Mitteilen, zu können, welche Banken dabei vertreten sein werden. Moskau für Abrüstung Moskau, 14. Juni. (FNnksPruch.) Der Volkskommissär für Aeußeres hat sich an die Regiermgen Lett lands, Polens, Finnlands und Estlands mit einer Note gewendet, in der er bemerkt, die Konferenz von Genua habe die Hoffnungen der breiten Massen Europas' nicht' erfüllt. Die russische Delegation habe int Interesse aller Völker den Antrag aus allgemeine Entwaffnung gestellt, der aber infolge Entgegenwirkens der französischen Delegation zurückgewiesen worden sei. Seiner friedlichen Politik getreu, habe Rußland beschlossensich an die Regierungen der obgenannten Republiken mit dem Vorschläge zu wenden, bevollmächtigte Vertreter zu entsenden, um zusammen mit Rußland über eine R e d n k t i o n der S t r e i t k r ä f t e der genannten Länder zu beraten. Die rnssische Regierung ist bereit, auch mit anderen entfernter gelegenen Ländern, deren Grenzen noch nicht reguliert sind, in Unterhandlungen zu treten. ' ';;! . . Tagesbericht. Zum Andenken Nathan Groß. Aufruf. Am 28. Jjar (26. Mai d. I.) ist im Haag Nathan Graß, der Amtsleiter des Hauptbureaus des Keren Kajemeth l'Jsrael, verschieden. Groß war seit 1896 für die zionistische Sache mit hingebungsvollem Eifer tätig. Seit 14 Jahren hat er das Hauptbureau des K. K. L. zuerst in Köln, dann im Haag geleitet und durch seine unermüdliche Organisations- und Propagandaarbeit trotz der größten Hindernisse den. Ratio nalfonds zu einem wertvollen Instrument pes jüdischen Aufbauwerkes . ausgestaltet. Noch vor kurzer. Zeit.war Groß in Jerusalem, um die vom Kongreß beschlossene Uebersiedlung des Hanptbureaus vorzubereiten, und nun hat ihn der Tod von uns genommen. Die Nachricht von seinem jähen Ableben hat weithn ein Echo liebevoller Teilnahme geweckt und allgemein ist der Wunsch laut geworden, das'Andenken des Verblichenen gebührend zu ehren und mit dem Keren Kajemeth, dem er sein Leben geweiht hatte, dauernd zu verknüpfen. Im Einverständnis mit dem.Direktorium und Hanptbureau des Keren Kajemeth lassen wir deshalb an alle, die den Verblichenen kannten und schätzten, nnd an alle Freunde des Jüdischen Nationalfonds den Aufruf ergehen, durch ihre Spenden für den Nathan Groß-Hain int Herzlwald dem Verblichenen ein würdiges Denkmal zu setzen. Gerade wir in Oesterreich, die wir den Verstorbenen jahrelang bet der Arbeit gesehen und den herrlichen Menschen und Juden kannten, sind in erster Linie verpflichtet, an der Errichtung des Denkmals mitzuwirken. Alle Freunde und Bekannten des Verstorbenen fordern wir daher auf, ihre Pflicht zu erfüllen. . Für die Landeskommisiion des Keren Kajemeth L'Jsrael: Dr. Chaim Tartakower. Adolf Bachm. Wir ersuchen, sich des dieser Nummer der „Wiener Morgenzeitung" beigelegten Erlagsch eines bedienen zu w ollen. Die A«qendvergifter. Wir-haben erst jüngst darauf hingewiesen, um wieviel größer und gefährlicher der Anteil der antisemitischen Zeitungen und Zeitschriften an der Vergiftung und Verrohung der jugendlichen Seelen ist, als der des vielverlästerten Kinos und der sonstigen Schundliteratur. Ein paar deutschnationale Preßerzeügnisse der letzten Tage ermöglichen es uns, heute einen ebenso lehrreichen wie amüsanten Einblick in die Methodik der antisemitischen „Aufklärungstätigkeit" zu geben. In einer der. letzten Sitzungen des Kreisarbeiterrates hat bekanntlich Dr. Otto Bauer, also einer der jüdischen Sozialistenführer, den Mschlüßgedanken wieder ausgenommen. Wie macht dies das großdeutsche Organ seinen Lesern bekannt? Es belehrt sie über „das entschiedene Streben der Arbeiter zur Volksgemeinschaft, das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit, dem auch die heutige j ü d i s ch e L e it.u n g , it i ch t ent gegen $ * t r e t e n vermag . . ." Wir wollen in diesem Zusammen hange keineswegs zur Anschlußfrage an sich Stellung nehmen, sondern bloß die sittliche Höhe einer Geschichtsklitterung annageln, die, um ihr armseliges ,,Hepp. HePP!" anzubringen, ganz einfach die eigentliche« J'Niatorender großdeutschen Idee in Neuösterreich ofä diejenigen hinstellt, deren Widerstand zur Durchsetzung dieser Idee erst gebrochen muß! In Wirklichkeit Haldem Anschlußgedanken niemand mehr geschadet als die Praxis der Großdentschen. Als die österreichischen Touristen ihre reichsdeutschen Sportbrüder mit der Zumutuüg überraschten, den Arierparagraphen in ihre Satzungen, anfzunehmen, haben sie von drüben die alles eher als schmeichelhafte Antwort erhalten, daß durch solche Mätzchen der An» .schluß Oesterreichs im Reiche nicht : gerade populär zu . machen sei. Wie wenig dies den Großdeutschen geglückt ist, zeigen jetzt gerade die ihnen sonst nahestehenden Blätter, wie das Berliner Stinnesorgan und andere Stimmen aus dem völkisch-konservativen Lager. Daß die „Reichspost" diese ablehnenden. Aeußerungen mit unverhohlener Genugtuung registriert, gibt dem Wiener großdeutschen Organ Anlaß, über die Quertreibereien der — Judenpresse zu zetern. . Dem geistigen und sittlichen Niveau dieser Tagesberichterstattung entspricht vollkommen die deutschnationale Methodik der „Geschichtsforschung". Sehr drollige Beiträge zu diesem Kapitel enthält.das Juniheft „Deutschlands E r n e u e r .U n g", das völlig der Judenfrage gewidmet ist. Eine Perle ist zum Beispiel .der kurze geschichtliche Ueberblick in Alfred Rosenbergs Ausführungen „Der Antisemitismus". Dieser Aufsatz zählt, eine Menge.Rechte und Vorrechte ans, die die Juden angeblich im Altertum und Mittelalter genossen haben. Als .besondere Judenfreunde zählt, der Autor die Kaiser Nero und Titus auf. Daß der letztere Jerusalem und den letzten Rest jüdischer Freiheit vernichtet und ersterer die grausamste. Verfolgung der Juden eingeleityt , Hai, die damals als Träger und Verbreiter des Christentums in Rom ebenso als Feinde des Staates und der Gesellschaft angefeindtzt wurden, wie heute als die.Apostel deS Bolschewismus, scheint dem deutschnationalen Rosenberg bei seinem Geschichtsstudiuin entgangen zu sein. Das Mittelalter schildert er vollends als ein Eldorado der Judenheit, die heute, wenn auch nur der zehnte Teil der aufgezählten Vorrechte wahr ist, die die Juden damals genossen haben sollen, der entschwundenen Seligkeit des mittelalterlichen Ghettos die bittersten Tränen nachweinen müßte, wie einem zweiten verlorenen Paradiese. Besonders erbost zeigt sich der arische Rosenberg, der wohl zu den eifersüchtigen Rcchtshütern des deutschnationalen'Schlägertragens gehört, über die bekannte Tatsache, daß die Juden im Mittelalter mit vergold e t e n D e gen heruwgelaüfen sind. Diese goldenen Degen haben später wahrscheinlich den Anstoß zu der von jüdischer Verdrehungskunst ersonnenen ' Legende vom gelben Fleck gegeben... Bei der unerhört guten Behandlung, die die Juden iw Mittelalter genossen, ist es schließlich kein Wunder, daß sie üppig wurden und auf ganz aparte Belustigungen verfielen. So wußten sie sich kein besseres Sonntagsvergnügen — der Sonntag wurde bekanntlich von den mittelalterlichen Inden besonders gefeiert — als eine Spazierfahrt auf den christlichen Friedhöfen. Kann man sich denn auch einen sideleren Ausflugsort denken? Leider verschweigt der Autor, mit was für einer Art Fahrzeug man auf einem mittelalterlichen Kirchhof herumkutschieren konnte. Er verrät nur, daß die in raffinierten Genüssen so erfinderischen Juden bei dieser Gelegenheit vollste Gala angelegt hätten. Die deutschnationalen. Wandervögel, die in unseren Tagen vor Judensriedhöfen feierlich ausspucken, zeigen, um wie viel gesitteter sich Angehörige einer Edelrasse an den Gräbern Andersgläubiger benehmen. ' Selbstverständlich kennt der arische Rosenberg als einzige Beschäftigung der mittelalterlichen Juden nur den Wucher, obwohl ihnen angeblich bis ins 14. Jahrhundert die Handwerkszünste offen ständen. Was die Juden in Wirklichkeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, die ihnen vorübergehend durch vorurteilsfreiere Herrscher freigegeben wurden, geleistet haben, davon weiß der deutschvölkische Geschichtsforscher nichts, obwohl die Literaturgeschichte von Scherer beispielsweise sehr interessante Dinge über dse wissenschaftliche und literarische Mitarbeit der Juden; unter dem großen Hohenstaufen Friedrich dein Zweiten erzählt. Aber was sollte ein deutschnationaler Geschichtsklitterer mit diesem Tatsachenmaterial anfangen? Was brauchen vollends die Nachkommen der deutschen Stämme, die sich mit dem Schwerte die Religion der Nächstenliebe aufdrängen ließen, von den heroischen Blutopsern zu wissen, die die als materialistisch verschrienen Juden ihrer Treue zum angestammten Glauben zu einer Zeit gebrach^haben, zu der bei den germanischen Idealisten die Parolein Geltung stand: „Cuius regio illius et religio?" . , Wir glauben, unseren Lesern durch obige. Zitate 'deutschnationaler „Bildungstätigkeil" einige heitere Minuten bereitet-zu haben. Im Gr"..de genommen ist aber dieSache eine sehr traurige. Zeigt sie doch die Art und Weise, auf die die deutsche Jugend dahin gebracht wird, den Juden als die Verkörperung allen Nebels zu scheuen und auf den . Studentenkongressen tagelang . über die Judengefahr zu debattieren, weil ihr die jüdische Fürsorgetätigkeit das Kopfzerbrechen über/ viel näher - liegende.Fragen des Daseinskampfes erspart... «W hoch' engl. Stoffe; Herren- und Damenwäsche, Leinen-undStrickwaren, alles erstklassig und billigst bei ll., TaborstraBe 48 Telephon 47-1-79, En gros En delal*