Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1210 (14.6.1922)
- Date
- 1922-06-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 _ Wien. Mittwoch _ Auf dem Dampfer gehärtetes Kriegertum, gestählt durch harte Ferienübung. Von stichelhaarigen, krimstecher- Lewaffneten Kommandeuren wurde Horizont des Wattenmeeres abgesucht. Zentralgermanen (aus königkich-sächfifchen Gauen) beschäftigten sich genauestens mit Ferne. Ein riesiger Äawe ans Pommern, die andern Germanen an Massigkeit weit überragend, kaute Stullen gegen den Horizont. Im langsamem Auf und Ab zermalmte er mühelos und regelmäßig die harten Gegenstände. Umstanden von Damen, bot er diesen seine ganze breite gegenwartsfreudige Männlichkeit in einen: Triumpfstuhl zum Genüsse an, rief immer zwischen Stullenkauen: «Jung muß man sein" und suchte so die Stimmung der im Stehen und beim Zuschauen Kraft-Verlierenden anzufeuern. Ein alter Herr möllerte in Marinesignalen: „Klar zun: Gefecht" und „Das Ganze Halt", brachte sich um seine letzte Kraft. Jugend stand leichsinniger herum, drückte Waden durch Zwillichhosen und poussierte keck mit wiegender Taille. Aber das ganze Schiff kameradschaftlich geeint im Zeichen des Kreuzes. So liefen wir Emden an. An einer Nacht hat man genug. Es lärmt für unbekümmertes Eindrucknehmen auf dieser Insel, oie vorbeigelungen ist. Um so ein Goi-Experirneut rein durchzrrführen, müßte man sie den Ureinwohnern überlassen. Arier treibt man heute nicht so einfach aus der: verschiedenen Gauen Deutschlands zusammen. Tie Juden werden der: Versuch garnicht ernst nehmen. Es ist ein jüdischer Witz, Borkum. Ich reiste nach Sylt, einer Insel, die ernst genommen sein will. Wo der Strand normal aussieht, keine Verwaltung sich an den keuschen Dünenleib herangemacht hat, wo kein neuer Zündstoff gelegt wird. Mit Sylt lassen sich so wenig wie mit der offenen Nordsee solche Witze machen. ‘ Ob. Deutschland den Ariern nicht bekommt, oder ob sie vielleicht gar nicht mehr existieren, so nebenbei verdrückt vom Durchzug. fremdrassiger Scharen? Aber die alte germanische Lustigkeit am Baden sieht man eher im fröhlichen jüdischen Kreisen. Juden in den Wellen sind lustiger, vermählen sich besser dem großen Element, tauchen, ohne bös zu werden, genießen den Augenblick, legen alles erwerbliche Gebaren ab, werden zwecklos, sind vital. Im Spiel mit dem Meere jedenfalls. Will man germanischl Strände, muß man nach Niederla.nd oder Skandinavien gehen, dort ist es ungezwungener als in Borkum, wo man germanische Lust nicht finden wird. Wenn man so ein Goi-Experiment wie in Borkum machen will, muß man auch anders aussehen, für meine Begriffe von Ar:ertum wenigstens. Dte Elektrische. Straßenbahner lehnen de« Kollektivvertrag ab. Wie wir am Samstag berichtet Haltens haben die Vertrauensmänner der Straßenbahnbedieusteten in einer Versammlung am Freitag den zwischen dem Handels- und. Transportarbeiterverband und der Gemeinde Wien abgeschloffenen neuen Kollektivvertrag mit einigen von den Gemeindefunktionären zugestandenen Abänderungen, die den Wünschen der Straßenbahner entgegenkommen, angenommen. In der am Montag abends deshalb einberusenen Vollversammlung der Fahrbediensteten, die von der zuständigen Gewerkschaftsorganisation, dem Handels¬ und Transportarbeiterverbande einberufen worden war und sehr stürmisch verlief, wurde mtp vom Wortführer der Opposition, dem Schaffner Alexander erklärt, daß die Straßenbahner die im Vertrage vorgeschriebene Mehrdienstleistung nicht annehmen könnten, zumal die materiellen Zugeständnisse nur minimal seien. Der Antrag Alexanders, den Vertrag abzulehnen, wurde schließlich angenommen und aus der Mitte der Versammlung ein neues Verhandlungskomitee gewählt, das ausschließlich rms Mitgliedern der Opposition besteht. Die Ablehnung des Vertrages motivieren die Fahrbediensteten hauptsächlich damit, daß sie mit der geforderten Mehrdienstleistung, das ist die von der Gemeinde geforderte volle Auswirkung des Achtstundentages, und mit der für die Mehrdienstleistung gebotenen geringen Geldentschädigung nicht zufrieden sind. Die volle Auswirkung des Achtstundentages würde, wie wir schon einmal berichtet haben, durch die monatliche Durchrechnung der Dienstzettel erreicht werden, indem der Bedienstete bei 26 normalen Arbeitstagen 208 Stunden effektiv z» leisten hätte. Erst was darüber hinausgeht, wird als Ueberstunde vergütet. Andererseits soll nach dem Vertrage die Tourenzahl der Fahrten vermehrt werden, was für die Bediensteten eine Verkürzung der Pausen mit sich bringt, die sie gleichfalls ablehnen. Als Kompensation für diese Mehrdienstleistung ist, wie wir schon mitgeteilt haben, den Straßenbahnern eine außerordentlicheZulage geboten worden, die im Jahre drei Milliarden Kronen ausmacht, und das Defizit der Straßenbahn auf acht Milliarden Kronen erhöht. Aber auch diese Zulage erklären die Straßenbahner für rkicht genügend und bestehen auf der bisherigen Diensteinteilung. Da der Vertrag gegen den Antrag der zuständigen Organisation, das ist der Handels- und Transportarbeiterverband, abgelehnt worden ist, wird das neue Berhandlungskömitee versuchen, selbständig neue Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung anzubahnen. Die Befürchtung, daß es zu einem Streik der Fahrbediensteter kommen werde, wird im Rathaus nicht geteilt, aber es machen sich Stimmen laut, daß die Einigung wieder auf Kosten der Bevölkerung vor sich gehen und in einer neuerlichen Erhöhung des Straßenbahn t a r if e s. — hie neue .Erhöhung auf 150 K. ist ja Wiener Morgenzeltmtg erst gestern in Kraft getreten — ihren Ausdruck finden wird. Es wäre aber höchste Zeit, daß die Gemeinde endlich einmal auch ihre Bediensteten ngchdrücklichst belehrt, daß neben dem Recht zum Leben die Pflicht zur Arbeit steht. Aufnahme in das hebräische Pädagogium. Zu Beginn des Wintersemesters 1922—1923 werden in den zwei-, beziehungsweise dreijährigen Kurs zur Heranbildung von „Lehrern der hebräischen Sprache und Literatur" Schüler und Schülerinnen ausgenommen, die sich vorher einer Aufnahmsprüfung unterziehen müssen. Bei der. Aufnahmsprüfung in den dreijährigen Kurs wird verlangt: KenMnis des Pentateuchs, der ersten Propheten und der fünf Megilloth, ferner hebräische Sprache in dem Maße, um den im Pädagogium in dieser Sprache gehaltenen Vorträgen folgen zu können, und auch einige Kenntnisse in Talmud. Die Aufnahmsprüfung für die, welche nur zwei Jahre -das Pädagogium besuchen wollen, besteht in: Tnach (ganz), Talmud: Lesen und Erklären einer nicht besonders schweren Stelle, Hebräisch: vollkommene Beherrschung in Wort und Schrift (Grammatik, Sprachgebrauch usw.), jüdische Geschichte, ungefähr im Ausmaße der „Volkstümlichen Geschichte" von Grätz. Aufnahmsbewerber, die das 18. Lebensjahr überschritten haben, wollen sich bis zum 15. S eptemb er 1922 anmelden und zu diesem Zwecke Gesuche samt Abschriften ihrer allfälligen Zeugnisse dem Sekretariat des Pädagogiums, 2. Bez., Obere Donanstratze 93, einsenden. Der Tag der Aufnahmsprüstmgen, die im Oktober stattfinden werden, wird in der „Wiener' Morgenzeitung" und am „schwarzen Brett" verlautbart werden. (Jüdische Zeitungen werden um Nachdruck ge- _14, Juni 19Z2 Nr. 1210 Dasein war in kläglich-lächerlicher Weise vom Zufall abhängig Was winen wir, die. wir in sicherer Hut ausgewachsen sind, deren Lebensbahn gerade und.glatt verläuft, von der Seele eines Menschen, dessen wirtschaftliche Existenz von heute aus MMN mcht gesichert: ist, der es von lächerlichen Zwischenfallen abhängig machen muß, ob er seinen Kindern' Brot geben kann, der seine Lage nicht klar erkennen darf,- weil er sie auch dann nicht ändern kann. In dieser Schule hat die Frau Regrne jede leiseste Spur von Wohlstand verwischen gelernt, in dieser Lage hat sie gelernt, zu leugnen, daß sie überhaupt irgend etwas besaß. Als der Krieg sie nach Wien trieb, konnte die Frau diese Kenntnis wohl: verwenden. Wie haben wir gesündigt-an diesen Menschen, an unseren Brüdern, die wir kurz „Flüchtlinge" nannten und damit in eine andere Menschengattung einreihten! Flüchtlinge mußten in beispiellosem, herzzerreißenden Elend leben, sonst kümmerte sich kein Mensch um sie? Sie durften kein^Hernd auf dem Leibe, keinen Pfennig in der Tasche haben. Solange sie sich zu irgend welchem Besitz, und war er noch so - gering, bekannten, solange dächte niemand an Hilfe. Hatten sie kein warmes Kleid — es gab so viele, die frieren mußteii, waren sie unterernährt, nervös, schwächlich — so mancher Schwerkranke brauchte Hilfe. Ue.berhaupt „Flüchtlinge"! Die durften doch .keine Ansprüche stellen, mußten froh sein» wenn sie ein Dach über dem Kopfe, ein Stück Brot, ein paar alte Lumpen als Kleidung hatten. Statt den Verfall zu verhüten, halfen wir nur dort, wo das Elend zum Himmel schrie. Die scharfen Beobachter erkannten nnb verstanden das bald genug. Und wenn sie uns in manchen Fällen — sicherlich in der weitaus geringeren Zahl — größeren Jammer vortäuschten, so war das nichts als vollberechtigte Gegenwehr. Wir haben es nicht besser verdient. Wenn Frau Regine erzählt, daß sie mit drei Kindern von 30.000 K. monatlich lebt, so tut sie das, weil sie annimmt, ich würde bei einer höheren Summe Wohlleben Vvraussetzen und mich nicht weiter um »sie und ihre Not kümmern. Da das Recht also auf ihrer Seite ist, glaube ich, daß man heute um 7500 Kronen für den Kopf einen Monat lang sein Auskommen findet. Die Frau Negine' hält mich also für sehr dumm. Ich will versuchen, ihr auch das zu verzeihen. Denn unser Schuldkonto bei bei: galizischeu Flüchtlingen ist immer noch sehr groß. K. M. beten,) Das Neueste ist ... Das Neueste' ist nämlich, daß Steuerzahlen Auffassungssache sei. Dn Theaterdirektor, dessen Kunst der Interpretation seit jeher Hoch geschätzt wird, hat sich an die Auslegung von SteuervorschDten gemacht und auch auf diesem Gebiet glänzende Erfolge, geradezu Millionen-Erfolge erzielt. Leider sind die Millionen-Emnahmen diesesmal nicht - auf seiten des Theaters, was jedenfalls eine ungewohnte Neue-, rung bedeutet. Weil aber das Genie nirgends und niemals vor. Nachahmung geschützt ist, fand sich auch gleich ein Zweiter, der sich die Auffassung des bewährten ÄDnstlers zu eigen machte. Allerdings erwies sich dieser Jünger,.als elender Stümper, der es nicht einmal auf eine lumpige haM Million Strafe brachte, so daß seine Untücht.igkeit in der Drwendung des großen Königsgedankens klar erwiesen ist. Der rechtmäßige Inhaber besagten Gedankens scheint vorläufiHnoch zu schwanken, ob er „Ha, diese Elenden l" sagen und emM Prozeß anstrengen oder ob er sich anstrengen und ein paoD neue Strindberg-Stücke ausgraben soll. Wien kann in jedentzHalle nur gewinnen, entweder durch den Stadtsäckel oder durch eine ausgiebige Seelen- - knetung. Die Sympathien der BevöskerÜ!ig sind immerhin, und zwar sehr deutlich, auf Seite der Nichtzahler. Es handelt sich ja vielleicht darum, in ein Prinzip eine Bresche zu schlagen. Denn wenn Steuervorschriften „aufgefaßt" werden können und es Meinungsverschiedenheiten darüber gibt, so läßt sich ja vielleicht die Sache auch gemütlich behandeln. Wir sind natürlich sehr fürs Steuerzahlen, aber doch mbhr aus der Ferne. Die Auslegung ins Negative wird sicher Anhänger finden und mancher wird mit der Zahlung warten, bis der Streit entschieden ist. Vielleicht kann man „auslegen" statt zu zahlen. Nach Ihnen, Herr Direktor/nach Ihnen-. Kater Murr.!i Prüfungstaxen an den Mittelschulen. In den nächsten- Tagen wird in der „Wiener Zeitung" eine Verordnung erscheinen, durch welche die Taxen für die an den Mittelschulen stättfindenden Prüfungen den gegenwärtigen Verhältnissen entsprechend neu geregelt werden. Es wird unter anderem die Taxe für die Aufnähmsprüfungen in die erste Klasse der Mittelschulen mit 1000 K., für die Aufnahnisprüfnngen in aridere Klassen, wenn sich die Prüfungen auf nicht mehr als vier Gegenstände beziehen, mit 6000 K., wenn sie aber mehr Gegenstände umfassen, mit 10.000 K. bemessen. Für die Semestralprüfungen der Privatisten wird eine Gebühr von 10.000 K., für Jahresprüfungen der Privatisten (also über den Lehrstoff zweier Semester) 20.000 K. festgesetzt. Die Taxe für die, Reifeprüfungen beträgt für öffentliche Schüler 5000 K., für ordungsmätzig eingeschriebene Privatisten 20.000 K., für Externe 2600 Kronen für jede einzeln abgehaltene Vorprüfung und 20.000 Kronen für die Hauptprüfung. Für ausländische Schüler erhöhen sich die Gebi'chren auf das Fünffache, doch kann die Prü-. sungskommisston die Ausländer bei besonders berü'cksichtigungswürdiaen Umständen hinsichtlich der Gebühren mit den österreichischen Schülern gleichstellen. Oeffentlichen Schülern, bei denen die Voraussetzungen für die ' ganze oder teilweise Befreiung vom Schulgelde zutreffen, können bei den mit dem regelmäßigen Studiengange zusammenhängenden Prüfungen und bei Len ReifeprÄfulrgen Äer ÄnsumWNcrch Beschluß der Prüfungskommission ganz oder zum Teil befreit werden. * Millionenspenden. Der bekannte Finanzier Herr Otto H. Kahn aus New-Aork, der zurzeit im Wien weilt, hat für die Alt Pensionisten der'Staat sop er die Summe von '.zehn Millionen Kronen, der Direktor der Metropolitan-Opera. fbttt Giuglio Gatti-Casazza, für den gleichen Zweck vier - Millionen Kronen gespendet. * Wetterbericht. Oesterreich hat meist bedeckten Himmel, meist hat es auch ein wenig geregnet. Es ist ziemlich kühl, die Mittagstemperaturen hielten sich unter 20 Grad. Auch Süddeutschland hat trübes; kühles Wetter, Norddeutschlaud hat nur geringe Bewölkung. Vorhersage: Meist bewölkt, zeitweise leichtr Regen, mäßige oder lebhafte westliche Winde. * Alfred Grünfeld — Bürger von Wien. Der Stadtsenat hat in seiner Sitzung den Pianisten Alfred Grünfeld zum Bürger, von Wien ernannt. * Die verlogene Frau. Gestern habe ich wieder einmal die alte Regine besucht. Sie hat mich genau so belogen wie l^i allen früheren Gesprächen. Woher ich das weiß? Das ist leicht genug ausgerechnet. Die alte Regine (sie ist übrigens durchaus nicht so alt, gebärdet sich aber als wäre sie eine betagte Matrone) lebt von „da ein paar Kreuzer verdienen und dort/ ein paar Kreuzer verdienen". Wenigstens gibt sie das an, wenn man sie nach den Grundlagen ihrer Existenz fragt. Sie pflegt mitunter eine Kranke, macht Botengänge, kocht für eine Hochzeit und geht gelegentlich mit Zwirnknöpfen und Haarnadeln hausieren. -Ihr Gesamteinkommen aus all diesen Erwerbszweigen beträgt, ihrer Aussage nach, 25.000 bis 30.000 K. im Monat. Da die Frau drei Kinder hat und bisher noch nicht verhungert ist, kann man sich leicht ausrechnen, daß die Rechnung nicht stimmt. Um wie viel sie micht belügt, kann ich nicht ■ genau sagen, aber die Tatsache ist offenkundig und muß auffallen. Viel schwerer als diese Tatsache ist festzustellen, warum Negine lügt. Man muß wohl weit in die Vergangenheit der Frau zurückgreifen, um das zu begreifen. Die Frau stammt aus Polen, aus einem der kleinen russisch-polnischen Judenstädtchen, und ihr Vater hat seine zahlreiche Familie dem Anschein nach auch mit „da ein paar Kreuzer und dort ein paar. Kreuzer" durchgebracht. Man nennt das, glaube ich, Luftjuden, und ihre Existenz wird für jeden, der einen in einem Wort ausdrückbaren Beruf hat, eigentlich immer ein Rätsel bleiben. Aber so wenig der Mann auch hatte, durste er auch das wenige niemals zngestehen. Die Steuerbehörde, die Stadt, die Nachbgrn, die Verwandten — sie alle durften niemals davon wissen, daß auch nur ein paar Kopeken im Hause waren. Wer hätte einem armen „Schnorrer" zum.„Schäbes machen" nur einen Heller gegeben, wenn er nicht überzeugt davon gewesen, daß nicht einmal das Geld für eine Kerze vorhanden war. So erhielt Regine, die damals noch die kleine Regine war, ihren ersten Unterricht in der Kunst, sich beklagenswert erscheinen zu lassen. Je mehr sie heranwuchs, um . so größere Fortschritte machte sie m dieser Kunst.. Mit der Ehe war nur eine kurze Unterbrechung dieser Entwicklung gegeben. Denn Reginas Mann half einem Schwager, der Geschäftsgänge für einen Dritten machte. Dergleichen klingt für uns, die, wir daran gewöhnt sind, daß Männer Arbeiter, Lehrer, Handwerker, Angestellte oder Kaufleute sind, immer ein bißchen lächerlich, aber auch Regine selbst verstand die Tragik nicht, die diese Existenzen umschließt. Sie fühlte sich ganz wohl dabei und verstand es, auch in dem ganzischen Städtchen das Mitleid ihrer Umwelt wach zu halten, Mitleid, das sie sicherlich immer verdiente, wenn sie auch nicht wußte, wie sehr. Denn auch die Wahrheit war traurig genug. Sie batten wohl zu essen, aber sie wußten niemals sicher, ob. sie auck noch in nächsten Woche zu ellen baben würden, und ü * Ein polnisches Gymnasium auf einem jüdischen Friedhof. Eine mit dem Aufbau eines polnischen Gymnasiums in Luck betraute Regierungskommission faßte den Beschluß,'daß neue Gymnasium auf dem alten jüdischen Friedhof der Stadt errichten zu lassen, auf welchem sich die Gräber bekamcker jüdischer Gelehrter und Gaonim befinden und der von den Juden der ganzen Umgebung als Heiligtum verehrt wird. Die Süden der Stadt protestierten gegen die Entweihung des rtes, allein die Kommission berücksichtigte diese Proteste nicht und ordnete an, den Bauplatz mit einer Hölzplanke 511 umgeben. Sobald mit diesen Arbeiten begonnen wurde, versammelte sich eine vieltausendköpfige jüdische Menge, welche die Fortsetzung der Arbeit mit Gewalt hindern wollte, worauf eine Polizeiabteilung gegen die Menge heranrückte. Die versammelten Juden wählten an Ort uno Stelle eine Delegation, die sich zum Woiwoden begab und ihn über die Sachlage aufklärte. Inzwischen wurden die weiteren Arbeiten eingestellt. (I. C. B.) * Das Gartenfest -es Düdifchen Schutverereins. Für das Sonntag den 18 d. um 3 Tlhr nachmiltags im I. Kaffeehaus, Prater Hauplallee 4, zugunsten'des notleidenden jüdischen Schul- Werkes ftaltffndende Gartenfest des Iüdifchen Schulvereins haben sich namhafte jüdische Kunstkräfte in elbstloser Weise zur VerfügiMg gestellt. Oberkantor Gerson Margulies, vor Prof. Braslavsky am Klavier ibegleitet» fingt jüdische trndhedrärsche Volkslieder. Opernsängerin Fräulein Kannah Schwarz wird drei hebräische Arien von Artur Wolf oortragen. Jul usz W 0 t f! 0 h n.s «Zwei Paraphrasen über alijüdische. Volksweisen", die in Wien mit Begeisterung .ausgenommen wurden, werden von der Klapiep- Künstlerin Fräulein Zofia .'S paß gespielt. Auch der BiollNvirtuose Rudolf L a m p n l (Kalwciii-Orchel'.ek) wirkt mit. Um 9 Uhr abends Tanz im Aasinofaal des t. Kaffeehauses. Außerdem verschiedene originelle /.-umoristische Arrangements. Befönöers interessant dürste das paläsiinrnsische T 0 m b 0 t a - S p i e l .Zud Dagim" werde».- Verlosung' einer reichhaltigen modernen hebräischen'Bibliothek und Versteigerung von künstlerischen Wertgegenstätiden. Während der ganzen Dauer des Festes^ (Ende 12 Uhr nachts) großes Orcheflerkonzert im Garten. (Kapellmeister Karl JofeßL>l i ch t e r.) Restliche Karten im Sekretariat des Jüdischen Schulvereins, II, Zirkusgaffe 33; Zionistisches Landeskomilee. IL, Taborstraße 20a, Administration der „Wiener Morgenzeiiung". U.. Taborstraße 1/3, bei sämtlichen Wiener zionistischen Korporationen sowie bei oll-n Mitgliedern des Vereines Crez Israel. . * Wohnungen für -ie Mesfebesucher, nur Aerbftmrffe. Die Vorarbeiten für die Wiener Herbstmesse, die in Woche vom 10. bis 18. September ftatlfindet, sind bereits im vollen Gan^.e. Auch der W 0 h n u n g s n a ch w e i s hat seine Tätigkeit wieder ausgenommen. Da die Herbstmesse einen, viel stärkeren 5lusoruck von fremden erwarten läkt als die Früh- “U