Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1210 (14.6.1922)
- Date
- 1922-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MM,. Skr. 1210 ' Men. Mittwoch diese-Verwaltungspraxis einer großen Anzahl von Juden, die sicher die Bürgerrechte besitzt, die freie Bewegungs- Möglichkeit nimmt. Obzwar es den Behörden bekannt ist, daß infolge des Krieges in fast allen Gemeinden die Standesbücher zugrunde gegangen sind, verlangen sie immer bei Juden die Vorweisung von Dokumenten, wogegen sie Zeugenaussagen von Personen' oder Körperschaften nicht anerkennen will. Dr. Wigodzki verlangt int Memorandum im Barnen aller jüdischen Organisationen und Parteien Wilnas, daß der Delegat sofort die Zulassung von persönlichen Zeugenaussagen in jenen Ortschaften, wo. keine 'Standesbücher vorhanden sind, bewilligt, wie auch, aller: jenen Personen, die Aufenthaltsbewilligung besitzen, Bewegungsfreiheit in ganz Polen zu gestatten. Die politische Tätigkeit der Wilnaer Judenschaft liegt gegenwärtig in der: Händen-der politischen Kommission Lei der jüdischen Gemeinde, der Vertreter der Zionisten, Zeire Zion, Demokraten, Orthodoxen, Misrachi und Hcmdwerkerorgauisationen angehören. / --— Oesterreich. Eine UnLerhausdebatte ÄberD esterreich London, 12. Juni. (Reuter.) Im Unte,'Hause wurde heute die Anfrage aN die Regierung gestellt, welche Fortschritte die finanzielle Reorganisation Oesterreichs gemacht habe. Schatzkanzler Horue antwortete: Die österreichische Regierung hat Schritte unternommen, um durch eine Revision des Steuersystems erhebliche Mehreinnahmen zu erizrelen. Sie schlägt verschiedene Maßnahmen vor, um durch den Abbau des überflüssigen Personals und durch eine Reorganisation der staatlichen Jndustriekonzerne eine Verringerung der Ausgaben herbeizuführen. Darauf sind Oesterreich von Großbritannnien 2,25 Millionen Pfund, von der Tschecho-Slowakei 500 Millionen tschecho-slowakische Kronen, von Frankreich 55 Millionen Francs und von .Italien ungefähr 70 Millionen Lire als Zwischenkredite versprochen worden, die zu dem Zwecke bestimmt waren, Oesterreich über die Zeit hinwegzuhelfen, bis die gegenwärtig in Beratung stehenden, von Londoner und New-Aorker Finanz- Häusern zu gewährendell Bankkredite zu seiner Verfügung stehen würden. Der britische Kredit wurde im Februar flüssig gemacht und ermöglichte es, den Fall des Wertes der Krone für einen erheblichen Zeitraum zum Stillstand zu bringen. Der Schatzkanzler fügte hinzu, es sei ihn», bekannt, das; die französischen und italienischen Kredite bis jetzt'Uoch nicht greifbar geworden sind. Den Erklärungen Harnes folgten zahlreiche Anfragen der Iluterhansmitglieder. Wedgwood stellte die Frage, ob England das einzige Land sei, das Oesterreich Geld geliehen habe, und ob andere Länder ihre Versprechungen nicht erfüllt hätten. Horue antwortete, er. habe erfahren, daß.das Hilfsaucrbieten durch andere Länder nicht in demselben Maße'crsullt worden sei wie von seiten Großbritanniens. Auf die' Frage, ob' die britische 'Regierung irgendwelche Schritte unternommen habe, um den freien Handel zwischen Oesterreich und den Nachbarstaaten zu sichern, bemerkte Horue, daß England nicht aufgehört habe,, einen Druck in dieser Richtung auSzuübcn. Ju Be- Wienet Morgenzeitung Ziomst Rtzi rksgektion Leopoldstadfc Hont!’. Mittwoch den 1-&. Juni a. c., halb 8 ülu* abends, findet im eigenen Lokal, Zirkusgasse 38, eine ausserordentliche GENERALVERSAMMLUNG statt. TAGESORDNUNG: 1.. Tätigkeitsbericht; Obmann Dr. Leopold Plaschkes 2. Decharge 3. Neuwahlen ■ . 4. Referat: Die Lage im Zionismus und in Palästina (Dr. N. Gelber) 5. Eventualia 9574 antwortung weiterer Anfragen erklärte der Schatzkanzler, die Lage Oesterreichs sei dadurch kritisch geworden, daß das Land noch nicht in die Lage versetzt.wurde, sich von den Pfandrechten auf seine Aktiven zu befreien. In Anerkennung dieses Umstandes stimmte die britische Negierung der Gewährung eines Vorschusses zu, den sie niemals v e rs p r 0 ch e n hatte. Oesterreich sei inzwischen immer noch nicht von den Pf a n d r e ch t e n befreit worden, weil die Lösung dieser Frage in Amerika noch keine genügenden Fortschritte gemacht habe. Die brennendste Frage. Paris, 12. Juni. (Havas.) In r seiner Samstag in Genf abgehaltenen Sitzung beschäftigte sich das Finanzk 0 rn i t e e des Völkerbundes mit der finanziellen Lage Oesterreichs. Da die brennendste Frage für die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Oesterreichs in der Aufhebung des Generalpfandrechtes der Mächte und der Nachfolgestaaten besteht und andererseits diese Aufhebung der Pfandrechte ohne vorherige Regelung der Frage der Schulden der Nachfolgestaaten unmöglich ist, hat das Finanzkomitee beschlossen, an die Reparationskommission den Appell zu richten, die Regelung dieser Schulden zu beschleunigen. Dieser Appell des Finanzkomitees des Völkerbundes bedeutet also nicht, wie man behauptet hat, eine Uebertragung seiner Kompetenz an die Reparationskommission> sondern einfach eine Aufforderung an die letztere, jenen Weg einzuschlagen, der geeignet ist, d a s l e tz t e H i n de r ni s, das sich der Aufhebung der Pfandrechte noch in den Weg stellt, zu beseitigen. Tschechische Blätterstimmen zur Krise. Prag, 13. Juni. Zur Lage in Oesterreich schreibt die „Prager Presse", die österreichische Krise sei, was man nicht vergessen, dürfe, eine finanzielle, nicht eine politische. Die Spekulation gegen die Wiener. .Papierkrone habe sich über alle Schranken hinweggesetzt ünd'^ie' schärfsten Vorkehrungen seien notwendig, wenn diesem Treiben eine unübersteigbare Schranke gezogen werden solle. Die neue Negierung müsse sofort im Zusammenhang mit einem j"dermann einleuchtenden festen Plan die No t c n presse zum Stillstand bringen und vorallem statt.einer Fortsetzung der Entwertung durch ein einmaliges _14. Juni 1922 _Seife 3 Opfer der eigenen Bevö'kernng die innere Ordnung der Staatssinanzen Herstellen. Dann werde es an ausländischer Kredithilfe gewiß nicht sohlen. Die arbeitende Bevölkerung Oesterreichs werde d'e notwendigen Opfer bringen, wenn ein neuer Weg offen vor ihr liege und die Gewißheit einer Gesundung klar sei. Wenn die Wiener Regierung sich'von. Illusionen frei halte und den richtigen Weg beschreiten werde, werde nichts ihren Erfolg re-hind x können. Niemand könne einen solchen mehr wünschen, als der nördliche Nachbar Oesterreichs. Die Gesundung, der'erreichischen Währung sei auch ein Bedürfnis der tschecho-slowakischen Wirt- .schaft. , „Cas" erklärt: Damit der Staat von der Bürgerschaft das äußerste Opfer fordern könne, müsse eine allgemeine bürgerliche. Sparsamkeit gepredigt und durchgeführt werden. Es müsse die baldigste bedingnngslo.se Einstellung der Notenpresse erzielt werden. Soabld auf diese Weise das.Vertrauen des Auslandes in die österreichische Wirtschaft erneuert sei, werde eiper ausgiebigen Kredithilfe nichts im Wege stehen. Die einzige Rettung sei zunächst nach der übereinstimmenden Meinung aller die sofortige Gewährung von Krediten durch die Entente oder Deutschland. Landtag von Niederösterreich. In der gestrigen Sitzung, der niederösterreiHischeU Landtages wurden Abg. Johann Mayer zum.Oberkurator und Abg. Matthias Gößl zum Kurator der Landes-Hhpothekenanstalt für Niederösterreich gewWt. Die Erhöhung des Bautaxentarifes auf das Hundertfache wird angenommen. . ... Sodann wird die Kapitalserhöhung der gemeinwirtschaftlichen Anstalt „Holzmarkt" von 60 auf 150 Millionen Kronen unter der Bedingung beschlossen, daß auch der Bund und die Gemeinde Wien die gleiche Haftung für die Verzinsung und Tilgung der zur Ausgabe . gelangenden Teilschuldverschreibungen übernehmen. Die Einführung einer einmaligen Wohnbauabgabe, in - Stockerau gibt' dem antisemitischen Abgeordneten Doktor C z e r mack. Anlaß zu recht beherzigenswerten Ausführungen darüber, daß die W oh nun gs Politik/zum Unfegen der Mieter, des Bau gewerbos un.d d.e r H a u s b e f i tz e r Gegenstand lei den schaftl i ch e r parteimäßiger Politik geworden ist. In Wiener-Neustadt wird eine Bürgerrechtstaxe von 10.000 K. eingeführt. . . ' Der Wohnungsfonds. - Das Schau» fpielergefeß. Den Ausschuß für soziale Verwaltung beschäftigte in seiner gestrigen Sitzung ein Antrag Dr. Deuts.ch betref-! send die Erhöhung der Mittel des Bundes-Wohn- . und Siedlungsfonds auf 10 Milliarden. Der Ausschuß nahm den Antrag mit der AMiderüng an, daß der Betrag-von 10 auf 11 Milliarden erhöht werde. Weiters wurde ein Antrag der Abgeordneten Hanusch und Genossen betreffend die Gleichstellung dev Krankenkasse für die Landes- und Gemeindeangestellten mit der Krankenkasse für die Bündesangestellten angenommen. Ein Antrag Alfred Grünfeld Zum siebzigsten Geburtstage. Nun tritt auch Alfred Grünfeld, der ewig Junge, in Alter des Psalmisten ein, und seine Freunde und Verehrer rüsten zur Feier dieses Tages, der auch für die Wiener Lokalchronik von Bedeutung ist. Im großen Musikvereinssaale wird er als Pianist, als Komponist und als Menschenfreund jubilieren, in jenem Saale, den er so oft mit seinen Zauberweisen erfüllte. Alljährlich, wenn es Frühling wird, läßt der jugendliche Altmeister auch unter seinen Fingern den jungen Lenz hervorquellen, und der Saal vermag die immer noch wachsende Schar seiner Verehrer nicht mehr zu fassen. Ein- und auch zweimal muß das Grünfeld-Konzert wiederholt werden, und immer wieder spendet der Pianist Tausenden Erbauung und Trost. Schwerwiegende neue Probleme sind in den letzten Jahren in der schaffenden und reproduzierenden Kunst aufgetancht: Der ausübende Virtuose drängt sich vielfach in den Vordergrund, er will nicht mehr Diener des Kunstwerkes, sondern um jeden Preis Nachschaffender und Neutöner fein. Die schaffende Kunst selbst mit ihren nervösen, fluktuierenden Werken hat dies verschuldet, sie räumt dem Virtuosen gleich wie in der vorklassischen Zell, da die Details. vielfach hem Ausübenden überlassen ^blieben, .ein immer weiteres Feld der freien Phantasie ein. So drängt es den ehrgeizigen Nachschaffeuden, das Persönliche, die Auffassung, die „Erscheinungsform" immer mehr zu. betoüen auf Kosten des Objektiven im „Kunstwerk an sich". Ein schrankenloser Subjektivismus ist Mode geworden, an Stelle der. Gottesgabe der Persönlichkeit trlÜt der Götzendienst des Jch-Kultes. — Alfred Grünfeld hat über aller Verehrung, die er genießt, die Verehrung vor dem Kunstwerk niemals verloren, er hat auch die Auswahl feiner Programme seiner Eigenart angepaßt und sich.. jene Beschränkung auferlegt, in der sich mitunter der Meister zeigt. In den. Programmen, die das Wesen eines Künstlers wiederspiegeln oder wiederspiegeln sollten, sucht man bei Grünfeld vergebens nach den Komponisten des Impressionismus -und Expressionismus, etwa nach Ravel, Scriabine pper Barto.k. Grünfelds Domäne ist die gesunde, blühende Sinnlichkeit in der Musik, mit der sich die vergrübelte, nervöse, vielfach ausgeklügelte, intellektuelle Kunst der Moderne schlecht verträgt. In seinem Herzen lebt noch, echte, langatmige Melodie, lebt noch Verehrung für die klassischen und romantischen Meister, in seinem Garten der Jugend - erblühen Mozart, Schubert und Johann Strauß. Wenn er seine leuchtenden, satten, warmen. Töne dem Flügel entlockt, vernimmt man die reizvollsten Geschichten aus dem Wienertvald, dessen Frühlingslandschast blütenschwer duftet, und es leuchtet das Silberband der schönen blauen Donau auf. Wer vermag so schön und so wienerisch einen - Walzer zu spielen wie Alfred Grünseld, und wessen Finger spenden so unkomplizierten Wohlklang und so wienerischen Rhythmus wie die seinen? Darüber vergißt mün völlig, die Meisterschaft alles Technischen, die Höhe des Künstlerischen; man empfindet nur die alte wienerische Musikkultur voll Güte, Humor und Lebensfreude — nicht ohne einen kleinen Zusatz von Melancholie — und damit das Persönliche, in seiner natürlichen und doch sö reichen Kunst. \ Gegenüber der beispiellosen Virtuosität Godowskys, dem explosiven Temperament d'Alberts, dem faszinierenden Witz Rosenthals und der Romantik Sauers kennzeichnet. siH Grünfelds Spiel durch die heitere Ruhe und durch die Innigkeit der Empfindung. Der weiche Rhythmus der Wiener Landschaft, die edle Linie der Wiener Frauenschöuhell Md hier zu Tönen, das Klavierspiel wird Unter seinen FingexN zum Liede, das seinen Sänger preist. Daher sein inniges Verhältnis zu Schubert, dessen Lieber er in verschieden Bearbeitungen mit Vorliebe spielt.. Seine „Forelle", sein „Erlkönig", sein „Lindenbaum" sind nur einige Perlen aus seiner künstlerischen Schatzkammer, wie er denn, überhaupt in der Kleinkunst das Schöste zu bieten vermag. Welche Fülle von Wohlklang weiß er in einemJrnProrpPtu oder Moment musieal von Schubert oder in dessen ll-Moll- Menuett zu entfalten, mit wie viel Herzweh und Verklärung'singt er in manch kleinen Stückchen von Schumann oder Brahms! - Hermann Nothnagel sagte gelegentlich, nur ein guter Mepsch' könne ein guter Arzt sein; man könnte viellejcht mit Bezug auf Grünfeld sagen, nur ein guter Mensch könne ein so feinfühliger Pianist sein, könne solche Frühlingsstimmett klingen lassen, so viel Licht und Wärme spenden. das Rätsel seiner unversiegbaren Jugend, darin bzrgt sich vielleicht das Geheimnis seines wunderbaren Spieles..— Grünfeld ging nie darauf aus, tote Schätze aufzuhäufen, war aber stets zur Stelle, wenn es galt, sein Spiel in den Dienst dev Wohltätigkeit zu stellen und damit Tränen zu trocknen. — So gut der Künstler Klavier spielt, so schlecht versteht er es iw. seiner Bescheidenheit, die Trommel der Reklame zu rühren. Nur selten ist er für seine Kompositionen eingetreten, obwohl manches Klavierstück von der kleinen Serenade bis zur bekannten ungarischen Phantasie recht hörenswert ist. Uebrigens war seine Operette „Der Lebemann" vor. etwa zwei Jahrzehnten ein Zugstück des Theaters an der Wien, und seine komische Oper „Die Schönen von Fogaras" hatte vor längerer Zeit in Dresden einen starken Erfolg. Seine glänzende Untärhaltungsgabe und seine vielseitigen geistigen Interessen sind bekannt, so sxi nur noch auf seine lebhafte Teilnahme an jüdischer Volks- und Synagogalmusik hier besonders verwiesen. Alfred Grünfeld ist ein typischer Vertreter/jeysss untergegangenen Wien, in dem noch künstlerische Lebensfreude herrschte, jener alten. Residenzstadt, in der Makart und die Fürstin Metternich immer neue Feste ersannen. Damals war das Burgtheater mit Sonnenthal, Robert und der Wolter für Wien noch eine Lebensnotwendigkeit,, eine neue Girardi-Rolle war noch ein Ereignis, und im alten Bösxudorfer-Saal, den Bösendorfer, diese populäre Wiener Figur im kurzen Ueberrock mit dem Stößer am- Kopf, aus einer alten Reitschule geschaffen hatte, -traf sich dqs musikalische Wien. Langst ist dieser Saal mit seiner -idealen Akustik der Baüspekulation zum Opfer gefallen, die. Kunst schreit mehr denn je nach Brot, und der tägliche Kurszettel ist heute vielen Gebildeten wichtiger als ein künstlerisches Bekenntnis. Diese traurige Zeit mit ihren kleinlichen Morgen ist nicht der rechte Hintergrund für Grünfelds grandsignorale Persönlichkeit. , Gleichwohl ist seine Schaffensfreude ungebrochen, sein Glaube an das ewig Schöne unerschüttert, und so wünschen wir, daß uns dieser Ehren« bürger des musikalischen Wien auch.im achten Jahrzehnt seines Lebens mit seiner Kunst noch recht oft in eine bessere Welt entrücken möge. Dr. Erwin Felder. noch engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei II.; Taborstraße48 Telephon 47-1-79 En grbs En detail Aus der Empfänglichkeit seines Herzens löst sich vielleicht