Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1207 (11.6.1922)
- Date
- 1922-06-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980287--11361-2997806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1207 Men, <sDonntö(t 11. AllM l yz'i Gegangen waren, wurden in der abessynischen Literatur bewahrt und verewigt! Jetzt ist die Zeit gekommen, da das jüdische Volk sich wieder seinem Lande zuwendet, um ein jüdisches Volk zu werden, und da entsendet es einen seiner besten Söhne, Dr. Feitlo witsch, um eine Gruppe verloren geglaubter Kirtder in Abessynien auszuforschen. Und einige Zeit spater, heute, treffen wir alle wieder hier bei jenem Teich Jskiahus brüderlich zusammen. Gewiß! Unsere Weltanschauungen sind weit voneinander entfernt, aber indem wir uns der großen Vergangenheit erinnern, suchen wir uns auch geistig'wieder zu nähern. Wir kommen aus Europa nach zweitausendjähriger Wanderung, bewaffnet mit Kultur und Sprachschätzen, und suchen hier das Leben des Orientalen auf, um auch unser Leben danach einzurlchten. Ihr wieder geht'nach Europa, um wissenschaftliche Schätze zu suchen. Wir bitten euch im Namen des Zionismus, saget eurem Volke: Das jüdische Volk lebt und ist bestrebt, wieder heimzufinden. Nach Ussischkin sprach Schriftsteller A e l l i n, worauf dann der Minister Abessyniens das Wort ergriff! In seiner von Dr. Feitlowitsch verdolmetschten Rede sagte er u. a.: Ich empfinde es als ein außerordentliches persönliches Vergnügen, den heutigen Abend in ihrer Gesellschaft verbracht zu haben. Ich habe schon einigemal während meiner Anwesenheit in Jerusalem das Verwandtschaftsband, das zwischen unseren beiden Völkern besteht, betont. Auch wir waren einmal gute Juden und wurden dann zu Christen getauft. Auch heute noch studieren wir eifrig unsere Geschichte, die mit der Geschichte der Juden beginnt, die wir als einen wesentlichen Teil unserer Volksgeschichte betrachten. Wir bekennen uns als Judenstämmlinge. Wir verehren den Juden wegen seiner ewigen Lebenskraft. Wir hatten einen großen Kaiser, Menelik den Zweiten, der vor nicht langer Zeit aus dem Leben schied, und zu seinen schönsten und größten Taten zählen wir es, daß er allein seinen Untertanen, auch den Juden, die Freiheit und die Gleichheit gab. Wir halten treu zur Menelikschen Tradition und folgen ihm und dem Geiste seiner Regierung. Ich wiederhole, auch wir sind „Israeliten", und wir wollen von heute an trachten, das Freundschaftsband zwischen uns und den Juden noch enger und fester zu gestalten. Ich werde über alles, was ich hier erlebt und gefühlt habe, der Königin und allen unseren Freunden berichten. Ich wünsche Ihnen in Ihren göttlichen Unternehmungen den besten und raschesten Erfolg. Rundschau. . Die kleine Entente. - Belgrad, 10. Juni. Die Verwucr her weinen Entente traten gestern zusammen, um die Prot.emzr erörrern, die auf die Tagesordnung der Haager Kenferen.z gnetzt worden sind. Es wurde diesbezüglich eine vollkommen einheitliche Auffassung sestgestellt und im,Prinzip beschlossen. daß rie Vertreter, der kleinen Entente ehestens zu einer steuerlichen Konferenz zusammvntreten werden, Polen wird über die erzielten Ergebnisse am Laufenden erhallen werden. Auch eine Beratung zwischen dem g r i e ch i sch e n Äu ß enin! niste r und den Ministern P asic und Nineäe ist zu verzeichnen, in deren Verlauf auch die Beziehungen zu Bulgarien und deren Beeinträchtigung durch die jiülgsten bulgarischen Grenzzwischenfälle besprochen wurde. Wie verlautet, habe Anßenminster Dr. Ntnric den bulgarischen Gesandten Todorow besucht und verlangt, daß die bulgarische Negierung unverzüglich ans die letzte Note Jugoslawiens antworte und daß eine ge.nischre Kommission die Vorfälle an der Grenze prüfen solle. Der tschccho-slowakische Ministerpräsident Dr. Benesch äußerte sich vor seiner Abreise nach Prag Journalisten gegeniiber über die Politik der kleinen Entente, die auch weiterhin ihre bisherige Richtung verfolgen werde. Die Tschecho-Slowakoi sei nicht direkt am Balkan interessiert, werde jedoch alle Maßnahmen Jugoslawiens gegen Griechenland billigen und unterstützen. Bezüglich N n ß l a n d s wolle die kleine Entente .niemals und in keinem Falle irgend einen Konflikt berausbeschwören. Die Anleihekommifsion irr Paris. Der Kampf um die Reparationen. Paris, 10. Juni. Das Bankierskomitee dürfte heute seine Beratungen abschließen. Es steht noch nicht fest, ob cs ein Gutachten bezüglich der Herabminderung der Reparationsschuld abgeben wird. Dafür tritt ganz besonders Kinde rieh ein, während Delacroix dagegen ist. Es besteht auch die Schwierigkeit, daß die Gruppe, die ein Gutachten abzugeben wünscht, die Forderung nach Herabminderung der deutschen, Schuld mit der .gleichzeitigen Empfehlung an jene Staaten, die durch den Krieg nicht gelitten haben, verbinden will, diese sollen für die Sanierung der Finanzlage der Welt Opfer bringen. Gemeint sind natürlich vor allem die Vereinigten Staaten. M org a n zögert jedoch, eine derartige Aufforderung an die Vereinigten Staaten zu richten. Die Mitteilungen über die Ziffer, bis zu der die Herabsetzung der deutschen Zahlung empfohlen werden soll, schwanken gleichfalls. , Während nach dem Londoner Zahlungsplan die deutsche Schuld, mit dem augenblicklichen Werte von 75 Milliarden Goldmark berechnet würde, sollen die Bankiers für eine Einschränkung auf 50, nach einer anderen Version aus 40 Goldmilliarden eintreten. Schließlich begeguct auch eine kurzfristige kleine Anleihe Widerstand, da nur Belgien mit seiner Priorität aus einer solchen Anleihe Nutzen ziehen könnte, während Frankreich l e e r a n s g i n g e. Außerdem machte S e r g e n t geltend, daß eine kurzfristige Anleihe nur dann einen Sinn hätte, wenn sie gleichsam einen Vorschuß auf eine langfristige bilden würde, da Deutschland nicht zugleich den Zmsendienst der Anleihe, und die Reparationen tragen könne. Sergent trat daher dafür ein, daß die kurzfristige Anleihe durch private Handelskredite ersetzt werden solle, die bestimmt wären, den deutschen Export zu beleben. Völkerbund und Freimaurer. In Lausanne fand vorige Woche der dritte internationale Kongreß der obersten Behörden der F r e i m a u r e rlogen statt, an welchem 200 Delegierte als Vertreter von 26 Staaten teilnahmen. Die Teilnehmer der Konferenz wachten nach Abschluß der Kanferenzarbeiten einen Ausflug nach Genf, wo sie beim Generalsekretär des Völkerbundes, Siv Eric Drummond vorsprachen. Drninmond begrüßte die Gäste mit einer Ansprache, in der er aussührte, der Völkerbund sei nicht eine von.den Staaten, die in ihm vertreten sind, unabhängige und daher zu selbständiger Arbeit berufene Organisation, sondern nichts anderes, als eine Bereinigung vonsouveränen Staaten, die sich durch einen Vertrag verpflichten, in bestimmt umschriebenen internationalen Fragen Vorschriften von fundamentaler Bedentung einzuhalten und sich für die Zusammenarbeit tu einzelnen Fragen von internationalem Interesse eines gleichfalls im Vectrage bezeichneten Instruments zu bedienen. Auf diese Begrüßung, antwortete der Amerikaner C a s o n D a y namens der Freimaurer. Er versicherte, daß die amerikanische öffentliche Meinung allen auf einen dauernden Frieden abzieleuden Bestrebungen Sympathie und Wohlwollen entgegeudringe. Deshalb könne 'der Völkerbund bei allen seinen Schritten, die die Besserung der internationalen Beziehungen zum Hiele haben, des Wohlwollens Amerikas sicher sein. Die Delegierten statteten auch dem internationalen Arbeitsamt einen Besuch ab. Tagesbericht. Zionistisches Landeskomitee, Montag um 6 Uhr Sitzung. Der Bundesprästdent und der Bundeskanzler im Burgenland. Nikitfch, Juni. Bnndespräfident Dr. Hainisch, Bundeskanzler Dr. Seipel und Viezekanzler Dr. Frank haben zahlreiche Orte des Burgenlandes besucht. Ueberall batten sich die Vertretungen der Gemeinden, die Geistlichkeit aller Bekenntnisse, die Lehrerschaft mit der Schuljugend, die Vereine und die Brvölkerung der Umgebung zur festlichen Begrüßung eingesunken. In. den an , den Bundespräsidenten gehaltenen Ansprachen wurde der Freude Ausdruck gegben, daß jetzt endlich nach so vulsacher Verzögerung der Bestich der höchsten Funktionäre der Republik erfolgt sei, und betont, daß gerade die Bedrängnis, die der Vereinigung des Burgenlandes mit Oesterreich vorangegaMen ist, das Band tun si enger geknüpft habe. Bundespräsident Dr. Hainisch, Bundc skonzler Dr. Seipel nnv Vizekanzler Dr. Frank dankten für diese Versicherung der Treue. Sie wiesen auf die schwierige Lage hin, in der sich alle Staaten nach dem Kriege befinden, und betonten, daß Kritik an den Zuständen nichts ändern knne, sondern daß vereinte Arbeit Oesterreichs und des nunnunmehr mit ihm vereinten stammesverwandlen Burgenlandes den Wiederaufbau mächtig fördern werde. Was ist Anthroposophie? Anthroposophie oder, die neue G^Iwswissenschast, wie sie von ihren Anhängern auch genannt wird, ist eine Abart, gleichzeitig aber auch eine Erweiterung und Aus-, gestaltung der hauptsächlich ins englisch-indischen Quellen genährten Theosophie. Anthroposophie ist demnach in erster Linie eine neue Religion, die teils auf mystischen, teils auf wissenschaftlichen Grundsätzen aufgebaut ist. Die mystisch-religiösen Leitgedanken sind die Lehren von der Seelenwanderung und von der stufenweise» Seelenwandlung und ferner die Behauptung, daß der irdische Mensch schon während seines Erdenlebens durch Meditation und durch andere seelische und körperliche Uebungen in der Lage sei, mit hohen geistigen Sphären in Verbindung zu udeit und auf diese Art zu Erkenntnissen kommen könne, die einerseits tief' erschütternd, andererseits hocherheben seien und die sich einem derart übersinnlich Schauenden mit eener Sicherheit darbieten, die größer sei als jene der sinnlichen Wahrnehmungen. Wer aber in einem solchen nb^sinnlichc.n Schauen noch nicht geübt ist, wird aus die B r h?.r des Begründers der Anthroposophie, Dr. Rudolf Steinec Aresen, der darin alles niedergelegt hat, was ihm durch das übersinnliche Schauen vermittelt wurde. Dies ist schon die erste Kluft, wo der kritische Verstand nicht mitwill. Denn dieser verlangt dringend die Kontrolle des Behauw"w ' nrch Sllbsibeoba'chlm.a oder sonstwie sichere Beweise. Wie soll man denn den "übersinnlichen Wahrnehmungen irgendeines Menschen trauen, wenn wir genau wissen, wie Xiöitfig die eigene unmitelbar sinnliche Beobachtung uns täuscht? Es wäre aber durchaus oberftächlich, deshalb behaupten zu wollen, Steiner und seine Schäler wären Seite 5 . Faiseure oder ähnliches. Eine solche Behauptung wäre mindestens ebenso ungerechtfertigt, als wollte mau einem Odsichtigen sagen, er wäre ein Lügn-'.r. Es mag sein, daß seine Behauptung, er sehe Oddtt menschliches Fluidum, das einzelne Personerl ana-blich rings um den Menschen wahrnehmen—, richtig ist. Ich aber sehe kein Od und es besteht daher die Tatsache des Odvorhandenseins mich demnach nicht. So ähnlich, ist es mit den Behauptungen vyn Dr. Rudolf Steiner. Der andere Teil des anthroposophischen Credo, ist die Zusamenfassnng von Glaubenssätzen aus allerhand Religionen, die nach gewissem Anslest zu einem Ganzen vereinigt würden, wobei Steiner zwellellos von der Annahme ausgina. daß man sicherlich eine sehr gute Neureligion dadurch begründen könnte, daß man das Tiefste, Sinnreichste und Beste ans jeder einzelnen Religion nehme, speziell dann, wenn maü gleichzeitig dieser neuen Glaubenslehre einen wissenschaftlichen Habitus gebe. Ein an sich sicherlich nicht unebener Gcdaukengang. Anthroposophie will aber nicht bloß eine rxm Religion sein, sondern sie strebt gleichzeitig auch nach einer Erneuerung, respektive Neüfundierung der Medizin, -er Chemie, der Physik, der Philosophie, der Phrlalogie. und der historischen Wissenschaften, sie will die Men^eit außerdem lehren, die Kindererziehung aus andere: Grundlagen zu stellen, sie will eine bessere Sozialord-. nung schaffen und neue Ziele für sämtliche Kunst-' gattnngen sowie für Rechtsprechung und Staatenpolitik anfstellen. Dies alles und noch einiges in ehr will die Anthroposophie und die Richtlinien für all das. l len angeblich Dr. Steiner und seine Jünger und Schüler aus dem Wege der Imagination, Inspiration und In-- tuition (bildhaftes Vorstellen, geistige Eingebung und seelisches Erfassen), aus den höheren geistigen Sphären. Wie man also sieht, ist ein kühnerer Versuch zur Aufstellung eines allumfassenden Lehrgebäudes wohl noch - niemals unternommen worden. Das Auftreten der anthroposophischen Bewegung ist ein ernstes Symptom fiir die Krankheit unserer Zeit. Die Menschheit unserer Zeit leidet tatsächlich und im tiefsten Sinne des Wortes an einer seelischen Leere, oder besser gesagt, an einem verdorbenen Seelenleben. Durch das rein auf trockene Sachlichkeit, auf Kampf- und Machtfragen eingestellte Denken der Menschheit in den letzten Jahrzehnten wurde ihr Seelenleben völlig entleert und ausgehöhlt, und es wurde ihre Vorstellungswelt mit kraß mawrialistischen Anschauungen und Begriffen übersättigt und der.Krieg war gewissermaßen das Erbrechen als Folge dieser materialistischen Uebersättigung. Die Seele der zeitgenössischen Menschheit ist nun völlig leer und sie sucht, namentlich unter dein Druck der Zeitnöte, nach neuen seelischen Inhalten, nach höheren lohnenden Ausblicken. Diese Menschheit ist m gewissem Sinne seelensüchtig geworden. Da erschien Steiner und brachte mit seiner Anthroposophie einen neuen seelischen Impuls und Inhalt und es ist nach dem Vorhergesagten kein Wunder, daß er in kurzer Zeit, namentlich nach dem Kriege, eine große Anzahl von Anhängern fand. Es ist vielmehr anzunehmen, daß diese Zahl in nächster Zukunft noch wachsen wird, und es werden neben Steiner sicherlich noch andere mehr oder minder Berufene austretcn und auch sie werden Anhänger und Apostel finden. Denn eines erscheint sicher: Die Zeit einer intensiven geistigen Bewegung ist gekommen. Ein Umdenken und Neudenken der Menschheit steht bevor und es beginnt eine neue mehr geistig-seelisch eingestellte Epoche. Die rein materialistische Vorstellungswelt hat das Menschenglück in keiner Weise ge- - fördert, die Verdorrung des Seelenlebens hat sich vielmehr in mannigfacher Hinsicht als glückstörend erwiesen und die gehetzte und gequälte Menschheit wendet sich in ihrem Streben nach größeren seelischen Inhalten und nach Glück dorthin, wo ein solches in Aussicht gestellt wird, und das scheint vielen gegenwärtig bei Steiners Lehren der Fall zu sein. Ob nun die von ihm verabreichte geistige Kost auch wirklich bekömmlich und zuträglich ist, das allerdings ist eine andere Frage In seinen Schriften und Reden ließe sich unschwer eine sehr große Reihe offensichtlich unrichtiger, unlogischer und halluzinatorischer Angaben seststellen, und ekV'.v eine große Reihe von grotesken Verstiegenheiten, besonders auch auf künstlerischem Gebiet, von Inkonsequenzen und von Unstimmigkeiten zwischen seinen Behauptungen und denen seiner Schüler und Jünger. Doch immerhin, der Gründer der Anthroposophie hat die quälende Seelenleere der zeitgenössischen Menschheit erkannt und er kommt ihrem Bedürfnis nach seelischen Inhalten entgegen. Das ist sein Verdienst bei aller kritisch"» Reserve, die seiner Lehre gegenüber am Platze und dringend geboten ist. Ing. Johann Wies ner. Eine Konferenz für zionistische Theorie. , Die Mitglieder der zionistischen Exekutive Leo Motzkin und Dr. Solowejtschik versenden eine Zirknlareinladung zu einer vom 30. d. bis 4. August.'abzuhaltenden Konferenz in Heidelberg, die den Fragen der zionistischen Ideologie gewidmet sein soll. Die Tagesordnung umfaßt folgende Punkte: 1. Das Selbstbestimmungsrecht und das jüdische Recht auf Palästina. 2. Gewinnung des V!., Linke Wietizeile 44 bei der Kettenbrücke -3M Gummimäntel Schuhe, Wäsche, Krawatten, Leinenwaren und Strümpfe zu Wiens billigten Preisen