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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-11 · Heft 1207 (11.6.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1207 (11.6.1922)
Date
1922-06-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite i Wie», Sonntag Wiener Morgenzeltmig 11. Sütti 1922 .Sit. 1207 * einer katastrophalen Hausse begrüßt und hat wiederum die Miesmacherei und die wucherische Spekulation gesiegt. Wir sind uns bewußt, daß wir ohne cmSlänbifcfje Kredite nicht den Staat retten können, aber ich habe erst unlängst die Mahnung an die Entente gerichtet nicht langer mit dieser Hilfe zu zögern, sonst geht der durch Zwangsftiedensvertäge errichtete Krüppclstaat rettungslos unter. Esi st tatsächlich die letz teStunde und das Kabinett Seipel ist der letzte Versuch, den die Christlichsozialen machen, um den: Staate und dem Volke, dem sie dienen, Hilfe zu bringen. Tie Ententehilfe muß aber nicht nur bald, sondern auch in ausreichendem Maße erfolgen, denn nur mit ihr können wir eine fundierte Notenbank schaffen, und es ist gewiß die Negierungserklärung bemerkenswert, daß die neue Notenbank den ganzen bisherigen Notenumlauf zu übernehmen lim und daß von einer Notenabstempelung oder Noreneinziehung keine Rede sein kann." Die Entschädigung für Westungarn. Haag, 10. Juni. (Havas.) Die Königin hat den Bürgermeister von Rotterdam, Zimmernrann, zürn Vorsitzenden des Schiedsgerichtshofes bestimnrt, der über die Entschädigung entscheiden wird, die Ungarn wegen der verspäteten Uebergabe Westungarns an Oesterreich zu zahlen haben wird. Ungarn. Das Todesopfer der Wahl in BaraLomfüred. Wie bereits kurz berichtet wurde, ist bei der letzten Stichwahl in Baratom füred, wo sich zwei Kandidaten der Regierungspartei, und zwar Emmerich H e j j und , Ernst Esery, gegenüberstanden, der Hauptagitator des Hejj von -cn gegnerischen Agitatoren niedergeschossen worden. Wie jetzt bekannt wird, hat dieser Vorfall, obgleich sich hier zwei Mitglieder des amisemitischen Regierungsblocks bekämpften, zu einem regelrechten Pogrom in Baratomfüred sowohl in der Gemeinde als auch im Badeort geführt. Die jüdischen Wähler dieses Bezirkes hatten bei diesem Wahlgang eine überaus schwere Stellung. Die gesetzliche Wahlpflicht legte ihnen den Zwang der Abstimmung auf. Andererseits konnten sie ihre Stimmen weder dem einen, noch dem anderen Kandidaten mit ruhigem Gewissen geben, da beide Bewerber antisemitisch orientiert sind. Ein Teil der Juden entschloß sich, das kleinere Nebel, und zwar den Kandidaten C s e r y zu wählen. An der Wahlagitation jedoch heben die Juden nicht teilgenommen. Der politische Mord hat, da der Agitator für den offiziellen Regierungskandidaten Hejj gearbeitet hatte, der Partei dieses Bewerbers den erwünschten Anlaß'gegeben, die ohnehin stark erregte. Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen. Ein großer Teil der Juden flüchtete, andere suchten in den Kellern Schutz, wer erwischt wurde, wurde verprügelt, und daß es aus einen regelrechten Pogrom angelegt war, beweist das Erlebnis des Bndapestcr Advokaten Dr. Andor Latzko, der als Gast einer jüdischen Familie, in deren Miste an jenem Tage Hochzeit gefeiert wurde, in Baratomfüred weilte. Während des Hochzeitsmahles — erzählt Dr. Latzko — kam die Mitteilung, daß die Erwachenden Ungarn des Wahlkreises gemeinsam mit ihren ans Budapest zur Wahl herabgelangten Gesinnungsgenossen sich zu einem Rachefeldzug gegen die Inden zusammenrotten. Gegen 11 Uhr wurde tatsächlich die Villa, in welcher die Hochzeit gefeiert wurde, von etwa 60 Personen gestürmt, sämtliche Fenster zertrümmert. Ich ging hinaus, wo ich jedoch sofort umringt und von vier Männern mit vorgehaltenen Revolvern fortgeschleppt wurde. „Führ ihn abseits und erledige ihn," sagte einer dem anderen, „inzwischen besorge ich den Strick." Die drei Zurückgebliebenen peinigten mich und da ich ihnen erklärte, daß ich ein Christ sei (Dr. Latzko ist getaufter Jude. — Red.) begann eine förmliche Inquisition darüber, was ich in dieser Judengesellschaft zu tun habe und für welche Liste ich in Budapest stimmte. „Sollte nach deinem Tode sich deine Unschuld Herausstellen," höhnte der eine der Banditen, „so werden wir dir eine Träne nachweinen. Für alle Falle jedoch mußt du jetzt sterben. Die übrigen Juden sind hoffentlich schon längst ins Jenseits befördert." Zum Glück konnte kein Strick Herbeigeschafst werden, und ich wurde einem Manne namens Tolnai übergeben, dem ich schließlich die Rettung meines Lebens zu danken habe. Tolnai brachte mich zur Gendarmerie, deren Kaserne jedoch wie ausgestorben war, wie überhaupt während der ganzen Vorgänge die Gendarmerie nirgends sichtbar war. Erst beim Morgeckhrauen wurde ich, da Tolnai nicht recht wußte, was er mit mir anfangen sollte, und für einen Mord doch nicht zu haben war, aus meiner sonderbaren Situation befreit. Wie aus Baratomfüred vom gestrigen gemeldet wird, kehrt dort die Ruhe allmählich wieder zurück, doch wagt es ein Teil der jüdischen Bewohner und Badegäste noch immer nicht, nach Füred zurückzukehren. Polen. Die Regierungskrise. . (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, 9. Juni. In der Sitzung des Seniorenkonvents, an dem sämtliche Vertreter der Sejmklubs teilnahmen, wies der Sejmmarschatt in seiner Eröffnungsansprache auf die' STEINMETZ* I., ULIENGASSE 2 (Zugang Singerstrasse) . TEL. 89-29 TEL 89-29. Herrenwäsche feinsten Stils fertig und nach Mass -tot J - 11 woi-w—will*—n>Hii<nwnniiinBMmiiiuiiiii—rnum—wmimi nnr unangenehme Situation hin, in der sich gegenwärtig der Staat infolge der Demission des Kabinetts befindet. Sodann berichtete er über seine Konferenz mit dem Staatschef, in deren Verlauf ihm letzterer erklärte, daß er die Anfrage der Regierung, ob er die Demission-annehme, mit entern I a beantwortete. In der Debatte verlangten sätntliche Redner Aufklärung über die Gründe des Konfliktes zwischen dem Siaatschef-und der Regierung. Nur die Vertreter der Sozialdemokraten und der Witos- Gruppe verzichteten auf die diesbezüglichen Erklärungen und verlangten, s o f o r t an die Bildung der neuen Regierung heranzutreten. Hierauf wurde beschlossen, daß der Sejmmarschall sich ait den Ministerpräsidenten und beu Staatschef mit der Bitte wenden solle, dem Seniorenkonvent entsprechende Aufklärungen zu erteilet:, wie auch deren Standpunkt zur gegenwärtigen Politischen Lage bekanntzugeben. Stad) Schluß der Sitzung begab sich der Sejmmarschall zum Staatschef und teilte ihm beit Verlauf der Sitzung mit, worauf ihm Pilsudski erklärte, daß er. dem Seniorenkonvent . die Gründe der Kabinettsdemission tnitteilen werde. .Ministerpräsident Ponikowski weigerte sich jedoch, detn Seniorenkonvent irgend, welche Erklärung zu geben, da er sich im SLädlütsi der Demission befinde. In hiesigen politischen Kreisen sind Gerüchte verbreitet, daß die Ursache der Kabinettskrise in. der Forderung des Staatschefs an die Regierung liege, 4 0 Milli a r d e n M a r k für K r i e g sz w e ck e zu gewähren. Für jeden Fall sind diese Gerüchte sehr vorsichtig ztt behandeln. Interessant ist auch, .daß die. Sozialdemokraten und die Witos-Gruppe in der Frage der Kabinettsdemission z u s a m m e n g e h e n. Das Organ der Sozialdemokraten,. „Robotmk", meldet, der Konflikt sei infolge der Unzufriedenheit des Staatschefs mit der Regierungs- Politik in den O st g e b i e t e n ausgebrochen. Die nationaldemokratische Presse wendet sich sehr scharf gegen die aüßerpärlanftntärische Politik des Staätschefs. ' ' ' ■ ' In der „R z e c z p chs d olita" schreibt der bekannte nationaldenwÄ'atiscye Journalist Stanislaus Stronski, daß der Versuch des Staatschefs, die Regierung auf außerparlamentarischem Wege beiseite zu schaffen, -lebhaft äst die Zustände in Preußen erinnere, wo auch die Kabinette . zür Zeit Wilhelms 1. und Wilhelms 2. durch den Willen des Monarchen beiseite geschoben wurden. Der Staatschef erhebt Vorwürfe gegen die Regierung, die ganz unklar seien. Doch aus all diesem fei klar, daß der Staatschef g e g e n d i e F r i edenspolit i k des jetzigen Kabinetts auftrete und eine Politik einer ständigen Kriegsbereitschaft führen möchte. Der Staatschef habe bereits in der ersten Hälfte 1920 Polen zu einem Lande des Krieges statt zu dem des Friedens gemacht. Die Leitung der Politik sei nicht die Sache eines einzelnen, sondern müsse gemeinsam von Parlament und Regierung vernünftig und ernst geführt werden. Im hiesigen diplomatischen Korps ist man über die Demission ziemlich ungehalten, um so mehr, als die ausländischen Vertreter nirgends die eigentlichen Gründe der Kabinettsdemission erfahren können. Rumönien. Ein antisemitischer Tendenzprozetz. Das Attentat im Bukarester Senat. In Rumänien hält gegenwärtig der Monsterprozeß gegen die wegen des Attentats im Senat angeklagten Kommunisten die Oeffentlichkeit in Atem. Wie der Londoner Korrespondent des „Berliner Tageblatte s" mitteilt, füllt die Anklage ein ganzes Buch. „Mehr charakteristisch als die Anklage gegen die Kommunisten' aber ist die Anklage gegen den völlig geständigen und sich des Attentats sogar rühmenden Goldstein, und diese Anklage sagt unter anderem, daß das Attentat durch Goldstein in seiner Eigenschaft als Jude und als Anhängerder jüdischen Rass e'begangen worden sei, und sie weist auf den Tal m u b hin, der die Vernichtung der christlichen Gesellschast den Juden zur Pflicht mache. Bei solchen offensichtlichen Schwächen und Ungeheuerlichkeiten der Anklage konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß sich inrmer wieder Zusammenstöße zwischen Anklage und Verteidigung ergaben, und einmal verließen sogar alle Verteidiger, als der militärstraffe Vorsitzende des Militärgerichts Oberst Boieulescu gar zu sehr Militär und gar zu wenig Richter war, geschlossen den Gerichtssaal. „Königlicher Kommissär" — Staatsanwalt —- ist hier der Major-C e r n a t, und obwohl er bei den Prozeßverhandlungen eine gewisse Zurückhaltung sich auferlegt, behauptet doch die. Presse, daß in der Voruntersuchung auch er. die Angeklagten körperlich mißhandelt habe. An dieser Voruntersuchung weiß, auch die bürgerliche Oeffentlichkeit viel zu tadeln, und es wird behauptet, die Angeklagten seien nicht nur geprügelt und mit Füßen getreten worden, man habe ihnen, ttnt sie für bestimmte Aussagen gefügig zu machen, glühende Eisen unter die Fingernägel und ins Fleisch gestoßen, es seien auch spezielle Martern erfunden worden, zum Beispiel habe man die Angeklagten zusammen mit Katzen in einen Sack gesteckt oder habe Angeklagte „ans Kreuz geschlagen" und ihnen sodann mit -den Bajonetten in die Rippen gestochen." Palüstkna. Der Waad Leumt und die Verfassung. London, 7. Juni. (I. C. B.) W!e aus Jer-'salem gemeldet wird, befaßte sich die zweite Sitzung tcS W-:ad Lernn sehr eingehend mit der beim britischen Kolonialamt ln Ausarbeitung befindlichen Verfassung für Palästina. Nach einem ausführlichen Referate Ben Zwis und emer erschöpfenden Debatte, an der die Herren Ussischkin» Sprinzak, Mejucha- S. Schiller und Rabbiner Ostrowski teilnahmen. würde beschlossen, diß sich der Waad Leumi an die zionistische Exekutive in Palästina und w London um Aufklärung über einzelne im Verfassungsentwurfe enthaltene Punkte wenden solle. Jüdische Siedlung in Nazareth. Jerusalem, 8 Juni. (I: C. B.) Infolge der jüdischen Handkäufe in E m e k I c f t e c l und der Anlage von Siedlungen in-der Nähe von Nazareth durch den jüdtsLen Natt o n a l s o n d s hat sich für Juden die Möglichkeit, ergehen, sich in denr bisher „judenreinen" Nazareth nied-r/ulassen. Das Handelsrntd Jndustriedepartemenr der zionistischen Exekutive veröffentlicht soeben ein Verzeichnis der in Nazareth bestehenden Niederlassungsmöglichkeiten. Sinken der Wahnungspreift in Tel-Awiw. Jerusalem, 8. Juni. (I. C. B.) Infolge der regen Bautätigkeit und wohl auch infolge der gedrosselten Einwanderung in den letzten drei Monaten macht sich in T e l - A w? w ein Sinken der noch vor kurzem horreno.n Mietpreise bemerkbar. Aus diesem Grunde gaben einzelne Kapitalisten, die aus spekulativen Gründen bauen wollten, den Plan aus. Eine abessyaische Abordnung in Palästina. Vor kurzem weilte kn Palästina, wie uns aus Jerusalem-Herichtet wird, eine Abordnung von Abessyniern, die unter Führung des Ministers General M. Gawri einen -Studienausflug nach Palästina unternommen HÄ. Die - Gesellschaft stattete in Jerusalem den Mitgliedern des Rabbinats und der zionistischen Exekutive Besuche ab und besichtigte die wichtigsten jüdischen Institutionen. Es traf sich gerade gut, daß zur selben Zeit auch Dr. Feitlowi ts ch, der bekanntlich seit nahezu zwanzig Jahren für die geistige Hebung der abessynischen Juden, dev Falscha, mit dankenswertem Eifer täüg ist, in Palästina weilte. Die Abessynier halten ch für die direkten Abkömmlinge König Salomos und demnach als nahe stammverwandt mit dem jüdischen Volk. Zu Ehren der abessynischen Reisegesellschaft veranstaltete Dr. Feitlowitsch in dem neben „Chiskiateich" gelegenen Hotel einen Enrpfangsabend, an welchem die Mitglieder des Rabbinats, die zionistische Exekutive und andere angesehene Juden Palästinas teilnahmen. Der Abend wurde mit einer Begrüßungsansprache des Chacham Baschr Jakob M e i r eröffnet, der darauf hinwies, daß der abessynische Minister bei seinem Besuche mit Stolz daraus Lernst habe, daß die Abessynier Wohl Christen seien, aber sich in ihrem Wesen und in ihren Gebräuchen auch als Juden fühlen. Viele jüdische Gebote und Sitten, wie die Heiligung des Sabbath, die Beschneidung und eine ganze Anzahl von Festtagen sei den Abessyniern genau so heilig wie dm Juden. ,Dr. Feitlowitsch begrüßte den Ehrengast in abssynischer Sprache, die Rede wurde von den Gästen mehrfach mit Zustimmungskundgebungen begleitet. Dr. Feitlowitsch gab der.Hoffnung Ausdruck, daß dieses Zusammentreffen abesihnischer Staatsmänner mit den Führern des palästinensischen Judentums sowohl für Abessynien als auch für die zionistische Bewegung in Palästina von großem. Vorteil sein werde. Er erzählte, daß der abessynische Minister sich nicht genug über den Anblick der weinenden Juden bei den kalten großen Steinen der Tempelwand wundern konnte. Mehr als zweitausend Jahre seien vorüber, und das einstige. Heiligtum lebe noch immer unauslöschlich im Herzen des Judentums. Es sei ungefähr dieselbe Verwunderung gewesen, die einst der Patriarch Jakob zur Schau trug, als man ihm kündete, sein Sohn Josef sei noch am Leben. Ussischkin führte in seinem Trinkspruch aus: Welch wunderbare Fügung! Hier neben dem Hotel, in dem Frenndschaftsgrüße zwischen Juden und Abessyniern gewechselt werden, hier bei dem Teich Jskiahu wohnte vor dreitausend Jahren Salomo in seinem sagenumwobenen königlichen Palast, derselbe König Salomo, von dem die abessynische Sage die Abstammung der Abessynier herleitet. Bon diesem Erdenpunkt, auf dem wir uns heute befinden — sagte Ussischkin — verbreiteten sich die Kinder der Königin von S a b a in dem fernen nördlichen Afrika. Es gab Zeilen, in denen diese beiden Urenkel Salomos sich in der Verbreitung der Kultur in der Welt, vereinigten. Wie viele, wertvolle Bücher, Apokryphen, die dem Judentum verloren ¥ TUCHHAUS zum HIRSCHEN ü.laborslraöe 17ö Iilrschenhaus Mid iQ Damen 140 cm Covercoat K 8000

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