Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1207 (11.6.1922)
- Date
- 1922-06-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Htt. 1207 ' Men, Sonntag -----—---1- Knappheit. Sie empfariden Plötzlich, daß es im Lande ein Geldinstitut gibt, das sich Ar sie und ihre Entwicklung nicht weniger interessiert als für ihre eigene Existenz und Entwicklung. Und man muß zugeben, daß wenigstens bis nun/ die Bank über ihre Klienten nicht Klage zu führen braucht. Sie gibt Kredite in weitherziger Weise, und die Kreditnehmer. Hallen zum überwiegendsten Teile ihre Verpachtungen Mit großer Pünktlichkeit ein", Dr. Chaim Tartakower. Opfer der Seelenvergiftung. So oft verbrecherische oder krankhafte Triebe im Gerichtssaale entschleiert werden, pflegt man dem Ursprung dieser Entartungserscheinungen nachzugehen und kann immer wieder Klagen über den verderblichen Einfluß schlechter Jugendlektüre auf den Charakter und die Moral Per Heranwachsenden Generation vernehmen. Wir glauben, dyß die von uns jüngst gemeldete Entrnündung eines Pappendeckelfabrikanten, die auf Bitte seiner eigenen 'Muter wegen übertriebenen Judenhasses und Hang zum Trünke erfolgen mußte, einer;olchen Untersuchung besonders wert ist, weil sie in eklatantester Weise die Erziehungsresultate einer Geistesri'chtung bloßlegt, deren Verführungskunst die deutsche Jugend in ungleich größerem Maße erliegt als der Tendenz von Verbrecherfilmen und Jndianerbücheln. Denn mag auch die Gefahr dieser letzteren groß genug sein, was bedeutet sie gegen die systematisch und in großzügigster Weise organisierte Vergiftung der Jugend mit dem Geiste der religiösen und nationalen Verhetzung? Nicht jeder Jünge, der ins Kino geht oder Sherlok Holmes-Geschichten liest, wird darum zum Perbrecher. Wohl aber wird jedem Gymnasiasten und Hochschüler, der aus Eitelkeit oder Idealismus' seine Brust mit dem Farbenbande einer deutschnationalen oder klerikalen Verbindung schmückt, jedem Bürgerschüler, dem es Vergnügen bereitet, im schmucken Gewände des christlichsozialen Knabenhortle'rs hinter einer bunten Fahne und Musikbande einherzumarschieren, der Judenhaß eingeimpft. Es gibt in Wien und allen deutschen Landen antisemitische Tageszeitungen, die nur für die Jugend geschrieben, nur von 'dieser verschlungen werden, und an geist¬ und herzvergiftender Wirkung jede andere Gattung von Schundliteratur weit in den Schatten stellen.. Eine dieser Tageszeitungen, eure deutschösterreichische, hat jüngst in einer Polemik gegen die „Morgenzeitung" triumphierend . das Verdienst daran für sich in Anspruch genomm:daß von immer breiteren Schichten die Juden für jgdes Ungemach verantwortlich gemacht werden. Kann man sich, bei' Duldung, solcher „Auftsärungstätigkejt" wun-, dexn, daß ein Unglücklicher Wegen Geistesschwäche entmündigt werden muß, weil er sich sogar h Men Krei- Mener Morgenzeitung Zionistischer Sprengel links der Taborstrasse Dienstag den 13. Juni 1922 um V-8 Ohr abends findet in den Sälen des Restaurants Barschak, II., Grosse Schiffgasse 3, eine grosse Massenversammlung spr“chenWü£ Dl? WMÜW W ilD sllllilÜM die Herren Ingenieur Robert Stricker und Dr. N. N. Gelber 700 Juden, erscheinet in Massen!4 fett, in denen das jüdische Element — den Ausführungen des Verteidigers zufolge — überhaupt keine Rolle spielt, jüdischer Intrigen erwehren zu müssen glaubt, und sich durch diesen Spleen überall unmöglich macht? Die antisemitische Jugendvergiftung beschränkt sich aber in ihren Agitatiönsmitteln nrchi bloß ans die Druckerschwärze; sie stellt auch um so viel verführerische Dinge, wie Wein, Weib und Gesang, in ihren Dienst. Wenn man selbst in den traurigsten Schicksalstagen des deutschen Volkes in der Nähe der Universität ein Wirtshaus betritt, hört man alsbald fröhliches Jubilieren und Singen. Dem Unkundigen wird auf seine verblüffte Frage, was für ein Fest da gefeiert werde, der inhaltsreiche Bescheid zuteil: „Studentenkneipe!" Zwischen Alkoholvertilgung und Judenvertilgung besteht offenbar ein unlösbarer Zusammenhang. Auch davon erzählt das psychiatrische Gutachten über den 4 nnglückl chen Pappendeckelfabrikanten... Allerdings bedeutet dieser ein besonders krasses Opfer solchen Germanentums. Nicht alle Couleurstudenten und sonstigen Kneipbrüder werden schließlich entmündigt. Nicht jeder verträgt eben dasselbe Maß von Alkohol und Judenhaß! Was dem einen noch vortrefflich anschlägt, steigt dem andern zu Kopf rmd richtet dort Verwirrung an. Auch schreibt das psychiatrische Gutachten dem PapendeckelfabrikaNten die Unfähigkeit zu, sich den wirtschaftlichen Gesetzen zu fügen. Und. dafür kann man die antisemitische Demagogik wahrhaftig nicht verantwortlich machen. Speziell das großdeutsche Parteiprogramm enthält ja den ausdrücklichen Passus, daß die reinliche Scheidung vom Judentum nur dann Pflicht sei, solange aus ihr keine wirtschaftlichen Nachteile erwachsen. Diese Einschränkung wurde von der überwiegenden Masse der Jdealantisemiten schon lange, bevor sie noch offizielle Aufnahme in ein Parteiprogramm gefunden hatte, praktiziert. Daher führt auch der Antisemitismus viel häufiger zu Wren- und Ministerstellen .als zur Entmündung. IrvtzdeMsiellt sich dieser ke neswegs als ein belangloser Einzeffall dar. Die österreichi- . schen Antisemiten mit ihrer besonderen Schulung in der judenfeindlichen Unentwegtheit haben schon manche Massenblamage in den Kauf nehmen und Kritiken über sich ergehen lassen müssen, die nicht viel, schmeichelhafter klingen als das psychiatrische Gutachtern über den Wiener Pappendeckelfabrikanten. Man erinnere sich nur an die Abfuhr, die die österreichischen Alpimsten und später die österreichischen Hochschüler mit ihrem Arierpara-' graphen gefunden haben. Gelernt haben sie allerdings nichts dabei. Denn gerade in diesen Tagen hat in Salzburg ein deutschvölkischer Studentenköngreß stottgefunden, der sich, wie das großdeutsche Organ triumphierend verkündet, ausschließlich mit der- „Judengefahr" befaßt hat. Diese Massenpsychose birgt für ganz Oesterreich, das ja nicht erst entmündigt zu werden braucht, die größte Zukunftsgefahr. Darum kann der Kampf gegen die Jugendvergifter gar nicht rasch und radikal genug ausgenommen werden. Er wird sich aber twch heftiger als gegen Kino und Jndianerbüchel gegen jene säuberet! Apostel wenden müssen, die unentwegt für die Alleinherrschaft der .Arier und der christlich-germanischen Welt- . anschauung kämpfen und dazu den Artur Trcbitsch brauchen, die die Bühnen vom jüdischen Schmutz reinigen wollen und ihren eigenen Festen durch Heranziehung der Budapests OrpheuMgesellschast Glanz verleihen, die gegen den verderblichen Einfluß des Judengeldes zetern und sich in jüd sitzen Profitnnternehmungen Verwaltungsratsstellen zuschanzen lassen. Kino und Schundroman stellen noch lange nicht dos Aeußersie an Roheit, gepaart mit Verlogenheit dir! Oesterreich. , Die Kreditbesprechungen Die Besprechungen mit Mr. Ioung wurden fortgesetzt. In der Hauptsache haben jetzt F a ch r e s eren t e n das Wort, da es sich gegenwärtig nicht um die grundsätzlichen Fragen, sondern um Detailausschlüsse handelt. Alle Teile der österreichischen Finanzwirtschaft werden einer gründlichen Prüfung unterzogen. Von dem Ergebnis dieser Prüfung hängt der der Morgan-. Gruppe zu erstattende Bericht ab. . Der New-Porker Bankier Kahn, der seit einigen Tagen in Wien weilt — offiziöser Version zufolge zu privaten Zwecken — gehört nicht der Morgan-Gruppe; an. Das Bankhaus Kuhn, L 0 e b u. C 0., dem er an-: gehört, ist ein Glied einer anderen Gruppe, die aber unter Umständen einer Kreditgewährung auch geneigt sein könnte. , . ■; Weiskirchner: Es ist die letzte Stunde. In einer vorgestern, abends abgehaltenen christlichsozialen Versammlung sagte Präsident 'Dr: W e i s- .• k i r ch u e r: Die Börse hat das „Prälatenkabinett" mit 1. hoch« engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche; Leinen- und Strickwaren, alles erstk assig und billigst bei Bin Schiff mann II., Tabörstraße 48 Telephon 47-1-78 Engros En detäBI Hermann Nothnagel. Die Geschichte der Medizin ist nicht gar so arm au großen Männern, wie man nach der Anzahl der erschienenen biographischen Werke glauben könnte, knüpfen sich doch die epochalen Fortschritte in der Gesundheitslehre, die für die Menschheit vielleicht mehr bedeuten als die großartigsten technischen Erfindungen, an die Namen einzelner großer Merzte, die den folgenden Geschlechtern völlig unbekannt sind. * Nicht allein wegen der großen wissenschaftlichen Entdeckungen, sondern ob ihres vorbildlichen menschlichen Lebens und Wirkens unter ihren Zeitgenossen sollte so mancher im auföpfernden Dienste für die anderen wirkende Arzt der Vergangenheit entrissen werden. Wenn ' Hermann Nothnagel nicht ein Fürst der Wissenschaft gewesen war, verdient er auch wegen seines edlen und wahren Menschentums allein die Unsterblichkeit. Der hervorragende jüdische Gelehrte Dr. Max N e ub u r g e r, Professor für Geschichte der Medizin an der Wiener Universität, hat seine Studien über die Wiener medizinische Schule, die er in einem lesenswerten Werke „Das alte medizinische Wien in zeitgenössischen Schilderunge n" zusammengefaßt hat, mit seiner neuesten im Ricola-Verlag erschienenen Biographie Hermann Nothnagels gekrönt. („Hermann Nothnagel. Leben und Wirken eines deutschen Klinikers.") Ein monumentales Bild vom Leben und Wirken dieses einzigen, Mannes hat nun der Wiener Medikohistoriker durchs emsiges und verständnisvolles Zusammentragen zahlreichen handschriftlichen Materials und durch Abdruck der berühmtesten Reden Nothnagels vermittelt, die, wie die Gedenkrede auf dem durch eine Pestinfektion im Allgemeinen Krankenhause 1898 verstorbenen Dozenten Hermann.Franz, Müll er oder wie der Vortrag über das Sterben, „Kabinettstücke deutscher Sprachkunst uyd von edelsten Gedanken und tiefster Empfindung durchweht sind." ' Vor meinem Auge ersteht wieder der stattliche Mann in. seinem schwarzen Salonrock mit der schwarzen Krawatte; das gütige Antlitz, aus dem zwei selten schöne'blaue Augen blitzen, ist von einem wohlgepflegten Weißen Patriarchenbärt umrahmt. Seine Nähe muß wohlgetan haben. Unbegrenzt war seine Herzengüte und Aufopferungsfähigkeit, woraus M die MtzttiAe Verehrung ftiner PatMteL ex- Mts. Fünf Monate vor dem Tode des verewigten Meisters, den am 7. Juli 1905 nicht allein Wien, sondern die ganze Welt beweinte, zu einer Zeit, wo er der Umgebung wohl als ein Wunder der Rüstigkeit erschien, der Krampf ihm aber zeitweilig die Brust zusammenschnürte, „stieg er selber drei Treppen empor, die ihm sicherlich weh taten, um dem viel Jüngeren zwei Stockwerke zu sparen, die ihm vielleicht hätten schaden können. Mich deucht, das ist ein Tun, vor dem die Worte fehlen, die ich sonst nicht eben stark liebe. Selbstlosigkeit ist dafür wohl zu wenig, man müßte beinahe von Selbstverwerfung sprechen." Soschreibt der Schriftsteller I. I. David. Der Autor führt uns in die idyllische Geburtsstätte Nothnagels — der Vater war Arzt in Alt-Lietzegörike in Brandenburg —, wir verfolgen seine medizinischen Studien in Berlin, wo er die für seine Zukunft wertvollen Beziehungen zu seinem Lehrer Traube, einem Juden, dem bedeutendsten Internisten der damaligen Zeit, und zu Leyden, seinem späteren Chef in Königsberg, anknüpft, denen er eine lebenslängliche kindliche Dankbarkeit bewahrt hat. Nachdem er schon vorher 1866 seinen militärischen Diensten gegen Oesterreich Genüge getan hatte, wird der junge Dozent durch den deutsch-ftanzösischen Krieg 1870 aus seinem jungen Eheglück gerissen. In seinen Feldpostbriefen gibt er immer wieder seinem Abscheu vor den Kriegsgreueln den lebhaftesten Ausdruck. „Fluch über den Krieg, über den Jammer, welcher über Tausende und aber Tausende hereinbricht, die jämmerlichsten Eigenschaften entfesselnd." Als bedeutender Kliniker, der sich bereits durch sein „Handbuch der Arzneimittellehre" und durch die „Topische Diagnostik der Gehirnkranheiten" einen Weltruf begründet hat, folgt er der nicht ohne Intrigen verlaufenen Berufung an die Wiener Universität (1882). Hier begann seine emsige Lehr- und Forschertätigkeit, die zur Heranbildung einer Aerzteschaft führte, die von der früheren stark abwjßh. Er hielt es auch für seine Pflicht, jedem an ihn ergangenen Ruf eines Patienten Folge zu leisten. Abgesehen von den Schicksalsschlägen in der Familie — er wurde mit 39 Jahren Witwer mit vier Kindern — haben ihm in Wien Neid und Mißgunst viel Ungemach bereitet. Der gerade, aufrechte, wahrheitsliebende Mann, der nach Abstammung und Aussehen unverfälschte Germane, konnte die deutschnationale Ueberhebung und den aufkeimenden Radauantisemitismus nicht leiden und trat Mt den Freiherren v. Leitenberger und v. Suttn.er zur Gründung des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" zusammen. Der große Arzt, der - gefeierte Lehrer und Forscher, der edle Mensch, mußte die - niedrigsten Beschimpfungen der antisemitischen Presse und eine deutschnationale Studentendemonstration über sich ergehen lassen, weil er den Antisemitismus als Schmach erklärte, ihm jedes. Glaubens- und Rassenmotiv äbsprach und als das darstelle, was er wirklich ist, „nur ein Schleier, welcher noch unreinere und unedlere Beweggründe verhüllen sollte." Ließen ihn die verschiedenen Mißhelligkeiten fast . an seiner Sendung verzweifeln, brachte wieder, das „herzerwärmende Fest" des sechzigjährigen Geburtstages im geselligen Schülerkreise etwas Sonne in sein arbeitsreiches Dasein, das nach seinem Ausspruch „die Liebe verwirkt hatte". ■ Wie er seinen Beruf auffaßte, besagt sein Motto, das er in der Naturforscherversammlung 1882 aussprach: „Wenn der Deutsche-im Innersten von einer Sache sich' angesprochen fühlen soll, muß dieselbe eine ideale Seite anschlagen, sie muß sein Gemüt berühren." Ueberaus zartfühlend und empfindsam, war ihn: die Darstellung des Nackten ein Greuel, weshalb er in seinen Vorlesungen selten Frauen .verführte. Mit der Frauenbewegung war er nicht einverstanden, sein Ansspruch war:. „Der schönste Zauber des Lebens ginge dahin, wenn die Frauen gleichfalls auf der staubigen Straße des Lebens den Karren ziehen müßten." Nothnagel starb an einer Gehirnblutung im Anschluß an eine Arterienverkalkung. Als er seinen berühmten Vortrag über das Sterben hielt, mag er wohl sein baldiges Ende geahnt haben. Noch im Sterben ein großer Denker und Arzt, schrieb er bis zur letzten Minute seine Be-/ obachtungcn über die Herzanfälle nieder. Er hat an sich selbst' den Ausspruch wahrgemacht, der sich in seiner Antrittsrede an der Wiener Universität vor 22 Jahren findet : .„Nur ein guter Mensch, kann ein guter Arzt sein." Die einzig dastehende Persönlichkeit des großen Arztes, Forschers und Lehrers hat den ihrer würdigen Biographen gefunden, der das Verdienst hat, das Idealbild Nothnagels - künftigen Geschlechtern bewahrt zu haben. 1 Dr. S. -B. . kr ---