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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-09 · Heft 1205 (9.6.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1205 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Obwohl die Konferenz geheim war, hatten die jüdischen Kommunisten genaue Informationen über deren Verlauf, doch konnte die Konferenz ohne Hindernisse zu Ende geführt werden. Aus dem von der Konferenz erstatteten Tätigkeitsbericht geht hervor, daß die zionistische Organisation in den Sowjetländern trotz allen Schwierigkeiten g it t e F.o rtschritte macht. Die französische Politik im Orient. London, 6. Juni. Einer Exchange-Meldung aus Fairo Zufolge besagen dort eiugetrvffeue und bestätigte Berichte, das; die Franzosen einen Vertrag mit dem Herrscher von N e j d, Jbn Saud, abgeschlossen haben. Der Vertrag sehe vor, daß die Franzosen dem Jbn Saud Waffen, M u n i t i o n u tt b liefern und jede militärische Unterstützung gewähren, wenn er vom Hedschas, von Mesopotamien oder vom Groß- Jordausland angegriffen wird. Der Vertrag dehne das Gebiet Jbn Vauds in der. Richtung Devaa aus und sehe die Erweiterimg .pcs französischen Mandats über den Hauran vor. Außerdem bestimme der Vertrag, daß sich Jbn Saud in jeder möglichen Weise der Bildung einer arabischen Föderation unter der Aegide Großbritannien s wider setze. Jbn Saud verpflichtet sich, Frankreich in Syrien militärische Unterstützung zu leisten, wenn es ^von Groß-Jordausland oder von Mesopotamien angegriffen werden sollte. (Das von Jbn Saud beherrschte Gebiet grenzt an den Hedschas.) Die Kirche und Zer Orient. Nom, 6. Juni. (I. C. B.). Der auf Einladung des Papstes in Nom eingetrofsene katholische Erzbischof in Beirut, Msgn. Cattan, erklärte in einer Unterredung mit Pressevertreternder Vatikan mache jetzt alle Anstrengnnum eine Einigung der Kirchen aller Riten irr P a l ä-. 'stMa./üüÜ-'Shrieü.herheizuWren. - Wie der Erzbischof weiter erklärte,' wird, er in dieser Tätigkeit von der französischen Negierung sehr unterstützt. Der „M o n d o" in Rom veröffentlicht ein Jnterview mit Monsignore Cattan. Er erklärte, das; die syrischorthodoxe Kirche nach-dem Zusammenbruch des russischen Imperiums verwaist geblieben sei und die.frühere russische Regierung durch Frankreich ersetzt sehe, welches als natürlicher Förderer der katholischen Interessen in' Syrien den orthodoxer kein volles Vertrauen einflößen konnte. Diese hätterr sich vielmehr England zugewendet, welches aber den Zionismus favorisiere und nicht aufhöre, in Palästina und dem gesamten Orient die breiteste Propaganda für die anglikanische Sache zu machen. Gegenwärtig spreche man von einer Vereirrig nng der orthodoxen syrischen und der römischen Kirche. Während Monsignore Barlassina, der katholische Patriarch von Jerusalem, nach seiner Londoner Reise vielleicht auch Berlin, Paris und Wieit aufsuchen werde, um gegen den Zionism u s Propaganda zu machen, habe der Heilige Stuhl Schritte unternommen, um zu einer Einigung der syrischorthodoxen mit der römischen Kirche zn gelangen. Wachsende Opposition in RntzLand. Riga, b. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Aus Moskau eingetrofsenen Nachrichten zufolge soll in. der letzten Zeit ein großer Teil der Arbeiterschaft in scharfe Opposition gegen die Sowjetbehörden getreten sein. Auf den letzten Arbeiterversammlungen wurde von mehreren Vertretern der Arbeiterschaft auf die destruktiven Resultate der Sowjetregierung sowie auf die zerstörenden kommunistischen Elemente im politischen und wirtschaftlichen Leben Rußlands hingewiesen. Kämpfe irr Alster. London, 8. Juni. (Reuter.) Drei durch Artillerie unterstützte Bataillone habet: sich im Süden irn Ulster des beherrschenden Forts Vellek und dann des Ortes bemächtigt. ■ Das französische ArWee-Budget ö§- nMigt. Paris, 8. Juni. .(Havas.) Die Kammer hat mit 424 gegen 157 Stimmen: die Borlage.betressend einen Kredit zum Unterhalte der.Efsektivstände angenommem .Unruhe« in OherschlesiLN.'. 4 Oppeln, 8. Juni. In Oberschlesien sind heute Unruhen ausgebrochen. Es wurden mehrere Morde verübt. Herabsetzung der Neyarationen. Paris, 8. Juni. (Tel.-Komp.) Der „Matin" bringt dk Meldung, daß die von Deutschland zn zahlende Gesamtsurnmi dem Beschluß der alliierten Regierungen zufolge nicht 13? Milliarden Goldmark betragen werde, sondern daß. man dev augenblicklichen Wert dieser Summe, der sich auf etwa 60 bis 70 Milliarden beläuft, zugrunde legen wolle. Es sei jedoch wahrscheinlich, daß auch diese Summe dem internationalev Anleihekomitees viel zn hoch erscheine, weshalb sich dis Gesamtschuld auf 25 bis 30 Milliarden Goldmark ermäßigen dürfte, von welcher Summe Frankreich 13 bis 16 Milliarden erhaltet: soll. Paris, 8. Juni. (Wolfs.) Nach einer Meldung des „New-. Uork Herald" hat in her. gestrigen Sitzung der Reparationskommission, in der die Antwort an den internationalen Anleiheansschuß beschlossen wurde, der nicht mitabstimmende amerikanische Vertreter B o y d e n sich an der Diskussion beteiligt, indem er eine kurze Erklärung des Inhaltes abgab,'daß das amerikanische Publikum es ungern sehen würde, wenn de' Anleiheausschus; bei der Untersuchung des Reparationsfrag'c, wie er sie für nötig halte, t? irgendeiner Weise behindert würde. Diese E. klärung scheine auf alle Kommissionsmitglieder Eindruck g> macht zu haben. Die jüdischen FMchtlinge aus Rußland. Paris, 4. Juni. (I. C. B.) Die Exekutive der jüdischen .Wellhilsskonferenz erhielt von ihrem Vertreter im Beratungskomitee des Oberkomunssariats für russische Flüchtlinge beim V ö l k e r b u n d e einen ausführlichen Bericht über die bisherigen Unternehmungen . dieses Oberkommissariats für 'die Verteilung und Unterbrigung der in einigen Ländern konzentrierten Flüchtlinge aus Rußland. Diesem Bericht zufolge konzentrierte das Oberkonunissartat seine Haupttätigkeit auf die Transferierung dieser Flüchtlinge .in"solche Länder, wo sie Arbeitsgelegenheit und Beschäftigung finden könnten. Das Oberkommissariat stellte in seinem Berichte an den Völkerbund fest, daß sein Aufruf an die Negierungen der im Völkerbunde vertretenen Länder und au verschiedene Hilfsorganisationen, darunter auch an die Exekutive der jüdischen Welthilfsk o n f e r e n z, cm’ den „I o i n t" und an die „I. c a", günstigen Widerhall gesunden hat. Die eingelausenen Zuwendungen ermöglichten die Abwanderung von zirka 1600 russischen Emigranten aus K o u ft a n H nvpe T, deren Zahl sich dort auf 15.000 beläuft. Bezüglich der jüdischen Flüchtlinge in Konstantinopel .drückt das Oberkommissariat . seine Hoffnung aus, das die palästinensische und argentinische Regierung die Einwa.nderungsbestinnnungen für diese Flüchtlinge in der Weise mildern werden, damit es möglich wird, eine große Anzahl jüdischer Flüchtlinge auf einpral in diese Länder hrttüberzusühren. Dem Oberkommissariat ist es außerdem gelungen, bei vielen Regierungen die Erteilung von taxfreien Visen für diese meist' mittelloser: Flüchtlinge zu erwirken. Regenmäntel mmemmm engl. Stoffe, Herren« und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erst!: assig und billigst bei Sctalffmanti!.. TafcorstraRe 43 Telephon 47-1-79 En gpos En detaSü Ko«zerte. Das Hakoah - Orchester, das sich in der abgelaufeireu Saison wiederholt bewährt hat, versuchte sich unter Prof. S. Braslavskys Leiturig als Kammcrorchester; eine gefährliche Belastungsprobe für Amater:re, da es hier 'ans die fast solistische Selbständigkeit jedes einzelnen Mitwirkendet: ankonunt. So blieben denn auch kleine unvermeidliche Tonschwanknngeu nicht aus, gelegentlich geriet auch der Streicherklaug etwas dürftig, aber schließlich siegte die Spielfreudigkeit r:nd die Disziplin des jungen Orchesters. Sie sind ein persönlicher Erfolg des Kapellmeisters Braslavsky, der auch den jüdischen Gesangverein neu belebt hat und mit seiner künstlerischen Energie einen größere:: Wirkungskreis wohl auszufüllen vermöchte. — In der Mitte des Programms stand Haydns Abschiedssymphonie, die Mendelssohn ein kurioses melancholisches Stückchen nennt. Nach einer älteren Version hat Haydn diese Symphonie im Jahre 1773 als Kapellmeister des Fürsten Esterhazy in Eisenstadt komponiert, um den Fürsten von seinem Entschluß, die 16 Mann starke Musikkapelle aus ökonomischen Gründen aufzulösen, abzubringen. Es scheint jedoch, daß es sich nicht um die Auflösung der Kapelle handelte, sondern um die Absicht des Fürsten, die Familien der Musiker wegen Raummangels aus dem Schlosse zu entfernen, was ihre Lebenshaltung sehr verteuert hätte. So richtete denn Haydn an den „gütigen und großmüthigen"- Fürsten, bei dem er „zu leben und zn sterben sich wünschte", ein Bittgesuch in der Form der.Abschiedssymphonie: Nach de:: bald flehenden, bald besorgten Klängen der vorhergehenden Sätze hörten im Finale der zweite Hornist und der erste Oboist plötzlich zu spielen auf und verließen ihre Plätze. Ihnen folgten nach kurzer Zeit der Fagottist, dann der Hornist und der zweite Fagottist, sodann der Bassist, hierauf der Cellist, der dritte und vierte Geiger und der Bratschist, so daß schließlich der Primgeiger Tomasini imb der zweite Geiger allein im verdunkelten Orchesterraum verblieben und leise und zaghaft ihren Geigengesang aushauchten. Der Fürst war durch diese . Kundgebung gerührt und gestattete das weitere Verbleihen der Musikerfamilien. Seitdem ist bei der'Aufführung dieser Symphonie'ihr ursprünglicher Sinn wiederholt dadurch verdeutlicht worden, daß die Musiker mit Ende ihres Partes noch vor Schluß der Symphonie das Podium verließen. Robert Schümann berichtet, daß die. Musiker im- Jahre 1837 die Lichter auslöschten und weggingen, „was gar nicht zum Lachen war", aptytg; dieser Brauch, wie er,s«chstritt.wiLd-x..K-kM- Orchester 'geübt wurde/ auch'nicht lächerlich sein, so ist er doch für das Wesen des Werkes belanglos und wäre besser zu vermeiden, da er mit der äußeren Bewegung nur Ünrnhe in das Orchester und die Zuhörer trägt. Die historische Treue/die auf der Bühne mit ihren szenischen Problcn:en so lange ihr Unwesen getrieben hat und nun endlich überwunden scheint,' eignet sich in ihren Aeußerlichkeiten am wenigsten für die innerlichste der Künste, die Musik. Sonst könnte ein. erfinderischer musikalischer Witzbold einmal ans die Idee kommen, Händels „Wassertnustk", die der Tondichter für eine festliche Fahrt des Königs von England a::f der -Themse kotnponierte, und selbst auf der königlichen Parke an der Spitze von 50 Musikern dirigierte, trnter Zuhilfenahme eines Projektionsapparates dt:rch ein ^us den Wellen dahinziehendes Schiff begleiten zu lassen. . Eine stimmungsvolle Ausführung der dritte:: Mahler- Symphonie bot Anton Webern in einem Arbeiter-, symphoniekonzert. Er besitzt keine landläusige Dirigentenroutiye und seine weit ausladende::, übertriebenen Gesten wirken störend, ja mitunter komisch.-.Aber'man fühlt das heftige Feuer, in dem er sich selbst verzehrt, man glaubt ihm seine musikalische Sendung und sein inneres Verhältnis zu Mahler. Frau Emilie.B i t t n e r sang im Nachtlied voll Hingabe das Altsolo. Kapellmeister Alfred Wolf, der sich als Leiter des Wiener Konzert-Chores beim Reger-Fest und an einen: Bach-Abend vortrefflich eingesührt hat, enttäuschte als Orchesterdirigent an einem „Romantischen Abend", der Weber, Liszt und Brahms zusammenzwängte. Die Tempi der ersten Brahms-Symphonie, deren Wiedergabe durchwegs der Präzision entbehrte, zeigten namentlich im letztet: Satze willkürliche Verschiebungen und Zerdehnungen, Furtwängler-Allüren ohne dessen Dirigentetrgenie. Besser gelang Liszts 13. Psalm, in dessen prachtvollem Bau mit den gewaltigen Steigerungen und den wundersamen Pieistersinger-Vorahnungen Liszt . seinem - früh verstorbenen Sohne ein tönendes Denkmal gesetzt, hat.. Mit - einer schwungvollen Wiedergabe der „Siufonia do.mestica" und des Meistersingervorspieles hat Kapellmeister Bernhard Titt el seinen ' diesjährigen Konzertzystus beschlossen. Feine Ziselierarbeit ist seine Sache nicht, aber der große Wurf gelingt seinem urwüchsigen Musikantensinn, und sein Publikum.weiß ihm Dank für die mgnnigfachen, abwechslungsreichen Darbietungen zu Wigen Preisen, SMtin. des. letzten Konzerts war Frau Rose Fuchs-Fa her deren Musikalität schon an einem Kqntatcnabend der Bach-Gemeinde festzustellen. war. Sie sang mit warmer Empfindung den „Ar:adne"-Monolog unb zwei Wesendonk-Lieder und erntete freundlichen Beifall. Dimitrij Smirnow war als „erster Tenor des ehemaligen kaiserlichen Theaters in St. Petersburg" und als „gefeierter russischer Caruso" angekündigt worden und so sah man seinem Anstreten im sommerlich heißen, überfüllten Konzertsaale voll Spannung entgegen. Mit einiger Verspätung erschien der „gefeierte russische Caruso", eine stattliche Erscheinung. mit beweglichen Gesten, der die bessere Hälfte seiner Kunst Wohl nur aus dev Bühne zu bieten vermag.'Im ariosen Gesang ließ er eine berückend schöne Tenorstimme erkennen, die ganz unwiderstehlich zu säuseln und zu schmachten versteht. Italienische Gesangsktlltur und eim ausdauernder Aten:, der m seiner Länge bisweilen an Litldberg gemahnt, ergänzen seinen reichen Besitz. Freilich erreicht er mit seinem femininen, verzärtelten Dortrag, dem es an Kraft und Männlichkeit gebricht, und der sich am wertigsten für den Liedgesang eignet, trotz blendenden Materials' und imposanter Aufmachung lange nicht die seelischen Akzente und dramatische): Steigerungen unseres Pieeaver. Frau Käthe H o r n e r - T r a v n i c e k spielte an ihrem Klavierabend Konzerte von Mozart und Liszt. Ihr singender Klavierton, ihr vollgriffiges Akkordspiel und ihre flüssige Passagentechnik offenbaren gute piauistische Schulung, die Lebhaftigkeit des Ausdrucks und die Klarheit des Vortrages verraten starke musikalische Begabung. Das Orchester leitete mit Geschick ihr Gatte M.- G. T r a vnieek, und so musizierten beide in schönster ehelicher Harmonie. . . , - . Die Tanzkunst hat in Wien einen goldenen-Boden: Die Tanzabende sind massenhaft besucht, man begegnet hälftig dem Bizarren und Grotesken, man siebt viel Geist und Bildung, seltener wahre Tanzkunst, die noch immer die Beherrschung des Technischen woraussetzt. Die Damen Hedi Pfundmeyer, Tilly Losch und Marie Mindsz-enth haben die Hochschulen des Wiener,Opernballetts absolviert und-sind so in die Geheimnisse des Tanzes eingeweiht. Sie schweben nicht, auf dem extremen Flügel der Moderne, wirken vielmehr in ihrer Vereinigung von Anmut, Jugend und Schönheit wie ein leuchtendes Dreigestirn, und wäret: dazu berufet:, wienerische Tanzkultur in die Ferne zu tragen. . Dr. Erwin Felder.

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