Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1205 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980285--11338-2997781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 _ Wien, Freitag_ kariats mit denr russischen in die Wege zu. leiten, indern überschüssige italienische Arbeitskräfte zürn Aufbau Rußlands verwendet werden sollen. Damit hat es freilich noch gute Wege, und es ist fraglich, ob der Dichter, von denr die Faszisten deutlich abrücken, Zu einer Vermittlerrolle gelangen wird. Ob es zu der politischen Umgruppierung in Italien kommt, werden vielleicht die - nächsten , Aage beweisen. Die Unsicherheit der Situation haben die Vorgänge in Bologna und der ganzen Provinz Emilia deutlich aufgezeigt. _ Oesterreich. Herr Boung — Morgans Vertreter. Wie amtlich mitgeteilt wird, ist am Mittwoch Herr Doung von seiner Londoner Reise zur Fortsetzung der Kreditverhandlungen in Wien eingetrosfen und hat gestern dem Bundeskanzler, dem Außenminister' -und dem Finanzminister berichtet. In dieser Unterredung-wurden bereits alle Fragen, von deren Erledigung die Entscheidungen in der Kreditfrag e abhängig sind, durchbesprochen und auch die Methode festgelegt, nach der die weiteren finanziellen Verhandlungen geführt werden sollen. Der Bundeskanzler berichtete hierüber dem Hauptausschuß. Außerdem wurde für die Abendstunden ein außerordentlicher Ministerrat einberufen. Herr Aoung ist vorläufig als alleiniger Vertreter der britisch-amerikanischen Finanzgruppe, mit der die Verhandlungen geführt werden, erschienen. Wie wir hierzu erfahren, wird an den Samstag beginnenden Kreditverhandlungen außer Mr. Aoung nur noch ein Berttauensmann Morgans teilnehmen, da die übrigen Finanzexperten infolge der Schwierigkeiten, auf die das deutsche Anleiheprojekt gestoßen ist, vorläufig von Paris unabkömmlich sind. Die ArbeiLsloseyunterstÄtzung. 2400 K. pro Tag ab 12. Juni. Der Ausschuß für soziale Verwaltung hat gestern beschlossen, den Betrag für die Arbeitslosenunterstützung mit 2100 K. für den Tag "festzusetzen. Die Erhöhung wird anr 12. Juni in Kraft treten. Landtag von Wien. Der Landtag von Wien beschloß in seiner gestrigen Sitzung das Gesetz betreffend die von der Gemeinde Wien einzuhebenden Kanzleitaxen, ferner die Gesetze betreffend die Einhebung eines Zuschlages zu den Jmmobiliargebühren, zu den Gebühren von unentgeltlichen Uebertragungen von Liegenschaften unter Lebenden und zum Gebührenäquivalent durch die Bundeshauptstadt Wien und schließlich ein Gesetz betreffend die Abänderung des mit Gesetz vom 4. November. 1921 erlassenen Taxtarifes für Augenscheinsvornahmen aus Anlaß vop Bauherstellungen durch Private -indverschiedene.cmdere in dem Wirkungsbereiche der Gemeinde Wien gelegene Amtshandlungen. . .. Tschecho-Slowakei. Lärmszenen im Parlament. Prag, 8. Jüni. Nach der Eröffnung der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses lärmten die Kommunisten wegen der Vorgänge in Karpathorußland und riefen nach der Regierung, von der niemand anwesend war. Dem Hause wurde der Vertrag m i t O e st e rreich vom Februar 1922 betreffend die Doppelbesteuerung vorgelegt. Die Deutschbürgerlichen und die deutschen Sozialdemokraten brachten eine dringliche Interpellation über die Schulauflassungen und das Verbot der Weiterführung der Schulklassen auf Kosten der Gemeinden ein. Ende des MetallarbeiLerstreiks. Prag, 8. Juni. Heute find die Arbeiten in der Metallindustrie wieder ausgenommen worden. Ungarn. Die Wahlen. Budapests. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Ergebnisse der Wahlen lassen sich im großen ganzen bereits übersehen. Die Regierungsparteien werden etwa 165, die Opposition 80 Sitze in der Nationalversammlung zählen. Die Opposition besteht ans 25 Sozialdemokraten, 40 Liberalen und 20 Christlichnationalen. Die letzten Äichwahlen finden Samstag statt. Klebelsberg und Vatz sollen in der Regierung verbleiben, wahrend Hegheshalmi durch den Grafen Max Hohos als Handelsminister ersetzt wird. Die kleinen Landwirte sollen aus der Regierung überhaupt aus-- scheiden. Die Demission der Regierung. Warschau, 6. Juni. (Tel. d. ,,Wr. Morgenzeitung".) Wiewohl noch gestern von maßgebenden Persönlichkeiten versichert wurde, der zwischen dem Staatsoberhaupt und dem Ministerrat entstandene Konflikt, zu dem angeblich die Haltung einzelner Ressortminister den unmittelbaren Anlaß gegeben hat, werde im Laufe des heutigen Tages beigelegt werden, erfuhren die Parteiführer des Sejm von ihren Vertrauensmärmern im Belvepereschloß, daß die in Rede fte/hmden Mei^lungsverschiedenKeiten sich, seit der Wiener Morgenzeitung ir». Die Vertuschung Wir haben berichtet, daß in Subötica (Mariä Theresiopel) der Mechaniker Geza Balla verhaftet, wurde und im Verlaufe der Verhöre das Geständnis ablegte, einer der Täter des Bombenattentats gegen den Elifabethstädter Klub in Budapest zu sein. Die polizeilichen Erhebungen sind nunmehr abgeschlossen und der Akt dem Belgrader Ministerium des Innern unterbreitet worden. Das Polizeipräsidium von Subötica veröffentlicht nunmehr in dieser Angelegenheit den folgenden Bericht: Anr 26. Mai 1922 wurde vor dem Korsokino ein Passant als einer der Attentäter erkannt, die am 3. April 1922 das Attentat gegen den Versammlungsort der Elite der ungarischen parlamentarischen Opposition verübten, bei welchem acht Personen getötet und 32 verletzt wurden. Der Verhaftete ist der in Subötica geborene 25jährige Mechaniker Geza Balla, der seit dem Jahre 1919 mit kleinen Unterbrechungen in Ungarn gelebt hat. In der zweiten Hälfte des Jahres 1921 würde er als der Chauffeur des Oberstuhlrichteramtes von Steinamanger in die Truppe des berüchtigten Führers der terroristischen. Banden und der Jrredentaorganisation. der Erwachenden Ungarn Ivan Hejjas' eingereiht. Balla wurde bald hierauf der Leibchauffeur und die Vertrauensperson des Hejjas und bildete, wie später nachgewiesen wird, mit dem in der ungarischen Terroristenchronik vielfach genannten berüchtigten Verbrecher Michael Francia-Kiß und dem. genannten Hejjas ein Trio, welches, mit seiner verbrecherischen Arbeit im Dienste der verblendeten und frevlerischen ungarischen Jrkedenta Aktionen ausheckt und durchführt, welche das Entsetzen der gesamten Kulturwelt Hervorrufen. Eine ausgezeichet organisierte Bande herrscht in Ungarn seit mehr als zwei Jahren, und schreckt selbst vor den grauenhaftesten Verbrechen nicht zurück, bei denen die Opfer den Tod als wahres Glück, wenn nicht gar als Rettung betrachten. Das Bedauerlichste dabei ist, daß .Ungarn, welches in seiner wahnwitzigen Großmannssucht sich das Recht auf den Schutz seiner Rassenbrüder in solchen Staaten arrogiert, in denen die Sicherheit des Lebens der Bürger und die Freiheit des Gedankens zu den Grundgesetzen gehören, daß dieses Ungarn diese elementaren Rechte seinen letzten Ministerratssitzung viel ernster gestalteten, als es anfänglich den Anschein hatte. In der Tat wurde Ministerpräsident Ponikowski heute im schriftlichen Wege von der Am nah me d e'r DF m i s s i o n des Gssamtkabiüetts' verständigt. Merchzertig HUMaätsDs'Pi k*s'rtd's'N./öcÄ - Kabinett vorläufig mit der Wetterführung der Geschäfte betraut. Es soll ein parlamentarisches Kabinett gebildet werden. Paderewski kehrt wieder. Warschau, 7. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der hiesigen nationaldemvkratischen Parteileitung ist die Verständigung zugekommen, daß Paderewski Ende Juni in Warschau eintreffen werde. Das antijüdische Tabakmonopol. Warschau, 7. Jüni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Bei der Besprechung der Annahme des Gesetzes über das Tabakmonopol stellt die nationaldemokratische Presse fest, daß die Nationaldemokratische Partei bei der Durchführung des Gesetzes darauf achten wird, daß Juden keine Konzess i o n e n erteilt werden sollen. Verhandlungen mit Finnland. Warschau, 8. Juni. (P. T.-A.) Bläterrneldungen zufolge dürsten die polnisch-finnländischen Verhandlungen demnächst in Helsingfors wieder ausgenommen werden. Die Einsturzkatastrophe in Lemberg. 16 Todesopfer. Lemberg, 8. Juni. (Tel.. der „Wiener Morgenzeitung".) Die schreckliche Baukatastrophe, über die wir bereits berichteten, hat leider die Befürchtungen über die Zahl der Todesopfer bekräftigt. Obwohl die Aufräumungsarbeiten, an denen sich Feuerwehr und Sappeure beteiligen, noch immer nicht vollendet sind, wurden bereits 16 Leichen geborgen, darunter auch eine Familie von sieben Personen. Gestern fand unter großer Beteiligung das Leichenbegängnis des Ehepaares Dinner statt: Mehr als 20 Familien sind obdachlos und es ist kaum abzusehen, wo sie angesichts der krassen Wohnungsnot ständige Unterkunft finden sollen. Der Eigentümer des eingestürz-. ten Hauses befindet sich in Verwahrungshaft. Der Prozeß FebaK. Lemberg, 8. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Staatsanwaltschaft hat dvn Anklageakt gegen den Studenten Stephan F e d a k und 11 Genossen wegen versuchten Mordes und Hochverrates, begangen durch das seinerzeit versuchte Attentat auf den Staatschef Pilsudski, fertiggestellt-. Der Termin der Schlußverhandlung wurde jedoch bisher noch nicht festgesetzt.. Wie bekannt, hat die Verzögerung in der Aussertigung des Anklageaktes vor einiger Zeit einen mehrtägigen Hungerstreik der Angeklagten zur Folge gehabt, 9. Juni 1Ö22 1205 der Regierung. * eigenen Bürgern nicht zu sichern vermag, sondern im Ge» genteil' die Verbrecher mit feinem staatlichen Apparat schützt und damit den Beweis dafür liefert, daß diese ganze verbrecherische Arbeit von oben inspiriert und gefördert wird. Die Ergebnisse der Untersuchung gegen. Geza Balla,/ welche das zuständige Gericht der Oeffentlichkeit übergeben wird, haben gewichtige Tatsachen zutage gefördert über ein Regime, welches sich mit Gewalt an der Oberfläche halten will,' indenr es sein morsch gewordenes Fundament mit dem Blute der eigenen Bürger tränkt. Es -ist bezeichnend, daß nach Aussage des an dem Attentat beteiligt gewesenen Augenzeugen die Polizei erst eine volle Stünde nach dem Vorfall auf den Schaupray kam, obgleich der Klub sich auf einer Hauptverkehrsader der Hauptstadt befindet. Es ist ferner erwiesen, daß die nach dem Attentat eingeleiteten Erhebungen Detektivs anvertraut'wurden, von denen es allgemein bekannt ist, daß sie mit Hejjas in ständiger Verbindung sind und zu ihm innige Beziehungen unterhalten, daß ferner der die Untersuchung leitende Oberdetektiv unmittelbar vor dem Attentat mit. Hejjas einen Spaziergang unternommen hatte, und daß er aus jener Photographie, welche von Hejjas anläßlich einer seiner letzten Hetzreden ausgenommen wurde, zu seiner rechten Seite sichtbar ist, während links von Hejjas der Massenmörder F r a n e i a K i ß steht. Es würde zu weit führen, alle Einzelheiten der Untersuchung anzuführen. Sicher ist/ daß jede einzelne hinreicht, selbst den optimistischesten Glauben an die öffentliche Unparteilichkeit und Gerechtigkeit ins Wanken zu bringen. Die überhandnehmenden Attentate, sei es mit Bomben, sei es, indem die Opfer in die Donau versenkt wurden, sind unerforscht geblieben, obgleich, wie sich in diesem Falle herausstellt, die Täter mit Leichtigkeit verfolgt und die Verbrechen rechtzeittg hätten verhindert werden können, und das alles nur deshalb, weil die Regierung im Interesse des Regimes alles vertuscht hat. Die Polizei von Subötica hat durch energisches Zugreifen diese Machinationen bloßgelegt und führt die Verbrechen und Ungesetzlichkeiten eines gewalttätigen Systems vor den Richterstuhl der Oeffentlichkeit. Rumänien. Die Organisation der Kultusgemeinden Bukarest, 6. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung.") "Wie bereitsgmfctföt; /fartb vor kurzem unter dem Vorsitz des .rumänischen Kultusministers eine Konferenz der jüdischen Genkemdevertreter/stätl/üm über die Frage der einheitlichen Organisierung der'jüdischen Kultusgemeinden zu beraten. An der Konferenz nähmen Vertreter aus allen Landesteilen, darunter die jüdischen Abgeordneten und die hervorragendsten Rabbiner teil. Während namentlich die Siebenbürger Konferenzteilnehmer für die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes eintraten, sprachen sich die Delegierten aus Beßarabien und der Bukowina im Sinne einer Vereinheitlichung aus. Der Vorsitzende Minister erklärte, daß die Regierung die volle Freiheit des Killlus respektiere, was jedoch die Schaffung einer einheitlichen Organisation keineswegs hindere.. Neber Vorschlag des Ministers wurde eine Kommission eingesetzt, welche einen diesbezüglichen Gesetzentwurf ausarbeitete. Im ersten Artikel des Entwurfes wird ausgesprochen, daß die Kultusgemeinde für die religiösen und kulturellen Aufgaben der Indenschaft zu sorgen habe. Artikel 2 bestimmt, daß jede Gemeinde nur eine Kultusorganisation haben dürfe. Ausnahmen sollen nur für die Spaniolen und die Siebenbürger Orthodoxen bestehen. Die Kultusgemeinden sollen innerhalb ihres Rahmens besonderen religiösen Forderungen einer Zahl von Mitgliedern.entsprechen. In den folgenden Abschnitten wird die Gleichberechtigung der jüdischen Religion mit allen übrigen und deren Bert re t u n g s r e ch t in. öffentlichen Körperschaften ausgesprochen, ferner wird die Schaffung eines obersten Knltusrates vorgesehen, welcher in Bukarest seinen Sitz haben soll. Das aktive Wahlrecht soll vom zurückgelegten 21. Lebensjahr gelten, die Wahlen sind direkt, gleich und geheim, ferner soll die Gemeinde das Recht erhalten, direkte und indirekte Steuern einzuheben. Die näheren Bestimmungen bezüglich der Organisation der einzelnen Gemeinden, der Rabbiner-, Beamtenernennungen u. dgl. soll ein besonderes Statut regeln. Die Hochzeit des Königs. Belgrad, 8. Juni. (Avals.) Heute wurde die Trauung des Königs. A l e xander mit der rumänischen Prinzessin Maria vollzogen. Anläßlich der Hochzeitsfeierlichkeiten sind ungefähr 200.000 Personen aus der Provinz und dem Auslande in Belgrad anwesend. Abonnenten für I /Rnlln^6 „Wiener' *47 44 V4f Morgenzeitung" ♦ i