Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1200 (3.6.1922)
- Date
- 1922-06-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-sir. rsoo ' äsjteit, Vamstag Nach den bisher - vorliegenden Meldungen aus Budapest und den größeren Städten dürfte sich die Hoffnung Göinbös'' niD Nsüllen. ' . ', ' .'■.-;* Bevorstehe«-e Ankunft des amerikanischen Finanzministers. Warschau, 2. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) dieser Tage .wird hier die Ankunft des amerikanischen F> nanzministers Erosby erwartet. Die hiesigen politischen und Finanzkreise schreiben diesem Besuch große Be--, deutung zu. ' Die Agrarreform. . Warschau, 2, Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Zm Sejm brachte die Witos-Gruppe einen Dringlichkeitsantrag samt einer Novelle zum Agrargesetz ein. Die .Sozialdemokraten sprachen sich gegen die Novelle aus, , da sie lediglich die Beteilung der wohlhab'e.nden Bauern unter Umßehung des städkischen Proletariats mit noch mehr Grund und Boden erstrebt. > Der Dringlichkeitsantraj; .wurde mit 207 gegen 128 Stimmen a b g e l e h n t. Der Jüdische Klub stimmte gegen den Antrag. Die Aebernahme Oberschlesieus. Warschau, 2. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Am 3. Jupi erfolgt der Austausch der Ratifikationsurkunden in. Angelegenheiten Oberschlesiens. Die Bekanntgabe der Ratifizierung findet bei der interalliierten Kom- ' Mission in Oppeln statt. Am 10. beginnt bereits die Uebernahme Oberschlesiens durch Vertreter Polens. . Die Beamtenforderungen. .' Oemverg,. 2. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) In den Kreisen der Staatsbeamtenschaft wächst die Erregung infolge der sich von Tag zu Tag steigernden Teuerungswelle in bedenklichem . Maße. Fast täglich finden, in den größeren Städten, wie in Warschau, Krakau, Lemberg und anderwärts Manifestätio.nsversammlungen statt, die besonders im ehemaligen Kongreßpolen mitunter einen stürmischen Charakter annehmen. Es wird besonders in. E i s e n b a h n e r k r e i s en ganz unverblümt mit einem Generalstreik gedroht, falls die Regierung nicht spätestens am 1. Juli eine grundlegende, ausgiebige Gehaltserhöhung durchführen sollte. Im Warschauer Finanzministerium finden unablässig Beratungen der Departementschefs, unter Vorsitz des Ministers Michalski statt, zwecks Sicherung'der. Bedeckungsfrage für die mit einer solchen Erhöhung. verbundene Mehrbelastung des Staatsbudgets. Die. .Krakauer Beamtendelegation richtete an die Regierung die strikte. Forderung, die neuen Gehalte so zu bemessen, daß eine Vörkriegskrone dem Betrage von.heutigen 1000 polm Mark gleichkomme.'' ,' ' ' .• Wlener Morgenzeitung SänttiitskönventiM mit der Tschecho- Slöwakei. Warschau, 1. Juni. (Poln. Tel^-Ag.) Am 16. d. beginnen hier die' Verhandlungen ntit der' Tschecho-Slowakci über den Abschluß einer Sanitätskonvention. . Rumänien. Einberufung einer jüdische» Reichs- Konferenz. Bukarest, 30. .Mai. (I. C. B.) Di^ vor einigen Tagen stattgefundene Sitzung des »Reichsverbandes der rumänischen Juden beschloß,: feie Einberufung einer Reichskonferenz aller jüdischen Parteien 'und Richtungen zwecks Schaffung, einer einheitlichen poli.tischen Or ganisation für die Inden'Allrumäniens und der. angeschlossenen Gebiete. Zur Vorbereitung wurde, eine gemischte Konjmission, bestehend aus Mitgliedern des Jüdischen Reichsvereins und der Nationalen Vereinigung der Juden Siebenbürgens, eingesetzt. - Die jüdische Enquete beim Kultusminister. Bukarest, 31. Mai. (I. C. B.) An der vom rumänischen Kultusminister Bann. einberufene Enquete behufs Regelung der Fragen' des jüdischen Gemeindewesens in Rumänien nahmen 80 Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden sowie Politiker und Fachleute teil. Nach Anhörung der Meinungen der verschiedenen Gruppen und feer Regierungsvertreter wurde die Ausarbeitung eines einheitlichen Statuts beschlossen. Der Kultusminister verpflichtete sich,, nach Fertigstellung des Statuts dieses, unter Zuziehung jüdischer Experten einer eingehenden Beratung zu unterziehen,^ worauf das Statut der rumänischen Kammer zwecks Genehmigng unterbreitet werden wird. Gegenüber den.Einwendungen von ortodoxer Seite gegen ein einheitliches Statut für das gesamte jüdische Gemeinde- und Ritualwesen erklärte, der Kultusminister, daß*das. Statut unbeschadet seines einheitlichen Charakters einzelne .Sonderwünsche der Ortodoxen berücksichtigen werde. Die Sequestrierung jüdischen Vermögens. Bukarest, 30. Mai. (I. C. B.) Der jüdische Deputierte Dr. Fildermann protestierte beim Finanzminister gegen die noch immer nicht erfolgte Freigabe des Vermögens sephardr-scher Juden türkischer Staatsbürgerschaft, das während des Krieges von der Regierung beschlagnahmt wurde. Bei dieser Gelegenhet wfts Dr. Fildermann darauf hin, daß damals. das Vennögen her in Rumänien .wohnenden Christen und Muselmanen türkischer Staatszugehörigkeit vom Staate unangetastet blieb und von dieser Maßregel daher bloß Juden betroffen wurden^ 3. Juni 1922' Seite 3 § Ein Experte Europa. - New-Uork, 2. Juni. (Reuter.) Der Präsident der Amerk» kanischen Handelsvereinigung F r i e d s a m wird sich ' über Einladung des Präsidenten Har ding nach Europa begeben, um die wirtschaftliche Lage Europas zu untersuchen, und seinen Bericht Harding zu unterbreiten. „Jeder von einer jüdischen Mutter Ge» b o r n e i st ehrlo s." Dieser von der deutschnationalen Studentenschaft mit allen seinen Konsequenzen sestgehaltene Grundsatz ist auf dem vorjährigen Kongreß der deutschen' Studentenorganisation, die auch die deutschen Hochschüler Oesterreichs umfaßt, ins Wanken geraten. Der Antrag auf Fallenlassen des „völkischen Prinzips", worunter der oben zitierte Leitsatz zu verstehen ist, wurde gegen, die. Stimmen der. österreichischen Vertreter angenommen. Die österreichischen Deutschnationalen haben schon damals energisch gegen die Verletzung ihres „Selbstbestimmungsrechtes" protesttert. Nunmehr hat die Hauptgeschäftsstelle der deutschen Stu-, dentenschast einen Vertretertag nach Honnef am Rhein einberufen, und der vorbereitende Ausschuß hat einen Versassungsentwurf ausgearbeitet, der das „völkische Prinzip" fallen läßt. Allerdings bietet, wie ein Bericht meldet, die. Verfassung die sachliche Grundlage für. die Mitarbeit' der 1 protestierenden österreichischen' Studentenschaft. Das soll Wohl heißen, daß diese, unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zur Organisation, bei dem alten Grundsatz verharren kann. Aber mit dieser Konzession'ist die unentwegte österreichische Studentenschaft nicht zufrieden. Sie will mit „Verrätern", die die „angeborne Ehrlosigkeit der Juden" nicht als .heiliges Dogma achten, nichts zu tun haben. Si,e hat nachstehenden Protest eingelegt: ' Die Studentenschaften des Kreises Deutschösterreich legen schärfste Verwahrung dagegen ein, daß von ' der Hauptgeschäftsstelle Güttingens jedes Selbsthestinnnungr-' recht der einzelnen Studentenschaften außer acht lassend, wieder versucht wird, der deutschen Studentenschaft eine Gestaltung aufzu- ~ zwingen, mit der sie sich nie ititö nimm er einverstanden erklären kann und wird. Die Beschickung des rechtsungültig einberusenen außerordentlichen Studententages zum 27. Mai nach Honnef wird ab gelehnt. Pei dieser Gelegenheit spricht d"er .Kreis' Deutschösterreich dem Vorsitzenden der Reichsdeutschen Studentenschaft cand. der. pyl. Franz Holzwarth wegen seiner Geschäftsführung, die jeder studentischen Selbstverwaltung widerspricht und alle Regeln -studentischer Gepflogenheiten außer acht läßt, das schärfste Mißtrauen aus. engl« Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erstk assig und billigst bei il., Telephon 47-1-79 En sros En detal Jeder von uns, der in seinen Jugenderinnerungen herumkramt, weiß, inwelchem Maße das Lesebuch auf seinen geistigen Entwicklungsgang Einfluß genommen hat. Die rosenrote Sanftheit der glattgeölten Moralstücke, der dick aufgetragene Patriotismus einer dynasto-zentrischen Geschichtsklitterung und dazu die entsprechende' vorschßiftsmäßige Behandlung durch die Lehrerschaft — all das hat dazu mitgeholfen, die Heranwachsende Jugend ist einem Geiste zu erziehen, dessen typischest Ausdrück jenes in Europa landläufige Normalbürgertum bildet, dessen Existenz die notwendigen Voraussetzungen für ein Zeitalter der „Glorie" schuf, deren Folgen mit dem Zusammenbruch der europäischen Zivilisation gleichbedeutend sind. Es ist ein schwerer Irrtum, den Gesichtskreis auf.lediglich politische > Momente einzuschränken, wenn man nach den Gründen einer Entwicklung forschen will, die in einem Stahlbad endet, Hessen blütig-rote Fluten alle Keime von Menschlichkeit hinweggespült zu haben scheinen. Um die „gottgewollten Abhängigkeiten" sich bis in ihre letzten Konsequenzen auswirken lassen zu können, bedurfte der Geist, der aus dem Menschen eine Nummer machte, . um ihn dann zum Bedienungswerkzeug von Mordmaschinen mißbrauchen zu können, weitausgreifender Voraussetzungen, und ohne das Zerstörungswerk im Menschlichen, das bei den Jüngsten anhebt und sich der Schule als eines ihrer stärksten Mittel , bedient, wäre diese systematische Methode kaum möglich geworden. Wenn ein gewisser Preußenstolz auf den Schul-/ meister Hinweisen kann, der diese öder jene Schlacht gewönnen habe, so kann man mit gleichem Rechte verallgeinehterit, daß es allenthalben die Schulmeister gewesen sind, welche, gezwungen oder freiwillig, an. der. Vorbereitung aller Schlachten mithalfen. Die Schule ist immer noch der typische Ausdruck der jeweiligen Kultur oder Zivilisationsepochen gewesen.und in - ihr kommt nicht nur bas Bildungsideäl einer Periode zum Ausdruck, sondern ebensosehr auch deren geistig-menschlicher Grundgehalt. ' Eine radikalere Schulreform, welche, in der Vorkriegszeit als revolutionär verpönt, nunmehr da und dort.allmählich einest offiziellen Charakter anzunehmen beginnt, hat erkannt, daß eine politische und soziale Neugestaltung nür über die Schule ihren Weg nehmen kann und daß es, gilt, der, jungest Mestschettpflanze das Erdreich , zu bereiten, . aüsdemanirM.^ lebLusftM itnfc natürliche MuWm erwachsen können, daß es not tut, -in neues Lesebuch in die Schule einziehen zu lassen und' mit ihm einen neuen Geist. Die Fragen einer Neugestaltung des Unterrichts und einer zeitgemäßen Erziehung sind vielfach noch Problematisch und umstritten, aber über alles Detail und über alle Fragen, der Methode, so wichtig sie auch sein mögen, gibt es eine Gemeinsamkeit des Zieles, die in erster Reihe im Auge behalten werden muß.. s Es gibt bereits verschiedene zwischenstaatliche offiziöse und private Institutionen, * die sich mit mehr oder minder zulänglichen Mitteln bemühen, den Gedanken der Menschengemeinschaft, und des Friedens wieder aus dem Schutt hervorzugraben: Ihre Wirksamkeit ist unvollständig, solange , sie nicht auch die Frage der Erziehung in ihren Rahmen einbeziehen. Kein- Entwaffnung wird gedeihen können, ehe nicht die geistige Entwaffnung vollzogen ist, diese aber ist die Arbeit einer Generation und muß, wenn sie ganz geschehen soll, bei der Schulafel des A-B-C- Schützen beginnen, Die Frage ist wichtig genug, um auch die Kommissionen der gewichtigen Staatsmänner zu beschäftigen, und es ist nicht' einzusehen, weshalb eine internationale Kommission, für geistige Abrüstung weniger wichtiger, sein soll, als eine solche zur Prüfung des gegenwärtigen Rüstuygsstandards.Noch ist. der Völkerbund zu unvollständig und zu schwach. um an die Frage der Abrüstung radikal heranzugehen und dieSerhältnisse des . heutigen Europas würden ein solches.Unterfangen derzeit unmöglich machen. Aber die Schaffung einer internationalen Erziehungskontrolle läge im Bereich«? der Möglichkeit, die Errichtung eines autoritativen.Organs, dessen. Aufgabe es wäre, zu.prüfen, in welchem Geiste »die Erziehung der künftigen Generation in den einzelnen Staaten erfolgt und ob diese nicht eine Gefahr für die Dauer eines Friedens bedeutet, der heute noch auf schwachen Füßen ruht und nur gekräftigt werden, kann, wenn alles vermieden wird, was Gift in die noch offenen Wunden streuen könnte. Es ist ein halbes Beginnensich mit Zahlungen und Sanktionen zu begnügen, solange ist'staatlichen Erziehungsanstalten ein Heer von Oberlehrern den Geist der Revanche lebend erhält, aber die steten französischen Klagen über Deutschlands heimliche Bewaffnung verlieren ihre moralische Legitimation, toenn, wie wir in esner an die „Frank- , s Mser Zeitung"' gerichteten>Zuschrist> lesen, in Mem in Elsast-LotLrülaeu - und tut-hext SS«tffäüfiulßtt itt. Verwendung stehenden französischen Lesebuche etwa das folgende zu lesen ist: , S. 111 f.: In einem Aufsatz „Die kleinen Verstümmelten" > wird erzählt, wie ein kleiner Belgier aus Dinant, dem die Deutschen beide Arme abgehackt hätten, nach Frankreich kommt, und ein zweiter Junge, der infolge Bombenabwurfs ein Bein verloren hätte. Dann fährt F. fort: „Was haben diese Armen verbrochen, daß man sie so verstümmelte? O, diese niederträchtigen Deutv schen! Die Kinder von Frankreich werden Euch lange Zeit in ihren Herzen fluchen!" S. 113 s.: In dem zweiten Auffatz. „Das-. Holzgewehr" wird erzählt, wie französische. Kinder mit Holzgewehren Soldat spielen. Da kommen deutsche Soldaten und erschießen einen Jungen von 7 Jahren. Auf S. 114 wird dies auch noch in einem Bild dargestellt! F. fährt dann fort: ,>O, die Deutschen, welches Verbrechen, welche Feigheit! Ihr habt wohl' keine Väter, die ihre Kinder lieb haben?" In der Unterhaltung, die sich an den Aufsatz an- . knüpft, sagt die Mutter zu. ihrem Sohn „Nicht wahr, ■ mein Junge, du wirst dieses Verbrechen nicht vergessen," indem sie ihm tief in die Augen sah. —' „Ich verspreche es Dir, meine Mutter," antwortet der Sohn. Die europäische Welt ist von politischen Miasmen über und über durchsetzt und eine Reinigung der Luft wird nur zu erreichen sein, wenn allenthalben dem verhetzenden Geist der Krieg erklärt wird, der darauf uns'ist, den Haß zu verewigen und'neue Generationen zu Soldaten zu präparieren. Es ist eine gefährliche Jrrmeinung, daß Politik sich lediglich , in Wirtschaft und Handel, in Budget- und' Verkehrsfragen zu erschöpfen hat, doppelt gefährlich in einer Zeit, die aus den Fugen gerissen ist und die'nur . eingerenkt werden kann durch ein Zusammenwirken der- Völker zur Herstellung der menschlichen Solidarität,- der - gegenseitigen Hilfe und Versöhnung. Solange nran Lesebücher schreibt, um in die' aufnahmswilligen Herzen unschuldiger Kinder die Keime/ des Hasses und des V'ergeltnngsgedankens zu säen, solange nicht Menschen, sonderst Chauvinisten und Oberlehrer das Erziehungsgeschäst besorgen, werden Verträge und noch so pünktlich geleistete Reparationenunvermögend sein, den Schleier des Vergessens und Vergebens über Dinge zn breitendie» Ve^rWgenheitMeHm'MM, wenn'die kranke Welt gestesen Ünd/ feie eurMische Möilffa- «