Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1196 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1196 Wie^Dienstag' i/'/■ 'j ,~v« ' V ' . ' ' ' ' - \ \ 1 Wiener Morgettzeitvitg 30. Mai 1922 > (Seite S' : für etwaige Requisitionen jüdischer Hilfstränsporte dürck Entente hat die Konferenz von Genua ein großes Positivem gebracht. Sie hat praktisch gezeigt, was es bedeutet, wenn die Staaten der kleinen Entente, g e m e i n s a m u n d einheitlich in allen großen Fragen, die Mitteleuropa betreffen, Vorgehen. Der Einfluß dieses einheitlichen Vorgehens war überall sichtbar hat der Konferenz selbst die besten. Dienste geleistet und sie vor ernsten Krisen bewahrt. Es ist äußerst'interessant, zu bemerken, daß. trotz der oft gegenteiligen-wirtschaftlichen Jnteressem der Staaten der kleinen Entente — die T s ch e.ch o - S l o w akei ist z. B. ein überwiegendes Industrieland/ während Jugoslawien und Rumänien Agrarländer sind —.in allen Fragen der Politik Einmütigkeit unter den Verbündeten herrscht, die auch irt der russischen Frage,'die das schwerste Problem von Genua darstellte, zum Vorschein kam. Die kleine Entente fand immer die goldene Mittellinie für alle diese Fragest. Gestx t d nr r’i c war die kleine Entente in Genua ein Faktor, der wirklich großen Einftuß ans die Beschlüsse der Konferenz ausübte. . Die antifranzösische BewegU'-ig im . . Orient. Arabischer Boykott gegen französische Waren. Kairo, 25. Maü. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) <^or einiger Zeit ist es, wie gemeldet, zu blutigen Unruhen in S y r i,'e n gekommen, die die französischen Behörden Mit großer Energie unterdrückt haben. Die schwere Bestrafung der Anführer hat nicht die Wirkung gehabt, die Erregung der syrischen.Bevölkerung einzudämmen, und die antifranzösische Propaganda hat auf die Nachbargebiete, wie Mesopotamien und auch Palästina, übergegriffen. Die ägyptische Zeitung „Jstuklul" meldet, die Kaufleute und. Reeder in Jaffa und Haifa hätten beschlossen, als Protest gegen die Vorgänge in-Damaskus Über französische Schiffe und Waren den Boykott zu verhängen. Die in Syrien erscheinenden arabischen Blätter stehen unter ' strenger Zensur. , Poineares Reife nach Lorr-vn. - Paris, 29. Mai. Pertinax melde! dem „Echo de Paris".aus London, daß Poineare während des Auf- - «irthaltes in London vom 17. bis 19.^Jstni eine.Begegnung mit. Lloyd George, haben werde. Botschafter Saint-Aulaire begebe sich zu-Ende der. Woche nach Baris, um die notwendigen Arrangements' zu treffen. Wahrscheinlich werde Poineare bei dem . Bankett, das Lloyd George in Chequers geben werde, mit dem englischen Premierminister eine- Besprechung . abhalten. ... . Die baltischen Staaten und Wilna. Kowno, 26. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Telegraphenagentux Elta meldet, die Vertretet der Regierungen von E stl a n d, L e t tl a n d und Finnland erklären, daß sie die Beschlüsse der Warschauer baltischen Konferenz bezüglich Wilnas auf keinen Fall derart interpretieren können, wie es Polen gegenwärtig in Paris und London tue. Sie'betrachten die Wilnder Frage nach wie vor für unerledigt und verbleiben in dieser Hingen soll eine diesbezügliche gemeinsame Deklaration, dieser Staaten erfolgen. . ' . . Wahlen am Berföhnungstag. Riga, 26. Mai.'(Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die lettische Regierung hat soeben eine Verordnung, erlassen, wonach.die Parlamentswahlen am I o m k i p pur stattfinden sollen. Ans dieser Bestimmung ist deutlich zu ersehen, daß die Regierung nichts anderes als die Entrechtung der jüdischen Wähler, - die an diesem Tage an den Wahlen nicht teilnehmen werden, erstrebt. Die jüdischen Abgeordneten haben gegen diese Verordnung schärfsten Protest eingelegt und die Ausschreibung der Wahlen für den 21. Oktober verlangt. Ein Dementi Sir Herbert Samuels. London, .28. Mai, (I. E. B.) Sir Herbert S a m n e l dementiert in einer Zuschrift an die Londoner Presse einige ihm in seiner vor einer Versannnlung von Parlamentariern über Palästinafragen gehaltenen Rede zugeschriebene Aeußerungen und erklärt, er habe weder gesagt, daß die Juden.an Zahl znnehmen müssen, um.schließlich die Major i t ä t zu bekommen, noch hat er in irgendwelcher Form von Pcachinationen der „Vollblutzionisten" gesprochen.. (Diese Erklärung bezieht sich in der Hauptsache auf den auch von uns mitgeteilten Bericht der „Morning Post".) Die Konstskatto» der Krrchengüter in Rußland. ' Moskau, 29. Mai. (Funkspruch.) Das gesamte Vermögen des Michailow-Klofters in. Kiew wurde wegen Verheimlichung der' Kirchenkleinodien zugunsten der Hungernden konfisziert. Tie Kirche selbst wurde in die unmittelbare Verwaltung der Gläubigen gegeben. Bischof' Alexis, Erzbischof Tichon und der Priester Innozenz wurden zu fünfjähriger Haft verurteilt. . Tagesbericht. Keine Requirierung jüdischer Hilfstransporte in Rußland. Paris, 27. Mai. (I. C. B.) Die Exekutive der j üdischen Welthilfskonferenz dementiert die vor einigem Tagen veröffentlichte Nachricht aus Riga, wonach, die Sowjetbehörden den von der jüdischen Welthilfskonferenz an das französische Rote Kreuz adressierten Hilfstransport requiriert und mit Genehmigung Dr. N a n- ,sens unter Nichtjuden verteilt hätten. Dieser Hilsstrans-> Port wurde nicht andas 'französische an den Vertreter des internationalen Roten. Kreuzes und. an die internationale Union für Kinderhilfe adressiert, ferner konnte der Transport nicht nach Moskau gelangen, da er über Polen direkt nach Charkow geleitet wurde. Im übrigen bestehe zwischen der . jüdischen Wellhilfskonferenz btc Sowjetbehörden für andere als jüdische Zwecke die Volks Verantwortung trägt und e r s a tz p f l i ch t i g ist. Bukarest, .28. Mai. (I. E. B.) In. den letzten Taget gingen in Begleitung des Nansen-Vertreters Dr. Baerl-- l r e r i und des „I o i n t"-Delegierten Aronovici, größere Hilsstransporte an Lebensmitteln. Kleidungsstücken und Medikamenten nach Rußland ab, Die rumänischen Behörden ließen der Hinüberbeförderung dieser Transporte alle mögliche Hilfe zuteil werden. Dev Streik in der Wiener Herren- Mktzschneiderei. Wiederaufnahme der Arbeit bei zirka WO Kleinsirmen. -- Verschärfte Streikführung gegen 330 Großfirmen. . Beim Einsiedler im Prater fand gestern über , Einbe-« rufgng der Vereinigung der Kundenstückmeister der Herr^n« inaßbranche unter dem Vorsitze des Obmannes Grigar eine massenhaft besuchte Versannnlung statt, in welcher Obmann«' Stellvertreter. Sch nlz mitteilte, daß cs nach achttägiger Dauer des Streiks gelungen sei, mit dein Verbände der Herrcn« kundenschneider Wiens, welcher 900 Firmen V umfasse, eine Einigung zu erzielen, wobei die von der Stückmeisterschaft geforderte Lvprozentige Erhöhung der jetzigen Stücklöhne 29. Mai voll bewilligt wurde. Bei diesen Firmen sei daher ab heute die Arbeit" wieder auszunehmen. Hingegen sei es nicht gelungen, mit jenen Firmen, die , der Vereinigung der Schneiderfirmen Wiens angehören, etwa 350, zumeist großen Stadthäusern, zu einer Einigung zu kommen. Bei diesen Firmen werden Stückmeisicr, Z -schneider und Arbeiter den streik. so lange sortsetzen, bis der Widerstand dieser- Vereinigung gebrochen sein wird. . Hinterzogene Fürsorgeabgabeu. 1786 Millionen nicht eingezahtt. Wiewohl \bte Fürsorgeabgabe, seit bereits September 1920 in Kraft ist, sind noch unausgesetzt sehr zahlreiche Fälle zu verzeichnen, in denen die Abgabe, sei es ganz, sei es. teilweise, hinterzogen wird. Es betrifft dies nicht bloß etwa Zwergbetriebe, sondern große w o h l o r g a n isierte kaufnt.finnische Unienehmungen, die nicht einmal die Ausrede der Unkenntnis des Gesetzes geltend machen können. In welchen: Umfange sich diese Hinterziehungen ereignen, beweisen die folgenden Ziffern: In der Zeit vom 1. Jänner 1922 bis zum 20. Mai wurden seitens der zuständigen' Magi stratsäbteilung 9188 Betriebe revidiert. Bei 4156 davon ergaben sich Beanstandungen. Es hat also nur e t w a m e h r a l s d i e H ä l f t c der Geschäfte ihrer Steuerpslicht in Ordnung entsprochen. Die hinterzogene Löhnsnmme beträgt.'1,786,221.000 K. Mit Rück-- ^Wt äüf Ke" gewaltige' Zayl'der'Fälle könnten' noch. nicht alle Strafverfahren durchgeführt werden,'doch wurden schon .bisher Strafen im Ausmaße von 144 Millionen Kronen verhängt. Der Magistrat wird' auch künftighin die lückenlose Hereinbringung der Fürsorgeäögabe mit aller Energie betreiben, was ebenso sehr den Interessen der Gemeinde, wie jenen der korrekten Steuerzahler entspricht. sicht auch sür die Zukrinft neutral. In den nächsten Ta- und der internationalen Union für Kinder- Hilfe ein perfektes Uebereinkommen, demzufolge ^letztere HBBH engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erstk assig und billigst bei [Schiff mann II., Taborstraße 48 Telephon 47» »-79 Sn gros E n deta Konzerte. Keine Woche vergeht ohne fremde Virtuosen, ohne Ausländische Komponisten. Auch noch im wunderschönen Monat Mai kommen Dirigenten und Tondichter aus aller Herren Ländern, die Konzertdirektionen zeigen sich ihnen und ihrer hochstehenden Valuta gefällig und das hartbedrängte Symphonieorchester ist in seiner materiellen Not gezwungen, die fremden Werke, die oft nur Machwerke sind, zu spielen. So werden fremde Erzeugnisse wahllos auf den Wiener Markt geworfen und der Leidtragende ist das Wiener Publikum,- dessen Orientierung über das zeitgenössische Kunstleben allmählich auf Irrwege«» gerät. — Der tüchtige Dirigent Hans S e e b e r van der F l o e veranstaltete ein nordisches Konzert, dessen Programm die Komponisten Sibelius, Grieg und Langgaard umfaßte. Sibelius' „Schwan von Tuonela", der auf dem schwarzen Wasser der finnischen Toteninsel stolz dahingleitet, ist schon oft in Wien gehört worden. Auch diesmal blieb seine traurige Weise ohne stärkeren Widerhall. Die Symphonie- „Frühlingserwachen" von Rudolf Langgaard ist eine weit freundlichere Angelegenheit als Wedekinds gleichnamige Kindertragödie. Ohne Aprilwetter halt der Frühling in allzu leichter Melodik seinen Einzug, „Liebe und Lenz" --geben ihm auf gut Wagnerisch das Geleite, Pastorale Klänge sorgen für-das Gemüt. Wohlklingende . Musik, die freilich keine. Symphonie ist und sich in ihrer Mittelmäßigkeit als Hauptmerk eines nordischen Konzertes kaum eignet. Im Schlußsätze, einer Art Orchesterlied, erfreute die Singstimme der Frau' Ellen Overgaard aus Kopenhagen ein herrlicher dramatischer'Sopran, dessen Kultur leider' über dos Niveau einer Provinzbühne nicht hinausgewachsen ist. In einem Konzert des Warschauer. Dirigenten Adam SzPak lernte inan Ravels reizvolle Kinderszenen „la mere l Oye" kennendie ebenso reizvolle Tanzpoems sein mögen. Entzückende Genrenmlerei, wie-sie eben nur Ravel, hinzitwerfen vermag, dünebew auch. ein ersrerrlicher Schritt von Debussy weg zurück zur Melodie, die sich gelegentljch vom rein. Klanglichm .Lmanzipiert. Küx die jungkranLösische Tonfprache besitzt Szpak liebevolles Verständnis, hingegen dirigierte er Mahlers „Kindertotenlieder" mit einer bangen Hilflosigkeit, die man bei einem modernen Kapellmeister nicht für möglich halten sollte. Auch die'Solistin der Gesänge . Frau Hermine K-ittel, scheint sich des heiligen Schmerzes nicht mehr zu entsinnen, mit dem sie sich zu Mahlers Lebzeiterr diesen Gesängen hingab. Trotz sommerlicher Hitze, hat Adolf B n s ch eine ganze Woche lang als Solist und Ouartettspieler konzertiert. Das Publikum wird seiner . Darbietungen niemals müde, wohl aber schien in. seinem Spiel eiije gewisse Müdigkeit erkennbar. Busch hat sich diesmal zu viel zngemutet: Die Nerven eines Künstlers gleichen zarten Saiten, sind keine Drahtseile, die jedwege Belastung vertragen. Prachtvoll wirkte sein Beethovenspiel, das im Eis-Moll-Quartett durch den warmen Vortrag seiner Partner noch » höheren Schwung erhielt. Wenig 'liebenswürdige erklang Schuberts Oktett, statt wienerischer Leichtlebigkeit' spürte man einen Rest norddeutscher Kühle, ein Vorherrschen abtvägender Gedankenarbeit. Fast zu streng zelebriert Busch seine Kunst und so sehnt man sich bisweilen bei seinem unfehlbaren Spiel nachMner kleinen wienerischen Schlamperei. — Auch dem jungem Geiger Alexander Albu ist es ernst um seine Kunst; freilich ist er noch nicht weit genug, Brahms Violinkonzert mit Erfolg zu spielen. Anmut und Liebreiz kennzeichnen das Geigenspiel von Fräulein Franzi P a sch k ft. In aller Innigkeit singt ihr Ton, spiegelblankgerät ihre Technik. - Sie wirkte in einem Konzert Hans D u h a n s mit, in dem der Sänger mit durchgeistigtem Vortrag den schönsten Schmelz, seines belcanto vereinigte. Gleich ihm ist Franz Steiner einer unserer besten Vartragskünstler. In sieben eigenen Konzerten sang er vor einer dicht gedrängten. Zuhörerschaft und bestrickte immer wieder durch den eigenartigen Reiz seiner Persönlichkeit.' Jntmer geschmeidiger wird seine Stimme und seinem zarten Organ - hat er stärkste Wirkung abgerungen. Die Traumseligkeit-des- „Sandmann", der blaue Schimmer..7der -' „Mondnacht",' die Romantik des „Hidalgo", die substilsten Feinheiten der Sckmmann-Gesänse werden durch ibn offenbar. Eines ebenbürtigen Bundesgenossen hat Steiner an Franz M i t t l e r am Klavier; er spielt das Und nur^ das, was der Sänger im Liede empfindet. Hier ist jene ideale Verbindung von Gesangsweise.und Klavierbegleitung hergestellt, die letzhin Opernsänger Jerger als sein ..eigener Begleiter zu erreichen wähnte. Ein Sänger von scharfer Charakteristik ist auch der Amerikaner Louis Graveure. Verschiedene nationale Einschläge wirken in seinem Vortrage zusammen, verleihen ihm den fremden Unterton, der gelegentlich mitschwingt. Immerhin ist er tief in die deutsche Lyrik eingedrungen und hat. sich auch mit allen technischen Problemen gründlich auseinandergesetzt. Sein weichervolltönender Bariton, der in der Höhe tenoralen Klang hat und von einem allzu beweglichen Mienenspiel begleitet wird, begegnete an drei Abenden lebhaftem Interesse. — Der schöne dramatische Mezzosopran von Rosa R osen, der sich nach der Bühne sehnt, findet in der Höhe warm ausleuchtende Töne, die Tiefe bedarf noch größerer Fülle. Auch bei ihrem Partner Ottokar Leval stellen wir gerne musikalische Begabung und Sangesfreudigkeit fest. Seinem zarten, lyrischen Tenor wird weitere Erstarkung wohltun. Im gleichen ' Konzert spielte die kleine Margit Großmann mit güt gedrillter Technik ohne jedes Verständnis Bach-Taussigs I „Tokatta und Fuge". Gegenüb 'r solch brutaler Ausnützung einer kindlichen Begabung täte die Anrufung einer nmsikalischen Kinderschutzstation not. --- Prof. Viktor Fnchs absolvierte an seinem zweiten Liederabend im Vereine mit seinen zahlreichen Schülern ein abwechslungsreiches Programm. Er selbst sang in der Gruftszene aus „Ernani" den Don Carlos, und erwies sich neuerlich als.geschmackvoller Sänger und erfahrener Lehrer. Die kleine Tänzerin Märyla G.r e n:o tanzt noch nicht, imit weiblicher-Pickanteriesondern erfreut noch Herz und Auge durch kindliche Naivität. Ihre frühen Künste sind noch Natur, Frohnatur, die sich in. Rhythmen des Tarizes .umsetzt,. Lust.am.Fabulieren," die sich. in Tänzphqntasteir. und Tanzimprovisaüonm nach unbekannten - Melodiennnt Erfolg äußert- " Dr, .Erwin Felder. /