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Wiener Morgenzeitung · 1922-05-30 · Heft 1196 (30.5.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1196 (30.5.1922)
Date
1922-05-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 3 Wien, DiylStag 'rp' v v' vs-' ,,n ' u ■' 'V ,: Wiener MorgenzeiM- ,, 30. Mai 1922 Nr. >149$ nrsiifchen Vertrag als einen großer: 'Jrrknn und schweren Fehler bezeichnete. Lloyd George hat auch ausgeführt, daß gerade die Stiuumlug, in die das deutsche und das russische Volk versetzt worden sind, zu einen: derartigen Schute gegenseitiger Verständigung und gegenseitigen Verständnisses habe führen müssen. Man müßte diesen' Satz zweimal lesen. Hat die Stimmung die beiden Völker zu diesem Vertrag führen müssen, dann liegt der Irrtum nicht auf unserer Seite. (Lebhafter Beifall.) Dann liegt der Irrtum. im taktischen Vorgehen der Alliierten selbst, die zunächst uns nicht erlaubt haben, unsere Entwürfe, die wir mitgrbracht hatten, mit den Russe:: zu einen: gemeinsamen Gegenstand der Genueser Akte zu mache::. Lloyd George hat aber in seiner Rede auch die Welt gewarnt,' diese beiden Völker, das d e u t s ch e und das r u s s i s ch c Volk, weiter zur Verzweiflung zu treiben, da sonst ungeahnte Folgen aus einer.derartigen Verständigung entstehen könnten. Per Reichskanzler könne nur neuerdings feststellen, daß der Rapallo-Vertrag keinerlei diesbezügliche Absichten enthalte, sondern nur den Willen zweier großer Nachbarreiche regelt, im Frieden und irr verständnisvoller Arbeit, in der Arbeit des gegenseitigen Wiederaufbaues zusammenZüleben und zu diesen: Zwecke einen Strich uttter die Vergangenheit zu machen. Es handelt sich, sagt der Reichskanzler unter dem, lebhaften Beifall des ganzen Hauses, um einen Friedensvertrag zwischen zwei Völkern, denen es immer gut gegangen ist, solange sie sich verstände n haben. Der Reichskanzler erklär:, er wolle hier feierlich noch einmal betonen, daß der Rapallo-Vertrag gar keine geheimen Zusätze enthalte und damit auch kein militärisches Abkommen. Der in Genua zur Diskussion gestellte Gedanke der. Tren ga De: in Europa, des'Gottesfriedens, ist ebenso groß und erhaben wie die Idee der Konferenz selbst. Kann man, ruft der Reichskanzler unter Beifall und Zustimmung des ganzen Hauses, ganz Europa und allen Völkern Europas den Frieden geben, das deutsche Volk aber einer S a n ktion § poliiik iMssetzen? Ist dies der Gottesfriede,- der diesem unglücklichen Erdteil wieder neue Wohlfahrt und ein neues Aufleben zuführen soll? Der Gedanke ist allmählich in den Hintergrund getreten. Es war die W e l t e b e n > noch nicht reif dafür, noch nicht reif für den Gedanken in seiner reinsten Fassung, daß ein wirtschaftlicher' Aufbau Europas mit Gewalt nicht möglich ist. Es ist eine Treuga De: kleiner Form zustandegekommen, wodurch die Ostgrer^en der neu entstandenen Länder zunächst für einige Monate, einen Beharrungszustand erfahren. Es ist dies ein kleiner Schritt vorwärts auf dem Wege zur Befriedung Europas. ' Die Ergebnisse der Genueser Konferenz sind, nicht allzu zahlreich und in den Lösungen klein und bescheiden, aber in. der großen Katastrophe, die über Europa hereingebrochen ist, ist auch ein kleiner Schritt vorwärts bedeutsam, und so möge auch das Haus den Bertrag vo n Rapällv als einen Friedens v ertrag würdigen und die Fühlung-' nähme der deutschen Vertreter mit den leitenden Staatsmännern der Welt, mit Publizisten und Politikern aller Nationen ebenfalls als einen Fortschritt würdigen, ebenso wie die Bemühungen der deutschen Vertreter, die darauf gerichtet waren, den Osten und den Westeü einander näherzubringen. Der Reichskanzler bittet das Haus, die Politik der-Regierung zu. unterstützen, damit die Hoffnung, auf. Befriedung Europas sich erfüllen könne und damit die. Hoffnung auf einen wirklichen Frieden für das deutsches Volk. (Lebhafter Beifall und Zustimmung. bei der Mehrheit.) - Französische PressestiMMen. /In der Londoner Revue „The Nation" gibt Harold I. Laski die folgende Analyse der hauptsächlichsten Stimmungen Frankreichs: Auf dem Boulevard wie in der Deputiertenkammer, km Ease wie im Hörsaal der Universität spricht man. von zwei Feinden: Sicherheitsmaßnahn:en gegen Deutschland und Rußland, wird einem gesagt, stellen das dringendste Erfordernis der Zeit dar. Wenige nur scheinen an dem. Herannahen eines neuen Krieges zu zweifeln; so soll zum wenigsten sichergestellt sein, daß Frankreich von einer vorteilhaften Position aus kämpft. Es steckt etwas Im Blut der Franzosen, das irgendwelche Argumentationen fast schonzu einer Art Beschimpfung der Leiden macht, die Frank-, reich erduldet hat. Man spreche von einem neuen Europa, und es wird einem bedeutet, ein neues Europa sei'in Versailles gemacht worden. Spricht'man von der russischen Hungersnot, wird man an die Fahnenflucht von B^r e st - L i t o w s k erinnert. Deutschland ist. immer noch eine ganz und gar böse Gestalt, der . Ursprung alles Unrechts und Leidens, tatsächlich geht es ihm gut, aber es erklärt sich fälschlich als bankrott, um. damit das Erbarmen des weichherzigen England zu gewinnen. Das doch wiederum nicht ganz weichherzig ist. Da es die deutsche Flotte vernichtet hat, hat England keine Bedrohung mehr zu fürchten, wohingegen Frankreich, das. eine Million seiner Sohne verloren hat, bald wiederum und vielleicht isoliertsein Erbteil von Freiheit, und Gerechtigkeit wird zu verteidigen haben. Ueberall ist die Stimmung Mitleid mit sich selbst: Der Ausländer kann die Opfer nicht ermessen, die Frankreich gebracht hat.. Es kann nicht die Macht'jener heimlichen' Kräfte ermessen/ die z'e r s e tz e n d Wirker:. So geht allgemein die Rede; und sie verliert im Munde der verantwortlichen Staatsmänner., nicht au-Schärfe. M. P o i u e a r e ist für diese Stimmung. daS geeignete .Instrument. Der Haß gegen Deutschland hat von ihrw Besitz' ergriffen. Nur dessen Selbstmord würde ihn von Deutschlands gutem Willen überzeugen können. Es würde ihn freuen, wenn1 England. einwilligte, mit in das Rnhrgebiet zu marschieren; ihn freut die Aussicht nicht,, allein dorthin zu marschieren. Aber wenn er zögert, ' so ist die Kammer da, die ihn: das Gefühl einflößt, daß ein paar kühne Reden ihm den. Mut zum Handeln verleihen dürsttzn, oder eine Interpellation von M. Tardieu erinnert ihn daran, daß die Vorzimmer der Kammer einen Nachfolger für ihr: liefern können. Mau hört jetzt wenig von M. Briand, obwohl es heißt, daß er sich ständig, wenn auch heimlich, immer mehr der Linken zu bewege. Man hört' überhaupt nichts von M. C a i l l a u x. Die Rechte sitzt in Frankreich auf dem Thron, und die Staatsmänner sind noch viel zu sehr von Erinnerungen an den Krieg gebannt, als daß sie in der Rückkehr zur Vernunft etwas anderes sehen könnten als Schwäche. Die Gewalt ist es, die die Haltung Frankreichs zu anderen Ländern bestimmt. Von England sprechet: die Leute viel, aber stets mit einem Ton der EnttHuschikng. Lloyd George erregt nur betroffene Entrüstung; und da andere Gestalten aus unserem Politischen Leben wesentlich unterschätzt werden oder unbekannt sind, wird England sehr schnell^ wieder das „perfide Älbion" einer früherem Zeit. Amerika, das geben die Franzosen freimütig zu, verstehen sie nicht. Sie nehmen ihm seine Enttäuschung über VersaiÜes übel. Sie verübeln ihm, fast als wäre das ein AfsroNt von seiten Amerikas; die traurige Figur, die Frankreich auf der Washingtoner Konferenz gemacht hat. Am meisten vielleicht verübeln sie ihm die Zurückziehung der amerikanischen Truppen vom Rhein. Von Rußland spricht man in einem Gefühl von Schrecken und Furcht. Seine beispiellosen Leiden erwecken kein Mitleid. .Die Leute reden von den Schulden/ die bezahlt werden müßten, und den Verbrechen -der Sowjets/, Aber die Zeitungen erwähnen d:£„Huügersnöt n:e und es gibt keinerlei Unterstützungsorganisation. ' Es flößt auch die Opposition gegen diese dominierende Geistesverfassung keine' große Ächtung ein. .Die fr-a nz ö s i s ch e A r b e i t e r s ch äst ist' in viele Lager geteilt und in der Hauptsache damit beschäftigt, einer des andern Jrrtümer nachzüweisen. Die Regierung braucht die Arbeiterschaft nicht zu fürchten; diese hat aufgehört, auch nur die Oberfläche der öffentlichen. Meinung zu erregen. Auch die Intelligenz Frankreichs' Pracht nicht den Eindruck, als wäre sie die Quelle, aus der eines Tages das Licht kommen dürfte.' Jrt England ist in: ganzen und großen'die Jug«md, söwvhfiM MeMrischL wie diever Ulte versität, auf der Seite des Wiederaufbaues. Aber in-Frankreich gibt es innerhalb der Literatur überhaupt kein Politisches Empfinden oder, wo es sich findet, ist es auf seit e n der Red kt io m Mit ehrenwerten Ausnahmen wie die der M. M. Aulard und Charles Gide haben -die Universitäten nichts zu bieten. Die Nationalökonomen treten sich gegenseitig die Fersen ab bei ihren-Bemühungen- Key y,es.'.Thesis Lügen.zu stxafen;.und von keinen: U:te Versrtätspröfessör bekommt' mast 'eine sä maßvolle Analyse zu'.'hören 'als die Ntttis. /Der ausschtaggebende Eindrück von der Universität ist'der, daß sie zu der 'Vorkriegszeit zurückgÄehrt ist. Ihr Denken ist keiner Revision unterzogen worden. Ihre. Augen sehen keine neuen Bilder. Es treffen natürlich keine Verallgemeinerungen zu, die nicht durch Ausnahmen modifiziert würden. Man denkt an.Männer, wie etwa Maxime Le r o y, dessen Schriften zu unserer Freude die Aussicht auf eine Gesellschaft eröffnen, die du^ch Zeiten einer öffentlichen Dienstleistung ihre Ordnung erhält. Oder man zollt feine Achtung dem katholischen Demokraten Marc S a g n i e r, für den die Religion die Grenzen der Nationalität übersteigt und einen Begriff von Europa miteinschließt. Die alte Unzufriedenheit mit den offenkundigen Uebelständen des französischen Parlamentarismus, der. Wunsch 'nach Abwerfung der TYranuei des D e p u. t ierten, verrät. Zeichen für ein Wiedererwachen. Das Interesse für E i n st e i n, das echt ist, deutet an, daß die französische Wissenschaft anfängt, zu erkennen, daß die Wissenschaft keine Grenzen hat, und es war ein früherer Premierminister, M. P a: n l e v e, der in seiner Begrüßung am großherzigsten war. Auch darf nie vergessen werden, daß der größte lebende Fanzose den guten Kampf für Europa kämpft-. Ana t o l e F r a n c e ist dem Vermächtnis Voltaires treu. Er ist jetzt alt, - ein wenig' gebrechlich, und doch noch — wie seit alters — befeuert von her Liebe zur Wahrheit und. vom Haß gegen das Unrechte. Seine Feder steht heute so gite wie in den Dre Yfus-Tagen im Dienst der Freiheit. , , Aber diese Männer müssen sich erst noch Gehör verschaffen. Aus Furcht und Haß geborene Lehren halten noch das Feld. Die Rede, die unseren Hoffnungen auf ein neues Europa Trotz bietet, gewinnt immer noch allgemeinen Beifall. Frankreich ist. allzu sehr festgelegt auf die Betrachtung dessen, was ihm getan worden ist, um zu wissen, mit welcher Ungerechtigkeit es Europa belastet.'Es ist immer nach geblendet von der Gänzlichkeit seines Sieges und begreif!, nicht, daß es.eiuen karthagischen Frieden ev .zwnngen hat. Vielleicht-, -wenn es überzeugt wird, ba| Europa au die Zukunft denkt, wird es pufhören, über du Vergangenheit zu brüten. . OWerreich. Das Kabinett der starke« Ha«d. . Die Parteiführer ' der Christlichsozialen, der Groß« deutschen und der deutschen Bauern setztey gestern'die am Donnerstag der Vorwoche abgebrochenen Verhandlungen über die Bildung einer - Arbeitsmehrheit', fövfi ".MM/ ctnjgtfe sich grundsätzlich auf den Seipelschen ProWMnt'entivurf, der jedoch noch-ergänzt werden' soll. Nachmittagswurde auch bereits die Personenfrage erörtert. Man. nennt als ziemlich feststehende Kandidaturen:' die ' Christlichsozialen Dr. Seipel als Bundeskanzler, S ch m: tz als Ackerbauminister, den bisherigen Hande'lsmimstcr Dr. Grünberger (getaufter Israelit) als Außenminister, und General W ä,ch t e r wie bisher als Leiter des Heeresressorts und der Großdeutsche Dr. Fr a n'k als Innenminister. Das größte Kopfzerbrechen, verursachte die Besetzung des Finanzamtes, d,as die Großdeutschen den Christlichsoziaten und diese wieder den Grotzdentschen zuschieben wollen. Würde das Finanzministerium -mit einen: Beamten (Doktor G r i m m) besetzt, werden, so müßte wieder der Aufteilungsschlüssel der Ministerien geändert werden, was im Hinblick auf den Portefeuillehunger neue Schwierigkeiten bringen würde, lassen sich doch außer den Erwähnten noch, folgende Anwärter freundlich empfehlen: der steirische Landeshauptmann Dr. Rintelen, von den: ein Spaßvogel behauptet, er habe in der Steiermark die beste Verwaltung eingeführt/ Dr. .Kienböck, dessen jüdische Abstammung den Widerstand der Waber-Leute weckt, Herr Hein l, Herr F ö d e r m a Y e r, von Berus Oberösterreicher, der Ä'ren:- ser Weinbauschuldirektor Weigl, und der Warenhausbesitzer Emil Kraft, eine Leuchte der „Neuen Freien Presse". Ferner laufen der Großdentsche Militarfachmauu Dr. Schür f f, Dr- O d e h n a l aus Währing, '' Sepp S t r a ffin e r aus I n n sb r u ck und Dr. N a m e k aus Salzburg. Vielleicht haben wir einige vergessen, da Oesterreich immerhin sechsdreiviertel Millionen Einwohner hat« Morgen will man die Parteiverhandlungen abschließen, so daß Mittwoch, längstens^ Donnerstag der Nationalrat zur feierlichen . Wahl des Kabinetts der starken Hand schreiten kann. * Die HandelsvertragsverhaiMmigen mit Ungarn. Die Politische Korrespondenz meldet: Mit. Rücksicht VtöMfp'däß der uMarische.Ministerrat in der Frage der Berhandlüngett mit OPMich'-erst heute' seine Beschlüsis fassen wird, ist die Fortsetzung der Verhandlungen für Mittwoch den 31/v. in.Aussicht genommene Die Grenzforderüngen Angarus. . Der „Pester ,Lloyd" teilt einige Details aus den ungarischen GebWforderüngeu an der Burgenlandgrenze put. Danach handelt' es sich um Rektifrkatiönen in den Kowitaten. Moson,. Oedenburg und Eisenstadt, die / zusammen 18. Gemeinden mit 42.300 Joch und 12.000 Einwohnern Insassen. Der Ilona - S ch a ch t des. Bremch berger Kohlenbergwerkes soll bereits Ungarn zugesprochen sein. ' .' - . V V;-: ' Ungarn. „Majestatsyerbrechen^. Budapest, 29. Mai. (U. T.-K.-B.) Das Budapestev Strafgericht verurteilte Edmund Hamvay wegen Majestätsverbrechens zu lebenslänglichem Zuchthaus. Hamvay, der sich im Verlaufe seiner Betrügereien auch'den Titel eines Grafen zu Grotteneck beilegte, hatte wahrend der rumänischen Besetzung "Budapests den rumänischen Besetzungsbehörden Spionagedienste geleistet und seinen Denunziationen ist es zuzuschreiben, daß mehrere ungarische Offiziere von den rumänischen Behörden sestgenommen und schwer mißhandelt wurden. Rundschau. Die kleine Entente in Genna. Agram, 29. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgerrzeitung":) Der tschecho-siowäkische Gesandte in Wien, Dr. Krofita, »äußerte sich dem.Wiener Korrespondenten der hiesigen Tagesblätter „Obzor" und „Intarnji List" in bezug auf die kleine Entente u. a.: Die Genueser Konferenz — Doktor Krofta war Mitglied der tschecho-slolvakischen Delegation in Genua —- hat bewiesen, daß die Arbeitsmethode der kleinen Erttente die richttge war; denn die Konferenzen von Porto rose und Ron: gingen in der Richtung des" Sanierungs- und Aufbauprogramms für Mitteleuropa viel weiter als die Konferenz von Genüa. Für die klei^

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