Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1196 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980276--11246-2997680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
pzelnummerKGQ Wien: Zum'Abholen hi der Expeditiop, lI.,Taborstr. 1-3» oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatlich K 2100 Mit Postversand fürWieUu. Oesterreich monatl. K,2100 Tsche c ho-S1owa k ei: Mon. K20. Ungarn:Mon. K150. Jugoslawien: Mon. Dinar 25; P o I e n:, Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 50. Frank* eich: Monatlich Frcs. 6 Tseheeho»3lowak«t tschech. K l Italien: Monatl. 6. Uri Rumänien: Mon. 40. Le Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administrativ Wien, II., Taborstrassc 1—; T elephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16*301. Tel.- Adr.:,Morgenzeitung*. Wien Oesterreichisches Postsparkassen - Konto Nr. 150.693 dir. 1196 mmma mi Wien, Dienstag, 30. Mat 1922 4. Jahrgang Die neue Koalition. st. W i e n, 30. Mai: Das Bündnis zwischen Christlichsozialen und Großdeutschen, ist geschlossen. Die Großdeutschen werden in der neuen Negierung mehrere wichtige Ressorts bekleiden. Sie legen Wert darauf, das Ministerium des Innern in die Hände zu bekommen, und wollen bestimmenden Einfluß auf die Führung der Außenpolitik. ausmben. Die Uebernahme des Finanzressorts lehnen sie ab, obzwar die Christlichsozialen es ihnen bereitwillig anbieten. Das Spiel mit dem Finanzportefeuille, das ein Partner gerne in den. Händen des anderen sehen würde, ist bezeichnend. Es beweist, wie wenig Vertrauen die Macher dieser neuen Koalition ihrem Werke entgegenbringen, wie schwach ihr Glaube an die Ersprießlichkeit ihres Zusammenwirkens ist..Sie haben recht. .Diese Koalition ist das Resultat der Verlegenheit, die notgedrungen dem frivolen Kampfe gegen die unter den heutigen Verhältnissen einzig mögliche Regierung, . gegen die Regierung Schober, folgen, mußte. Die neue Regierung wird nicht lange leben. Allerdings ein sehr magerer Trost, wenn man daran denkt, wieviel Unheil sie anrichten kann. . . Man kann den Christlichsozialen auf allen Gebieten der. Politik und Wirtschaft unzählige, schwere Verfehlungen Nachweisen. Aber man kann ihnen, eines nicht absprechen: den ehrlichen Willen, Oesterreich zu erhalten. Sie haben insbesondere in den. letzten Mo- . .naten bewiesen, daß sie sich sogar dazu aufschwingen 'können/ zeitweise Parteiinteressen gegenüber wichtigen Staatsinteressen in den Hintergrund treten zu lassen. Sie wollen Oesterreich.. Während der Schober-Krise, welche von den Großdeütschen auf Kommando gewisser Berliner reaktionärer Kreise entfesselt und durch die . unverantwortliche Haltung der österreichischen Sozialdemokratie,lvelche^ sich /bei dieser /GelegerMt. M Werk< ' iptjg t»ürtfleM - verschärft wurde, sind die Christlichsozialenvon/diesem Grundsätze aber wieder, abgewichen. .Sie haben sich von mandatslüsternen und spekulierenden Elementen der eigenen Partei dazu drängen lassen, Schobers Sturz zu besiegeln und damit den mühsam gebahnten Weg zur Sanierung des kranken Staatskörpers zu verrammeln. Die eine Inkonsequenz hat . sie zu weiteren gedrängt. Sie mußten das Bündnis mit den Großdeutschen schließen, mit den Großdeutschen, welche Oesterreich nichr^ Nullen, welche gar kein Hehl daraus machen, daß .sie an die Existenzmöglichkeit dieses Staates nicht glauben, ja noch mehr, daß sie die Existenz dieses Staates nicht wallen, daß sie in seinem Bestand eine Verletzung ihres nationalen Gefiihls erblicken. Jedenfalls angenehme Partner beim Regieren! Die Großdeutschen werden bei der ersten besten Gelegenheit dem christlichsozialen Bundeskanzler, jetzt ihrem Bundeskanzler, genau so rabiat in den Rücken fallen, wie sie dem Kanz- » ler Schober in der: Rücken gefallen sind. Wenn der neue Kanzler versuchen wird, mit den Nachbarn, in Frieden zu leben, dann werden seine'großdeutschen Ministerkollegen „Verrat" brüllen, und ihn des Bruches des Paktes beschuldigen. Wenn er versuchen wird, mit den Westmächten Kreditverhandlungen anzubahnen, werden .sie ihm in den Arm fallen und ihn als gekaufter. Verräter atu Deutschtum, als bestoßenen Knecht des jüdisch-ententistischen Kapitalismus brandmarken. Wenn er versuchen wird, den Beamtenabbau ernstlich anzugehen, das heißt, der großdeutschen Bureaukratie, welche beute den Staat beherrscht und erdrosselt, ecnstlich an den Leib zu rücken, werden sie ihn fallen lassen. Kurz, das traurige Spiel wird bald ausgespielt sein niß. die Ehristlisoziale Partei und leider aber auch der Staat, werden bald zerrupft und zerpflückt auf dem Boden liegen. Mit besonderer Aufmerksamkeit müssen die jüdischest Staatsbürger die Vorgänge verfolgen. Auf dem vorgestern abgehaltenen Parteitag der. Großdeutschen wurde festgestellt, daß zwei Postulate im Bündnis mit den Christlichsozialen besonderer Festhaltung bedürfen: der Gedanke des Anschlusses, an das'Deutsche Reich und *— die strikte Durchführung des radikalen antisemitischen Programms. Die Herren Großdeutschen wollen also die erlangte Macht stör allem pazu benützen, die. Judenhetze.' von Amts wegen, vom Ministersessel herab zu. betreiben., Es war dies vielleicht nicht ser lltzw Grund dafür, faß. sie unbedingt' auf der Auslieferung. des Ministeriums , des Innern bestanden haben. Die neue Regierung wird , erkennen, daß die organisierte Judenschaft Oesterreichs j^d.'M Alsticiftbauf has Recht der Juden entschlossen cr.t-*. gegenireten wird,'daß sie nicht gewillt ist, die Kosten die-! ser Koalition; zu tragen. . . . ) ver mte WMag in" „ . Gömbös gewählt, Friedrich, Andraffy und Klebelsberg durchgefallen. Budape st, 29. Mai. (Tel. d. „Wr: Morgevzeitung".) Von 141 Mandaten sind bisher 80 beseht. 74 davon hat die Mischmaschpartei Bet h l e n s, sechs die Opposition genommen. Unter den einstimmig gewählten Abgeordneten befinden sich A p p o n Y i, G ö w b ö s und S z a b o - N a g Y a t a d. Durchgefallen sind bisher A n d r a s s y, Graf Klebelsberg und^Stephan Friedrich. Der Pogromantisemit E r e k y ist. m Kaposvar, der Minister R rill in e k in Modor durchgefaüen. In 30 Bezirken kommt es zu.Stich wühlen. Die große Entscheidung wird erst am zweiten Wahltag fallen. Das Charakteristische dex heutigen Resultate ist die Ablehnung fast aller Radikaler durch die Wählerschaft. Das Debakel der Karlisten erregt Sensation. Freitag folgen die nächsten Wahlen. f BudaPest, 29. Mai. Bis heute nachmittags 3 Uhr lagen folgende Wahlresultate vor. In 121 Wahlbezirken wurden gewählt: 83. Kandidaten der Regierungspartei, zwei der Hnszar-Fraktipn, einer, dsr Heinrich-Partei. Die Opposition erhielt 13 Mandate, NO zwar die Haller-Partei zwei, die Parteilosen drei, je eineO entfiel auf die unabhängigen Landwirte, die Rassah-PaÄei, die 48er Landwirte, die nationale Arbeiterpartei, diq Kossuth-Partei und die liberalen Demokraten, zwei aus die Sozialdemokraten. In 24 Bezirken stehen ausschließlich Kandidaten der Regierungspärtei einander gegenüber. In Regierungskreisen wird Hauptsächlich nach , einer Vernichtung der. Andrässh-Wedrich-Gruppe getrachtet, dagegen. das Pordringen der Mialhemokraten gerne gesehen, da in der MnMgen LegislatMerHbe die ernste soziale Ge-' Demgegenüber behauptet Graf Andrasiy, daß die am Donnerstags stattfindenden Wahlen vom Standpunkt der Opposition die. eigentliche Entscheidung bringen , werden. Ebenso erwarten die Sozialdemokraten von diesen Wahlen den größeren Erfolg. Heute abends findet ein außerordentlicher Ministerrat statt, der sich mit dem bisherigen Wahlergebnis befassen wird. Ein bemekkeuwertes Moment ist das auffallend gute Abschneiden der Sozialdemokratischen P a t t e i, die nunmehr zum erstenmal ihren Einzug in die ungarische Gesetzgebung halten wird. Die Sozialdemokraten hatten in 15 von den 141 Bezirken, die gestern zu wählen hatten, Kandidaten aufgestellt und bereits im ersten Wahlgange zwei. Siege errungen, während sie in sechs Wahlbezirken zur Stichwahl kommen. In zwei Wahlbezirken sind sie unterlegen, darunter iu einem Bezirk mit ^iner Minorität von insgesamt bloß 6 Stimmen. Aus weiteren 5 Bezirken fehlen noch die Resultate. In Bekesszaba wurde der Sozialdemokrat Franz Szeder mit einer Mehrheit von 2000 Stimmen gegen den bisherigen Christlichnatiönalen Abgeordneten und gewesenen Staatssekretär Liptal und den Präsidenten der Jrredentapartei Urmanezh, in Soroksar der deutsche Sozialdemokrat Viktor Geller gegen den bisherigen christlichnationalen Abgeordneten Frühwirt gewählt. Aus den Bezirken, mit geheimer Abstimmung liegen noch keine Ergebnisse vor. In Oedenburg ringt Minister des Innern Graf Klebelsberg mit dem Grafen Julius Andrqssy und dem Sozialdemokraten Prof. Dr. Hebelt um das Mandat. In Hodmezövasarhely steht dem Ministerpräsidenten Grafen Stephan Bethlen der Advokat Doktor Wekerdh (oppositionelle Partei der kleinen Landwirte) gegenüber, In Szegedin 2 sollen die Aussichten des sozialdemokratischen Führers Peidl gegen den Regierungsparteiler Palfy gut stehen. Auffallend ist das vollkommene. Versagen der Andrassy-Parjei, die noch kein Mandat errungen hat.' Einer ihrer Führer, der gewesene Minister-^ Präsident Stephan Friedrich, ist in Hajdu-Böszörmenh unterlegen, bewirbt sich aber, am Donnerstag noch in einem BudaPester Bezirk um ein Mandat. Unter d?n bisher Gewählten befinden sich Finanz-, minister Kallah, Ackerbauminister Johann. Mayer, der gewesM, Ackerbästminister Sza (Raghatad), Staatssekretär Koß^'WmMBMWliUsN«W^ der legWistrsche Führer Graf Apppnhi, Ludwig Szilagyi, der oppositionelle Christlichnatiönalen Stephan Haller und schließlich'der Führer der nationalen Bürgerpartei Heinrich. , D u r ch gefallen .sind Jnstizminister Tomesanhi, her gegen einen Anhänger Rassays unterlag, Staatssekretär Pekar, Horvath- Petrichevich, der Präsident der Kossuth-Partei Graf Theodor Batthyany, der Präsident des Vereines der „Erwachenden Ungarns Paloezy-Horvath, der Präsident der nngarisch-rnthenischen Partei Staatssekretär Kutyafalvy sowie der gewesene Obergespan Egan und Abg. Hirr, die aus der Westungarischen Ausstandsbeweguvg bekannt sind. Letzterer kandidiert noch in einem anderen Bezirke. . \ WBIH/ WWB WIV | B VBB1%B VVII Dank an England. Der deutsch-russische Vertrag. . Berlin, 29. Mai. Im Reichstag stand heute auf der Tagesordung als einziger Punkt , die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung. Reichskanzler Dr. Wirth erklärte einleitend, daß er sich in seiner heutigen Rede nicht mit den im vollen Zuge, befindlichen Pariser Verhandlungen, sondern ausschließlich mit der K o n f e r e n z von Gen u a beschäftigen wolle. Von Engl a n d ist die Idee der Konferenz ausgegangen, dort lag. die.Initiative, unter den' heutigen Verhältnissen die 'Völker, Europas, deren Interessen weit auseinander gehen, zusammen zu bringen kund mit ihnen in gemeinsamer, .friedlicher Arbeit die großen Differenzen in der ganzen Welt zu beseitigen. Die Konferenz war ursprünglich, gedacht,äls eine W e l t k o. n f e r e n z, die die großen wirtschaftlichen Spannungen,, die die ganze Welt durchziehen,, teilen söllte. Dieser Gedanke wurde einerseits durch, die' Weigerung Amerikas, an der Konferenz teilzunehmen, andererseits durch Frankreich und durch die Beschlüsse, von- Cannes und Boulogne so, sehr reduziert, daß nicht einmal/' d i e e u r o p ä i s ch e Kris e in ihreyr gesamten Umfange in das Progrannn der Konferenz ausgenommen worden ist, ja, daß die Völker nicht einmal mehr in den offiziellen Sitzungen die Wahrheit hören konnten und daß sie nicht, einmal alle Probleme mit Schärfe von denen formuliert' chörtm, denen diese-großen Fragen am Herzen und an'den Fingernägeln brennen. Aber trotzdem.müssen wir denen .dantbar, sein, die mit zäher EnMie .den ursprünglichen Gedanken, die Völker zusamwenzstsühren, trotz aller Säbö- / tägeMbersuche über'die Wochen der Genueser Konferenz hinausgetragell haben. Es ist, sagt der Reichskanzler, gewiß kein ' ungewöhnlicher Vorgang, - weint ich der; englischen Führung nt diesen Bemühtmgen nicht nur im Namen des deütMn Volkes allein, sondern äüer Völker, die. m Be- . drängnis sind, den Dank ansspreche. (Lebhafter Beifall bei den Mehrheitsparteien.) . Die Reparationsfräge ist nicht offiziell behandelt worden,, aber diese Frage ist nicht isoliert als deutsche Frage anzusehen? Die Neparationsfrage ist die europäische Frage. Wir sind nach außen als gleichberechtigte Macht auf der Konferenz erschienen. Schon die Tatsache, daß dreieinhalb Jahre nach dem Waffenstillstand, nach dem unermeßlichen blutigen Ringen die Vertreter aller Nationen einmal friedlich zusammenkamen, daß.'sie die Probleme der. europäischen Wirtschaft , und Politik gemeinsam besprachen, schon diese Tatsache bedeutet einen großen und einzigartigen Fortschritt. Wir haben - in Genua eine Politik gemacht i m Sinne der enropäischen Verständignng und . haben jede Gelegenheit benützt, um mit der Gegenseite zu einer Verständigung, zu verständnisvoller Zusammenarbeit zu, kommen. Der Kanzler erinnert daran, .daß auf der Konferenz in der ersten Woche ihrer Tagung ohne die d-rtschen. Vertreter, ohne daß sie die Gewähr hatten, daß. auch die - deutschen Interessen gewahrt würden, eine neue Uniolt, die Union der einladend.en Mächte, mit Rußland Verhandlungen begonnen hatte, denen die Deutschen Vertreter nur mit größter Spannung und größter. Sorge ent- < gegensehen könnten. Wir waren deshalb genötigt — das war nicht ein Irrtum der deutschen Politik, sondern es, war einpflichtmäßiges Handeln in bewußter Haltung — selbständig dm Versuch zu machen, unsere Frage mit Rußland, zu lösen, nachdew die anderen uns zu diesem Pflichtgemäßen Handeln geradezu Veranlassung gegeben hatten. > ' '$ ■ ' Der Reichskanzler erinnert.vtt die jüngste- >gMße' Unterüausrede Llovd Georaes. in der dieser den dentüb- " ~ "inii nttiA&fmui 1; \ C8D