Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1189 (23.5.1922)
- Date
- 1922-05-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980269--11179-2997606- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1189 Wien, Dleystaz 2Z. Mai 1922 Seite 3 16. Bez., Brunnengasse 41 (1 bis 3 Uhr nachmittags); Zionistische Bezirkssektion Brigittenau, 20. Bez., .Gaijßvlaü.11 (ergenes Lokal, 7 bis 10 Uhr abends), und bei Herrn Michael Zipper, 20. Bez., Klosterneuburgerstraße 22, Kleiderhaus (8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 6 Uhr nachmittags); Sport- Üub Hakoah, 1. Bez., Aspernplatz, Cafe Atlashof (7 bis 10 Uhr abends). Bezirkssektianen, Vereine, Verbindungen und Gesinnungsgenossen werden ausgefordert, die bisher verkauften Schekel anr 25. d. von 9 bis 12 Uhr vormittags, sowie am 26. d. von 9 bis 12 Uhr vormittags und von 3 bis 5 Uhr nachmittags im Zionistischen Landeskomitee bestimmt zu verrechnen, da wir am 1. Juni dem Schekelkommissär der Exekutive die Gelder abführen müssen. §a$ f "' . " in Polen. Siurmszeire« im Warschauer Sejm. Auf der Lokalstrecke. Die Annehmlichkeiten eines Sonntagsausflugeö. — Schreckensszenen ans der Heimfahrt. — Das geschlossene Tor. Seitdem btc Stadtbahn die zahlreichen Ausflügler nicht mehr in den Wienerwald führt, sind die Lokalzüge der Südnnd Westbohn bei schönem Wetter allsonntäglich überfüllt. Während. aber die.Südbahn dieser Tatsache Rechnung trägt und in kurzen Zwischenräumen Züge verkehren läßt, scheint die. Direktion, der West bahn anderer Ansicht zu sein,. Die Folge davon ist, daß sich am Sonntag abends bei der Heimfahrt wahre S.chrcckensszencn abspielten. Schon in Eichgraben war es diesen Sonntag kaum mehr niöglich, in den Zug, der die Station ungefähr um dreiviertel 8 Uhr perläßt, zu gelangen. Der Ansturm der Passagiere erklärt sich dadurch, daß der nächste Zug erst nur ungefähr zwei Stunden später Eichgraben verläßt. Obwohl die Menschen wie Heringe zusammengepfercht waren, drängten auf den folgenden Stationen immer wieder neue Personen in die überfüllten Waggons. Ms den Trittbrettern und Puffern hängten Männer, Frauen und Kinder, und es war ein Wunder, d a tz n i e m a n d h e r u n t e r s i e l und überführt wurde. An ein weiteres Einsteigen war selbstverständlich nicht mehr zu denken. Trotzdem blieb der Zug in mehreren Stationen längere Zeit stehen. Die Hitze, der Tabakqualm und das Gedränge brachten es mit sich, daß zahlreiche Personen unwohl oder gar o h n m ä ch t i g wurden. Bei jeder Haltestelle tobten die Päsjagiere, sie verlangten, daß ein Zug eingeschoben oder Waggons angekoppelt werden. Das alles hatte aber nicht den geringfien Erfolg. Da sich lein Eisenbahnbeamter blicken ließ, entlud sich der Grimm ans die vorübergehenden Eisenbahnarbwter, die mit den unflätigsten - Schimpfworten bedacht wurden. Nur dem Umstand, daß die Menge zu einem unbeweglichen Knäuel geworden war, hatten es die Eisenbahnarbeiter zu verdanken, daß sie nicht, bevor sie die Flucht ergriffen, gelyncht wurden. Die mehr als verbitterte Stimmung erfuhr noch dadurch eine Verschärfung, daß man es nicht der Mühe wert gefunden hatte, die Waggons der dritten Klasse gleich denen der zweiten Klasse zu beleuchten. Aus dieser qualvollen Fahrt bis nach Wien, die weit länger dauerte, als die vorgcschriebene Fahrzeit bekanntgibt, mußten die Passagiere einander fortwährend Hilfe leisten. Hier gab es eine Ohnmächtige zu laben, dort mußte man einer E rkrechenden den Kopf zum Fenster hinaushalten. Ebenso wenig wie an ein Einsteigen, war auch an ein Aussteigen auf der E.r ecke zu denken. Die Stimmung artete derart aus, daß Streit ge>cht wurde, so daß das recht zweifelhafte Vergnügen des Sonntagsausfluges stellenweise mit einer wüsten Rauferei im Cisenbahnzug abschloß. Endlich war der Wcstbahnhos in Sicht. Als der Zug hielt, erreichte der Tumult seinen. Höhepunkt. Anstatt in die Halle einzufahren, hielt der Zug am Güterbahnhos, hart neben einer Eisenbarriere. .Für die Tausende von abströmenden Passagieren blieb dadurch nur ein schmaler Weg, der zum Ausgang führte, frei. Die Menge hätte demgemäß im Gänsemarsch dem Ausgang zustreben müssen. Es war stockfinster, so daß man über alte Konservenlüchsen, zurückgebliebene Kisten und dergleichen mehr stolperte und Gefahr lies, Hals undBein zu brechen, um so mehr, als ein lebensgefährliches Gedränge herrschte. Nichts war erklärlicher, als daß der Großteil der Passagiere über die Eisenbarriere stieg, wobei Mädchen und selbst betagte Frauen vor dieser Kletterpartie nicht zurückschreckten. Im dichten Rudel drängten die Leute der breiten, Einfahrt zum Güterbahnhos zu. Das mächtige , Gitter war verschlossen, die Ankömmlinge sahen sich in einer Sackgasse, während die Nach drängenden in der herrschenden Dunkelheit das Hindernis nicht ei blicken konnten. Demgemäß wurden die vorderen Reihen an das Eisengitter gepreßt, während die rückwärtigen Reihen ein, ohrenbetäubendes Getöse, wilde Flüche und Schimpfen hören' ließen. Als die Menge von dem neuen Hin dernis in Kenntnis gesetzt war, erschollen Drohrufe. An allen Ecken und Enden erstanden Aufwiegler, die die Menge auffördcrten, alles krumm und klein zu schlagen. Die Erbitterung war ins Maßlose gesteigert, da die Massen hätten umkehren und denselben Weg zurücklegen müssen, den sie ge kommen waren. Nirgends ließ sich jemand vbm Eisenbahn personal erblicken, der das breite Eisentor geöffnet hätte. Wer weiß, ob es nicht zu einer Panik gekommen wäre, wenn nicht beheizte- Männer mit Hammer und Hacken das Eisentor gesprengt hatten. Auf. diese Weise gelangte endlich, die Menge ins Freie. Zweieinhalb Stunden hatte diese qualvolle Fahrt gedäueit, f. b, Warschau, 20. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der letzten Sejmsitzuug wurde eine- Vorlage über' Einführung des Tab akmono Pols behandelt. Finanzminister Michalski verteidigt das Monopolprojekt und weist nach, daß durch die Einführung des Monopols die Staatseinnahmen wesentlich vergrößert würden. Sollte der Sejm das Projekt nich^ännehruen, so wäre er gezwungen,, eine Vorlage zur Einführung neuer großer direkter und indirekter Steuern einzubringen. Es sei daher rationeller, das Tabykmonopol einzuführen,, statt durch Einführung von direkten Steuern die ganze Produktion zu belasten. Der Posener Abgeordnete Pater Adamski bekämpfte in einer längeren Rede die Ausführungen des Ministers, und schon bei seinem Erscheinen verursachte die Linke und das Zentrum Tumultszenen. Die' sozialdemokratischen Abgeordneten begrüßten ihn mit dem Zwischenruf „Pater Adamski als Verteidiger.der jüdischen Tabakfabrikanten". Der Vizemarschall sah sich gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung sucht Adamski nachzuweisen, daß bte- Einführnug eines Monopols für den Staat nur schädlich sein könne. Redner greift das Beamtenpersonal an, stellt, fest,daß . die Staatsbeamten bestechlich sind, und fordert die Ablehnung des Projekts. Als dann Abg. Diamant die Rednertribüne betreten will, setzt die Rechte mit neuerlichem Lärm ein, .so daß er nicht zu Wort gelangen kann. Die Sitzung mutz abermals unterbrochen werden. Nach Wiederaufnahme deü Sitzung polemisiert Diamant gegen Adamski. Er erklärt, daß der Vorwurf des Abg. Adamski, als ob das Monopol eine rein österreichische Sache-wäre, unrichtig sei, da im alten Oesterreich die Ehess des Monopols bekannte Polen wie Dunajewski, Korhtowski, Zaleski und Kniaziolueki waren, die dank ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten Europa gezeigt haben, daß Polen auch imstande wäre, sich selbst zu verwalten. Auch seine Rede wird von den Nationaldemokraten mit Zwischenrüfen „I u d e", „D u h a n d e l st wie ein Jude" u. dgl. unterbrochen. Ein riesiger" Skandal bricht während der Erklärungen des Vizefinanzministers M i k u l eckt los, in der er die von Adamski erhobenen Beschuldigungen - gegendie Beamten eine gemeine Verleumdung nennt.' Die Rechte stürzt auf die Rednertribüne lös und verlangt unter stürmischen Zwischenrufen, .daß - tzev- Bizefinanzmimster sofort die Rednertribüne verlasse. Pater Lütoslätvsk^i. droht ihm nnt der Faust.' Der Vorsitzende M o r a c zewski ruft den Vizefinanzminister zur Ordnung und rügt-ihn, daß er als Mitglied der Regierung solche beleidigende Ausdrücke gebrauche. Als der Vizefinanzminister seine Rede fortsetzen - will, veranstaltet die Rechte stürmischen Lärm, so daß der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen erklären muß. - Der jüdische Sejmklnb wird gegen das Michalskische Projekt stimmen und dadurch voraussichtlich die Abstimmung entscheiden. Die Situation ist ' geradezu komisch, da die Nationaldemokraten gezwungen sind, - durch bie Ablehnung des Tabakmonopols in den Augen der Linken als Verteidiger jüdischer Tabakfabrikanten und Tabakarbeiter zu erscheinen. Das Hauptmotiv, welches den jüdischen Klub veranlaßt, gegen das Monopol zu stimmen, ist der Umstand, daß in der Tabakind ust r i e mehrere Tause.nde j ü d i s ch e r A r b e i t e r beschäftigt sind, die durch die Einführung des Monopols arbeitslos würden. Die Linke nützt die gegenwärtige Situation aus, um die Nationaldemokraten aufs heftigste zu bekämpfen, doch hat noch keiner ihrer Redner die Frage berührt, ob im Falle der Einführung des Monopols die Erteilung - von Konzessionen an Juden und die Beschäftigung der jüdischen Tabakarbeiter sichergestellt sei. Die Abstimmung über dieses Gesetzesprojekt wird erst in mehreren Tagen vorgenommen werden. In der F r e i t a g s i tz u n g brachte Abg. T h o n ein« Interpellation betreffend die Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung ein. In der Interpellation wird nachgewiesen, 5aß der gewesene Polnische Offizier Feuerring aus Przemhsl, obzwar er mehrfach für tapferes Verhalten vor dem Feinde ausgezeichnet wurde, von dem Militärdienst deswegen enthoben wurde, weil er sich zur j ü d tischen Nationalität bekannt hat. Auf einen diesbezüglichen Brief des Genannten an den Kriegsminister wurde ihm, trotzdem zwei Monate verflossen sind, keine Ant Wort erteilt. Die Sitzung wurde im weiteren Verlauf mit', der Debatte über das Tabak Monopol ausgefüllt. Zu Beginn der Sitzung drückte der Vizeminister sein Bedauern über die von ihm.gebrauchten unparlamentarischen Ausdrücke aus, eine ähnliche Erklärung gab auch der Abg. Adamski ab. Der kommunistische Abg. Lancucki erklärt, daß er aus prinzipiellen Gründen für die Einführung des Monopols sei, stellt.jedoch fest, daß in den Privattabakfäbriken j ü d ische Arbeiter beschäftigt sind und appelliert an den Finanzminister, daß infolge Uebernähme dieser'Fabriken durch die Regierung die jüdischen Arbeiter ebenfalls übernommen werden. / Nach einer längeren Debatte wird zur Behandlung der Dringlichkeitsanträge der Witos-Gruppe über die Exzesse auf der Konferenz der Volkspartei und gegen-den Mgesrdneten Witös in Posen geschritten. Abg. Rataj begründet die Dringlichkeit dieser Anträge und verlangt die sofortige Einleitung einer strengen' Untersuchung, da diese Ueberfülle organistert und von den- Regierungsbehörden toleriert seien. Während seiner Rede machen die jüdischen Abgeordneten Zwischenrufe, weshalb die Volkspartei die Exzeffe der Posener gegen die j ü d i s ch e B e v ö l k e r ü n g toleriert habe. Hätte man diese Exzeffe nicht toleriert, so wäre keine Notwendigkeit, die heutige Interpellation zu stellen. Der Innenminister Kamienski erklärte, daß er bereits eine spezielle Kommission zur Untersuchung dieser Vorfälle entsendet habe. Hierauf wurde der Interpellation die Dringlichkeit zuerkannt. Das. Neueste ist... Das Neueste ist nämlich die Theaterratte. Sie hat mit der schon in früheren Zeiten bekannten Ballettratte gemeinsam, daß sie beim weiblichen Teil des Publikums Abscheu erregt, unterscheidet sich von ihr jedoch dadurch, daß auch der männliche Theaterbesucher ihr nicht wohlgesinnt ist. Jedenfalls - beweist das Erscheinen der Theaterratte aufs klarste, daß der von mißgünstigen Beurteilern so oft festgestellte Untergang des Wiener Theaters noch immer keine Tatsache ist. Die Ratten-verlassen unser Theater nicht nur nicht, sie geben sich im Gegenteil daselbst Rendezvous und . veranstalten, wenn der Schein nicht trügt, sogar mit Zuhilfenahme . der Wurstpapiere, - Quargelreste und Geflügelknöchelchen,"die graziös unter den Sitz der Kunstbegeisterten und Schönheitstrmckenen fliegen, .üppige Festmahlzeiten. Diese Stelldicheins, der geschätzten Nager eröffnen die schönsten Perspektiven für den Theaterbetrieb. Wo man ißt, da laß dich ruhig nieder, sangen die Mäuslein im Chöre, und ließen sich weder durch das „Trista'n"- vorspiel, noch durch Werfel abschrecken. Wenn noch'.so viel geredet wird, wenn Tragödien aufgeführt werden, bei denen auch dem bestgelernten Prager erst drei Tage nachher einfällt, was er sich dabei hätte denken können — die Ratten wären, ruhig. Sie wußten,^ eswürde nicht lange dauern und das Leid, der gequälten Menschlein würde sich in Wurstpapierew Lust schaffen. Auf der Bühne machen sich die Mysterien des Alls breit, - unten fliegen bie Zervelathäutchett. LMr wenn sich, die reizenden Haus- und. Bühnentierchen. 'solcherart als treffliche Menschenkenner erwiesen, scheint die Menschenkenntnis an anderer Stelle gar sehr zu mangeln; Da wurde den' „weiblichen Besuchern" des Theaters zugemutet, „ihrem Abscheu" nicht in heftiger Weise Luft zu machen. ÄLann aber — so. fragt das. empörte Wiener Gemüt — wann soll eine Dame eigentlich quieffchen, wenn nicht in jenem Augenblick, in dem eine Ratte ihr über die Füße-springt? Uebermenschliches darf nicht gefordert werden. Außerdem — soll man nicht einmal quieffchen dürfen, wenn man vier Stunden Bildung ertragen hat? Ja, wenn man wenigstens die Wahl hätte —. Ratten oder Parsifal —> -r —-Parsifal oder Ratten ■»-- Kater Murr. Erhöhung der Kohlenpreise. Wie wir. erfahren,, ist mit dem 1. Juni d. I. mit einer neuerlichen Steigerung der Kohlenpreise zu rechnen, da abermals eine Erhöhung der deutschen Frachtarise und der Konventionspreise ab Grube eiugetreten ist. Die derzeit geltenden Kohlenpreise waren noch ans einen Markkurs, von 26 und einen Kurs der tschechischen Krone von . rund 160 basiert. FKnfzig Jahre Hochschule für die Wissenschaft des Indentnms. Berlin, 21. Mai..(J C; B.) Gestern feierte die Hochschule für Wissenschaft des Judentums zu Berlin das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestandes. (Die Hochschule, aus der eine große Anzahl in Deutschland, Oesterreich, Amerika und anderen Ländern als Stätte für jedermann, der sich der Wissenschaft des übrigen nicht allein als theologische Lehranstalt gelten will, sondern als State für jedermann, der sich der Wissenschaft des Judentums widmet, zählt zu ihren Dozenten Männer wie Abraham Gei g e r, Heinrich Steinihal, David C a s s e l, Joel Müller n; a. Die Hochschule war in den fünfzig Jahren ihres Bestehens ein Mittelpunkt jüdischer Forschung. Cs sei nur an die große Reihe wertvoller wissenschaftlicher Arbeiten erinnert, die von Dozenten und Hörern geliefert wurden, insbesondere andie hervorragenden Arbeiten, die in der Sammlung „Schriften der Lehranstalt für'die Wissenschaft des Judentums" erschienen' sind.)« Wim HU engl. Stoffe, Herren-und Damenwäsche, Leinentmd Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 9 gros. En detal . Al - Tigunnmn mnnna-t^»— n . £ 3222