Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1185 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m* ii86 Wien. Freitag Wk brennende Schmerzen verursachte. Dabes - wurden ftc; gezwungen, das antisemitische Spottlied „Erger, Berger, Sch.tzberger" zu singen. Der Gesang wurde mit Hieben und Ohrfeigen begleitet, und schließlich wurde.beiden wit dem AuMngen gedroht. Die Beschuldigten erhoben gegen diese Anklageschrift Einwendungen, über welche der Anklagesenat zu entscheiden haben wird. Gin Städtetag. Warschau, 18. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitnng".) Für den 25. bis 28. Mai wurde nach L emberg der dritte polnische Städtetag einberufen, an dem zum erstenmal auch die Vertreter von Wilna und der Städte von Mittel l i taue n wie auch Vertreter der städtischen Bevölkerung des polnischen Teiles von Oberschl es: e n teilnehinen sollen. Bis nun sind bereits 300 Delegierte und 120 Städte angemeldet. Geistliche rmd Rabbiner vom Militärdienst befreit. , Warschau, 18. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) «ruf der letzten Sitzung" der Sejurkonunission für militärische Angelegenheiten wurde beschlossen, daß Geistliche aller Konfessionen vom Militärdienst in der polnischen Armee befreit werden.. Ueber Antrag des Referenten sollen die Rabbiner ebenfalls vom Militärdienst befreit werden. Ueber Antrag des jüdischen Abgeordnete:: Mendelsohn wurde nach einer längeren Debatte die Bestimmung angenommen, wonach die Rabbiner und die RabbinatsKandidaten vom Militärdienst hesreit werden. Rundschau. Kurze Verschiebung der Ratifizierung des Palästinamandats. > Genf» 18. Mai. (I. K. B.) Der Bölkerbundrat hat die Ratifizierung des Palästinam a n d a t s bis zur nächsten, am 15. Juli beginnenden Tagung verschoben. Balfour hielt in der gestrigen Sitzung eine große Rede, in der er betonte, daß die neuerliche Ratifizierungs- .Verspätung keinen Anlaß zu mißverständlichen Auslegungen geben darf, da sowohl die Bülfour-Deklaratron vom 2. November 1917 als auch das Palästinamandat keinerlei Aendex u n g erfahren können. Einer Meldung des diplomatischen Korrespondenten des „Daily Telegraph" zufolge beruhe die neuerliche Verschiebung der Ratifizierung des Palästinamandats ari den vott den f ranzö sis ch e n und i t a l i e n i sch e n Delegierten im Völkerbundrate gemachten Schwierigkeiten. M. Leon Bourgeois erklärte im Namen Frankreichs, er könne, solange die Aussprache über diese Angelegenheiten mit Paris noch in Schwebe ist, keine eigene Meinung äußern. Hiermit bestätigte er nur das, worauf Poincare immer beharrt, nämlich daß die Delegierten Frankreichs weder im Völkerbünde noch in änderen internationalen Körperschaften eine wirkliche Vollmacht genießen sollen, obwohl es bis nun immer hieß, daß die Mitglieder des Völkerbundrates ihre unabhängige Meinung auszudrücken und nicht als bloße Beamte der Außenämter ihrer Regierungen zu handeln haben. Der „Daily Telegraph" glaubt zu wissen, daß die Bourgeois gegebenen Instruktionen sich, auch auf das anglo-amerikanische Uebereinkommen beziehen, welches Angehörigen der Vereinigten Staaten auf kommerziellem und dem Gebiete der Missionen in Palästina das Recht der offenen Tür gewährt und amerikanische Kapitulationsrechte unter gewissen Umständen auftecht hält. Die französische Regierung sei besorgt wegen der möglichen Wirkung dieses U,ebereinkommens auf das französische Mandat in Syrien, wo eine. Vermehrung fremder Missionen und Konzessionen unwillkommen wäre. Merkwürdigerweise folgte der italienische Delegierte. dem französischen Beispiele und erklärte sich unfähig, aus eigener Initiative Beschlüsse zu fassen, da die neuesten Details des Mandatsentwurfes von seiner Regierung noch nicht beraten werden konnten. Ablehnung der Minderheitsrechte in Lettland. . Riga, 17. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die keltische Konstituante hat in dritter Lesung die Bestimmungen der Verfassung, die die nationalen Minder heits rechte sicherstellen, ab gelehnt. Das Arteil irn Petersdorfer Prozeß. Oppeln, 18. Man (Wolfs.) Der interalliierte Gerichtshof hat heute in dem Prozeß wegen 'der Vorfälle in P etersdorf nachstehende Urteile gefällt: Saczek wurde wegen Teilnahme an dem U e b e r f a l l auf die franz 8 s i s ch e n P o st e n und wegen der Ermordung des Spitzels Seichter zu lebenslänglichem Zuchthaus, der Eisenbahuinspektot Krämer als Führer des ÄlbschutzeS zu acht Jahren Zuchthaus, Wowr.a zu zehn Jahren Zuchthaus, Pyttlck und Malis ka wegen Ermordung des Seichter zu fünf Jahren Zuchthaus, Möbius, ebenfalls Führer des Selbstschutzes, zu zehn Monaten Gefängnis, und. der Geschäftsführer der deutschnationalen Wiener Morg-nzettung 19.. Mai 1922 Seite 8' Feuerwehr und Leichenwagen. Don unserem Budäpester Berichterstatter.)^ Der Führer des. liberalen Blocks,. Viktor R a fs.a-y, sagte dieser Tage einem Zeitungsberichterstatter, daß er das gesamte.Material über die Wahkmißbräuche der Bethlen-Regicrung sammle und nach der Wahl in Form eines Buches der Oeffentlichkeit übergeben werde. Es wird ein dickleibiges Buch werden, denn Gömbös, der Wahldiktator, und seine überaus große Garde von Agitatoren sind unerschöpflich in der Erfindung von Vexationen, durch welche den oppositionellen Kandidaten nicht nur der Verkehr mit ihren Wählern erschwert, sondern auch persönlich das Leben sauer gemacht wird. Hier soll jedoch nicht von diesen Dingen die Rede sein, es sollen nicht die Fälle ansgezählt werden, in denen der oppositionelle Kandidat kurzerhand verhaftet und aus seinem Wahlkreis a b g e s ch a f f t, durch G e n d a.r:n e n an die Wahlkreisgrenze eskortiert, wenn nicht gar mehrere Tage hindurch in Haft gehalten wurdet Das ist in dem gegenwärtigen Wahlkampf'in Ungarn gang und gäbe und zeigt in der Art der Durchführung solcher „Erledigungen" der Kandidatur eines der Regierung nicht genehmen Politikers sowie in der Begründung eines solchen Vorgehens nur'wenig Abwechslungen. Man sieht in allen diesen Machtausschreitungen dieselbe Meisterhand des allgewaltigen Gömbös. Wir "wollen hier vielmehr aus der Fülle des uns zur Verfügung stehenden Materials zunächst zwei Fälle he,rausgreifen, die selbst in Ungarn wegen ihrer Originalität aussallen: . . Am letzten Sonntag hielt Finänzminister Kallay' seine Programmrede in Nyiregyhaza. Am Bahnhof wurde er mit dem berühmten Banderium der Csikos' empfangen, hoch zu Roß ritten die Kortesch der Kutsche des Ministers voran, während die Zigeunermusik alte und neue Korteschlieder spielte. Der Saal, in welchem der Minister seine Programmrede hielt, war nicht übermäßig besetzt. Unter den Zuhörern befanden sich auch einige oppositionelle Wähler, welche jedoch einer nach dem andern ans dem Saale geholt und einfach eingesperrt wurden. Begründung: Einer der Oppositionsmänner erlaubte sich, durch einen Zwischenruf eine - Anfrage an den Minister zu stellen, und da anzunehmen sei, daß auch die übrigen Gesinnungsgenossen dieses Bürgers sich diesem -Ansragespiel anschließen könnten, wodurch -in: Saale eine-Panik entstehen müsse, so -sei zum Schutze der petsö n l i ch e n Sich e rh e i t d e r O P p o s i t i o n e l l e n die Schutzhaft' über sie verhängt worden. Damit aber auch die übrigen Bürger von Nyiregyhaza ein abschreckendes Beispiel erhalten, wurden die Verhafteten, alles angesehene' Bürger - der Stadt, aus dem größten Umwege durch alle Straßen der.Stadl zu Fuß eskortiert. Aber das Abschreckungsmittel hat nicht gewirkt. Nachmittags fand unter freiem Himmel die Volksversammlung' der 4 8 e r K l e i n w i r t e - P a r t e r statt, in welcher der Kandidat ' dieser Partei - seine Programmred'e hielt. Der Platz" und die' angrenzenden Straßen wären - überfüllt. Die Zuhörer jubelten dem Redner zu, da plötzlich sprengte die Feuerwehr mit sämtlichen - Löschtrains unter ohrenbetäubenden: Feuersignal über den Platz und erzeugte unter , den Anwesenden' eine furchtbare Panik. Die Leute liefen auseinander, jeder glaubte, daß in der Stadt ein großes Fener. ansgebrochen sei. Volkspartei Riemann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden zu niedrigeren Gefängnisstrafen verurteilt. Rücktritt des Moskauer Patriarchen. Moskau, 18. Mai. (Funkspruch.) Am 12. d. machte eine Gruppe von Priestern dem Patriarchen Tychon den Vorwurf, daß er durch seinen-Widerstand und seine reaktionäre Politik die moralische Verantwortung für die blutigen Ausschreitungen - der setzten Wochen trage. Nach dieser Unterredung gab Tychon seinen Rücktritt. Letzte Handelsnachrichten. Rima Muranya A.-G. Budapest, 18. Mai. (Priv.) In der heute stattgefundenen Generalversammlung wurde nach längerer, stürmischer Debatte der Antrag" der Direktion auf Erhöhung des Aktienkapitals angenommen. Der Verwaltungsrat beschloß, die neuen Aktien zum Kurs von 22.000 K. per Stück (auf je 26 Stück alte entfallen drei neue Aktien) den Aktionären zur Zeichnung, anzuhieteu. Tagesbericht. Die schöne Rahel und die häßliche Zebu. Sittlich-religiöse Dichtung mld Wahrheit. Das christlichsoziale Donnerstagäbendblatt tischt in seinem „literarischen Teil" den gläubigen Lesern eine wunderschöne Erzählung von arischdm Männerstolz vor Judengeld auf. Der antisemitische Hausdichter, schildert Ms jedoch .bekannt .wurde, daß. der Feueralarm unbegründet, sei, sammelten sich die. Wähler wieder auf dem Platze und die Volksversammlung hatte womöglich einen noch größeren Zulauf. Aber der Nyiregyhäzaer Gömbös wird nicht so schnell verlegen. Als'die Leute wieder beisammen waren, erschienen mit einem Male sämtliche Leichenwagen v der Stadt aus dem Platze und fuhren abermals durch div Menge. Es waren etwa zehn Leichenwagen, die durch die gewaltsam geöffnete Menschengasse zogen. Diesen Wink mit dem Leichenwagen haben die Wähler sofort. begriffen, die Volksversammlung war zu Ende. Der Redner konnte seine Programmrede nicht. zu Ende führen. Die. Anzeige gegen den Bürgermeister, von dem diese Wahlscherze ausgingen, wurde' erstattet. In Oedenhurg hatte 'die Sozialdemokratische Partei, die Abhaltung einer Volksversammlung angekündigt, in welcher der Kandidat, der ehemalige Universi- - tätsdozent Dr. Eduard H e b e.l t, seine Programmrede halten ' sollte. Es hatte sich ein mehrere hundert Köpfe, Zählendes Auditorium auf dem großen freien. Platze vor der Turnhalle angesammelt, wer aber nicht kam, war der Kandidat Doktor Hebelt. An sein«"- Stelle hielt ein Delegierter der Sozialdemokratischen Partei in ungarischer und deutscher Spräche eine Rede, in welcher er den verblüfften Versammlungsteil.lehmern die Mitteilung machte, daß Dr. Hebe!: „v e r h i n d e r.t" sei, zu kommen und seine Programmrede zu halten, weil Minister des Innern Graf K l e b e l s b e r g dem Kandidaten dies v e rboten habe. Die Begründung ist auch hier ganz einfach magyarisch. Dr. Hebelt soll jüngst aus einer Eisenbahnfahrt vor einigen Fahrgästen über SrcJ rca^onalitätengesetz, bezw. über 'die Erweiterung der Rechte der nationalen -Mi nder h e i t e n, insbesondere der Deutschen in Ungarn, sich in einer Weise geäußert haben, die es notwendig erscheinen ließ, den Herrn Kandidäten unter Polizeiaufsicht zu stellen. Nun verbietet das famose Bethlensche Wahlgesetz, Personen, die unter Polizeiaufsicht stehen, zu kandidieren oder öffentliche politische Reden zu halten. . ' Der Redner teilte ferner mit, daß alle Schritte, die gegen ' dieses Vorgehen unternommen wurden, erfolglos blieben und daß selbst'die Drucklegung seiner Pogrammrede verboten wurde. So sei denn Dr. Hebelt nichts anderes übrig geblieben,' als an den Minister des Innern, der gleichfalls in Oedcnburg kandidiert, in einerdringlichen Eingabe die folgende Frage zu stellen: „Erachten Sie es eines loyalen Gegners und Külturpolitikers - angemessen/ den - Wahlkampf. ,so zu . führen, da Exzellenz vermöge Ihrer amtlichen Stellung allein schon mir gegenüber.in -Vorteil sind, daß Sie mir das Erscheinen auf dem Schauplatz des Kampfes, wo ich an die Wahlbürger das Wort richten will, unmöglich machen? Würde es-Ihren guten Geschmack nicht verletzen, wenn es Ihnen nurmit solchen utt? moralischen Mitteln gelänge, den Sieg davonzütragen?" Doktor Hebelt kann beruhigt sein, Graf Klebelsberg wird sich durch-' aus nicht empfindsam zeigen; er hat während seiner Amtstätigkeit schon ganz andere Dinge von politischer Unmoral geduldet und gefördert als dieses ministerielle Korteschmätzchen. die raffinierten Versichrungskünste der schönen und reichen. Jüdin Rahel, die au der Tugend des chrMich-germanischen Studenten Hermann Kern kläglich zuschanden werden. Obwohl, sie seinetwegeen täglich einen Umweg, über.die Hintertreppe macht, um ihm durchs Fenster einen.koketten. Blick zuzuwerfen,, gelingt es ihr nicht, seine Sinne.zu betören, und als sie ihm, den: mittellosen Prüsungskandidaten, eine glänzend bezahlte Anstellung im Unternehmen ihres Vaters verschaffen will — schöne Jüdinnen sind schon so heimtückisch! — lehnt er stolz unter Hinweis aus seine Grundsätze ab. Was für Grundsätze das sind, wird zwar nicht gesagt, aber das weiß der gelernte „Reichspost"- Leser ohnehin und ist ohne Zweifel sehr begeistert,.denn cs gibt noch immer naive Hinterwäldler-, die der verführeri-. scheu Hakenkreuzlerweise aus den Leim gehen. Das oberösterreichische Städtchen Eferding zum Beispiel, das sich des Segens einer christlichsozialen Gemeindevertretung erfreut, empfiehlt sich als Sommerfrische mit dem Beifügen, daß Inden nicht aufgenommcn werden. Die großstädtischen Antisemiten haben für eine so Proviuzlerische Prinzipientreue nur mehr ein über-, legenes Lächeln, denn sie halten in der „sittlich-religiösen" Bildung schon bedeutend weiter, und haben unterscheiden gelernt zwischen der „Literatur", die . in ihrem Leibblatte unter, urw der „Politik", die, dort über dem Striche verzapft wird. Auf derselben Seite, ans deren unteren Hälfte die grundsätzliche Ablehnung der schönen. Rahel samt ihrem Judengeld durch den Arier Hermann. Kern poetisch verklärt wird, wird cs der „Morgenzeitung" als Flegelei angekreihet, daß sie Frau Jeritza auf die Ünzukömmlichkeit aufmerksam machte, die darin liegt, Judengelder antisemitischen Organisationen zuzuführen. Das christlichsoziäle Organ betrachtet' unsere zielbewußte Aufklärungsarbeit eben als eine Gewerbestörung. Wenn der Arierparagraph auch auf die Gelder der Juden erstreckt engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leihen-und Strickwaten, alles erstklassig und billigst bei II., Taborstraße 48 . Telephon 47-1-79 En gros En detail %