Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1185 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i’i T'-f- K ■ - “ - "^ - ', ,,, ' ' ' ’ 1 <■. f« . > . Seite 2 Wien, Freitag Wicsser Msrgelize!titrig 19. Mai 1922 Nr. 1185 Jude Die ftänzösische Politik halte es diesmal nicht allzu schwer, sich hinter formalen Vorwänden zu verschanzen. Bisher war es die ablehnende Haltung Amerikas gegenüber dem Völkerbund, welche die Ratifizierung des Mandats verzögert hat. Amerika hat einerseits feine Mitarbeit am Völkerbund versagt, andererseits aber auf alle Rechte Anspruch erhoben, die es in seiner Eigenschaft als Kriegsteilnehmer fordert. Der zionistischen Politischen Arbeit in Washington und den: Einfluß des amerikanischen Zionismus auf die dortige öffentliche Meinung und Politik ist es gelungen, eine einstimmige'Resolution des amerikanischen Senats für die Errichtung des jüdischen Nationalheims zu erreichen und die Sympathien der amerikanischen Regierung fiir die zionistische Sache bilden einen unserer stärksten politischen Aktivposten. Aber es scheint, daß die. in der letzten Zeit in der Mandatsfrage zwischen England und Amerika geführten Verhandlungen, die.namentlich in Lezug aus Mesopotamien an amerikanischen Interessen rühre^, noch nicht zrun vollen formalen Abschlüsse gelangt sind, und Frankreich, das im allgemeinen die Politik der Reserve und des Anffchubes liebt, hat wohl die Gelegenheit wahrgenormnen, um sich daraus zu berufen, daß d.ie infolge der amerikanischen Haltung geänderte Situation neuerliche Beratungen in Paris erforderlich mache. Daß die endliche Ratifizierung noch etliche Zeit aus sich warten lassen wird, ist in mancher Hinsicht unerfreulich. Aber in materieller Hinsicht enthält die Situation' nichts, was geeignet sein könnte, die tatsächliche Situation auch nur umHaaresöreite zu verschieben. Amerika ist durch die Erklärung seiner leitenden Staatsmänner und den einstimmigen Beschluß seines Senats gebunden, und damit ist eigentlich das Haupthindernis für die Ratifizierung beseitigt. Möglich, daß - noch etliche Zeit darüber vergehen wird, bis. das jüdische Naiionalheim die Sanktion des Völkerbundes erhält; daß au dem wesentlichen Inhalt des Mandats nicht zu rütteln ist, dafür bürgt Balfour, des großen Zionisterrfreundss Wort, die Politik Amerikas und der Traktat von San Remo, der die Unterschrift sämtlicher Alliierten trägt. ... . - Triester Hoffnungen. (Von unserem H.-A.-Berichterstatter.) S Der König soll am 21, d. nach Triest kommen- Große Vorbereitungen werden für diesen zweiten Besuch seit der „Befreiung" von Triest getroffen,'größere Erwartungen an ihn knüpft. Triest soll vom Pünto franco zum Porto franco (Freihafen) werden. — Ob nicht auch hier, wie in so.vielen Fällen, nur der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ist fraglich. Jedenfalls ist die Lösung dieser, für das Wirtschaftsleben Triests so wichtigen Frage nicht so einfach,, wie die Triestiner sie sich vorstellen:. Von einer Brücke; welche im Punto franco erbaut und festlich geschmückt werden soll, würde der König die Freihafenerklärung verkünden; so Hort man in der Stadt allgemein reden. — Selbstverständlich ist hierzu heute, nachdem Triest seit der Annexion vom 20. März 1921 dem Gefüge des Reiches rechtmäßig einverleibt worden ist, ein Paria me n t s b e s ch l u ß notwendig. Doch haben die derzeit noch in Genua lveilenden Politiker heute dringendere Sorgen, als die Umwandlung Triests in eimen Freihafen. Es ist auch psychologisch begreiflich, daß die Negierung trotz des seinerzeitigen Versprechens Giolittis der jüngsten der italienischen Hafenstädte nicht das konzedieren kann, was sie alten Handelsemporien, wie Neapel, Genua und Venedig, nicht zugestünden hat und nicht zuzugestehen gewillt ist. Triest seinerseits würde dadurch nicht nur wieder seine Vorkriegs-, sondern eine weit darüber hinausgehende Bedeutung erlangen. Das ist vielleicht auch der Grund, warum das Gerücht wieder einmal zirkuliert, warum es überhaupt hier und da lanciert wird. Es ist wie eine Injektion, die man dem kranken Körper gibt, um ihn ein wenig aufzupulSern und zu erfrischen, damit er seine Leiden und Schmerzen vergißt. Denn Triest ist heute eine fast tote Stadt. Wer es vor dem Kriege gekannt hat und es heute wiedersieht, erkennt es kaum wieder. Es ist dies ja auch nur zu begreiflich. Triest war früher der größte Hasen des Großstaaies Oesterreich, auch der einzige neben Fiume, und ist heute einer der vielen kleineren Häfen Italiens. Kein Leben im Hasen, kein Leben in der Stadt. Die Schiffe fahren mit kaum halbgeladenem Frachtraum, vom Personenverkehr gar nicht zu reden. Die einzige Ausnahme bildet die Route nach Palästina. . So ist es kein Wunder, daß zahlreiche Kaufleute die Absicht Hegen- und tellweise schon durchgesührt haben, Triest zu verlassen, respektive ihre hiesigen Filialen stark abzübauen. 10 bis 20 Prozent der Beamtenschaft werden entlassen, von den zahlreichen Arbeiterkündigungen nicht zu sprechen. Unter diesen Umständen ist eine verhältnismäßig hohe Zahl von Arbeitslosen, 26.000 bis 30.000, nicht verwunderlich, und diese belasten neben dem staatlichen auch stark das städtische Budget. Biele dieser Ar- . beitslosen leben von einem Tag auf den anderen, da sich doch bei größeren Verladungen im Freihafen für sie aus kurze Zeit Arbeit ergibt, während fa» dann tagelang wieder nichts haben. Der große Prozentsatz an Ärbeitslosenift es I auch, der die Behörden zu den strengen Äbsperrmaßregeln gegen die Einwanderung veranlaßt hat, welche' aber in letzter Zeit nicht mehr allzu scharf gehandhabt werden. Wie schon früher erwähnt, kann NM von einem regeren Verkehr eigentlich nur' nach A e gypte n u n d P a l ä st i n a sprechen, was darauf znrückzuführcn ist, daß das Hauptkontingent der Waren nach Palästina als auch die Auswanderung nach dort den Weg über W i c u— Triest nimmt. Ganz ist man sich hier allerdings der. Bedeutung Triests als Haupthafen für die Verschiffungen und die Uebersahrt nach Palästina noch nicht bewußt. Das Heil und die Wiederbelebung erwartet man nur von der Erklärung Zum Freihafen, und diese Hoffnung -ist auch nicht ganz, unberechtigt. Denn außer den obgenannten Vorteilen würde sich die Bedeutung Triests als Transit Hasen noch weit erhöhen, was wieder stark für den Palastinaverkehr in Betracht, kommt. Ganz abgesehen davon aber würde Triest aufhören, die teuerste Stadt Italiens zu sein, welchen traurigen Ruhm es heute unbedingt trotz den starken.. Preisreduzierungen seit vorigem Jahr für sich in Anspruch nehmen kann. Ob aber die Hoffnung Triests, welche man diesmal mit dem Kommen des Königs in Zusammenhang bringt, so bald in Erfüllung gehen wird, ist fraglich. Es ist die einzige letzte Hoffnung des sterbenden Triest. Die letzte Sitzung der Genueser Konferenz. Genna, 18. Mai. (Tel.-Komp.). Mit der morgen um 9 Uhr vormittags beginnenden Plenarsitzung findet die Genueser Konferenz, ihren Abschluß. Das Zeremoniell der ■ Schlußsitzung wird heute abends festgestellt werden, wahrscheinlich wird man auf. ein Schlußbankett verzichten, da die meisten Delegationen bereits morgen nachmittags äöreisen wollen. Ein Gottesfriede für vier Monate. Genua, 18. Mai. (Stefani.) Der in Anwesenheit der' Delegierten Italiens, Großbritanniens, Japans, Polens, Rumäniens, Rußlands, Schwedens und der Schweiz von der Unterkommission--« dev- Crsten Kommission - in ihrer gestrigen Sitzung angenommene Nichtangriffspakt besagt: Um zu ermöglichen, daß die Arbeit der Kommission sich in aller Ruhe vollziehe, und um das gegenseitige Vertrauen wieder herzu siel len, -werden zwischen der russischen Sowjetrgierung sowie den mit. ihr gegenwärtig verbündeten Regierungen einerseits und den anderen beteiligten Negierungen andererseits Verpflichtungen eingcgangen werden, sich a l l e r A n g r i f s shandlungen gegen ihre gegenseitigen Gebiete sowie jeder umstürzlerrschen Prop a g a n d a z u enthalten. Die Verpflichtung wird auf der Achtung des gegenwärtigen Status quo begründet sein und lvahrend eines Zeitraumes von vier Monaten na.ch Schluß der. Arb eite n d e r K o m m i ss i o n e n in Kraft bleiben. Genna, 18. Mai. Die Vollsitzung der politischen Kornmission fand heute vormittags ohne Teilnahme der französischen, der belgischen sowie der deutschen Delegatron statt. Bundeskanzler Sch o b e r nahm für Oesterreich an der Sitzung teil. Schanz er stellte den Gand der Verhandlungen über die russische Frage dar und verlas sodann die verschiedenen Anträge. ' Hieraus fragte der V ertr e t e r L i t a u e n s, ob . die Bedingungen des Burgsriedenspaktes sich nur auf das Verhältnis zwischen den Mächten und' Rußland beziehen, oder auch zwischen den Mächten untereinander, weil.sonst Polen dadurch gegen Angriffe von seiten Rußlands geschützt Werde, aber nicht Mauen vor Angriffen'durch Polen. Präsident Facta teilte mit, diese Frage sei erledigt, und zwar sei dies aus Artikel 6 zu ersehen. Skirmunt erklärte,'Polen habe wiederholt seine friedlichen Absichten erklärt. Tschitscherin erklärte, er verstehe den Vertrag so, daß alle Staaten den Status quo sestzulegen beabsichtigen, woraus folge, daß sie auch untereinander den Status quo achten sollen. Der Delegiert e H ü l l a n d s teilte mit, daß alle .Staaten, die ihre Vertreter zu der Kommission im Haag entseirden, dort auf dem Füße Völler Gleichberechtigung behandelt werden und alle Prärogative und Privilegien exterritorialer Gesandtschaften genießen werden. Lloyds.G e o r g e sprach seine Ueberzeugung aus, daß die Arbeit im Haag ebenso wie in Genua im Geiste der Versöhnlichkeit sortschreiten werde. Kehraus in Genua. Genua, 18. Mai. Der heutige Nachmittag war den Abschiedsbesuchen zwischen den Führern der verschiedenen Delegationen gewidmet sowie ,Abschiedsbesuchen bei den. Köyferenzbehörden, denen bei dieser Gelegenheit, von allen . Seiten warmes Lob. füt die tadellose DurÄühruna des sechmschen Dienstes ausgesprochen Würde- Unter den Abschiedsbesuchen ist eine Unterredung bemerkenswert, die heute um 6 Uhr. nachmittags zwischen Reichskanzler Dr. Wirth und Premierminister Lloyd George statfand. . ' Mittags gabendie Journalisten dem Telephon- und Telegrapenpersonal ein Bankett, bei welchem ebenfalls der lebhafteste Dank der Journalisten für die ausgezeichnete Durchführung des Dienstes'abgestattet wurde. Die französische Delegation reist Samstag vormittags ab, die englische und die österreichische morgen. Ministerpräsident Dr. Bene sch verläßt morgen vormittags Genua. Die Russen bleiben noch Samstag und-vielleicht auch noch Sonntag hier, .wahrscheinlich um ihre Handelsvertragsverhandlungen mit Italien fortzusühren. Morgen nachmittags, nach der Vollsitzung der Konscrenz, finden bei den meisten Delegationen noch Abschiedsempfange für die Presse statt. Oesterreich/ LörrLschLsLsverhaKNuAgen mit ANgarrl.. Die Verhandlungen mit Ungarn über den Abschluß eines Wirtschaftsabkommens werden zu Beginn, der nach- - sten Woche in Wien eröffnet werden. Gelegentlich dieser Verhandlungen wird auch die Frage der Viehaus- /n h r aus Ungarn besprochen werden. Im englischen Unterhause erklärte H a r m s w o r t h in Beantwortung einer Anfrage, er sei benachrichtigt worden, daß in Wien infolge der Schwierigkeit, Fleisch und > Milch tn genügenden Mengen zu erhalteil, eine beträchtliche Notlage herrsche. Diese Lage, die seit einigen Jahren bestehe, könne nur auf die an Ungarn gestellte Forderung zurückzusühren sein, Schlachtvieh gemäß dem Friedensvertrag von Trianon zu liefern. Obgleich der ungarischen Regierung genügend Zeit gelassen worden sei, dieser Verpflichtung nachznkommen, habe sie dies noch immer nicht getan. Die Zahl des abzuliefernden Viehes betrage •; nur ein Fünftel des jährlichen Uebexschnsses Ungarns. } Tschecho - Slowakei. GMerstlfireik in Prag.. P r a g, i 8. Mai. Die Blätter melden zum morgiW Generalstreik, daß sich die Arbeitsruhe, auch auf die Vergnügungsetablissements, Theater, Kabaretts usw., ferner auf die Gastwirtschaften erstrecken wirb. Die elektrische Straßenbahn wird nicht verkehren. Für die Prager Blätter gilt der Generalstreik von heute 6 Uhr abends bis morgens 6 Uhr abends, so daß morgen keineBlätter erscheinen werden. Die Angestellten der autonomen Der«, waltung Groß-Prags werden sich gleichfalls am Generalstreik und an der Kundgebung beteiligen. Das Gremium der Prager Kaufmannschaft wird die Ge schäfte morgen geschlossen halten und begründet diese Maßnahme damit, daß das Gesetz keinen Ersatz für eventuejl entstehende Schäden gewährleistete. Ungarn. Wrrs die StsmtsarrwaLtschafL in der , AMre Landan feststellt. Budapest, 17.. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.). Wie erinnerlich, hat die Regierung und die Staatsanwaltschaft trotz mehrfacher Bemühungen der Angehörigen des ermordeten Adolf Landau und der oppositionellen Abgeordneten es abgelehutd in dieser Angelegenhiet ernste Schritte zu unternehmen. Nun hat sich die Staatsanwaltschaft doch dazu bequemen müssen, eine Anklageschrift gegen die ihr namhaft gemachten Täter zu verfassen. Unter den Angeklagten befinden sich auch der wegen einer . anderen Affäre in Haft - befindliche Advokat Dr. Franz Rüzsiez, der .ehemalige Barbiergeselle und nachmalige Weinhändler Ferdinand Dobe, der ehemalige GeNeralstäbsrechercheur Doktor Camillo Sipos, gegen welche die Anklage des sortsetzungsweise verübten Verbrechens der Erpress u n g, gegen Sipos überdies des Vergehens der Verletzung der persönlichen Freiheit erhobn wird. Die Anklage erstreckt sich auch auf die chemaligerl Generalstabsrechercheure Endre Toth, Stephan Beck e r, sowie auf den -Fremdenführer Ignaz K i s Auf Grund der Erhebungen und der Untersuchung sei — so führt die Anklageschrift aus — nachweisbar, daß Camillo Sipos, als er den in Hast genommenen Adolf Landau ins Verhör nahm.und diesr leugnete, ihm mit siinem dicken Stock einen so schweren Hieb versetzte, daß der Stock in Stücke brach. Dann schlug er den alten Mann mit einer Artilleriepeitsche blutig. Sipos begab sich sodann in das Nachbarzimmer, wo sich der Sohn Landaus in Haft befand. Geza Landau wurde an Händen und Füßen gefesselt und sodann von Sipos bl-ut.g gepeitscht. Diese Folterungen wurden am darauffolgenden Tage fortgesetzt. Dobe nahm zwei Soldaten pus, die die. Tortur damit ^begannen, daß sie die beiden Landau zwangen, vier bis fünf Liter Wasser zu trinken. Dann wurden Leche nackt ausgezogen und. am Gesäß mit einer aelbUchen a tz e n d e n F l ü s-s i g k ei t e in g e p.iN s e ls,