Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1183 (17.5.1922)
- Date
- 1922-05-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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'Nr. 1183 1 Wien, Mittwoch tzen Ausschuß,eingesetzt der sich mit der Frage des internationalen Zusammenwirkens der Intellektuell enzu befassen hätte. Der Ausschuß wird zum ersten Male am 1. Augüst d. I. in Genf zusammentreten. In diese Kommission ist unter anderen auch Professor E i n st e i n.vün der Berliner Universität gewählt worden. Weiter sind Mitglieder der Kommission Professor der Nationalökonomie an der Universität Kalkutta Dr. Barr e r j e e, der Professor am College de France B e r g s o n, Professorin der Zoologie an der Universität Christiania Fräulein Bonnevie, die auch Delegierte Norwegens in der Völkerbutidversammlung war, der Direktor der medizinischen Fakultät der Universität von Rio de Janeiro de Castro, ferner die bekannte Frau Curie, Professorin der Physik an der Pariser Universität und Mitglied der medizinischen Akademie von Paris, der frühere Minister für Kunst und Wissenschaft in Belgien Be st ree, sodann der Professor für griechische Philologie an der Universität Oxford Murray, der Professor für französische Literatur an der Universität Bern de N e y n o l d, der Professor für Kirchenrecht an der Universität Turin Ruffini und schließlich der Direktor des elektro-mechanischen Laboratoriums in Madrid de T o r r e s Q u e v e d o. Neuerlich« Reparationszahlungen Deutschlands. Paris, 16. Mai. (Wolff.) Wie die Rcharattonskommijsion tnittcitt, hat die deutsche Regierung gestern bei der vom Garantieausschuß bestimmten Bank eine Zahlung von ungefähr 50 Millionen Goldmark geleistet. Tagesbericht. Zionistisches Landsskomitre für Oesterreich. Für Sonntag den 28. d. wird der Zionistische Parteira't einberufen. Tagesordnung: 1. Bericht (Referent Fng. Stricker), 2. Keren Kajestod (Referent Dr. Jakob Weiner), 3. Fugend- und Siudentenfragen (Referent Prof. Dr. Wilhelm Stein). 4. Kooptterung von zehn Mitgliedern in den Parteirat, 5. Ersatzwahl eines Mitgliedes des Landes» Komitees, 6. Nominierung ddu Delegierten zur Jahres- Konferenz. 7. Eventuelles. Beginn der Beratungen 2 Uhr nachmittags im Sitzungssaal des Zionistischen Landeskomttees, II.» T a b o r st r a tz e 20 a. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. Dr. N. M. Gelber. __Fng. Robert Stricker. Paralipomena zum „Weg ins Freie". Von Arthur Schnitzler. Die nachstehenden unbekannten Paralipomena zu Schnitzlers Roman „Der Weg rns Freie" entnehmen wir. dem Jüdischen Alman ach der Wiener .Hochschülervereinigung ,^Aar-Kochba",der im Jahre 1910 erschien. Arthur Schnwler hat sie einer der jüdischen Gestalten des Rymans, Heinrich Bermann, in den Mund gelegt. Sie gelangten in dem genannten Sammelwerke zum ersten Abdruck. Wir veröffentlichen diese Aufzeichnungen aus Anlaß des sechzigsten Geburtstages, den der Dichter am 16. Mai feiert. „Es ist wahr; schon das Wort Religion bring! sonst ganz vernünftige Menschen in einen geheimnisvollen Aufruhr und es ist daher schwer, über gewisse Dinge zu reden,! wie es notwendig wäre, um endlich Klarheit in die Welt : zu bringen. Ja, zu dem Aufklärungsgeschäft, wie ich es mir denke, gehört ein Genie der Propaganda, das in seiner Art gerade so bedeutend sein müßte, wie es der großen Religionsstister gewesen ist. Denn man hätte ja nicht nur den Kanipf mit den Gläubigen aufzunehmen und mit denen, die vonr Glauben der andern leben, sondern auch mit dem gefährlichsten und tückischesten Feind, mit der Heuchelei und Feigheit der Ungläubigen. Ich spreche natürlich nur von dem, was im dogmatischen Sinne unter den Begriff Religion fällt. Ich, weiß sehr gut, daß es üblich.ist, unter Religion auch das beliebige private Verhältnis jedes einzelnen zu dem Unerforschlichen zu verstehen, und daß man daher in diesem Sinne den lächerlichen Gemeinplatz anzuwenden pflegt, es gäbe überhaupt keine Menschen ohne Religion. Dieser Sprachgebrauch richtet aber eine solche Verwirrung an, daß ich mir niemals einfallen lasse und es auch niemandem zugestehen möchte, in' einer ernsthaften Diskussion das Wort Religion in einer so nichtssagenden Bedeutung anzuwenden." * „Auch das klügste Wort bleibt am Ende nur Geschwätz, wenn es nicht auf irgend einem Wege zu Taten führte * „Große Künstler oder auch Dilettanten können vollkommen reine Menschen sein. Mittelmäßige Künstler, und ganz besonders Literaten, niemals." # „Es ist inuner ein Zeichen von Lebensschwäche, vielleicht von Feigheit, auf ein Relatives zn verzichten, wo uns das Absolute versagt." I „Nicht auf Gesinnung kochmt es au, sondern auf Anschauung. Die Leute mit der Gesinnung waren immer diejenigen, die den Holzstoß angezündet haben für die Leute mit der Anschauung." * . * „Die Gesellschaft hat die Strafe erfunden, die Theo- «ogie die Hölle, und für die Fälle, in denen die irdische Süyue ausbleibt und der Glaube ans Jenseits versagt. W >- Wiener Morgenzeitung „Um einer Partei anzügehören, ist eine gewisse Portion Einfalt unerläßlich. Vernünftige Leute, die den Standpunkt ihrer Partei bis in die letzten Konsequenzen zu vertreten versuchen, erwecken immer den Eindruck, als ob sie konfus oder unehrlich geworden wären." ' * „Es war das Charakteristische dieser Gruppe von jungen Leuten, daß sie Selbstverständlichkeiten mit dem Pathos tiefster Weisheiten — und daß sie Kühnheiten, für die noch niemals irgend jemand ein Haar gekrümmt wurde, in einem Tone aussprachen, als. drohte ihnen dafür der Scheiterhaufen." Die Teuerung. » Amtlich wird gemeldet: Die auf Grund des Abbaugesetzes eingesetzte paritätische Kommission hat in ihrer Sitzung vom 15. d. das vorgeschriebene Gutachten über die Verteuerung der Lebenshaltung von Mitte April bis Mitte Mai abgegeben: Nach diesem Gutachten sind die Kosten der Lebenshaltung vom 15. April bis 15. Mai um 25 Prozent gestiegen, Die gleitende Teuerungszulage. Das paritätische Komitee der Wiener Metallindustrie teilt uns mit: Im Sinne der bestehenden Kollektivverträge der Arbeiter und Angestellten der Wiener und Wiener-Neustädter Metall- und Gummiindustrie hat die gemeinsame paritätische Kommission die gleitende Teuerungszulage per Ende Mai wie folgt ftstgestellt: Für Arbeiter, die das 22. Lebensjahr vollendet haben, ferner für verheiratete Arbeiter unter 22 Jahren und für Arbeiterinnen, die Familienerhalierinnen sind, 662 Prozent (statt bisher 805 Prozent). Für ledige Arbeiter, die das 22. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, und für Arbeiterinnen (mit Ausnahme der Fannlienerhalterinnen) 620 Prozent (statt bisher 472 Prozent.) Diese gleitende Teuerungszulage tritt für jene Löhnperiode in Wirksamkeit,, die Samstag den 27. d. zur Auszahlung gelangt; bei Betrieben, die nicht Samstag auszahlen, an dem dem 27. d. vorausgehenden Zahltage. Für die In du.strieange stellten beträgt die gleitende Teuerungszulage für den Monat Mai 662 Prozent. Dies gilt für alle Kollektivvertragsgemeinschaften, in denen im Monat April die Gleitende von 505 Prozent gegolten hat, Ei« Besuch in St. Marx. Lebe» und Treibe« auf de« Wiener Zenlralviehmarkt. Der Wiener verbindet mit dem Wort St. Marx einen etwas undeutlichen Begriff. Wohl weiß er, daß damit die Fleischversorgung in irgend einem Zusammerchang steht, denn das hat er oft und oft in der Zeitung gelesen, und auch dann, tvenn er von Fleischteuernngen ztr hören bekomntt, was in letzter Zeit bekanntlich nicht selten der Fall ( war,,spielt St. Marx dabei immer eine gewisse Rolle. Was ' sich aber in St. Marx abspielt, wie sich diese Fleischbörse abwickelt, darüber ist die Bevölkerung im allgemeinen so gut wie vollständig uninsormiert, weshalb es uns nicht unangebracht erscheint, einmal über daß Treiben auf dem Wiener Zentralviehmarkt, einer in den Fachkreisen der ganzen Welt als müsterhaft anerkannten Institution, näher zu berichten. Seit mehr als fünfzig Jahren vollzieht sich in Sankt Marx der Schlacht- und Stechviehmarkt für Wien und Mederösterreich, und seit ebenso langer Zeit ist es der Montag, der für den Verkauf von Großvieh (Ochsen, Büffel, Stiere und Kühe) als Verkaufstag gilt. Der Nachmarkt findet jeweils am Donnerstag statt. Für JAng- und Borstenvieh gilt der Dienstag als Markttag, der Nachmarkt geht gleichfalls am Donnerstag vor sich. An diesen Tagen erfolgt fast durchwegs auf dem Bahutvege die Zufuhr des Viehes aus allen Teilen Oesterreichs, aber auch ans Ungarn und Rumänien, zum Teil sogar aus Jugoslawien und Siebenbiirgen. Die Zufuhr aus Galizien, die früher einmal einen Hauptbestandteil des Wiener Marktes gebildet hat, ist jetzt nicht mehr zu verzeichnen, da Polen ein A u s f u h r v e r b o t erlassen hat und den Wiener Markt nicht mehr beschickt. Die vielen Bahuwagen mit freut Vieh tverden bis an die Rampe der Viehmarktanläge geschoben, 'wo sofort die Untersuchung der Tiere durch die Veterinäre erfolgt. Dann, werden die Tiere ausgeladen und in die Stallungen gebracht, die für die Schweine noch imnter die unga- ' rische Bezeichnung „S z a l l a s e n" führen. Am Morgen des jeweiligen Markttages werden die Tiere, die mittlerweile getränkt und gefüttert wurden, um sich von freu Strapazen und Gewichtsverlusten während des Transportes zu erholen, in die Verkauf sh allen gebracht, hier aufs neue auf ihren Gesundheitszustand unter- , sucht, da der Verkauf kranker Tiere nicht erfolgen darf. Kranke Tiere werden sofort ins Schlachthaus gebracht, und die Verkaufshallen gründlich desinfiziert. Die Wiener Fleischhauer, die als Käufer für das nach Wien gebrachte Vieh in erster Linie in Betracht kommen) besichttgen in den Verkaufshallen nun das zur Schau gestellte Tier und verhandeln mit den messt protokollierten Viehhastdels- und Kommissionsfirmen, die in Vertretung der Biehbesitzer den Verkauf der Tiere besorgen. Sobald sich Käufer und Verkäufer "über den Preis einig geworden» sind, wird der abgeschlossene Kauf nach einer jahrhundertalten .Sitte mit einem manchmal überaus kräftigen H a n di.fdjlag besiegelt. Von diesem Moment an obliegt alle Sorge um das Tier nicht mehr dem Kommissionär, sondern dem Käufer, als den neuen Besitzer. Die Modali- . täten des Viehverkäufes müssen aber in jeden: einzelnen vLüll' «M. lixiwerden, weil die Ber 17. Mai 1922 Seite 5 .._.......4 zahlung des Viehes nicht bar, sondern durch die Vieh- und Fleischmarktkasse erfolgt. Der Abtrieb der gekauften Tiere zur Schlachtung darf gleichfalls nur gegen Vorweisung der Zahlungsdokumente erfolgen. Vorher kommen die verkauften Tiere noch der Reihe nach zu den. amtlichen Wagen, wo. nicht nur das Gewicht und der Verkaufspreis'der Tiere amtlich protokolliert wird, sondern auch Verkäufer und Käufer ihre Personaldaten anzugeben haben. Auf Grund dieser einzelnen Angaben wird dann von den amtlichen Organen ein Gesamtmarktbericht heransgegeben, der für die Preisausetzung maßgebend ist. Die P r e i s e für die drei Sorten der Waren (Prima, Sekunda und Tertia-Sorte sowie für die besonders gute Gattung des sogenannten Extremviehs) sind heute ganz e n o r m e. Infolge der Abhängigkeit von den Valutadifferenzelt, aber auch von den tarifarischen Verhältnissen bei den Eisenbahnen, ferner infolge des Umstandes, daß die Transporte heute weit längere Zeit in Anspruch nehmen als vor dem Krieg, sind Preisexzesse in Sankt Marx leider an der Tagesordnung! Der Transport von Vieh aus Siebenbürgen, der in der Vorkriegszeit in drei Tagen durchgeführt werden konnte, nimmt heute fünf, zehn und auch zwölf Tage in Anspruch, ein Umstand, der infolge der größeren Menge des verbrauchten Futters, aber auch des größeren Gewichtsverlustes der Tiere den Preis in die Höhe treibt. Die Viehhändler iu St. Marx machen für gewöhnlich sehr gute Geschäfte, aber es muß auch gesagt werden, daß ihr Geschäft mit großem Risiko verbunden ist und ein einziger ungünstiger Tag den Verdienst einiger W o ch e n wieder verschlingen kann. Durch die Schwankungen der Valuten und die Unsicherheit im Transport ist eben auch der Viehmarkt zu einer Viehbörse geworden, auf der feste Kalkulationen immer schwieriger werden. Ein Durchschnittsochse von guter Qualität im normalen Gewichte von 600 Kilogramm kostete in der letzter! Woche über 1 M i l l i o n K r o n e n, ungarische und rnmä-- nische Ochser: sind um weniges billiger. Wenn man solche Preise hört, werden die Detailfleischpreise nicht mehr wundernehmen. Diese Informiertheit wird allerdings der Bevölkerung nur einen recht mageren Trost bedeuten. Ueber den nicht minder irlteressanten Betrieb im Schlachthaus und in den Kühlhäusern soll ein anderesmal gesprochen werden. ast. Französischer Antisemitismus in Saloniki. Auch in 'der nunmehr zn Griechenland gehörigen Stadt Saloniki, welche, infolge des großen Prozentsatzes von Juden unter den Städten der Diaspora einen besonderen Rang behauptet, gibt eS bedauerliche Erscheinungen von Antisemitismus. Wie wir dem dort erscheinenden Blatte „Pro Israel" entnehmen, scheint dieser hauptsächlich von französischer Seite gezüchtet zu werden. In dem genannten.Blatte wird darüber Klage geführt, daß ein Teil der Lehrerschaft der sogenannten französischen Laien misston in den höher?!'. Schulen sich in einer überaus taktlosen antisemitischen Weise benimmt, obgleich der Großteil der Schüler Juden sind. Ein häßlicher Vorfall spielte sich ferner bei einer Purimfeier ab, welche von dem Sportklub organisiert wurde, der aus früheren Schülern der französischen Mission besteht. Da die überwiegende Mehrzahl dieser Schüler Inden sind, war der Saal mit jüdischen Fahnen geschmückt, netzen denen sich die griechische und die französische befanden. Auf Veranlassung des Generaldirektors.der Schulen der französischen Laienmission wurden die jüdischen Fahnen lveggerissen, ein Vorfall, der natürlich das peinlichste Aufsehen erregte. „Pro Israel", welcher diese Geschehnisse kommentiert, greift die Juden von Saloniki an, deren Schwäche und Indolenz es verschulde, daß aus ihren Mitteln ihre eigenen Kinder zu Instrumenten für die Verbreitung des französischen Einflusses im Orient verwendet werden, und die bishe 'rnicht die nötige Energie aufgebracht haben, nm ihre Ansprüche in den Schulen durchzusetzen. Cs sei an. der Zeit, aus dieser Lethargie zu erwachen und die jüdischen Rechte entschlossen wahrzunehmen. Die Mische Gemeinde müsse bei der Zentraltzirektion der Lmeumissiou in Paris energische Schritte unternehmen, daß die Juden von Saloniki die entsprechende Genugtuung erhalten und daß in Hinkunft keine Lehrer in den Orient gesendet werden, welche die Atmosphäre vergiften und sich als Schüler von D r um o n d erweisen: Für die jüdischen Schüler sei die Einführung der Sabbatrnho und die Aufnahme des Hebräischen und der jüdischen Geschichte in das Lehrprogramm zu fordern. Im anderen Falle könnte eines schönen Tages die französische Laienmission von Salonikt so rasch von der Bildfläche verschwinden, wie es mit anderen ausländischen Instituten geschehen sei. Die internationale Jngendbewegnng für Kinderhilse. Vor einigen Tagen fand in Genf eine Konferenz der > Jugendorganisation für Kinderhilfe statt, an der Vertreter aus Frankreich, England, Belgien, Schweden, Schweiz u. a. teilnahrnen. Aus dem Berichte ist zu ersehen, daß in allen Ländern in der letzten Zeit aus den Mitte l- und H o chschülern Jugendorganisationen fiir Kinderhilfe, insbesondere für R u ß l a n d, gebildet wurden. Die Konferenz stellte mit Bedauern fest, daß unter der jüdischen Schuljugend bisher eine ähnliche Bewegung vermißt würde. Der Vertreter der jüdischen Welthilfskonfer e n z H. A b e r s o n erklärte) die Exekutive dev jüdischen Welthilfskonferenz gehe jetzt daran, eine derartige Bewegung unter dev jüdischen Jugend zu organisieren, die in Verbindung mit den jüdischen Hilfskomitees der verschiedenen. Länder das Kjnderhilfswerk in Angriff nehmen; ,tssz aaslSiBfe