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Wiener Morgenzeitung · 1922-05-14 · Heft 1180 (14.5.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1180 (14.5.1922)
Date
1922-05-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeltnng 14. Mai 1d22 Nr. 1180 iveiterte Komitee der Londoner Experten, das außer den Alliierten und den Neutralen auch noch die Vereinigten Staaten einschließrn würde. Das wäre eine Perspektive, dieunsnichtgleichgultigbleiben könnte. Ich gebe zn, daß die Anregung Llyod Georges betreffend den provisorischen Friedensgarantievertrag interessant ist; aber ist es auch wirklich sicher, daß die Sicherheit, die Lloyd George zu schaffen wünscht, sich nicht in eine Drohung verkehrt? Die Russen haben es während der Arbeiten der Experten nicht an Andeutungen fehlen lassen, daß hinter ihnen die Rote Armee steht, und.sie worden einen Druck auf ihre Nachbarstaaten jedesmal ausiiben, wenn diese verschiedener Meinung mit ihnen sind, und so würde sich der Plan des Herrn Lloyd George gegen jene kehren, die er schützen will. Was nun die Propaganda betrifft, so wissen wir sehr wohl, was wir von ihr zu halten haben. Wir wissen, daß die Russen sehr viel versprechen und nichts halten. Um zn schließen: Aus den angeführten Gründen glaube ich, daß die Vorschläge des Herrn Lloyd George nicht annehmbar sind. Wir verstehen alle Rücksichten, aber es gibt Augenblicke, wo man sich zu einer Entscheidnng entschließen mutz. Der Standpunkt der französischen Regierung ist also ganz klar: Die französisch« Regierung kann sich nicht damit einverstanden erklären, datz die Konferenz eine oder mehrere Expertenkommissionen ernennt, in denen die Russen vertreten wären. Dieser Standpunkt ist reiflich überlegt und die französische Regierung wird ihn nich 1 m ehr ausgeb e n. Hierauf erklärte Schanzee er finde die Antwort der Russen ebenfalls unbefriedigend. Es sei jedoch von unbedingter Wichtigkeit, daß die Arbeiten Reisebriefe Wien—PalKsttna. Bon Wolfgang Weisl. Achtzehn Palästina-Fahrer, ein halbes Dutzend Kinder «»»gerechnet, sind es, in deren Gesellschaft ich Wien verlasse. Herren vom Palästina-Amt und von der „Maawirim" sind am Südbahnhos, die kontrollieren, ob der reservierte Waggon frei, das Gepäck verstaut, die Emigranten alle da sind. Ein kurzes Abschiednehme»: von den Freunden und Freundinnen, die am Bahnsteig stehen. Merkwürdig, wie wenig Rührung, Witz wenig Abschiedsstimmung bemerkbar wird! Nicht bei den Auswanderern, nicht bei deren Freünden. Es ist, als ob das Gefühl: „Du fährst voraus, aber morgen oder übermorgen komme ich nach, zu dir, zu uns, zur Heimat", als ob ein derartiges Empfinden, , bewußt oder unbewußt,, alle beherschen würde. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung, Tücherschwenken, vielstimmiges „Lehitraoth b'Erez Israel". Wir rollen nach Süden. Zunächst hat jeder damit zu tun, sein Gepäck zu verstauen, und dann — in Meidling — den Sturm von neu einsteigenden Passagieren abzuwehren, die den Wagen besetzen wollen. „Reserviert." „Ah, düs gibts net. Kein Platz im ganzen Zug frei und ös wollts an . ganzen Waggon!" schreit man entrüstet. „Hier sind Palästina-Auswanderer." Zum erstenmal lerne ich den Zauber pesWortes „Palästina- Fahrer" in seiner Wirkung auf Nichtjuden kennen. „Palästina —ah Pardon!" Sofort werden die Sitzplätze, wird, der Waggon geräumt. Ein Paar Fraüen mit Kindern, die nach Graz fahren, werden übrigens von den Emigranten c ingeladen, dazubleiben. Es ist genug Platz und man braucht die freien Plätze erst für die Nacht. Allmählich werde ich mit, allen Reisenden bekannt. Gut die Hälfte dieses „Transports" — ein scheußliches Wort — kommt aus Sowjetrußland oder der Sowjetukraine, die anderen aus Litauen, Polen, Galizien.. Zögernd nur beginnen sie zu erzählen, was sie nach Erez Israel , führt. Aber während sie peinlich bemüht sind, jedes hochklingende Wort zu vermeiden, nichts zu sagen, was ihren Entschluß, heimzukehren, nicht als etwas Selbstverständliches erscheinen lassen könnte, entrollt sich mir ein Bild, das aus der Geschichte der jüdischen Emigration nach Amerika wohlbekannt ist. Keiner, wohlgemerkt: keiner dieser Menschen fährt nach Palästina, ohne daß dort ein Verwandter oder wenigstens ein Freund auf ihn wartet. Vor zehn, zwanzig Jahren sagte man, in den Ländern des Ostens lebt kein Jude, der nicht einen Vertvandten in Amerika hätte. Und diese „amerikanischen" Freunde zogen mit magnetischer Kraft immer neue Juden über das große Wasser. Jetzt nun beginnt langsam dasselbe grandiose Schauspiel in Erez Jisrael: Jeder Jude im heiligen Lande zieht andere nach. Mag auch die Emigration an Zahl noch sehr gering sein: die Art, die Zusammensetzung dieser Judcmvanderung erweckt den Eindruck eines unbezwinglichen Elementarereignisses, einer Lawine, die sich ganz langsam in Belvegung setzt, aber, ständig wachsend, jeden Widerstand. niederreißt. der Konferenz fortgehen und das Werk weitergeführt werde. Nicht nur die italienische Negierung, sondern auch das italienische Volk verlange die W i e d e r h e r st e l l u n g der Beziehungen zu Rußland. Schanzer tritt für den Frieden s g a r a n t i e v er trag und dessen Unterzeichnung ein im Interesse einer ruhigen Entwicklung Europas. Die Expertenkommission halte er für eine überaus wertvolle Möglichkeit, um über die gegenwärtigen Schwierigkeiten hinwegzukömmen. Er wünsche auch, datz die Russen in der Kommission vertreten ftien, und schließt mit einem -ringenden Appell an Frankreich und England, die Verhandlungen . mit Rußland nicht qbznbrech>em Bratiarru macht einen Berm ittlun gsvo rs chlag. Es möge den Regierungen überlassen werden, ein Programm anszuarbeiten, um den Augenblick des Zusammentritts der Expertenkommission zu bestimmen; ebenso den Zeitpunkt, an dem die Russen eingeladen wierden sollen, sich an den Arbeiten zu beteiligen. Schließlich schlägt er vor, daß Varthou und Lloyd George sich in einem privaten Meinung sa u s t a u s ch über einen Ausweg verständigen wögen. Facta schlagt vor, die Sitzung sür Montag zu vertagen, um für eine Uebereinstimmung der Meinungen Zeit zu gewinnen. Motta und sodann Barthou bestanden jedoch darauf, daß die Sitzung nur bis 5 Uhr nachmittags ausgesetzt werde. Barthou erklärte, die Entscheidung könne nicht hinausgeschoben werden, da die Atmosphäre ohnehin schon gespannt genug sei. Es wurde schließlich beschlossen, die Sitzung bis 6 Uhr nachmittags, zu unterbrechen., Um 4 Uhr nachmittags kamen LloydGeorge und Barthou im Hotel Miramare zu einer Besprechung zusammen. Da ist ein Jude aus der Sowjetukraine. Ein Mann an die Fünfzig mit seiner Frau und einem etwa fünfundzwanzigjährigen Sohn. Einen Sohn hat er in London, zwei Kinder in New-Aork, einen Sohn in Jerusalem. Unter unsäglichen Mühen und Gefahren kam er über die polnische Grenze; zehn Monate dauerte seine Wanderung aus seinem Heimatsort bis Warschau. Dann schrieb er seinen Kindern nach London, nach New-Aork: Schickt Geld zur Reise. Nicht um nach London, nach New-Aork zu fahren, Palästina siegte! Und nun sitzt tzr geduldig auf der Bank des schüttelnden Waggons .uyd fährt endlich „heimzu". Noch, eine Tockter und noch ein,Sohn sind in Rußland geblieben. Im jirze haschem —: werden auch sie über die Grenze kommen und nach Erez Jisrael fahreit. Und ein anderer; ein sechsundzwäuzigjähriger Student der Montanhochschule in Jekaterinoslaw. Groß, stark, blond, blaue Äugend Halb militärisch gekleidet, mit Reithosen und Schaftstiefeln, eine Studentenkappe mit gekreuzten Berghämmern auf dem Kopf. Auch er ist schon monatelang aus der Fahrt. In Sowjetrußland darf man die Eisenbahn nur dann benützen, wenn man Arbeit in einer anderen Stadt suchte Man erhält dann einen speziellen Urlaubsschein von den : lokalen. Sowjetbehörden, darf sich aber auch dann nur bis etwa 30 Kilometer der Grenze nähern. Mit einigen Freunden erwirkte er endlich einen solchen Schein, dann, mußte er mit seiner Frau in der Nähe der Grenze Pferde, ^die Holz fahren sollten, in seine Obhut nehmen: KeiUeMöglichkeit war da, über die Grenze zu kommen. Endlich überfielen ihn Banditen, die die Pferde raubten. Nun hatte er keine Arbeit mehr und durste weiterwandern. Mit, seiner jungen Frau zusammen floh er zu Fuß über die Grenze. Sein Weib blieb in Warschau, er fährt voraus nach Palästina, um dort Brot zu schaffen. ,jWie sieht es jetzt in Rußland aus?" Alle ereifern sich, überbieten sich gegenseitig in Schilderungen eines namenlosen Elends. Die Reichen essen weißes Brot, die Armen gar keines. Wer vor dem Krieg viel Geld gehabt hat, hat auch heute noch welches. Wer wenig hatte, verhungert. Die Eisenbahn verkehrt nur zwischen den großen Städten, auf ganzen Strecken ist der Verkehr eingestellt. Alles muß in Güterwagen fahren, Personenwagen gibt es nicht mehr. Dafür sind die Güterwagen so überfüllt, daß man die Dächer besetzt Mt. Und dann: früher die Pogrome und jetzt der Hunger! Und doch' lieben die Flüchtlinge Rußlands dieses Land! Sie sagen es nicht, aber sie zeigen es, ohne es zu wollen. Zwei Mädchen, bildhübsch, mit blitzenden Augen unlachenden Mund, tiptop gekleidet, fahren mit uns. Vater, Mutter und zwei kleine Geschwister gehen mit ihnen „hinaus" nach Haifa zu einem Onkel, der dort em großes Geschäft hat. Die beiden Mädeln und der Jekatorinoslawer Student singen stundenlang zusammen russische Lieder oder lesen sich gegenseitig aus einer russischen Anthologie Gedichte vor. Armes, jüdisches Volk! Auch die besten, die kräftigsten deiner Kinder, dis W » losreißen von der fremden Schollein die sie verpflanzt wurden, um die eigene Erde wieder §it finden, auch sie hängen mit heißem Herzen an den Ländern ihrer Kindheit^ Sie erzählen von den Schrecknissen Rußlands, von den: Pogromen, da von jr 10.000 Inden in den ukrainischen Städten rund 1600 erschlagen wurden, vom unbeschreib-, lichen Elend, von den Gefahren, die sie erduldeten, um. das Land verlassen zu köttnen — sie.erzählen von dem neuen, zionistischen Geist in Rußland, der stärker ist als je vor dem? Kriege, der alt uub jung, arm und reich in der Sehnsucht-. nach Palästina vereinigt — und während sie der Zug durch) die Alpen Oesterreichs nach dem Süden trägt, flüstern ihre Lippen russische Verse — fliegt ihre Seele, Abschied nehmend, zurück... . in die Galuth. . . Nicht die Opfer an Geld, die der Zionismus verlangt, und nicht die Opfer an Gesundheit, die Palästina fordert, sind die schwersten, die . ganze heroische Tragik der jüdischen Renaissance empfindet hoch nur der, der als Emigrant sein Herz losreißl von dem Lande, das er liebt, um es als Opfer darznbringen dem eigene»: Volk, .dem etfjc»ic»t Land... Kontrolle an der j»»goslawischen Grenze. Wieder ist das Wort „Palästina" das Zauberwort, das alle Unannehmlich-- leiten einer Greuzkonntrolle verschwinden »»»acht. Das Gepäck wird nicht geöffnet, die achtzehn Passe, die der ,."<neu-, älntliche Transportleiter" ein Möbelfabrikani aus Polen, der seine Fabrik nach Palästina verlegen will, vorweist, werden summarisch revidiert. In Steinbrück verlae ich den Zug.' Ich fahre über Agram weiter, die Ehaluzün über Triest. Glückliche Reise, ihr Brüder! Zu Schebuoth sehen wir uns, so Gott will, wieder in Erez Jisrael. Saloniki, 25. April 1922. Der Traum von Tel-Awirv° Von Asis Domet. Wir haben vor einiger Zeit (6. Mürz) einen Aufsatz über den arabisch-deutschen Dichter Asis Domet veröffentlicht, der, in Kairo geboren »rnd in Haifa wohnhaft, mit seltenem ' Mute für einen „Araber von echtem Schrot und Korn", wie er sich nennt, im Zentrum der antizionistischen Propaganda für die jüdische ■ Sache eiutritt. Der Dichter, der eine Reihe von Werken in deutscher Sprache und deutscher: Verlagen veröffentlicht hat, übermittelt uns mit emem für sein judenfreundlichcs Wirken besonders bezeichnenden Schreiben de»: nachfolgenden Aufsatz, den wir :n der charakteristischen Färbung seines deutschen Stils wiedergeben. Der Aufsatz soll, wie Ä s i s .D o »u c t •/< schreibt, im Arabischen und Hebräischen der- , öffentlicht werden. , Als wir noch Knaben waren und in der Schule ver< stöhlen die altarabischen Heldenbücher lasen, war uns. iinmer zumute, als wären wir a»»s der Welt der Wirklich- . keit in das Land des Traurnes versetzt worden. Ganz be-> sonders hatten wir dieses Gefühl, als em glücklicher Zufall die Märchen von „Tausend und eine Nacht" unverkürzt, uns in die Hände spielte. Dazumal waren wir der lieberzeugung, daß wir vielleicht doch einmal Me Verwirklichung' eines solchen Märchens erleben würden. Bei mir hat sich!) die Sehnsucht nach einem wirklichen Traumerlebnis langyF Jühre erhalten' Sie war's, die nur den Antrieb gab, in die' Fremde zu reisen, sei's nach Deutschland oder nach d.e»nA schönen Ungarlande, nach dem Sonnenlande der Pyramiden oder gar in die noch-immer nicht gänzlich gelichteten Tiefen Mittel- und Ostaftikas. Nun darf ich offen gestehen, das; , dieser schier unlöschbare Durst nach Traumerfüllrtng endlich gestillt ist, seitdem ich den Jugendzauber von Tel-Awilv näher kennen gelernt habe. Zuvor hatten mir meine Freunde wiederholt die Ver-... sicherung gegeben, daß ich ein Stück Paradies vorfinden werde. Als ich jedoch in Gesellschaft meiner Trau»»:- »mb Lebensgefährtin und eines Lastträgers von der Haltestelle des Zuges lauter Sandhügel rings um mich sah, war ich sichtlich e»»ttäuscht. Aber der Gepacksträger tröstete »»»ich damit, daß ich bald überrascht sein würde. Also gingen w'.r langsam den Schienenweg entlang, bis plötzlich eine sch»:ur-.. gerade Baumstraße uns rnit offenen Armen aufnahm. Aufatmend erkundigte ich mich nach dem Namen der schönen Verkehrsader, woraus ich den Namen Jehuda-ben-Halevys zu Ohren bekam. Augenblicklich tauchten zwei verschiedene Gedankenverbindunge»: auf. Ich dachte zuerst an den deutschen Dichter Heine, der den unsterblichen Sänger so begeistert besang, und dann an die Glanzzeit Spaniens unter der maurischen Herrschaft. Von diesem Standpunkt aus ka»»: mir der klangvolle Name wie ein bedeutungs- und verheißungsvolles Omen vor. Es wäre zwecklos, »nich ans eine eingehende Beschrei. bung der baulichen Schönheiten der entzückenden Meerbraut einzulaffen. Ich will »nich vielmehr auf ein Gebiet Werse»», das ich leider nirgends in meiner palästinensischen Heimat in so ausgeprägtem Maße getroffen, auf das Gebiet des Wer noch keinen Schekel hat beeilesich,tlen8ehekelzii bezahlen Entrichtet gleichzeitig die Perteiateuen r Entrichtet gleichzeitig die Parteisteuer I

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