Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1179 (13.5.1922)
- Date
- 1922-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Samstag scheu Autonomie in Litauen vor den kompetenten Faktoren des Völkerbundes zur Sprache zu bringen. Die estländische Regierung hat vor kurzem im Parlament ein Gesetzesprojekt emgcbracht, wonach alle Personen, die seit dem 26. November 1913 im Lande wohnen, automatisch estländische Bürger werden können. Da durch diese Bestiurmilng die Einbürgerung einiger Tausend cstländischer Juden, die erst nach dem Jahre 1813 zufolge den damaligen russischen Gesetzen nach Estland cingewandert sind, unmöglich gemacht. wird, wird das Komitee der jüdischen Delegationen auch dagegen beim Völkerbund Schritte unternehmen. Siv Herbert Samuel in London. London, 10. Mai. (I. C. B.) Entgegen den Gerüchten über angebliche Absichten Sir Herbert Samuels, sich aus Gesundheitsrücksichten und wegen der erlebten Enttäuschungen von seinen: Posten zurückzuziehen, erfahren wir, daß der High Eommissionar so bald als möglich seine Pflichten in Palästina cmszunehmen begehrt. Der High Commissionar teilt nicht die pessimistischen Ansichten in bezug aus Palästina, die letzthin vielfach geäußert wurden. Der König von England im französischen Kriegsgebiet. Paris, 12. Mai. (Funkspruch.) Der König von England ist in Nordfrankreich angekommen, um die zerstörten Gebiete zu besichtigen; in seiner Begleitung befindet sich auch Marschall Foch. Die politischen Fälschungen Anspachs. Berlin, 12. Mm. (Intel.) Nunmehr wirs die Geschichte der politischen Dokumentenfälschungen in ihrem ganzen Veriauf erst bekannt. Anspachs erste Fälschung großen Stils, die Herstellung eines angeblichen Staatsvertrages zwischen der T s ch e ch o - S l o w a k e i und Finnland, wurde Won Anspach an eine dritte Macht verkansc. Die Fälschung wurde aber entdeckt und cs wurde in München ein Haftbefehl gegen Anspachcr erlassen. Hierauf stellte er in Berlin der Redaktion der ,.Freiheit" Dokumente über ein angebliches Zusammengehen der Kapp-Putschisten mit den Kommunisten zur Verfügung. Diese Dokumente wurden auch veröffentlicht, die Fälschung wurde aber später entdeckt. Später trat Anspach durch einen elsässischen Mittelsmann mit Frankreich in Verbindung und lieferte dem damaligen Kriegsminister Lcbfevre Material über die deutsche Schutzpolizei. Anspach lieferte. Dokumente über eine angeblich zu große Zahl und einen Aufmarschplan der Schutzpolizei in Süddentschland im Falle eines Krieges. Tagesbericht. Eisend ahntarife und Sommerfahrplan. Für die allernächste Zeit ist im Eisenbahnministerium keineAenderungderPersonentarifeaufden Eisenbahnen in Aussicht genommen. Es ist eine Neuregelung des gesamten Tarifwesens geplant, deren Grundzüge im Laufe des nächsten Monats Regierung und Hauptausschuß beschäftigen werden. In der Pressekonferenz machte der Ministerialrat Tr. Gauster davon Mitteilung, daß mit 1. Juni der neue Sommerfa'hrplan in Kraft tritt. Eine ganze Reihe neuer und besserer Zugsverbindungen wird vom 1. Juni an eingeführt. Eine Entlastung des West- .bahnhofes wird durch die Ueberleitung der meisten bisher bis und von Wien-Westbahnhof geführten Nahpersonenzüge auf die Gürtellinie der Wiener Stadtbahn, ermöglicht. Die Bolschewikl gegen die Sabbathruhe. Wie uns aus Riga geschrieben wird,.hat die jüdische Abteilung des Volkskommissariats für die Nationalitäten an alle Provinzsekuonen nachstehendes, von den Leitern Merej i n e und K a r k l i n e gefertigtes Zirkular zur Bekämpfung der Sabbatruhe versendet: „In allen Ortschaften wird gegenwärtig eine große Kampagne gegen die Sabbatruhe geführt, da sie für die Produktion schädlich ist, in der Führung von Unternehmungen überflüssige Kosten verursacht und die Verwendung jüdischer Massen für produktive Arbeiten hindert. Um eine gute Führung dieser Kampagne zu ermöglichen, ist cs angezeigt, über genaue statistische Datckn zu verfügen betreffend die Lag? der jüdischen Arbeiter in den einzelnen Unternehmungen, ihre Zahl und Teilnahme an der * allgemeinen Arbeitermassc, ebenfalls ob ein oder zwei Ruhetage gebalten werden und welche Kosten zwei Ruhetage verursachen, sodann Daten über das Alter und Geschlecht der Arbeiter und dergleichen. Tie jüdischen Unternehmungen könnten/auf diese Weise den Organen, die die Propaganda gegen die. Sabbatruhe führen, wertvolle Daten aussolgen. Demzufolge ordnet die Zentralsektion an, diesen Agitatoren die vollste Unterstützung zukommcn zu lassen." Budapester Tanfgeschichten. Es ist kein sonderliches Vergnügen, sich durch den ungarischen Blätterwald durchzuwinden., Was man in ihm wirklich vorfindet, ist künstliches Laub, um das wahre Leben zu verdecken, und man muß im Lesen ungarischer Blätter schon gewaltige Uebung haben, um herauszubekommen, was verschwiegen werden soll. Ab und zu gelingt es, eine Lesefrucht üufzulesen, die mit ihrem herben Geschmack auf den großen Jammer hindeutet, in dem sich das ungarische Judentum befindet. Es sind Früchte von einem, Wiener Morgenzeitung Mitteilungen ans dem Publikum. Paula Neumann Samuel Landau Jaden alle Freunde und Bekannte zu ihrer Dienstag den 16. Mai L J., halb 5 Uhr nachmittags, im Klucky- Teinpel (XX. Bezirk) stattfmdenden TRAUUNG höfl. ein. Wien, ira Mai' 1922, 6356 tules-fm Telephon 15-5-35 DTl'^tS Telephon 15-5-35 Knisbacher & Windschauer, Hin, 1., Worjassß 6 Export nach allen Staaten! 8964 »aaaaaaaDBBBB«Bi KUR. U. WASSERHEILANSTALT y y LINZ AN HER DONAU am Fusse des Pösllingberges gelegen, mH Warm-und Knltbehandluflg, Sonnenbäder, Elektrotherapie, eigene Schwimmschule Einbettige. Zimmer von K 780 bis 1040. Zweibettige Zimmer von! K 1560 bis 2600. ohne Zuschläge. Bei längerem Aufenthalt 30 Perzent Ermässigung. Für Kur Wochennreis K 7600. 9603 Verpflegung in der eigenen Restauration nhch Wunsch. 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'Anfang 3 Uhr Eniree 400 Kronen Ende??? 9603 Bas Festkomitee Der Reinertrag Messt dem Jüdischen Kalionalfonds zu! innerlich -morschen Bäumstamme, der einst so Herrliche Blüten und. schmackhafte Frucht hervorgebracht hat. Die Lesefrüchte, die ich heute den Lesern darbiete, sind dem leider auzn reichhaltigen Kapitel der ungarischen Judentaüfen entnommen. . ..,,, ,, ' ' In einem ungariHm Blatte beklagt sich der Friedhöfräbbiner der jüdischen Gemeinde.Dr. Max Weiß über die vielen Verlegenheiten,'die ihm die getauften Juden beim Besuche des Friedhofes bereiten.. Unter den Besuchern der vornehmen großen Grüfte — erzählt Rabbiner Dr. Weiß —- gibt es schon sehr viele Nachkommen, die für die im jüdischen Friedhofe begrabenen Eltern nicht den Kaddisch im Tempel sagen, sondern eine heilige Messe in der Basilika lesen lassen. . Es kommt da sehr häufig vor, daß der neue Christ auf Kewer-Olvaus, ans Grab seiner Eltern kommt, und weil er sich vor dem Personal schämt, das hebräische Gehetbuch entgegennimmt und mit dessen Hilfe das hebräische Gebet fiir seine Eltern spricht. Noch peinlicher wird die Situation, wenn der Neophyt an dem Begräbnis seines noch im Judentum gebliebenen Vaters oder seiner Mutter teilnimmt und, um sein Renegatentum zu verbergen, sich ehrerbietig hinneigt, um an seinem/Kleide die K'riay, den Riß zum Zeichen der Trauer, vornehmen zu lassen und das Kaddischgebet verrichtet. Vor kurzem erst ereignete es sich, daß ein sogenannter jüdischer Notable, als er vom Rabbiner eingeladen wurde, Freitag abends in den Tempel zu kommen, um dort nach alter Sitte das Beileid der Gemeinde entgegenzunehmen,' traurig erwiderte: „Ehrwürden, ich bin nicht mehr würdig, von Ihnen Bruder genannt zu werden, denn ich habe mich bereits vor zwölf 13. Mai 1922 Nr. il79 -= ' ----u—, .-V ■ ■ , —-----^-> -*■ Jahren taufen lassen. Aber ich gelobe es hier am Grabe' - nchines Vaters, daß ich noch in diesem Jahre znm Glauben meiner Väter zurückkehre..." j$ Sehr tragisch empfand Rabbiner Dr. Weiß den Fall des einzigen nichtjüdischen Opfers des Bombenattentats im Elisabethstädter Klub Ernst. K o v a e s. Kovaes, dev bekanntlich auf. dem christlichen Friedhof begraben wurde, war gleichfalls ein.getaufte.r^Jude. Als sein Zustand sich kritisch gestaltete/ sprach drsden Wunsch, .aus,,.Man möge für ihn am Grabe seiner Frau,-die chür 'vor zwei Jahren im Tode vorangegangen war, Gebete verrichten.. Damals war Koyacs noch Jude und seinef Frau wu,rhe natürlich ans dem jüdischen Friedhofe begraben. Als nun seine Töchter am Grabe der Mutter im jüdischen Friedhof erschienen und dort das Gebet verrichten lassen wollten, wurden sie nach dem hebräischen Namen ihrer Mutter gefragt: Weinend gestanden sie nun, daß sie mit dem , Vater zugleich die Taufe genommen hatten. Der gegenwärtig tobende W a h l k ampf in Ungarn hat auch einige dieser Sumpfpflanzen auf dem Boden j des zerrütteten ungarischen Judentums an die Oberfläche geworfen. Zu diesen gehört der Kandidat, des Altofner Wahlbezirkes Alexander Schubert. Altofen ist eine uralte jüdische Gemeinde mit den. herrlichsten , jüdischen Traditionen, und der Bezirk zählt zahlreiche jüdische Wähler. Der Herr Kandidat Schubert agitiert in jüdischen Kreisen, indem er sich als guten treuen Iu d e u ausgibt, der als Kandidat der sogenannten nationalliberalen Heinrich-Partei, welche sich der Re-?■■■ gierungspartei angeschlossen hat, im Falle seiner Wahl für die Rechte der. bedrückten Juden eintreten will. Von den Juden geht-er. zu Pen christlichen Wählern^ setzte die christlichste Miene -von der Welt aus und verspricht, für.die : Erhaltung und Erstarkung des ch ristlich en G edankens einzutreten. Dieser Alexander Schubert ist ein getaufter Jude und die Altofner jüdischen-Wähler, die sich * hierüber bereits Gewißheit verschafftenließen den Herrn Kandidaten wissen, daß sie durchaus nicht gewillt seieneinem so feigen Renegaten, wie ereinerist, zur Wahl zu verhelfen. (58;- Paßt ganz zur Denkungsart dieses getaustetz -. Politikers, daß er zum Hauptwahlagitator für sich natürrlieh unter den christlichen Wählern den Vizepräsidenten . des Altosner Vereins dev Erwa ch e nden XI n g ü r N; - bestellt hat. . Aus den Budapester Berichten ist die Krisen bekannt/ /■ die im Lager der Liberalen und Demokraten, dadurch entstanden ist, daß Wilhelm Vazsonyi, der Führer der , Demokraten, den Versuchen, eine Einigung und die Aus- ' stellnng einer gemeinsamen Wahlliste dieser Gruppen her- > beizuführen, sich widersetzt hat. Die Einigung dürfte schließlich doch noch zustande kommen. Xinter den Kandi- . bäten, welche durch eine solche Vereinigung zu einem -tzes sicherten Mandat kommen wollten, befindet sich^ auch Baron Josef Szterenh i, der bekanntlich der- Sohn eines Rabbiners ist, selbst jedoch schon längst im Christeni tum landete. Als die Krise im liberalen Lager den Höhe- - Punkt erreicht hatte, suchte eine Abordnung der Budapester jüdischen'Gemeinde Wilhelm Vazsonyi aus, um ihn W* söhnlicher zu stimmen. Vazsonyi hörte die - eindringlichen^; Worte ruhig an ^und antwortete schließlich mit beißenden' Humor: „Es ist doch merkwürdig, was Sie mit mir ireiben. Nicht wahr, es lag im Interesse - des Judentums, daß 'ich mit dem jüdischen Politiker- Paul Sa n d o r, der einer anderen Richtung angehört, auf einer Liste ftguriere? Jch^ . habe es getan, wir haben uns.'verständigt. Nicht wahr,! ^s' - lag im Interesse des liberalen Gedankens, daß ich mit dem >,. Vorkämpfer des Liberalismus, dem Christen R a s s a y, zusammengehe? Das ist geschehem Aber nun sehe ich, daß > die Deputation der Pester Judengemeinde mich deshalb auftucht, um sich für einen getauften Juden, für Josef Szterenyr, eiuzusetzen. Ist das die Aufgabe der Kultus gemeind e? Ist das auch jüdisches In- . teresse? Ist das auch etwa eine jüdische Angelegenheit?" Die Deputation konnte nichts darauf erwidern. Sie würde auch darauf-nichts zu erwidern vermögen, wenn man ihr mit Recht Vorhalten tvürde, daß ihr AnftraggeberMtz,Pesttzxs^Mengemeinde, den Großteil ^der Schuld' ■ für die Enijudung ihrer. Mitglieder trifft. Seit einigen'Tagen wird im Budapester „XXngari-' scheu, Theater" ein neues Stück ausgesührt, welches' B a r o n e tz Ü i l h H a t v a n Yzur Verfasserin hat. „Erste Liebe" nennt sich das Stück und wird von der.' gesamten konservativen Presse mit Recht als die unglaub- <■ lichjte Zumutung an den guten Geschmack zurückgewiesen. Die Blätter des chnstlichm Kurses begnügen sich jedoch ' nicht mit der energischen Ablehnung des Stückes, sondern fallen aus diesem- Anlasse über das gesamte Judentum her, dessen Moral in dem Stücke „der jüdischen Autorin" dargestellt werde. Mit Recht lehnt das jüdische Blatt „Mult es J-övo" jede Gemeinsamkeit mit dieser ge-? tauften 'KM,'W''einst' auf' 'den Namen Deutsch de / Hatvany hörte, und mit ihrem Stücke ab. „Wir bedauern Lilh Hatvany, daß sie trotz dem Taufwasser als Rassenjüdin die Beschimpfungen über sich ergehen lassen muß, aber noch mehr bedauern wir uns Juden, die wir infolge der Schweinereien in der Bühnemnache der Baronin' in Verbindung gebracht werden, mit der sittlichen Verkommenheit der oberen Hundert oder Tausend. Mit Verlaub, Ihr geehrten Kritiker, der jüdische Bürger, der jüdische Arbeiter fühlt sich, wie in einem luftleeren Raume, wenn erliterarische. Produkte wie dasjenige der Lily Hatvany liest oder zu. Gesichte bekommt. Diese Atmosphäre, dieser. Stil, dieser Ton ist uns, den hundert- und aber hundert-« Kervorrasend tLflnilijLß Gelegenheitskäufe in Herren- und Oamenwfischs,. Etaminen, Waschstotfen, Harren- und Damsnstoifsn JcAnJtujtrßjiJÜQrjan VraiaAR -1*1-1/|,, Linke Wienzeile 44 _KMleiMtkfl ,1H wJ IL HlhU 322164