Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1177 (11.5.1922)
- Date
- 1922-05-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 4 Men, Donnerstag Wiener Morgerizeltung die Ziffern sich auch auf das westzordamsche Palästina des britischen Mandats beziehen sollen. '; Von Interesse sind die unter beit „sozialen Fragen" angeführten Bevölkerungszifsern. Nach den Angaben des Gesundheitsamtes betrug die Einwohnerschaft 19i9—u20 677.000, 1920—1921. 690.000; die Gebürtsziffer ist 1920—1921 mit 25,6 pro Tausend und die Sterblichkeits- Ziffer init 13 pro Tausend angegeben. Dies wäre ein Ueberschuß von 1,25 Prozent; aber offertsichtlich ist entweder diese Ueberschußziffer falsch oder die Einwandererzisser vergessen. * Die Preise der Lebensmittel sind bei den noch unentwickelten Verkehrsverhältnissen in den/ verschiedenen Distrikten (und sogar in den Dörfern eines einzigen Distrikts) sehr verschieden. Trotz erheblicher Preissenkungen im Verhältnis zum früheren Stande war der Durchschnitt anfangs 1921 noch um 200 Prozent höher als vor Kriegsausbruch. Die Wohnungsnot in den Städten war so schlimm, oaß die Regierung sich zur Festsetzung von Höchstmieten in den größeren Städten genötigt sah. Der Text des Berichtes schließt mit der ermutigenden Venlerkung: „Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Jahre. 1920—1921 waren erheblich besser als zuvor. Weitere und raschere Fortschritte sind zu erwarten, sobald durch me Ratifikation des Friedensvertrages mit der Türkei und des palä st inen fischen Mandats der Politische StatusdesLandessichergestelltsein wir d." Angarn. Wozu Stephan Friedrich die Jude« braucht. Budapest, 10. Mai. (Tel. d. ,,Wr. Morgenzeitnng".) Der letzte Sonntag war wieder Großtag für die Wahlagitation. Ministerpräsident Graf Bethlen bexeiste wie der fliegende Holländer an einem Tage die wichtigsten und gesährdetsten Teile des Landes, überallhin von seinem getreuen Wahlmacher G ö m b ö s begleitet. Graf Bethlen hat sich an biefem einen Tag als der waghalsigste Fregoli der Gesinnung erwiesen. Währerrd er z. B. in Debreczin, der . Hochburg des Liberalismus, für zwei liberal schillernde Kandidaten, die sich unter die Fittiche der Einheitspartei gerettet hatten, eintrat, empfahl er in Hajduszoböszlo in einer auffallend warmen Rede die Kandidatur des Bela D a n e r, der in der soeben auseinLndergeschickten Nationalversammlung sich als blutrünstiger, eifriger Parteigänger der Erwachenden Ungarn hervorgetan und darin nrrt dem verächtlichsten Antisemiten Ladislaus Budav a r i um die Palme gerungen hat. Welcher Wert demzufolge den so nebenbei hingeworsenen Versicherungen Bethlens, daß es ihm um. den Frieden mit allen Konfessionen^ ernst fei, beizumessen ist, braucht nicht erst aüseinandergesetzt zu werden. Sehr viel über die Judenfrage spricht jetzt Stephan Friedrich in den Wahlversammlungen. Dieser Chef der christlichen Oppositionspartei. hielt am Sonntag in T o t i s eine Rede zur Unterstützung des Kandidaten seiner Partei und widmete einen großen Teil seiner Rede der Judenfrage. Auch Friedrich, der sich in seinen Ausführungen die Unwahrheit leistete, daß er die Juden niemals verfolgt habe, ist bereit, sich mit den Juoen auszusöhnen, wenn sie■ ihm in der Durchführung seines Programms Vorspann leisten. Das Programm des Christentums sei, sich.aus dem Elend zu erheben. Dabei aber können auch die Juden ihren Platz finden. Mit Bomben und Knütteln kann die Judenfrage nicht gelöst werden. „Unserer Partei wird nachgesagt, sie paktiere mit den Juden und vornehmlich mjt Vazsonyi. Darauf habe ich zu erwidern, daß ich mich, wenn die christliche Politik untergehen sollte, nimmermehr auf einen liberalen Kahn , retten werde. Die Juden mögen in mir schätzen, daß ich stets offen und männlich, doch immer mit gesetzlichen Mitteln für die verelendete ungarische christliche Gesellschaft kämpfe. Ich habe keine Juden verfolgt, sondern nur Kommunisten. Wenn die Juden die Kommunisten airsstoßen, und mir den internationalistisch gesinnten Elementen keine Gemeinschaft aufrecht erhalten werden, können wir uns auf dem geraden Wege finden, als dessen Endziel das Dreigebirge Tatra-Matra-Fatra mit dem apostolischen Doppelkreuz eMeint. Die Juden haben tausend Jahre in Ungarn gelebt und ein gutes Auskommen gefunden. Wollen sie; .) nun an dem Kampfe, der die Retavlierung des Christentums bezweckt, helfend beteiligen, so können wir uns finden." Budapester Leicheuhaudel. Budapest, 10. Mai. (Tel.-Komp.) Die Polizei erhielt elne anonyme Anzeige, daß in Budapest seit einiger Zeit ein schwunghafter Leichenhandelbetrieben wird, der zur Bildung einer förmlichen Leichenbörse führte, auf der ganze und zerstückelte Menschenleichen an in- und ausländische Universitäten zu Studienzwecken verkauft werden. Die angestellten Erhebungen ergaben, daß mehrere Diener des Budapester anatomischen Instituts den größten Teil der durch die Spitäler eingelieferten Leichen unterschlagen und verkauft haben. Die meisten dieser Leichen wurden an die Budapester optische Firma Reichert geliefert, die für eine Leiche 2000 bis-4000 Kronen bezahlte, um sie für 70.000 bis 80.000 Kronen nach Oesterreich, Deutschland und Skandinavien weilerzuverkaufen. Es wurden in dieser Angelegenheit bisher 17 Verhaftungen vorgenommen. Die Beschuldigten werden sich wegen, Leichenraubes, Mädchenschändung und wegen amtlistxer UnteÄchlagung zu verantworten baberd. r"11 ■' sssr™"?;- Dfr in weitesten Kreisen rühmlichgt bekannte Berliner Oberkaotor"" wird Freitag den 12. und Samstag den 13. im Gotteshause des Brig. Tempelvereines, XX., Kluckygasse 11, vortragen m Der Eintritt zu diesen Vorträgen ist nur gegen Karten gestattet, die beim Tempeldiener und in der Tempelkanzlei täglich von 2 bis 6 Uhr nachm, zu haben sind. Witos rtird die nationalen Minderheiten: Aus Warschau wird uns berichtet: Seit einigen Tagen kursieren in der polnischen Presse Gerüchte von einer bevorstehenden Regierungskrise. Die drei großen Sejmparteien — so heißt es — hätten sich geeinigt, die , Regierung zu Falle zu bringen und ein Koali.tionska bi nett zu schaffen; die Regierung beabsichtige am Schluffe der.-politischen, Debattedie gegenwärtig abge-, führt wird, die Vertraüensftage zu stellen. Daß die Parteien mit einer schärferen Opposition einsetzen zu wollen scheinen,, beweist, das Auftreten des früheren Ministerpräsidenten Witos in einer der letzten.Sejmsitzungen. Witos übte eine scharfe Kritik an der Regierung, welche , die Gefahr des deutsch-russischen Vertrages nicht zu sehen scheine. Man sprecheirmnep nur von einem Wirtschaftsabkommen zwischen Deusschland und Rußland, aber, diesem „ werde ein politisches folgen müssen, welches für Polen eilte eminente Gefahr bedeute. Während Polen zwische n eine eiserne Zange.genommen worden sei,,berichte man in der Presse von Banketten in -Genua, bloß unr für einige Leute. Reklame zu machen. Die Situation Polens werde durch den. Ton der Noten Tschitscherins gekennzeich?-, net, welcher Är die Sprache Katharinas-der Zweiten er-/, innere. : 1 . . . Höchst überraschend wirkte.die Stellungnahme Witos zur Frage der Nationalitäten. Er wies darauf hin, daß in Polen die nichtpolnischen Völker zurück gefetzt seien und daß man auch diese., für den Staat gewinnen müsse. Die Politik in den Randgebieten fei völlig richtunglos, und ein Wojwode habe der Regierung , vorgeschlagen, einer bestimmten Nationalität ihre Rechte zu nehmen, damit man bei den sich ergebenden Verhandlungen ein Handelsobjekt habe. Ein solcher Funktionär müsse entfernt werden/; : v s Es ist ganz^deutM, daß Witos hier den Lemberger Wojwoden Hrabowski meint. Aber man braucht sich.nur zn^eriynern, in.welcher Weise das Nationalitätenproblem in der Zeit von. Witos Regierungstätigkeit behandelt wurde, um zu Werftehen, daß sein plötzlich entdeckter.Mre^ügteMinn.^ und seine Stellungnahme gegen, den: Lemherger Wojwoden, den er selbst nominiert hat, nichts anoeres ist als ein Wählmanöver. Herr Witos, der Fuyrerder Bolkspartei, scheint angesichts der heran-- nahenden, Mahlen auf die ukrainischen und vielleicht auch auf jüdische Stimmen spekulieren zu wollen.. Während inaw in Regieruugskreisen aus Rücksicht aus oie Witos- Partei der Behandlung der Nationalitätenftage bisher ausgewichen ist, beginnt plötzr^- Herr Witos über die Leiden der nationalen Minderheiten Klage zu erheben. Die AeKrutenexzeff«. Warschau, 9. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der letzten Sejmsitzung brachten die jüdischen. Abgeordneten Hirschhorn und R aßne r eine Interpellation an den Kriegsmimfter wegen der antijüdischen Ausschreitungen der P o s e n e r Rekruten ein. In der Interpellation wird besonders aus die in S i e d l e e am 2. und 3. Mar -stattgefundenen, von Posener Rekruten veranstalteten Exzesse, ber< denen mehrere Juden verprügelt und verwundet wurden, hingewiesen und an den Kriegsminister die Anfrage gestellt, was er zu Lungedenke, um solchen. Geschehnissen in der Zukunft vorzubeugen, Und welche Strafe-' die Schuldigen treffen werde. . 1 >. Tagesbericht. Zionistisches Landeskowitee für Oesterreich. Der Parterrat wird für den 28. d. einberufen. Genauer Ort, Stunde und Tagesordnung wird demnächst bekanntgegeben. Zionistisches Landeskowitee für Oesterreichs Dr.N.M. Gelber. Ing. Robert Strick er. , Klub der jüdisch-rationale« Mandatare. Leute» */,8 Uhr abends» findet tm zionistischen Bureau, 3. Dez., Taborsiratze 20 s. eine V o l l s i tz u n g statt. Nur ein paar Bemerkungen. Die Verstimmung, die durch die Erinnerung an das, Lueger-Wort: „Nur ein Trottel oder ein Schuft kann ein Antisemit sein",, hervorgerufen wurde, hat — wie man erzählt — die Redaktionen der „Reichspost" und des „Neuen Wiener Tagblatt" veranlaßt für,dasLueger-Denkmah folgenden Kompromißvorschlag zu empfehlen: Lueger wird . daro-ltM vt. der Land emit Rolle, aut der ru. kelLn iltr 11. Mai 19^2.Nr. 1177 „Nnr ein Trofttel oder ein Schuft kann ein A n t i s e nt i i f c i n." Auf der- Brust aber trägt er ein Täfelchen mit der Inschrift: „Kauft nur bei Antisemiten!" Ein. schr feiner Unterschied: Die ungarischen Mi» nister brandmarken es als einen sträflichen. Vaterlandsverratwenn maü sagt: „In Ungarn gibt es keine Rechtsordnung." Die Minister selbst aber sprechen in ihren Wahlreden aus» nahmslos davon, daß „die Rechtsordnung in Ungarn wieder hergesiellt werden müsse". Es scheint also zwischen den Leiden Behauptungen ein feiner - Unterschied zn bestehen. -i- . Das zweite Bombenattentat in einer Budapester Kaserm. als dessen Ntheber man , von 'gewisser Seite Kommunisten zuverdächtigen sucht, wäre den Freunden und Anhängern detz" „Erwachenden", nämlich Offizieren, gefährlich geworden, iucmi ~ir diese nicht suft alle zur kritischen Stunde — ferne gewesen' wären. Wer immer auch die Attentäter gewesen sein mögend ' das Zeugnis muß man ihnen geben: Zartfühlend und bedacht tiger hätten in diesem Fall auch' die enragiertesten „Erwache::- ' ' den^ nicht ans Werk gehen können. ' " ' 1 Innner wieder wird in dem ungarischen Regierung^ ' blättern dem' Ausland verkündet: In Ungarn herrscht gleiche Freiheit für alle. Aber freilich, ein kleiner Um tz' terschied ist doch wahrnehmbar: Die'antisemitischen Mörder^ " sind frei wie der Vogel in der Lust, ' den niemand fäujjl; '. ihre unglücklichen Opfer jedoch sind nur — Vogel fr ei. ' . V ' ' " ' An demselben Tage, an dem' das führende ungarische' Asttisemitenblatt schrieb tz „Nur Juden und „verjudete Liberale""' Wagens den christlichen Kurs zu schmähen," sagte Gras Albert Apponhi in einer Wählorversämmlung in Güns: „Wo furchtbare," dort einer1 gewissen 'Richtutig' herrühreüde' Verbrechen ungestraft bleiben, dort herrscht ein Zustand, den mit' dem Adjektiv „christlick)" zu versehen eine Blasphemie ist." Also auch Appönyi ist'entweder ein Jude oder ein „verjudetcr Liberaler?" . An demselben Tage war ein Interview zu leseu^ itt welchem der Bischof von Steinamanger Gras Mikes äußerte: „Der Unterschied ist der: Der Jude will im Schweiße feind Angesichtes reich werden, während der Christ — leider — nur , wie 'ein -großer Herr, im Schatten der Macht, zn Vermögen gelangen will," Seltsam. Sollte der Graf, Mikes Jude geworden sein? , ' . ' An. demselben Tage erklärte Bischof Balthazar: „Ich. werde weiter im Namen Christs sprechen, obgleich mir wiederholt von gewisser Seite mit dem Tode gedroht tmttbe.'/ . Am E n de wird man auch noch den Bischo f Balthazar und den, in dessen Namen er spricht, alr Jü.denstammling schmähen?... Aut. Ein Aufruf Maxim Gorkis an die österreichische Bevölkerung, Wir erhalten von der Oesterreichischen Künstler- Hilfe für die Hungernden in Rußland folgenden Aufruf Maxim Gorkis: . Bür.ger Oesterreichs! -Millionen Russen gehen an Hunger zugrunde! . . . Oesterreich ist zerstört und gequält durch den Krieg.. Sollte es darum nutzlos sein, an die Gefühle seines Bol- '- kes um Hilfe zu appellieren'? Sollte dieser Appell dar- . unr. kein greifbares Ergebnis haben? Den vor Hunger Sterbenden iveder Brot noch Arznei bringen? Ich wende mich dennoch an euch, Bürger Oesterreichs,'selbst wenn dem so wäre. Die Völker Europas, , gemartert vom Unglück, sind müde des gegenseitigeu Zornes. Vergiftet durch das Gefühl der Rache, krank ist. Europas Geist! Mir scheint, daß der Haß gegen das Unglück ihn am ehesten, heilen könnte. , / Unglück mich man hassen. Nur dann vermag-man alles, was dem Menschen feindlich ist, was. sein geistiges Wachstum hindert,.zu vernichten. , u Aus dem Haß gegen das.Leid entstanden die groß-, ien schöpferischen Ideen der Kstltur, und doch ist dieser Haß noch immer nicht mächtig genug. Man muß in den Tagen ängstlicher Erwartung^ neuer Tragödien das Unglück des Lebens mit ganzer Seelenkrast zü hassen lernen. Wollen wir doch einander helfen, Leiden zu verhüten,' wollen-wir einander Helsen, ohne vor der Zahl der Leidenden zn erschrecken, stets nur von dem Gedanken bewegt, daß die moralische Bedeutung der gegenseitigen Hilfe viel wertvoller ist, als die realen Ergebnisse! Denken wir daran, daß wir alle nicht nur btr , Feindseligkeit und der Rache fähig sind, sondern auch dn Tat der Liebe und der Großherzigkeit. ' Gez.r'Maxim Gvrkr. Der Goldonkel für alle Welt. .Eine einst gefeierte Bühnenkünstlerin ist durch Krank» heit und die Entwertung des Geldes in größte Not-geraten. Unr ihr Bett im Siechenhause weiterhin bezahlen zu können, hat sie den Plan gefaßt, mit Ansichtskarten hausieren zu gehen. Ein Wiener Mvntagblatt. findet diese „letzte Rolle" des einstigen Stars für emwürdigelth und redet den zahlreichen „Kadalieren", die dem Spiel und der Schönheit der Fraü, als sie noch mit dem- - überschöpmenderl Tempermnent ihrer unge-. brychxnen Jugend schauspielerische Triumphe seierte, enthusia-, stisch gehuldigt hatten, ins gewissen, auch der Gealterten und von schwerem Siechtum gebeugten die Generosität zu bezeigen, die ör dLn aew.illen .b-öLeLLn" GLlMLastsreatoLLN dm Damm. 72489449