Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1176 (10.5.1922)
- Date
- 1922-05-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1176 Wien, Mittwoch Wiener MorgetrzeiMN!, Briefe Adolf Fischhofs?) Emmersdorf, 18. Mai 1891. ' Hochgeehrter Herr Doktor!! Wenn ich einen Blick aus die Mißhandlungen , und Verfplgungen werfe, denen wir Juden am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts ausgesetzt sind, tritt.mir ein Ausspruch Schopenhauers ins Gedächtnis, der ungefähr so lautet: „Die Kultur hat die Menschen auf ein höheres Piedestal gestellt, aber aus dem hohen Piedestal steht dann doch immer der niedrige Mensch."; r Der Pessimist Schopenhauer erweist sich in diesem Aussprüche als Verist. Ja, die Niedrigkeit und Bestialität überdauerte die Jahrtausende und weicht selbst vor unserer höhe- < ren Bildung nicht zurück. Sie wechselt nur das Costume. ' Früher - drapierte sich der Judenhaß mit einem religiösen v Mäntelchen, heute mit einem wirtschastslvsen und nationalen. . Der hochentwickelte Intellekt ist nur Zu ost der Teufelsonwakt - und hält für jede Erbärmlichkeit ein glänzendes, sophistisches Plaidoyer bereit. Selbst die Pforten >)er Wissenschaft öffnet er , der Niedertracht, selbst vor der Entweihung ihres Heiligtums schreckte er nicht zurück. Geben nicht deutsche Philosophen, deutsche Natur- und Geschichtsforscher dem Antisemitismus eine pseudowissenschaftliche Grundlage? Am widerlchsten ist mir der Wiener Antisemitismus. Die russischen Judenverfolgungen entspringen dem nationalen Chauvinismus. Die Massacres in Korfu haben ihren Grund in einem mit infernalischer Bosheitimmer wieder verbreiteten Gerüchte, das die Bevölkerung aufzustacheln vermag. Sie erfüllen uns mit , Entrüstung, aber nicht rnit Verachtung, denn sie entspringen der Rohheit, nicht, der Gemeinheit. Die Besudelung und Beschimpfung der Juden in Wien entspringen einer uufläthigen Gesinnung, einem ganz ordinären StreberthÄm, welchem der Antisemitismus ein Nahrungszweig ist. Sie erfüllen uns daher mit-Ekel und Verachtung. Wie widerlich ist das, was Sie mir in Ihrem jüngsten Briefe mittheilten. Gleich dem Liberalismus ist der Antisemitismus bei uns nicht in der Wolle gefärbt. Hüben und. drüben fehlt -die Treue der Gesinnung, sonst hätte.eine ansehnliche Fraenou der freisinnigen Partei nicht die Wahl eines Juden in den Stadtrath-zu hinter-treiben gesucht und hätten ebensowenig die Antisemiten durch ihre absichtliche Abstinenz beim Abstimmen die Wahl eines Juden er- . möglicht. . Bogumil Goltz sagte einst M dem mir befreundeten Schriftsteller Ferdinand Kürnberger: „Ihr Oesterreicher und speziell ihr Wiener habt liederliche-Augen, liederliche Ohren, liederliche - Gewissen" Mit diesen wenigen Worten charakterisierte der -schaffe Beobachter die Bevölkerung der -Residenz/ die viele tr.effliche. Eigenschaften.des Herzens und. des Geistes besitzt, der es aber, an Ernst gebricht, auch an sittlichem. Wie ich aus dey Journalen ersehe, bildete sich jetzt ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien. Der Wille ist gut,, aber dys Fleisch, ist schwach. Es fehlt den Besseren in unserer Mitte , die. Strammheit der Muskulatur, deren man in jedem Kampfe, namentlich im Kampfe gegen'die Ruchlosigkeit ‘ bedarf. Jy. einem Staate, ' dessen gesetzgebender-Körper einen 'Schneider in seiner Mitte duldet, fehlt das ethische Bwüßtsein, fehlt die sittliche Kraft, mit der allein man der Verwilderung und Verpöbelung breiter Volksschichten-. Einhalt thut. ° Was die Juden betrifft, haben sie in'der russischen Assaire sich als höchst fahrlässig oder als höchst ungeschickt erwiesen. Einen Despoten coräm publica zu Respektierung des Rechtes mahnen, wie dies in London geschah, heißt Oel ins Feuer gießen; in aller Stille und Bescheidenheit einen Alleinherrscher um Schonung und Gnade zu bitten, kann aber zuweilen von Erfolg sein. Der richtige Moment würde verpaßt, und nun ist's zu spät.**) Was soll aus unseren Glaubensgenossen in Rußland werden? Soll denn gar nichts geschehen? Gibt es außer dem Baron Hirsch keinen reichen Juden, der.eine Hilfsaktion im. großen Stile plant? An Mitwirkung aller Juden in Europa wird es sicherlich nicht fehlen. Ms Werk'denn, ans Werts' Ihr hochachtungsvoll ergebener Emmersdors, 19. Dezember . 1891, ." . Hochg. Herr Dr.l Sie haben in ihrem jüngsten Briese ein erschütterndes Bild von Jammer und Elend entrollt, aber auch ein erhebendes von eifrigen humanitären Wirken. Leider ist di Noch von so großer Intensität und- Extension, daß selbst die im großen Style entworfene Hilfsaktion nur theilweise abzuhelfen vermag. Es bedürfte der ganzen civilisirten Menschheit um aus giebige Hilfe zu bringen. An eine solche Mitwirkung ist aber nicht zu denken, weil die christliche Nächstenliebe bei jüdischem Elende halt macht. Es kann unser Selbstgefühl -erhöhen, daß wir Juden eine confessionelle und nationale Scheidewand nicht kennen, wenn es einem Unglücklichen beizuspringen gilt. Selbst der unwissendste und bigotteste Jude, falls-er nichtvom Hause aus hartherzig ist, wird nicht Herz und Hand verschließen, wenn der Hilfsbedürftige ein Christ ist. Erbarmungslos behandelt, blieben wir stets erbarmungsvoll. Diesem warmen Mitgefühle und der geistigen Lebendigkeit, welche wissenschaftliche und literarisch Thatigkeit niemals in unserer Mitte erlöschen ließ, verdanken wir es, daß, obgleich der tausendjährige Druck , und die gewaltsame Beschränkung auf Schacher und Wucher viel Gemeines uns auspfropfte, der Kern unseres Charakters nicht entadelt wurde und daß wir mit. Verachtung auf die V e r a ch t u n.g unser er Bedränger blicken konnten; uns den Rücken krümmen, uns den. Nacken beugen konnten sie nicht. Halten wir es auch ferner mit der Mildtätigkeit soj Ich opvonire aus das entschiedenste, allen jüdischen Freunden, die da meinen, daß wir.angesichts der Lieblosigkeit, ja Gehässigkeit, mit der man ' uns begegnet, unsere Liebeswerke aus die Glaubensbrüder 'beschränken sollen. Nein, tausendmal nein! Wenn wir ausgeben, was uns adelt, dann sinken wir 'zu dem hinab, was unsere Todfeinde aus uns machen wollen. So lange wir-uns selbst achten, erniedrigt uns die Verachtung nicht. Die m o s a i s ch e n G e b. o t c: „Li eb c deinen Nä ch sie n wie dich selbst" und „Liebe den Fremdling, denn du selbst warst ein Fremdling irr Egypten" sind der Tiefe des jüdischen Herzens entsprungen. Es hieße ums untreu werden, wenn wirdiesc Gebote nicht befolgten, und keine Treulosigkeit, rächt .sich so schwer, als die gegen uns selbst. , *) Siche Nummer 1172 der >,Wiener Morgenzeitung" vom 6. Mar 1922.; **) Die Rothschilds, die ihren Glaubensgenossen höchst selten nützlich waren, ihnen aber sehr oft schadeten, haben, wie mir scheinen will,, auch jetzt die Lage der russischen Juden verschlimmert.. Sie hätten die ihnen zugemutete finanzielle Operation gelicl: anfangs von sich weisen sollen. Die Zurückweisung nach erfolgter Annahme aber mußte die russische -egierung schwer verletzen et si bclirant Rothschildi plectuntur Judaei. ELnsteÄrmg des Viehexports. Prag, 9. Mar. (Tschecho-slowakisches Preßbureau.) Has Ministerium für Volkseruährung hat rnit Rücksicht astf das Steiger: der Fleisch- und Selchwarenpreise das Handelsministerium aufmerksam gemacht, daß weitere Viehausfuhrbewilligungen sowie die Durchführung des bereits bewilligten Exports die Versorgung der Bewohnerschaft mit Fleisch in arger Weise gefährden würde. Aus diesem Grunde werden die Besitzer von Ausfuhrbewilligungen ausgesordert, diese Bewilligungen gegen Rückstellung der bezahlten Gebühren der LebensmittelabLeilung des Handelsministeriums zurückzustellen. Jugoslawien. Die angebliche Resolution in KroaLieA. Wien, 9. Mai. Nach von der Amtlichen Nachrichtenstelle an verläßlicher Stelle in Agram eingezogenen Erkundigungen entspricht die Meldung der Turiner „Stampa" vbn einer angeblichin Kroatien ausgehroKwen Revolution in keiner Weise den Tatsachen. .Vl.vV'.v ,l-; Angarn. Explofio« in einerBudapesierSynagogr Aus Budapest wird uns berichtet: Die Explosions-. Attentate wollen nicht zur Ruhe kommen. Nach den letzten Bombenattentate ereignete sich in der Synagoge in der Nombachgasse Sonntag abends um 8 Ilhv eine in ihren i Folgen weniger verhRßnisvolle Explosion, die auch von derselben „unverantwortlichen" Maffia herrührt, wie das Bombenattentat im Elisabethstädter Klub. Ueber die Explosion berichtet ein wortkarges Communique des Polizebureaus. Hiernach trug sich, der Zwischenfall folgendermaßen zu: Sonntag abends zwischen 8 und 9 Uhr wollte ein Tempeldiener in der Vorhalle das für die verstorbenen Mitglieder dieser Synagoge brennende Seelenlicht anzünden. Das Jahrzeitlämpchen wird rnit Brennöl gepfeift. Als der Diener mit dem brennenden Zündholz sich, der Lampe näherte, entstand eine mächtige Explosion, während gleichzeitig Flammen ausschlugen und der Inhalt des Lämpchens binnen wenigen Minuten verbrannt war« Durch die emporgeschlagenen Flammen sing der Plafond der Vorhalle Feuer, welches auch den übrigen Teil der Synagoge zu ergreifen drohte. Die sofort verständigte Feuerwehr rückte mit mehreren Trains aus und konnte das Feuer erst nach einstündiger harter Arbeit meistern. Der Materialschaden ist verhälnismäßig gering. Die Untersuchung wurde eingeleitet Festgestellt ist bereits, daß ein bisher unbekanntes 'Individuum das Lämpchen, nachdem es den Oelinhalt in ein mitgebrachtes Gefäß gegossen hatte, mit Benzin angefüllt hati Wie in allen bisherigen Attentatssällen . der letzten Zeit richtet .. sich auch in diesem Falle der Verdacht der Polizei, gegen die Sturmtruppe der Erwachenden' Ungarn. Der Polizei wurde untersagt, über den Vorfall in der Rombach- Shnägoge weiter' Berichte auszügeben.' Die Büdapester Polizei ist übrigens , auch ans anderen Gründen in der letzten Zeit vorsichtig und zurückhaltend geworden. Die Ursache < dieses Verhaltens liegt internem vom „101er Ausschuß" unterfertigten anonymen Schreiben an die Polizei zu Händen des Referenten in der Elisabethstädter Bombenaffäre Stadthauptmann Doktor Josef Bog l, in welchem dieser Polizeibeamte sowie seine Korreferenten in der Bombenangelegenheit aufgefordert wer- " i_(gelte, v ,den, die Erhebungen über das Elisaüetysiädler Bombenattentat sofort ei nzustellen, weil sie selbst sonst gleichfalls ln die Lust, fliegen würden. Der Brief schließt mit einer offenbar von kundiger Hand, stammenden Zeichnung, die eine rauchende Bombe darstellt. . Wie Horthy die Wahle» vorbereitet. Budapest, ö. M:i. (Tel.Komp.) Die Polizei verhaftete in Hatvan den getvestueu Ackrrbuurinnister im Kabinett Karoly, Barna Buza, n.i, U: Bgüindairg, daß er ohne politische Er? lanbms eine Wchlvrrsomuibmg übhalten wollte. Die jüdischen Schauspieler «erde« a«fs Pflaster geworfen. Budapest, 9. Mai. (Trl.-Komp.) Infolge einer Berord» uung des Unten-ickü?- uu*' Kultusministers Bass mußte der Dircklor öes städtischen Theaters E.nil Abranyi einer, g a.nz e n. R'.eihe 'von herv orraoenden Mitglieder» des Thea t e r "die Kü ndigu n g überreichen, Der 'Kultusministers lieh sich bei dieser Verfügung von konfessionellen Motiven feiler. Unter den entlassenen Mitgliedern dos 2l;earr,i2 lesiuder sich auch der bekannte Dirigent Desider Markus. Direkt, r Abrany'. Hai die. Absicht, wegen dieser Verfügung des Kuliusmimsiers,. mit dsccn Tendenz er durchaus nicht, einverstand'n istv^useiner stelle als Direktor des städtischen Theaters znrückZuLrcte'u. - - .... Polen. Die Forderungen der Juden. Warschau, 6. Mai. (Telegramß: der „Wiener Morgen» zeitung") In einer der letzten Sitzungen des Sejm ist bei der Debatte über das Expose des Ministerpräsidenten Pom-' kowski als Sprecher des Jüdischen Klubs Abg. Thon anfgetreten. In einer großangelegten Rede besprach Abg. Thon die Nichteinhaltung des Minoritätenvertrages und der in der Verfassung allen Staatsbürgern zugesicherten Gleichberechtigung bezüglich der Juden. Dr. Thon stellte fest, daß die Gleichberechtigung, der Juden in der polnischen Republik nach wie vor nur auf dem Papier durchgeführt worden den sei, in Wirklichkeit aber seien dir. Juden den Schikanen der einzelnen Behörden ausgeliesert. Abg. Thon bespricht sodann ausführlich das Verhält-: nis der Regierung zlrr Wilnaer Judenschast. Er protestiert' gegen. die nr Wilna vorgenommenen I-nternierun-: g e n von Juden und erklärt, daß kein Staat der Welt seine eigenen Burger interniere. Redner appelliert an den Ministerpräsidenten; die Internierungen von Juden in Wilna - sofort einzustellen. Redner weist nach, daß in Polen gegenwärtig sehr viele Vorgänge, die gegen den Geist der Verfassung' gerichtetsind, zu verzeichnen sind, ohne daß die Regierung etwas dagegen unternehme. Aus diesem Grunde könne Redner und sein Klub zu der gegenwärtigen Regierung kein Zutrauen haben. . : Die Rede des Abg. Thon wird. von sämtlichen polnischen Zeitungen ausführlich besprochen und selbst das Organ der Nationaldemokraten „Gazetta Warszawska" ' stellt fest, daß die Rede Thons taktvoll gewesen fei^ und den Eindrrrck zeitigte, daß man sich mit den Zionisten bezüglich dir: Iudenjrage leichter verständigen könne, , AMdschau. Völkerbund und Palästina-MaRdst. Genf, 9. Mai. (Telegramm der „Wiener Morgenzeitung".) Das Komitee der jüdischen Delegationen hat ein Memorandum über die Fragen des Minderheitsfchutzes in den europäischen Ostländern ausgearbertet, welche den Volkerbundrat bei seiner bevorstehenden Session beschäftigen werden. Es verlautet, daß auch das Palast in a-Mandat einen Punkt der Tagesordnung bilden wird. Dr. .W e i tz m a n n soll jn den nächsten Tagen, in.Genf emtreffen. . . Die jüdischen MinoritätsrechLe in Litave«. Genua, 6. Mai. (I. C. B.) Der Generalsekretär de§ Komitees d^r jüdischen Delegationen Leo Motzkin hatte! hier mit dem Führer der litauischen Delegation, Ministerpräsidenten G a l w a n o w s k r, eine längere Konferenz über die jüdischen Minoritätsrechte in Litauen, Herv. Motzkin wies auf die große Enttäuschung des Weltjudentums infolge der letzten Ereignisse im litauischen Sejm hm und setzte die große Bedeutung der Änfrechterhaltung der litauischen Verpflichtungen sowohl vom jüdischen als auch vom litauischen Standpunkt auseinander. Ministerpräsident Galwanowski bedauerte außerordentlich die Demission des jüdischen Ministers Dr. Sol o- 'Wejtschik und den Eindruck, den diese Demission in der jüdischen Welt hervorgerufen hat. Er versicherte, daßdie nationale Autonomie in Litanen nicht imgeringste na n g e fast e t sei, indem die Ablchrmng des Sprachenparägraphen im Sejm seiner Meinung nach auf einem Mißverständnis beruhte. Was die Frage der Minoritätenmiiristerien betrifft, so ist er infolge seiner mehrwöchigen Abwesenheit vom Lande über die Einzelheiten nicht recht informiert, er machte jedoch kein Hehl daraus, daß die Verankerung des jüdischen Ministeriums in der Verfassung, sowohl im Sejm als auch unter der engl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen-und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei (Schiff mann fl., Taborstraße 48 Telephon 47-1-78 En giros En detail