Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1176 (10.5.1922)
- Date
- 1922-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2_ Wien, Mittwoch_ Die Anleiheprojekte für Deutschland. Paris, 9. Mai. (Tel.-Comp.) Nach Meldungen ans Genua hat nach Lloyd George nunmehr auch Bar- > t Hw u ein Anleiheprojekt für Deutschland ausgearbertet ltnb der Wiederherstellungskommission vorgelegt. Bei dreser. Gelegenheit fetzte Lloyd George Barthou ausi mander, daß, es durchaus inr Interesse Frankreichs liege, Deutschland durch das Zustandekommen dieser internationalen Anleihe seine Zahlungsverpflichtungen zu erleichtern. Neuwahlen in England? London, 8. Mai. (Tel.-Comp:) In hiesigen unterrichteten Kreisen wird erklärt, Lloyd George habe die Absicht, ' im Falle eines ungünstigen Ausganges der Genueser Konferenz durch Neuwahlen an das englische Volk zu appellieren. Seine Wahlparole würde dahin gehen, ihm die Vollmacht zu erteilen, eine Politik der allgemeinen Pazisizienuig Europas und eine Milderung der , Wiedergut-. r.ui /.v.t-'üfragc auf vernünftiger Grundlage zu führen. Auf ‘ diese Weise will Lloyd George vor aller Welt den Beweis erbringen, daß die Mehrheit des englischen Volkes seine Friedenspolitik billigt.; Polen und der Wiederaufbau Rußlands. Warschau, Mai. (Tel. dcr „Wr. Morgeuzeitung") Nach ei!!gelai'.g'c.'r Jnfoum innen har dcc polnische Delegierte beim Vnikcrbun), Pros. A s ch k e v << s e, vor einigen Tagen dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Denkschrift der polnischen Negierou-.j benefsend die L.'rlle Pe'ens bei dem geplanten. W i e d e r a v. f 6 a u R u ß lu i-.13 übermittelt. In der Denkschrift wird darauf hi »gewiesen, daß Polen mit Rußland ausgedryn-r genreinsame Grenzen lior und daher die besten Verbind! .ugswege mü allnr russischen Zentren besitzt. Ferner besitzen die Polen die besten Kenr.i» iss,: der russischen Sprache und Kultur und in Rtttzi'c'nd Wehnei: noch heute über eine Million Polen. Polen verfügt über ei"er großen Stab von technischen Kräften, die vor dein Kriege ein«? regen Anteil an dem Wirtschaftsleben Rußlands gehabt holen. Ebenso besitzt Polen eine ganze Re-He von Iulnlsv-ten und Handelszweigen, die vor dem Kriege eusschli.'ßlich den russischen Bedürfnissen augepaßt gewesen sind, Die Kämpfe um Peking. Der Bürgerkrieg in China, der ant 30. April ausgebrochen ist, hat das Stadium erreicht in welchem die Einmengung der russischen Mächte und Japans von der chinesischen Bevölkerung selbst als Befreiung begrüßt und mit Konzessionen honoriert zu werden pflegt. . Es liegt bereits eine stattliche Kriegsflotte vor Shanghai und es ist mit der Landung fremder Mannschaften zu rechnen. Der Kamps zwischen den Generälen T s ch a n g Tso Lin und W n P e i F u, die in den Telegrammen immer wieder genannt werden, ist der Kampf zwischen den monarchistisch-konservativen Kreisen, die sich mit Unterstützung Japans im Norden festgesetzt hatten, und die nunmehr geflohene Pekinger Regierung dirigierten, — und den amerikanisch gerichteten Republikanern, die ihre Anhängerschaft hauptsächlich im Süden haben. Es ist im Grunde genommen die alte Kluft zwischen Süden und Norden, die seit dem im Jahre 1911 erfolgten Sturz der Mandschu- Dynastie sich von neuem auftat und bis zum Weltkrieg nur durch.die Autorität der ersten Präsidenten N u a n - S ch i k- K a i überbrückt werden konnte. Mit seinem Tode verlor die Pekinger Zentralregierung die Macht an die an der Spitze der Parteien stehenden Generäle. Der Süden riß sich los und wählte den in Amerika ausgebildeten Arzt Dr. Sun y a t s e n zum Präsidenten. Von seiner Residenz Canton aus gelang es ihm, für kurze Zeit auch die Herrschaft über ganz China an sich zu bringen, er konnte jedoch nicht die Anerkennung der europäischen Mächte erlangen, die die Pekinger Regierung als ihr stets willfähriges, wenn auch machtloses Werkzeug behandelten. 1921 geriet diese Regierung unter die Führung des Milliardärs Liang shr hi, eines Führers der Mandarinenclique, die natürlich monarchistisch ist. Als nun im Jänner'1922 der liberale Wn Pei Fu den Rücktritt dieser Regierung forderte, rief diese den General Tschang Tso Lin aus Mukden zu Hllfe. Er marschierte gegen Peking und setzte sich gleichzeitig mit Sun hat sen in Fühlung. Wn Pei Fu griff gleichfalls zur Offensive und ging aus dem Aangtsetal gegen Peking vor. Ende April kam es zwischen den Anhängern der beiden Führer zu den ersten Zusammenstößen in der Gegend von T i e n t s i n. Anfangs Mai wurde die Mukden-Armee vor Peking geschlagen, die Regierung floh und Wn Pei Fn besetzte die Hauptstadt. Er erließ sofort eine Proklamation, in der er Sun hat sen aufforderte, die Einigung Chinas durchzuführen und die japanische Kontrolle auszuheben. Inzwischen ist Sun hat sen selbst mit einem Heer von Canton anfgebrochen und zieht gegen Peking. Durch diese Kämpfe, die hauptsächlich durch Räuber-! banden auf Unkosten der unglücklichen Zivilbevölkerung j ausgesochten werden, ist jetzt die Eisenbahnverbindung zwischen Peking und dem Gelben Meer bedroht. Der Schutz dieser Bahn ist nun englischen Truppen übertragen worden, während die Mächte in einer Note an die — geflohene — Negierung die Neutralisierung Pekings fordern und die Landung amerikanischer und japanischer Kontingente androhen. Auch England, Frankreich und Holland halten Kriegsschiffe bereit. Zionisten! Leset und verbreitet die uWiener MoraeMeituna" Wiener Morgeuzeitung 10. Mai 1922 Nr. 1Y76 Schobers Bericht über seine üerbandf nngen in Genua. In der gestern unter - dem Vorsitze des Obmannes. Hauser abgehaltenen Sitzung des Ausschusses für Aeußeres erstattete zunächst Bundeskanzler S ch o b e r einen Beacht über die Verhandlungen in Genua. Nach ausführlicher Schilderung des KonsereuzverlauseZ erklärte, der Reichskanzler über die Tätigkeit der österreichischen Delegation: Es wurde von uns natürlich jede Gelegenheit benützt, um aufklärend über die Verhältnisse in Oesterreich zu wirken und die vielen Mißverständnisse, die auf Grund ungenauer oder tendenziöser Presseberichte bestanden haben, zu beseitigen. Insbesondere hatte die österreichische Delegation di, bezüglich Gelegenheit, hieMreignisse in Wien vom 1. Dezember des vorigen (auf IHM tövhre Bedeutrmg znrückzurühren, und ich glaube, daß es mir auch gelungen ist, den für uns ungeheucr schädlichen Eindruck, den diese Ereignisse im Anslande hervorgerufen haben, auszulöschen. Wie aufmerksam daö Ausland alle Vorkommnisse bei uns verfolgt, bewies mir auch der Vorfall in Ebergassing, der in ganz bntstellter Weise und generalisierend in Genna vor dem dortigen internationalen Forum Verbreitung gesunden hat. Cs zeigt uns dies, wie wir in unserer Sitnatwn als Krebitsuchende gerade in unseren inneren Verhältnissen die peinlichste Rücksicht auf alle Eindrücke nehmen müssen, dijedes Geschehen im Jnlande im Auslande hervorruft. Die wichtigsten Themen der diesbezüglichen Tätigkeit der österreichisch-:-.! Delegation waren aber die unausgesetzten Einwirkungen auf die in Betracht kommenden Faktoren, um die Rückstellung der Pfandrechte zu erreichen und die Kredr.-aktwa zu fördern. Bezüglich der Rückstellung der Pfandrechte ist den Herren bekannt, daß unmittelbar vor der Konferenz von Genua die Resolution Lodge durch den amerikanischen Kongreß angenommen wurde. Es handelte sich nun darum, die definitive Erklärung der Rückstellung zu verlangen. Hier waren neben dev formellen Aufhebung auch noch materielle Hindernisse zu überwinden, weil Rumänien noch nicht zugestimmt hatte und Jugoslawien nur unter der Bedingung, daß die Liberationszahlnngen für das öffentliche Eigentum der. früheren österreichischungarischen Monarchie gleichfalls zurückgestellt würden. Die gegenwärtige Aktion war von uns vorbereitet worden: Schon im Jänner haben wir in Paris anläßlich des Ersuchens um einen französischest Kredit die französische Regierung gebeten, die Initiative zur Durchführung der definitiven Rückstellung zu ergreifen. Die hierfür maßgebenden Faktoren haben 'sich dazu bereit erklärt. Im Februar haben wir anläßlich der Konferenz von Rom an die italienische Regierung das Ersuchen gestellt und es in einem Aide memoire begründet, die Frage anläßlich der Konferenz von Genna zur Sprache zu bringen. In Genua wendete ich mich an den englischen Ministerpräsidenten Lloyd George, den italienischen Minister des Aeußern Schanzer, den Präsidenten der französischen Delegation Barthou und an den tschecho-slowakischen Ministerpräsidenten Benesch. Ich sowohl als auch andere Mitglieder der Delegation besprachen diese Angelegenheit mit den Vertretern der beteiligten Staaten und wir erhielten alle zustimmende Antworten. Während meiner Anwesenheit hat nun Italien eine Sitzung unter dem Vorsitz des italienischen Ministers Schanzer einberufen, in der die Frage der Rückstellung besprochen wurde. Es wurde beschlossen, ein Komitee e i n z u s e tz e n, das aus den Vertretern der H a u p t m ä ch t e, zwei Vertretern der neutralen Staaten und zwei Vertretern der kleinen Entente bestehen sollte. Dieses Komitee ist bisher nicht zusammengetreten. Ich habe nun neuerlich bei dem Ministerpräsidenten Bc.nesch, dem Ministerpräsidenten Bratianu und Minister Schanzer sowie beim englischen Premierminister! Lloyd George interveniert. Es wurde eine Fornrel ausgearbeitet und den beteiligten Staaten übermittelt. Hierüber fanden Besprechungen der Vertreter der kleinen Entente und der Hauptmächte statt. * Sowohl von den Großmächten als auch von den Vertretern der kleinen Entente und den Neutralen wurde uns bestimmt zugesagt, daß die Rückstellung nunmehr erfolgen wird. Cs ist mir gelungen, vom rumänischen Ministerpräsidenten B r a t i a n die Zusage zu erhalten, daß rumänischerseits nunmehr keinerlei, Schwierigkeiten mehr erhoben werden, und es haben mir auch die neutralen Staaten ausdrücklich versichert, daß nunmehr die Sache endgültig bereinigt sei. Lediglich seitens Jugoslawiens habe ich eine solche Erklärung bisher nicht erhalten, weil der jugo- Oesterreich. Die Verhandlungen mit de» Beamte». Der Kanzler Dr. Schober wird, wie schon berichte^ am Freitag nach Genua abreisen. Gestern empfing er die Vertreter sämtlicher Beamtenorganisationen zu einer Aussprache über ihre neuen Forderungen. Es ist dem Kanzler gelungen, die Erschienenen zu einer Milderung ihrer An-» sprnche zu veranlassen. Die Beamten werden nunmehr in Versamlmungen ihrer Vertrauensmänner über ihre weitere Haltung schlüssig werden. Die Akadenriker und Kon-, z'eptsbeamten treten für eine radikale Beseitigung des Ueberstundensystms ein, die als erster Schritt zum Abbau zu betrachten sei. Für alle Fälle haben die Beamten bereits einen Streikfonds gebildete Eine Entscheidung über diese -Traae, wird, uicä BeLndiauna kr^jn MMaMMMnAre-, slawische Ministerdes Aeußern Nincie gerade von Genua abwesend war und erst in einem Zeitpunkt zurückgekehrt ist, wo ich schon infolge der mir nachgesendeten Telegramme die Rückkehr nach Wim angetreten habe. Der jugoslawische Delegierte Minister a. D. Jankovich hat mir zugesagt, daß er nnr noch das Eintreffen des Ministers Nincie und der Men abwarte, um dann eine zustimmende Erklärung abgeben . zu können. Knapp vor meiner Abreise hat mir 8er tschechoslowakische Ministerpräsident Dr. Benesch versprochen^ unsere Angelegenheit beim jugoslawischen Minister des Aeußern entsprechend zu vertreten, so daß ich nicht voreilig zu sein glaube, wen,! ich auch diese Schwierigkeit als entweder bereits überwunden r-ber mindestens überwindbar bezeichne. Was die ant Sonntag den 23 April in der Wiener Press» verbreitete Nachricht anlangt, daß die tschecho-slowakischo Regierung gegen die' Rückstellung der Pfandrechte Einspruch erhoben habe, so' hcit mich Ministerpräsident Dr. Benesch ausdrücklich versichert,'daß diese Meldung den Tatsachen nicht entspricht, und hat mich ermächtigt, von dieser Erklärung öffentlich sowohl im hohen Ausschuß als auch im Nationalrat selbst Gebrauch zu machen. Ebenso war die österroichische Delegation bemüht, den für anfangs Mai in Aussicht genommenen Verhandlungen über größere Privätkredite in London den Boden vorzubereiien. Ich darf diesbezüglich die Beschlüsse der Sitzung des. Fmanzkomitees des Völkerbundes vom 26. Februar d. I. dem hohen Ausschuß in Erinnerung bringen, aus denen hervorging, daß der Völkerbund nach wie vor seine Kreditaktion für Oesterreich ausrechtzuerhalten bereit ist, daß er es aber auch Oesterreich anheimstellte, sich auch selbst nach Krediten umzusehcn und daß der Völkerbund Oesterreich auch, hierfür seine volle flnwrstützung zusichert. Von dieser Ermächtigung Gebrauch machend, haben wir er'rescht, daß es der Gouverneur der Bank von England Mr. Norman unternommen hat, Verhandlungen.über größere pribate Kredite an Oesterreich zu veranlassen und unter seinen Schutz zu n.ehmen. Auch diesbezüglich galt es, in Genua eine stetige rege Tätigkeit zu entfalten, um dem österreichischen Unterhändler für London etwaige Schwierigkeiten zu beseitigen und alle Voraussetzungen für eine günstige Ausnahme überhaupt erst zu schaffen, In diesem Zusammenhang ich es meine Pflicht, hervor> zuhben, in welcher Weise unser Beamtenproblem im AuZscnbe aufgesatzc wird und welche, zum Teil berechtigte, zum Teil aber unberechtigte Vorurteile in dieser Hinsicht bestehen, Ich glaube, daß^ es mir in Genua gelungen rst^ in diestzY.Dnsicht die Bedenken zn zerstreuen, well ich auf die von der österreichischen Regierung vorbereiteten und auch von .den Parteien des hohen Nationalrates ja selbst in Aussicht genommen Sanierungsmaßnahmen, namentlich was die SL'-atsbetr'-'üe anbelangt, verweisen konnte. Selbstverständlich wirkt auf die Verhandlungen in London ebenso wie auf dm Rückstellrug der Pfandrechte jede neue Kömplikation dieser Frage, wie dies zum Beispiel durch die neuen Beamtenforderungen der Fall ist, äußerst schädlich, und ich darf dein höhen Ausschüsse b,richten, daß ich auch nicht verabsäumte, gestern den einzelnen Organisationen die Schwierigkeiten einer restlosen Erfüllung ihrer an sich begreiflichen Wünsche gerade im gegouw-üugku Augenblicke darzulegen, , Ich bitte dem hohen Ausschuß noch, die Versicherung entgegenzunehmen, daß die österreichische Delegation - bei deö Genueser Konferenz trotz aller Schwierigkeiten, die sich aus der räumlichen Entfernung unseres Domizils-von Genna Und der Befassung der maßgebenden Staatsmänner mit größeres Problemen pflichtgemäß unter Ausnützung jeder Chance die österreichischen Jn'-ercssen vertreten hat und daß Oesterreich mit der Ausnahme, die es, trotz seiner ungeheuren Schwierigletten und seiner stet-.n Hilssbedürftigkeit in Genua gefunden hat, zufrieden sein kann, und in diesem Sinne bitte ich den hohen Ausschuß, meinen Bericht zur Kenntnis zu nehmen. An die Ausführungen des Bundeskanzlers schloß sich eine Debatte, in der die Abgormeten Dr. Seipel, Dr. Urs in, Dr. Bauer, Czernin, Dr, Mayh Dr. Dinghoser^ Miklas und Seitz sprachen^ In die Debatte griffen auch Bundeskanzler Doktor Schober und die RnndeZminister Dr. Gürtler und Dr. Hennet ein. Bundesminister, Dr. Hennet beantwortete einige Anfrage!: über die Entwicklung und den Stand der Verhandlungen mit Ungarn über r.e Frage der Viehansfuhr und über die Handhabung der Expropr'ftion und Liquidation in Jugoslawien. Schließlich machte Bundesminister Schober Mitteilungen über den Srand der Rogulierug der burgenländischen Ostgrenze, [ «II Hl imUBUII—JHUJU»IWHIMM ditverhandlungen fallen. Sie wird jedoch nicht durch die Regierung, sondern durch den Nationalrat erfolgen, müssen. Tschecho-Slowakei. Die Kramarsch-Partei. Prag, 9. Mai. „Pravo Lidn" erblickt im Austritte des Kanzlers Dr. S a «t a I und des Armeeinspektors M a ch a r aus der uationaldemokratischen Partei ein Symptom des Verfalles der K r a m a r s ch - P a r t e i, die es sich zur Ausgabe mache, mit allen Mitteln jnngtschechischer Intrigen einen schändlichen Kampf gegen Masaryt und Benesch'zü führen. Die näiioyaldemokratische Partei sei heute: j - das N e st d e r R e a k t i o n und km M P n a r ch i s m'u .jüMJo.iiöüejPk M