Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1922-05-09 · Heft 1175 (9.5.1922) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1175 (9.5.1922)
Date
1922-05-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980129-2980255--11036-2997449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Wicn, Dienstag bet Russen zu bet Frage ber Beantwortung beS Meinei lanbmns ans. Nach btefer Unterredung fuhr Tschitscherin in die Villa Alberti zu Lloyd George. Da8 Ergebnis der Konferenz zwischen dem englischen Premier »nd denr russiscllen Volkskommissar wirb zweifellos eine Wendung in der russischen Frage bedeuten. Zeigt sich Rußland nachgiebig, so ist auch eine Nachgiebigkeit Frankreichs und Belgiens nicht ausgeschlossen. Bleiben jedoch die Russen unnachgiebig, so können schon die nächsten 24 Stunden eine Entscheidung in der Richtung bringen, daß entweder die Konseren; ohne die Franzosen weiter geht oder durch deren Abreise gesprengt wird. Es ist selbstverständlich, daß unter den gegenwärtigen Umstanden Reichskanzler .Dr. Wirth nicht an eine Rückkehr nach Berlin denken kann und daß die diesbezüglichen Pläne vorläufig ansgegeben werden müssen. Es ist möglich, daß der heutigen Unterredung zwischen Tschitscherin und Lloyd George eine neue Zusammenkunft zwischen Dr. Wirth und Lloyd George folgen wird. Die Einwendungen der Russen. Genua, 8. Mai. Es wird bekannt, daß die russische Delegation heute nachts aus Moskau über Berlin telegraphisch angewiesen wurde, nachstehende Einwendungen gegen das Memorandum zu erheben: 1. Tie Verpflichtung, sich jeder gegen das Ausland gerichteten Propaganda auch innerhalb des eigenen Landes zu enthalten und jeden derartigen Versuch zu verhindern oder zn bestrafen, sei undurchführbar und müßte schwere innere Konflikte verursachen. 2. Es gehe nicht an, das Verbot politischer Propaganda auch auf die territoriale auszudehuen und so Rußland etwa jedes Recht abznsprechon, Beßarabien für sich in Anspruch zu nehmen. 3. Was die' Kriegsschulden anbelangt, soll verlangt werden, daß die Alliierten sich nicht auf allgemeine Versprechungen eines Nachlasses beschränken, sondern den. Nachlaß genau fixieren. 4. Soll auf die Notwendigkeit einer direkten, in bestimmten Zahlen ausgedrückten Kreditgewährung hingewiesen werden. Es verlautet, daß die deutsche Delegation bemüht ist, die russische zur Annahme des Artikels 7 (Privateigentum) zu bestimmen. da eine Milderung des Artikels nicht zu erwarten sei. Belgien und Frankreich verlangen im Gegenteil eine schärfere Fassung, weshalb der Fortgang der Verhandlungen nur möglich scheint, wenn Rußland sich hier zn einem Opfer entschließt. Erklärungen Barthnus. Prag, 8. Mai. Das Tschecho-Tlowakische Pretzvttreau meldet aus Genna. Oarthou empfing Heu vormittags die Pressevertreter der kleinen Entente und Pole», denen gegenüber er äußerte, daß Frankreich rin besonderes Gewicht aus die Mitarbeit der kleinen Entente und Polens bei der Sicherung des europäischen Friedens lege. Frankreich hoffe, daß..diese Mitarbeit auch in der Zukunft sortdauern werde. Barthou bestätigte nochmals, daß Frankreich auf einer klaren und bestimmten Antwort der Russen beharre. Weiters erklärte er, daß.er formelle Instruktionen besitze, die Verhandlungen abzubrechen, sobald die Antwort der Russen ablehnend oder ausweichend wäre. Wenn die Russen das Memorandum der Alliierten aunähmen, müssen Frankreich und Belgien darauf beharren, daß ihrer Forderung bezüglich des privaten Eigentums Genüge geleistet werde. Litauen fordert Wilna. Genua, 7. Mai. (I. C. V.) Die litauische Delegation in Genua hat eine Broschüre über das Wilnaer Problem der Konferenz unterbreitet. Litauen beansprucht den Besitz von Wilna und will aus historischen und ethnographischen Daten die Ungesetzmäßigkeit der Wilnaer Abgeordnetenversammlung und der Annexion an Polen beweisen, gegen welche die litauische Delegation schärfsten Protest erhebt. Rakowski erklärte auf einer Jornalistenversrmmlung, über die Haltung Sowjetrnßlands zur Wilnaer Frage befragt, Sowjetrußtand wolle mit allen seinen Nachbarn in Frieden leben. Oesterreich. Regierung und Parteien. Heute nachmittags werden der Bundeskanzler Dr. Schober und der Finanzminister Dr..Gürtler im Ausschuß für Aeußeres über Genua berichten. Man wird dann vielleicht Klarheit über die Frage des General- Pfandrechtes erhalten, gegen dessen Suspension -.in mit den Befreiungsschulden fungierter Einspruch Jugoslawiens und Rumäniens vorliegt. Es hat, tote bekannt, in Genua bereits eine Sitzung der Gläubigerstaaten st'ttgefnnden, die einen Ausschuß zur weiteren Beratung einsetzte. Nach einer Mitteilung des Herrn Aoung, der dieser Tage zur Berichterstattung über die Lage Oesterreichs nach London abreist, soll die Frage der Hypothek noch in dieser Woche in Genua entschieden werden, falls die Konferenz nicht inzwischen eines seligen Todes stirbt. Im Anschluß au diese Sorgen und im direkten Zusammenhang mit ihnen werden Regierung und Nationalrät sich über die nächste Politik schlüssig werden müssen. Die innerpolitische Verwirrung muß endlich gelöst werden. Es besteht ein Mißtrauensantrag der Sozialdemokraten gegen den Finanzminister wegen der Erhöhung der Zollaufschläge auf den tausendfachen Satz. Dieser nur demonstrativ gemeinte Antrag ist von den Großdeutschen, die ihre Solidarität mit Herrn W ü tt n e ck kundgeben wollen, onfgegriffen worden, und es kann zu einer Demission G ü r 11 e r st kommen, "die das Kabinett milreißenmuß, dessen Stellung durch die Beamtenjorderungen insgh- Wiensr Morgenzeitung Ö. Mai 1922 . Nr. 1175 Ein Bericht des Ioint-Komttees. * ♦♦ Unter den zahlreichen Berichten, lvelche von den in den europäischen Ländern tätigen Ztveigniederlaflüngen des Amerikan Joint Commitee an de Netv-Aorker Zentrale anläßlich der Liquidierung, beziehungsweise Reorganisation des Joint-Werkes erstattet würden, ist der Bericht über die Tätigkeit in Karpathorußland besonders interessant. Das Leben der Juden m diesem auch wegen seiner geographischen Lage interessanten Erdenwinkel weist'zwei Kontraste des jüdischen Lehens auf. Auf der einen Seite zeigt sich der Beweis für die Produktive Arbeit der Inden, auf der anderen Seite die große allgemeine Armut. Die produktiven Kräfte müssen sich auf einem Boden ausgeben, wo produktive Tätigkeit in großem Stile ausgeschlossen wird. Das karpathorussische Gebiet liegt mitten in Europa in die Karpathen eingezwickt und bildet heute den äußersten Zipfel der tschecho-slowakischenRepublik. Das Gebiet ist von drei Nationalitäten bewohnt unb zwar Ruthenen (50 Prozent), Juden (20 Prozent) und Ungarn. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung beträgt 120.000. Karpathorußland ist eines der ärmsten Gebiete Europas und steht auch kulturell auf einem sehr niedrigen Niveau. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist die Laudwirtschaft und die Holzverarheitung. Die große Armut und die denkbar schlechtesten sanitäre« Bedingungen führen dazu, daß Krankheiten und Epidemien ständige Gäste dieses Läudchens sind. Die Lebensbedingung der jüdischen Bevölkerung unterscheidet sich durch nichts von jener ihrer Umgebung.. Im allgemeinen weist die jüdische Bevölkerung von Karpathorußland sehr wenig Aehnlichkeit mit der jüdischen Bevölkerung anderer, selbst der ärmsten osteuropäischen Länder auf. In keinem anderen Land liefern die Juden einen so großen Prozentsatz der produktiven Klassen, aber auch andrerseits so viel Luftmenschen, wie hier. Etwa 60 Prozent der in Karpathorußland lebenden Juden haben keine bestimmte Beschäftigung. Die restlichen 40 Prozent werden in dem Berichte, wie folgt, klassifiziert: 1'. Jüdische landwirtschaftliche Arbeiter, BieWrten usw., 2500 Familien mit 12.500 Personen. 2. Dorfarbeiter und allerlei Taglyhner, 2000 Familien mit 10.000 Personen. 3. Fuhrleute, 1200 Familien mit 6000 Personen. 4. Handwerker (Schneider, Schuster, Klempner, Schmiede, Tischler),' 1280 Familien mit 6900 Personen. 5. Gastwirte, 1180. Familien mit 5900 Personen. 6. Krämer, 15<)0 Familien nnt 7500 Personen. 7. Kausleutc, 900 Familien mit 1600 Personen. 8. Freie Beruft (Aerzte, Advokaten usw.), 200 Familien mit 800 Personen. 9. Grundbesitzer und Industrielle, 100 Familien mit 400 Personen. 10. Schächter, 100 Familien mit 400 Personen. 11. Lehrer, 800 Familien mit 4000 Personen, zusammen also 10.800 Familien mit 50.900 Personen oder 40 Prozent der ganzen jüdischen Bevölkerung. Die jüdischen Landarbeiter sind ein. wahres Dorf- Proletariat, das sich von Tag zn Tag bei uichtjüdischen Grundbesitzern unb Bauern zur Arbeit verdingt. Obgleich der Fleiß und die Arbeitsamkeit dieser jüdischen Bauern allgemein anerkannt wird, müssen sie dennoch einen schweren, bitteren Existenzkampf führen. und t leben kit größter Not. Im Gegensatz zn den Inden in Polen und Rußland fällt bei den Jubelt in Karpathorußland die Unintelligenz auf. Die wenigen Handwerker, die hier vorhanden sind, halten sich abseits von den jüdischen Massen und tragen eine Gleichgültigkeit für deren Bedürfnisse und ihre Not zier Schau. Die Kategorien der unproduktiven Elemente sind hier mannigfach. Sie rekrutieren sich aus Schnorrern, Grenzschmügglern, int allgemeinen Lnftnrenschen und Leuten, die arr den Höfen der Wunderrabis schmarotzen, Auch eine andere bezeichnende Erscheinung zeigt sich unter den Juden von Karpathorußland. Während die Juden der Nächbargebiete zum überwiegendsten Teil Stadtbewohner sind, leben hier 70 Prozent der Juden in Dörfern und Landgemeinden. Der Krieg hatte auf die schon vor dem Kriege schreckliche Lage der Juden noch schwerer gewirkt. Die wichtigste Industrie dc5 G.'^es, die Produktion von Holzartikeln, wurde fast ganz er umstellt. Sehr groß ist die Zahl der' > Kriegswitwen und -Waisen. Zum Ueberfluß kamen auch noch zahlreiche Flüchtlinge nach Karpathorußland. Der Joint hat seine Tätigkeit erst im Oktober 1920 ausgenommen. Die Mangelhaftigkeit der Verkehrsmittel und die elenden Verkehrsftraßen erschwerten die Organisierung einer schnellen und wirksamen Hilfsarbeit. Trotz dieser Schwierigkeiten wurde in ganz kurzer Zeit ein Netz von 160 Lokalkomitees mit dem Zentralsitz in Munkacs, dem Mittelpunkte des Handelslebens im Lande, ins Leben, gerufen. Wie überall hat auch n diesem Lande der Joint bis zur Liquidierung seiner europäischen Niederlassungen sehr viel zur Linderung der Not betget ragen. Der Bericht schließt mit den Plänen, die für die Aufrichtung der konstruktiven Arbeit unter den Juden von Karpathorußland gefaßt wurden. Das Hauptproblem besteht darin, für die Tausende Arbeitslosen lohnende Beschäftigung in ihrem Fache zu schaffen und andere Tausende zu nützlichen Handwerkern auszubilden. Zu diesem Zwecke wird die Errichtung von Fachschulen und kleiner Farmen notwendig sein. Auch die Schaffung verschiedener Wohlfahrtsanstalten, wie Waisenhäuser, Spitäler, erweist sich als unerläßlich. Das wichtgste jedoch ist die Aufklärungsarbeit unter den jüdischen Massen im Interesse der Verbesserung der sanitären Bedingungungen in den jüdischen Hausern. Für die Krämer und Kaufleute sollen Kreditkassen ins Leben gerufen werden. Bedenkt man, daß diese 120.000 Juden bisher ohne jede nennenswerte Organisation standen und daß die erste jüdische Organisation, mit der sie in Berührung kamen, die amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation war, so wird man es verstehen, wenn der Bericht damit schließt, daß hier eine lange und Geduld erheischende Organisations- und Aufklärungsarbeit notwendig sein wird, um irr Karpathorußland zweckdienliche Rekonstruktionstätigkeit zu entfalten. samt 55 Milliarden Kronen — belastet wird. Die Regierung hat in einem Kabinettsrat den richtigen Standpunkt vertreten, daß diese Forderungen, die das bis zrrr V i e r t e l b i l l i o n gediehene Deftzit Umstürzen, nur von den Parteien des Nationalrates gedeckt.werden müssen. Den Beamten könne derzeit nur ein Vorschuß bewilligt werden, den man vielleicht morgen auszahlen wird, wenn die laufenden Besprechungen mit den Parteien und den Beamten heute ein halbwegs sicheres Resultat ergeben. Der Nationalrat wird am Donnerstag zusammcntreten, am Freitag will der Kanzler wieder nach Genna fahren. Es wird also in dieser Woche nicht möglich sein, die so notwendige Arbeitsgemeinschaft der Parteien zustande zu bringen. Die Forderungen der Staatsbeamten. Der Ministerrat hat, wie schon mitgeteilt, gestern die Beamtenforderungen beraten. Gestern erschienen über Einladungdes Bundeskanzlers verschiedene Beamtenorganisationen bei ihm. Der Bundeskanzler legte in eingehender Weise die gegenwärtige finanzielle Lage des Staates im Zusammenhang mit den schwebenden Kreditverhandlungen dar, welche es der Regierung gegenwärtig unmöglich mache, eine a u g e n b l i ck l i ch e r e stlose Erfüllung ihrer Forderungen zu gewähren. Der rustifche Gesandte. Der nenernannte bevollmächtigte Vertreter der russischen Sowjetregierung in Oesterreich, A. G. Schlichter, hat am 4. Mai bei dem Leiter des Bundesimnisterimns für Aeußeres Dr. Hennet seine Beglaubigungsschreiben überreicht. Tschecho - Slowakei. Samal und Machar au» der «atioual- demokrateichen Partei ausgetreteu ' ftaufc.>8.. Mai.,.Dem- »CePke Slovo". gufolgqMd Kanzler ,, Dr. Samal und ismee-Generalinspektor Machar aus'der' Natioualdemokratischen Partei ausgetreten, weil sie mit den Angriffen der Partei gegen den Präsidenten der Republik iti'**- einverstanden seien. Eine politische Partei der slowakischen Trennurrgsorthodoxie. Ans B r a t i s l a w a wird utt8 gemeldet: Die angekündigte Parteigründung der slowakischen Tremnmgsorthodoxie hat vor einigen Tagen in Poprad stattgefunden. Die Geschichte nimmt den programmatischen Verlauf, den man von ihr erwarten mußte, seit mau weiß, daß der geistige Vater dieses politischen Wechselbalges der „Oberhirt" der slowakischen Trenmmgsorthodoxie, Rabbiner Web e r. ist, der, wie erinnerlich, dieses sein Werk in der Weift vorbereitet hat, daß er bei der Regierung und in einem hiesigen nichtjüdischen Blatt die „Bereinigten jüdischen Parteien", hinter denen die große Mehrheit des slowakischen Judentums stcht, als staatsfeindlich zn bcrnin* zieren versuchte! Zum Parteiobmann wurde ein Hermann Steiner in Nitra gewählt, früheres Präsidialmitglied der orthodoxen Zentralkanzlei, der sich vor einiger Zeit von ihr lossagte und seinen Rücktritt in einem offenen Schreiben rechtfertigte, das die Praktiken dieser Kanzlei entsprechend beleuchtete, der jedoch, wie ersichtlich, nachträglich wieder zurückgesunden hat. Die „Partei" hat zwar noch keine Mitglieder, aber bereits einen Prager „Bevollmächtigten" in der Person des aus dem Prager jüdischen Nationalrat hinausgelehnten Markus Ungar, der seither in der Slowakei eine umfangreiche Wühlertätigkeit zu entfalten sucht. Parteisekretär ist ein Dr. Jnl. Di amand, der sich als jüdischen — Sozialdemokraten bezeichnete und den „Vereinigten jüdischen Parteien" wn-verholt seine Dienste angeboten hat. Natürlich war es das erste, daß die neuen Parteihäupter beim Mrnister für die Slowakei vorsprachen, um ihm darzulegen, daß die neue Gründung eine „Staatsnotw endig k eit" .sei, weil die --Vereinigten jüdischen Parteien" auf dein 'MandPüW"der ,M«tzecheitSrechke^ Müden, während die Partch,.der..Trennungsorthohöxie. diese, ablehne und die 'Mische 'GleichbeMtigung fordere. Es ist zu erwarten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.