Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1175 (9.5.1922)
- Date
- 1922-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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itazelBammefKfiö-' tyien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einerVerschleisstelle Trafik) monatlich K 1700 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 1700 Ts che ch o-S.l owak e i: Mon. K20. Ungarn: Mon. K 150. Jugoslawien: Mon, Dinar 25. P o l e n: Mon. Mark 700. Deutschland: Mon. Mark 45. frankreich: Monatlich Frcs. 6 Tsch&ciw » Slowakei; iLLksark. K 1 Italien: 'Monatl. Lire 6. Rumänien: Mon. Lei 40. S c h w e i z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 4-40-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16-301. Tel-Adr.: »Morgenzeitung', Wien Oesierreichisches Postspar1 kassen-Konto Nr. 150.693 \ Nr. 1175 Wien, Dienstag. S. Mai 1822 4. Jahrgang Die Krise der Entente. —y. Wien, 9, Mai. . 1 In Genua ist eine heikle Situation - ein getreten. Die aus Paris zurückgekehrte Delegation, die noch am Samstag ihren Verhandlungswillen kundgab, hat sich eines anderen besonnen. Barthou hat in einer von Drohungen wimmelnden Rede an die - Journalisten ein Sünderultirnatnm für die Russen angekündigt, deneri er die Schuld an dem Versagen . der Konferenz schon jetzt zuschiebt. Dieses Ultimatum richtet sich aber nur formell an die Russen. Tatsächlich ist England der Adressat. Das Verhältnis zwischen den beiden sü hrenden Staaten der Entente hat sich fast bis zum Bruch zu gespitzt und wenn er nicht schon bisher vollzogen ist, so kann man dies nur der Angst vor dem.Vakuum zuschreiben, das dann ein- ' treten müsste und dessen Ende sich nicht abseben ließe. Die ans Genna, dem Zentralpunkt der S^nsatiimsjomnalistrk, kommenden Berichte übertreiben sicherlich die Schärfe der Situation. Aber selbst wenn man in Rechnung stellt, daß die dort versammelten Zeitungsleute um jeden Preis' täglich etwas Interessantes zu telegraphieren sich verpflichtet sehen, so bleibt von der Gefährlichkeit der Sachlage noch genug übrig. Die Verstimmung Lloyd Georges, die er in seinen Reden deutlich äußert, spricht daftir, daß die Konferenz vor dem letzten Stadium steht, daß entweder mit ihren feierlichen Vertagung — die hier das Ende bedeutet — oder mit dem Sieg des Konserenzgedankens enden kann. Ein Abschluß mit politisch und wirtschaftlich sofort wirksamen Resultaten ist nicht mehr denkbar. . ' Gegenwärtig liegt die Entscheidung dank der Geschicklichkeit der Pariser Diplomatie, so merkwürdig dies klingt, bei den Deutschest, die nach mehrfachen Besprechungen mit Lloyd George in gewissem Sinne die Vernnttlung bei den Russen übevnommen haben. Sie sollen aufTschitscherinindem Sinne einwirren, daß er das Ententememorandum trotz seiner durch Belgien im übertragenen Wirkungskreis vorgenommenen Verschärfungen so beantwortet, daß ein weiteres Verhandeln möglich wird. Sollten trotzdem Frankreich und Belgien sich unnachgiebig zeigen und die Antwort als unbefriedigend erklären, so wiirde die Spaltung Europas offenbar werden. In diesem Falte würden nämlich England und ein Teil der kleinen Entente zn Sonderverhandlungen mit Rußland gezwungen sein, um nicht den Deutschen das russische Geschäft ganz überlassen.zu müssen. Frankreich und seine Satellitew in Mitteleuropa würden allein auf die Kriegspolitik hingewiesen, ■ während Italiens Haltung einzig und. allein von den Vorteilen bestimmt wird, die ihm die eine oder andere Gruppe bieten kann. Gelingt. es jedoch Wirth und Rathenan/eiste russische Antwort zn erlangen, die auch die franko-bclgischc Allianz akzeptieren muß, dann kann die Konferenz bis znm nächsten Zwischenfall sich fortsretten. Zn einem Abbau der wirtschaftlichen Verelendung Europas kann aber diese Konferenz kaum viel beitragen.'" ' Der englisch-französische Gegensatz ist bereits zu tief eingescbnitten und es muß, che die Genueser Konferenz einen Nachfolger erhält, erst zwischen diesen beiden Staaten Klarheit geschaffen werdest. Der diplomatische Krieg ist bereits seit geraumer Zeit von Frankreich eröffnet worden, dessen Angora-Konvention der erste hörbare Schuß war. Inzwischen ist eine französische Mission tu Afghaistcm eingetroffcn, die dort in der Nähe der indischen Grenzpässc kaum für die Freundschaft . mit dem Ententege nossen wirkt. Daß England unter diesen Umständen' die von Lloyd George, allerdings sehr vorsichtig ausgesprochene Volitk der splendid isvlation einschlägt und sich vom europäischen Kontinent znrirckzieht', ist wohl nicht so schroff zu lesen. England kann nur ein gesundes Europa in der Nachbarschaft brauchen und cs kann Europa nicht zwischen den französischen Imperialisten und russischen Desperados zerfleischen lassen. Denn diese Katastrophe würde angesichts des Zustandes im Orient sich nicht auf das europäische Fest-, land lokalisieren lassen. 'Bricht die Konferenz in Gettua zusammen, so muß sie erst recht fortgesetzt werden. Die Forderungen, die Rußland stellt und die von der Gegenseite so' scharf bekämpft werden, können auch durch einen Abbruch-des Genueser Kongresses nicht an Aktualität verlieren. Rüßländ'verlangt die Anerkennung und einen mit drei'Milliarde'n Goldrubeln bezifferten Aufbaukredit. Wenn' Frankreich dies heute nicht konzedieren will, so setzt es st tie Aussichten aüf Schuldentilgung poch weiter her- 'c.b/muf: aber über kmz oder läng wieder verhandeln, wenngleich bei gänzlich veränderten ' Verhältnissen. Frankreich würde .dann aWn LM« und.müßte M nach W SMMMjzche Senat m das EinstiMMkger Beschluß. W a shingto n, 5.. Mai, lTel. der „Wiener Morgenzeitung".j Die SeUaiDkommission für auswärtige Angelegenheiten beschäftigte sich am Donnerstag mit der dom Senator L o d g e eingebrachten Resolution bezüglich der Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina. Dir Resolution, die den „Wiederaufbau Palästinas durch die Juden'Mit innerster Befriedigung" begrüßt, wurde in der Kommission und hierauf im Plenum deß Senats einstimmig angelt o m m e n. Da der Völkerbund sich auf seiner nächsten auch mit der Rati fiz ier ung des Palüstizra- M a n d a t s besaßen soll, ist dieser Entscheidung des Senats hohe Bedeutung beftümessen, und dies nur so mehr, als der Völkerbund die Ratifizierung nur wegen der bisherigen Zurückhaltung der Vereinigten Staaten unterlassen hat. Auch Ztalien für Ne RMfiZierung. Eine Erklärung Schanzers. Professor W e i z man n, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, hatte eine Unterredung mit dem italienischen Außenminister Schanzer, in deren VerlänfWeizmaimdie VerMsrüstg empfing, daß Italien -sn der pglästinrnsischen Nändatsfräge k e i rlt-i'0'4tvivtifileiten üctb& Schänzer wünschte Professor Weizruann bei seinen Bestrebungen vollen Erfolg. Washington, 5. Mai. (I. E. B.) Der Senat hat die vom Vorsitzenden des arrswärtioen Komitees- Senator L o d ge, eingebrachte Resolution betreffend die Gutheißung der Errichtung des jüdischen Nationalheims in Palästina ein st i m m i g n n d d e b a t t e l o s an« genourmen. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „Die Regierung der Vereinigten Staaten begünstigt die Errichtung eines jüdischen Nationatheims in Palästina und setzt dabei voraus, daß nichts geschehen werde, was die bürgerlichen und religiösen Rechte b:: nichtjüdischen Gemeinschaften beeinträchtigen könnte, ferner daß die religiösen Gebäude und Satten hinreichend geschützt werden." Hierzu erfährt das I. C. B., daß der Hinweis auf das britische'Mandat über Palästina sowie die in der ursprünglichen Resolution des Kongreßmannes Hamilton Fish enthaltene Deklaration aus dem Grunde w maelasfeu wurden, weil e i n i g e S e u a t o r e n s i ch als Gegner des Mandatsystems ausgesprochen haben. Daraufhin hat Fish seine Resolution zurückgezogen und sich tzem Antrag L o d g e angeMvssrü, stser Tatze im Rep r ä s e n t a nie n h a n s angenommen werden dürfte. und Trankrcich? Kein Einvernehmen zwischen England und Deutschland. Aufsehenerregende Mitteilungen Gteeds. London, 6. Mai. Wie der Chefredakteur der „Times" Steed aus Genua berichtet, äußerte sich Lloyd George, zuverlässigen Informationen zufolge, in seiner Unterredung mit Barthou in s ch a rfer Wei f e. Ä e u ß eru ngen der Anhänger feiner Politik überein- A e ß 11 u n g e n der Anhänger seiner Politik. übereingsstinrmt und . sei darauf hinausgrlaüsen, daß die E nie nt e zw i schc u Großbrit an ni rn u n d Frankreich zu Ende sei. Großbritannien betrachte sich von heute ährnbS als frei, andere Freundschaften zu suchen und zu pflegen. Lloyd George habe gesagt, er sehe sich veranlaßt, ein Ein d e r n e h m e n m i t D e«t s chland zu treffen, selbst unter PreiSgabe der britischen Reparationssordernngen. , Frankreich habe seine Wahl zwischen der britischen und der belgischen Frennr^^ft gettosfen. Es habe für Belgien gestimmt, obgleich die Unterstützung, die es von Belgien ekhalten hat, nicht vergleichbar fei mit jener, die ihm von seiten Großbritanniens zuteil geworden sei. Die britische Regiernng sei wegen des L'-rhaltens Frankreichs schwer betroffen. Bon jetzt an könne Frankreich allein mit. Belgien gehen und znsehen, v wesche Vorteile ihm dies bringen werde. Lloyd George, habe weiter erklärt, er wisse, daß das, was äechehen sei, nicht Bartyous Iehler sei, denn dieser habe sein Letztes getan, um versöhnlich zu sein. Die britiuud seine (ptoyd Georges) Ratgeber, besonders der Lordsche ' sjlftnttrHt'.' MÄuuu-'.fSr.Fraukttlch' feindlich gesinnt kanzler BirkenHeath hätten ihni darüm geraten,"mit Frankreich zu brechen. Briese ans allen Teilen Englands hatten ihm denselben Rat gegeben. Tatsächlich sei et (Lloyd George) fast der einzige Freund, den Frankreich in England befihe: Jetzt müsse er sich jedoch in anderer Richtung^umsehen. / '' Die „Times" benützen diesen Bericht ihres Chcst redakteürs zn einem sehr scharfen Angriff auf Lloyd George, dem das Nordeliffe-Blatt vorwirft, daß er die Entente zugrunderichte. Weder das Unterhaus noch die britische Nation als Ganzes hätten Lloyd George irgend ein Befugnis erteilt, den Alliierten gegenüber eine Sprache der Einschüchterung zu gebrauchen. Lloyd George habe weder das Recht, noch die Vollmacht, das englische Volk der Schmach zu unterwerfen, Zwischen der bewährten Freundschaft Frankreichs und einer Allianz mit den Deutschen und den Bolschewiken wählen zu müssen, deren gemeinsames Ziel sei, den Sieg zunichte zu machen, der nnter so großen Opfern geboren worden sei. Lloyd George -emeULiert. , Genua, 8. Mai Lloyd George empfing heute nachmittags Persönlich amerikanische und englische Journaii» sten und gab, die Erklärung ab, daß die Darstellung der „Times" eine vollständig unrichtige sei. Niemals habe er davon gesprochen, daß die Entente zu Ende gehe oder daß die Entente an einem Wendepunkt angelangt sei. Ihnen, meine Herren, fügte Lloyd George hinzu, kann ick) cs ja ruhig sagen, daß Eüropa an eincm Wcnde- Punkt angelangt ist. Die Krise der Z^WNsereKz, Genua, 8 Mai. (Tel.-KomP.) Die Konferenzkrise hälk ' an. Reichskanzler'Dr. Wirth, der bereits gestern mit Lloyd George Rücksprache genommen hatte, setzte; heute seine Vermittlerrolle bei den Russen fort und sprach sich ansdrücklich mit Tschitscherrn über die Haltung Unterstützung nmsehen. Es müßte also wieder nach London, vielleich sogar nach Berlin Fäden spinnen. Die Krise der Entente, die heute nur, mehr eine Papier-, dünne Wand von' dem Ende trennt, ist im Augenblick, wie die Dinge stehen, ein großes Unglück, weil sie neue UnklarKeitewsür die Staaten und Völker brinat. die die Hoffnungen auf-Ordnung und Aufbau wieder vertagen müssen. Aber die Klärung in der Entente selbst ist unaufschiebbar und leider sehr notwendig. Ehe ste nicht erfolgt, kann man ans ein Ende der Verwirrung n.icht rechnen, . A61A