Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1099 (19.2.1922)
- Date
- 1922-02-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1099 \V16n, Sonntag Rundschau. Bonomi gestürzt. Rcjra, 17. Februar. Nach siebemeinhalbstündiger, Dauersttzung endeten die VeruaneUungeu in der italiems heu Kammer mit dem erwarteten M i ß 7 a uen s v r 11| m, das mit 29' gegen 107 Stimmen er- I'ff Gang' Arr Verhandlungen war dauertid schwankend und von d:am irischer .Spannung. Nachdem ik roi^i seinen Angreifern 'geantwortet -1ia|ie, dr.j :Kte s c 1. bereits in der Verteilung des Beifalls * d'ewtliklh djie parlam'eintarfcstdhe KcirasiteÜlfaftiiioin aiuts:- Nämlich für Bonomi Po.polaq*i, Reformisten und Nitti; gegen ijhin der ganze Rest der Kammu, doch ivurdie die Debatte von der lunlkan elbewso wie von der rechten Seite so geführt, daß dem kommenden) Kabinet/t der Wec nach rechts oder nach links gewißsep werdöfl sollte. Die Reformisten hatten, eine Tages*>fdnufng eingebracht, die aufGrund eines ausführlichen Programms der Regierung das Vor Wauen aussprach. Das Programm setet voraus: 1. Organisationsfreiheit unter aller Walhrupg dies Gehorsams gegen die Gesetze; 2. die Arbeite r müßten in die Lage versetzt werden, mitveirant^örtlich an der Verwaltung ihrer Betriebe wi«? an der Gesetzgebung teil zuneHmen; 3. die Vereinheitlichung aller europäischen Wirtschaifltsrpnob,lerne sei unbedingte Voraussetzung für das Leben -aller Nationen, dip gegenwärtig von unversöhnlichen, selbstsüchtigen'' Mädhdtea geknechtet würden., yitz pemolMton hatten zunächst, erklärt, sip würden dagegen stimmen, .worauf die Sozialisten an-, drohten» sie würden sich der Stimme enthalten, wodurch eine Mehrheit für dip Regierung geblieben wäre.. Pitz drei aufgez^hlten ‘ Forderungen Wurden mit allen Stimmen gegen die der Kommu^isiben angenotn n^en. Der Schlußsatz, der der Regierung das Vertrauen aussipiraeh, wurde jedoch irts Gegenteil' abgeändert und dadurch Bonomi zu. Fall gebrächt. Nachdem so die Rechte wie die Linke'vergeblich versucht hatten, ihre Gegner heraus zu nianöverieren, ist zunächst nur erreicht, daß ein Ministerium der Rechten ausgeschlossen erscheint. Man «hat aber auch nicht den Mut für ein Ministerium der Linken aufgebracht. Durch das Votum ist .sogar die Rückkehr Bonomis nicht ausgeschlossen, falls d e Nicol a abermals ablehnen sollte.! Rom, 18. Februar. (Stefani.) Infolge der .Ähr Stimmung in der Kammer , bat das Kalbinett beschlossen» dem König die Demission zu’ überreichen. Verschiebung der Konferenz von Genua? London, 18. Februar. (Funkspruch.) Wie heute verlautet, <6öll die Konferenz von Genua auf Mitte April verschoben werden. Die englisch-französischen Verhäng langen. Paris, 18., Februar. Wie „Petit Parteien Verfährt, machen die Verhandlungen über die zwischen Frankreich und England schwebenden Fragen nur langsame Fortschritte. In derOri entfrage habe die jüngste Unterredung des französischen Botschafters Saint A u 1 a i r e mit Lord Curzon zu einer Bereinigung der Vorfragen geführt. lieber die. Hauptfragen, wie die thrazische Grenze, die Meerengen, Smyrna und Zilizien, hätten die Verhandlungen noch nicht begonnen. Abrüstung in Sowjetrußland? Moskau, 16, Februar. (Tel,-Komp.) Einem Fuhkspruch zufolge bereitet Lenin einen Entwurf/ betreffend die allgemeine Abrüstung, vor. Die Wilnaer Frage. Warschau, 17. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenieitung“.) In der letzten' Sitzung des politischen Komitees beim Ministerrät wurde nach der Berichterstattung des Innenministers Downarow! c z das Autonömieprojekt für das Wilnaer Gebiet beraten. Wie verlautet, dürfte in den nächsten Tagen dieses A u t o n o m i e s t a t u t im Wege des Oktrois beschlossen werden. ■ Kleine Nachrichten. * tüdetidorff verkauft Wilhelm. Die Kopenhagen«* »Politiken4 veröffentlicht folgende Erklärung: »Die »Politiken“ brachte kürzlich eine Photographie des Exkaisers. Ich traf den amerikanischen Photographen Mr. Ga rrey, der die Photographie besorgt hat. Auf meine Ir rage, wie er in ihren Besitz gelangt sei, erwiderte er: „Ich"besuchte L u d e n d o r f f und da sah ich auf seinem Schreibtisch das Bild des Kaisers. Nachdem ich ein Bild des Generals aufgenommen hatte, fragte ich ihn, ob er mir nicht die Photographie des Exkaisers verkaufen wolle, worauf Ludeudöfff antwortete: „Das kann ich nicht. Ich habe dem Kaiser versprochen, sie niemals in andere Hähde kommen zu lassen.* »Well4, sagte ich zu dem General, „so biete iGh Ihnen hiemit 500.000 Mark.“ Aber der General sagte ständig: „Nein.“ Darauf verließ iCh sein Zimmer. Aber kurz darauf kam Ludendorffs Diener und gab mir das Bild.“ * Lenin erkrankt. Einem Funkspruch aus Moskau zufolge ist Lenin ernstlich erkrankt und mußte infolgedessen seine Amtstätigkeit für längere Zeit niederlegen. WIENER MOLO' "N LEITUNG Tagesbericht. Zionistisches üttdeskomitee für Oesterreich. Die Sitzung des Zionistischen Landeskoraitees entfällt Montag d e u 20. d. M, Die nächste Sitzung wird bekanntgegeben. Klub der jüdischnationaleii Mandatare. Dienstag den 21. d. M. findet um 6 Uhr abends im Zionistischen Bureau, II., Zirkusgasse 33, eine /Plenarversammlung statt, Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Diskussion über die Referat^ Dr. E h r 1 i c h und Goldschm! dt, 2. Referat Dr. Plaschkes über die p o 1 i 11 s c h e L a g e. Wiener Zionistisches Lokalkomitee. Aus Anlaß der Anwesenheit des Vertreters der palästinensischen Exekutive Herrn Selig W e i t z m a n n, dar sich derzeit in Wien zur Organisierung der Werk zeugs amralung für Erez Israel aufhält, findet Montag den 20. 4* M. um 8 Uhr abends ini Bureau, II., Zirkusgasse 33, eine außerordentliche Sitzung des Lokalkomitees statt, in welcher Herr Weitzmann über die Durchführung der Werkzeugsammelaktion nähere Details bekanntgeben wird. Mit Rücksicht auf die große Wichtigkeit dieser Tagesordnung wollen die Mitglieder des Lokalkomitees zuversichtlich pünktlich erscheinen. Die Mittwoch den 22. d. hl\. stattfindende ordentliche Ausschußsitzung des Lokalkomitees bleibt aufrecht. Voiy Keren Hajessod. Nachstehend veröffentlicht das Landeskomitee d i e erste Liste der Zionisten, die laut Gutachten der Zensorenkommission ihre Pflicht für das Jahr 1921 erfüllt haben: Bezirksrat Dr. Otto A b e 1 e s, Kultusvorsteher Isidor Austerlitz, Ludwig Dato, Ingenieur Richard Berg e r (Innsbruck), Karl B I u lü e, Fab* rikant Adolf Böhm, Oberrabbiner Dr. Z. P. C ha je s, Direktor Armin D u s c h i n s k y, Qemeinderat Dr, Jakob E h r 1 i c h, Direktor' Siegmund E p 1 e r, Dr. Hugo. Erber, Professor Artur. Freud, Dr. Desider Friedman n, Dr. N. M. Gelber, Max G o i t e i n, Meier H e n i s c h, - Dr. Wolf H e r zb e r g, Professor Dr. Berthold Hirsche I, Scliaje H o r o w i t z, Dr, Hermann Kadi sch (Vöslau), Dr. J. H. Ko e r n er, Dr. Josef Löwenherz, Dr. Alois L u s t i g,. Dr. Isidor M a r gu 1 i e s, David N e b e n z a h I, Emil Heinrich N i m h ä u $ e r, Frau Erna P a t a k, Kultusvorsteher Jakob P i n k a s, Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Josef P o 11 a.t s c h e k, Bruno R a b i n o w i c z, Bezirksrat Norbe'rt Rappapört, Professor Moses Rath, Großindustrieller Oskar Rosner, Dr. Isidor 5 c h a 1 i t, Dr. Leopold S o.f e r, Professor Dr. Wilhelm Stein, Dr. Michael Steinberg, Abgeordneter Ingenieur Robert Stricker, Dr. Chaim Tartako w er, Nathan Tartako wer, Regierungsrat Rudolf Ta u s s i g, Eisig Torczyner, Dr. Jakob Weiner, Oberrechnungsrat Möses Weiner, Saul W e i n r e b, Dr. Chaim W o 1 f m a n n. Die weiteren Veröffentlichungen Werden periodisch nach Maßgabe der vom Zensorenkomitee erledigten Prüfungen erfolgen* Der Direktor der „Agricola“ verhaftet. Zehn Millionen Kronen unterschlagen. Eine aufsehenerregende Angelegenheit beschäftigt zurzeit die Behörden. Es handelt sich um eine Schädigung der Republik, die bis in die Tage bald nach dem Umsturz zurückreicht. Die Korrespondenz Wilhelm meldet folgende Einzelheiten; Ira Jänner d. I, erstattete das österreichische Bundesministerium für Finanzen gegen den Direktor der Agricola, landwirtschaftliche Genossenschaft in Budapest, Johann Roser, die Strafanzeige, derzufolge die Agricola am 19. Dezember 1918 mit der Fleisch- und Viehverkehrs-Gesellschaft in Wien einen Lieferungsvertrag auf mehrere Waggons Schweine , und Schweinefett abgeschlossen hatte, wobei Direktor Röser einen Vorschuß von zehn Millionen Kronen verlangt hat, die von der Zentralbank deutscher Sparkassen nur unter der Bedingung gewährt wurden, wenn der Österreichische Staatsschatz, beziehungsweise das Finanzministerium die Garantie übernähmen. Das Geld wurde denn auch an die Ungarische Kreditbank für die Agricola überwiesen und dort behöben. Die Zeit verging, doch die Sendung, an Fleisch und Fett traf nicht ein. Die Folge war, daß das Finanzministerium der Zentralbank deutscher Sparkassen, die zehn Millionen Kronen ersetzen mußte. Direktor Röser war zwar VI., Gumpeiidorferstraße 34, gemeldet, konnte jedoch nicht angetroifert werden, da er geschäftlich verreist war. Am 14. d. M. traf er aus Rumänien hier ein. Er wurde ins Sicherheitsbureau gebracht, wo er zu seiner . Verantwortung angäb, nach Abschluß des erwähnten Vertrages wäre der Umsturz ln Ungarn, eingetreten. Gewisse Teile des Banats wurden. von den Jugoslawen und Rumänen > besetzt Die Lieferung war in Frage gestellt ebenso wie das Geld. Röser will nun .durch Vertraüenspersoneu einen Teil des Geldes nach Neusatz, beziehungsweise nach Temesvar geschickt haben. Seine Absicht sei gewesen, die Lieferung doch durchführen zu können. Nun behauptet Röser, daß das Geld dort besch.l a g nahmt wurde. Bel Röser wurden K 20.000, 2000 deutsche Reichs- 19. Februar 1923 Seite 5 mark und 200 ungarische Kronen gefunden und beschlagnahmt Röser hat überdies ein Ko.nto bei. d?r Anglobank mit 2Vs Millionen Kronen Guthabens das sichergestellt wurde. Erst vor kurzem hat er ein Haus in der Hinterbrüht bei Mödling gekauft, dessen Sicherstellung ebenfalls veranlaßt wurde. Röser wurde dem Landesgericht, eingeliefpit Wucherische Forderungen der Wiener Milchmeier. * f Sie fordern 500 Kronen per Liter Milch und drphen mit der Nichteinlösung der Milchkarten. . Die Wiener Milchmeier haben an den Bürgermeister eine Eingabe gerichtet, in der sie folgende Alternativforderung erheben: Entweder soll der Milchpreis inklusive; der. staatlichen Zuschüsse bei Fortbestand der Zwangswirtschaft der Milch so gestellt sein, daß er^ den wirtschaftlichen Grundbedingungen, das ist Deckung der Produktionskosten plus einem bürgerlichen Gewinn, ent-' spricht, oder die Preisbildung der Milch soll f ü r d i e Produzenten freigegeben werden. Diese Förderung wird mit 8. M ä r z b e f r i s t e t und daran' die Drohung geknüpft, daß die Annahme der am 12. März zur Ausgabe gelangenden M i 1 chk a r t e n im Fall der Nichterfüllung der Forderung verweigertwördeii müßte. Die „Sachverständigen“ der Genossenschaft der Milchmeier haben einen Erzeugungspreis von 463 Kronen per Liter ohne Verschleißkosten und Regiezuschläge errechnet, so daß sich der Kjeinverschleißprels für Wiener Milchmeiermilch auf m.i n desfens 500 Kronen per Liter stellen würde. Die Forderung ist urasp schamloser, als die ländlichen Milchproduzenten, denen man gewiß keine sozialen Erwägungen nachsagen kann, bei der sppbep durchgeführten Milchpreiserhöhung, eine 100%ige! Erhöhung des bisher mit K 100 festgesetzten Stalipreises’ gefordert haben und nur eine 60%ige Erhöhung tatsächlich erreichen konnten, somit mit einem P r o d u k t! o n sp re ise vonK 160 das Auslangen finden müssen. Der von. den Wiener Milchmeiern geforderte Preis von K 500: würde den Kindern undSc h w erkranken ein so hochwertiges Nahrungsmittel, wie es die Milch ist, in so horrender Weise verteuern, daß gerade die Aller-' ärmsten derselben vom Milchbezug’ überhaupt ausgeschlossen würden und der Milchkonsum zu einem derartigen Luxuspreise nur mehJ den Allerreichsten Vorbehalten bleiben würde. Bringt man diese Tatsache damit in Verbindung, daß allem sicheren Vernehmen nach die tschechoslowakische Regierung gewillt ist, täglich ein größeres Milchquantum zur Ausfuhr nach Wien freizugeben; ujnd daß diese Milch sich franko Wien auf tschecb. K 3, das sind derzeit 351 österreichische Kronen stellen würde/ somit im Detailhandel um zirka K 40Ö abgegeben werden könnte, dann muß man fragen, ob es noch weiterhin gärechtfertig erscheint, die Herren Milchmeier weiterhin aus Staatsmitteln zu subventionieren, wie dies heute -geschieht __ Die Bekämpfung der Wohnungsnot.; Aus Graz, 18. Februar, wird gemeldet; Im Sitzungssaal des Gemeinderats traten „heute nach*. mittags, die Gemeindereferenten für Wohnungs*. angelegenheiten des DeutschösterreiGhischen Städter , bundes zusammen. Bürgermeister Muchitsch begrüßte., die Erschienenen namens der Stadt Graz und betonte/ die Notwendigkeit, neue Wohnungen zu schaffen,, damit das Elend der Wohnungslosen ein Ende nehme. , Magistratsrat Dr. Mayr (Wien) besprach das neue' Alieterschutzgesetz. Gemeinderat Dr. Fischer. (Sh Pölten) referierte über das Anforderungsrecht der Gemeinden und die gerichtliche Kündigung. Die Tagung wird morgen beendet werden. Die Arbeitslosigkeit im Ausland. Enh/öbumgen über die Arbeitslosigkeit in den ver-; . schiedernen Ländern ergeben das folgenidie Bjild: In;', D e n t $ c h 1 a n d hat die Arbeitslosigkeit im. t) e z e m her zu genommen.. Von den 6,075.755; . in .dem deutschen Gewerkschaften organisierten Ar-' beitern waren im Dezember 97.687 Arbeiter anndl. Arbeiterinnen ,besohäftigu«ngsl«os, was. 1.6. Prozent, gegenüber 1.4 Prozent im November entspricht..:Ar«.4 böitsiloaepiuraLerstütziuinjg genossen -im Jänner,,192a . in Deutschland 164.322 gänzlich Arbeitslose, gegen-, über 149.126 im Dezember 1921; die Steigerung. be< trägt ailso 10.2 Prozent., Zugeiio-mmera hat die Ar*; beitslösigkeit, abgesehen vcyp .dien. Saisonbetrieben1,’. namentlich im Na;hrungs-^und Genußmittelgewerbe/, in. der Leder- und in der Holzindonstrie sowie im.. B’uchbind erge werbe.; . In Frankreich sind nach privaten Informationen inicht mehr als 15.000 bis 20.Q00 französi-v sehe Arbeiter beschäftigungslos. Di© Weltwitt-■„ scliaftskrisis sucht vor allem, die französische Metallurgie heim; so waren zum Beispiel von,66. lothringischen Hochöfen Ende Dezember 1921 nur 24 unter Feuer. Reduziert arbeitet die: elsassische T e^x t i 1 i av d u s t r 1 e, e>benso fast die, gesamte A u t b m o b i 1 i n d u stri e Frankreichs., In E n g 1 a n d hat sich die Arbeitslosigkeit im - Dezember weiter ausgedehnt, indem vom 1,934.030. gesetzlich gegen Arbeitslosigkeit Versicherten 16.2 > Prozent gänzlich ohne Beschäftigung waren, ,■ gegenüber 15.7 Prozent ira Nozember. (Dem Höchststand hatte die Arbeitslosigkeit in England im Juni