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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-12 · Heft 1092 (12.2.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1092 (12.2.1922)
Date
1922-02-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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12. FebruaJ 1923? M 1092 Wien, sonntaff I - - .- - . .~ff-— -- - Oesterreich. Der Abbau des Mieterschutzes» .Kompromiß auf Kosten der Fremden. Der Kampf unter den Parteien des Natfenalrates vm Wohnbausteuer und Mieterschutz kommt der Entscheidung näher. Der Widerstand der Sozialdemokraten gegen die Mieterschutznovelle im Nationalrat begegnet dem Einspruch der bürgerlichen Parteien gegen das im Rathaus angenommene Wohnbausteuergesetz, ln dieser Situation wird nach einem Kompromiß gesucht Die Formel, über die verhandelt wird, ist v o n den Großdeutschen vorgeschlagen worden und lautet sehr einfach und bequem: Schutz der bodenständigen Bevölkerung. Sie rechnen mit der Scheu der Sozialdemokraten vor dem Argument des Judenschutzes. Ein Angriff auf die jüdischen Flüchtlinge findet bei dieser Partei stets verständnisvolle Sympathie. Es soll, also der Mieterschutz für diejenigen in Geltung bleiben, die bereits, am 1. Jul! 1914 fm Staatsgebiet der Republik ansässig oder heimatsberechtigt waren. Der Bevorzugung zahlungskräftiger Zugewanderter und Ausländer soll dabei ein Ende bereitet werden. Die Großdeutschen sind bemüht, die Schutzbestimmungen auf die , ausländischen Deutschen aus der Tschecho-Slowakei, Jugoslawien usw. auszudehnen. Für Personen, die nach dem 1. Juli 1914 zugewandert sind oder das Heimatsrecht erworben haben, soll der Mieterschutz teilweise eingeschränkt werden. Die entscheidenden Verhandlungen zwischen den Parteiführern werden am Montag stattfinden. Nach einer Mitteilung des „Weltblattes“ scheinen die Großdeutschen wieder ihrer Opposition müde, zu sein. Sie würden das Ministerium des Aeußern durch den ihnen nahestehenden Madrider Gesandten Fürstenberg besetzen und auch das Justizportefeuille in Anspruch nehmen. Die Christlichsozialen stehen diesen Plänen vorerst noch kalt gegenüber, doch muß hier eine Klärung bald erfolgen, da: die Regierung in keinem Ausschuß die Mehrheit besitzt. Wie" in parlamentarischen Kreisenverlautet, ist der Grund für den Rücktritt des Generaldirektors Dr. R o s e n b e r g von seiner Funktion als Berater des Finanzministers darin gelegen, daß Dr. Gürtler die vielumstrittenen Finanzgesetze während der Londoner Reise Dr. R o s e n b e r g s im Nationalrat durchgedrückt hat. Der Bankrott der Einheitsfront. „Jedenfalls ist heute für glühende Patrioten nicht der Zeitpunkt, sich behaglich zur Ruhe zu setzen. Das Werk ist erst jetzt zu beginnen und die Schwierigkeit der bevorstehenden Aufgaben wird alle früheren in Schatten stellen.“ Diese Selbstkritik findet man wörtlich im Organ der Großdeutschen, die bekanntlich gerade in dieser Zeit der beginnenden Schwierigkeiten aus der Regierungskoalition ausgesprungen sind. Nun hat sicher kein vernünftiger Mensch die Großdeutschen für glühende -WIENER M0R0ENZEITTJNÖ in., i.. . m —ti— ft.iti—ann-rnr-y. IBI IBBB1 Dienstag den 14. d. M. um halb 8. Uhr abends, ■ findet im Caf6 Neptun, XX-, Gaußplatz 7, eine ” von der Zion. Bezirkssektion Brigittenau veranstaltete a Kuitus- T schecho-Slowakei. Deutsche in der Verwaltung. Prag, 11. Februar, „Venkov“ meldet, daß defi Ministerrat den deutschen Agrarier und ehemalige» Reichsratsabgeordneten A. S o u k u p sowie . den Bürgermeister, von Tetschen Bruno Grund (Sozialdemokrat) zu Ländesaussohußbeisitzern ernannt hat m statt. — Referent sis ■ 5 Ingenieur ROBERT STRICKER 5 BBssBaBBaHaB.BaBaaaaBBaaaBanaaaaBaaBaaa Patrioten gehalten, trotzdem müßte man über eine so offenherzige , Selbsterkenntnis, die ein Symptom von Geistes- und Seelengröße wäre, bei den Großdeutschen aufs höchste erstaunen, wäre sie eben als solche gemeint. Hier hataber die Sache ihren Haken, denn die zitierte Kritik bezieht sich nicht auf die großdeutschen Saboteure der österreichischen Auslandspolitik, sondern auf Dr. Rosenberg. Dieser tut nämlich den Antisemiten aller Schattierungen, nachdem er sich lange genug als Hausjude hat mißbrauchen lassen, den Schmerz an, sich für die genialen Erwählten des Volkes nicht länger zu exponieren, sondern diesen selbst die Verantwortung für die kommenden Ereignisse zu überlassen. Das mag einen, großen Strich durch die Rechnung der Antisemiten bedeuten, die darauf spekuliert hatten, den Juden als Prügelknaben für die Misere benützen zu können, in die Oesterreich unter dem glprreichen Regime der „arischen Einheitsfront“ geraten ist. Man begreift daher die Wut der Oktobersieger über „die Aenderung in der Taktik des. Judentums“, das sich jetzt offenbar die letzten Sympathien der Großdeutschen verscherzt hat, weil sich seine Vertreter nicht gesonnen zeigen, für den. Bankrott politisierender. Kalbshirne die geschichtliche Verantwortung zu übernehmen. Der Minderheitsschutz. Dine Jugoslawische Beschwerde. Aus Belgrad wird uns gemeldet: Am 1. d. M. hat der nationalsozialistische Abgeordnete Anton Brandner in der jugoslawischen Skupschtina eine Anfrage an den Minister für Aeußeres gestellt, in der behauptet wird, daß Oesterreich die im Frieden svertrag festgelegten Bestimmungen über den Schutz der Minderheiten gegenüber den Slowenen in Kärnten nicht einhalte. Inbesondere wird in dieser Anfrage behauptet, daß die persönliche Freiheit nicht gesichert sei, die Slowenen kein wie immer geartetes Schulwesen hätten, daß den Slowenen der Zutritt zu öffentlichen Diensten verwehrt werde usw. ln der Anfrage wird der jugoslawische Minister des Aeußern aufgefordet, sämtliche diplomatischen Mittel in Anwendung zu bringen, um Oesterreich zur Einhaltung seiner Minderheitsschutzverpflichtungen zu zwingen. Da diese Anfrage von Abgeordneten sämtlicher Parteien der jugoslawischen Skupschtina unterzeichnet wurde, erhält sie den Charakter eines Kollektivschrittes der parlamentarischen Körperschaft. Das Ende des Bergarbeiterstreiks. Prag, 11. Februar. (Tschecho-slow. Preßbur.) In defj - heutigen Sitzung der Reichskonferenz der Bergarbeiter, wurde mit allen gegen drei Stimmen ' eine Resolution angenommen, worin die Konferenz den ani| 10. d. M. getroffenen Vereinbarungen über die B e«j endigung des Generalstreiks zustimmt! und allen Arbeitern empfiehlt, die Arbeit bis, längstens' 14. d. M. wieder aufzunehmen. In einer weiteren Ent-j Schließung heißt es, die Reichskonferenz beharre auf de* gegenwärtig in allen Revieren in Geltung stehenden Schicht-, zeit und mache es sämtlichen Reviervertretern zur Pflicht, alle Anträge der Unternehmer auf Beseitigung der 46stündigen Arbeitswoche zurückzuweisen. Ungarn. Ein antisemitischer Abgeordneter als Verleumder. Wir berichteten bereits über den Preßprozeß, deft Abgeordneter Avarfi gegen den Redakteur des, „Egyenlöseg“ Dr. S z a b o 1 c s i angestrengt bat* welcher in seinem Blatte jenen als Lügner gebrandmarkt hatte, weil er behauptet hatte, daß die Zahl der,’ jüdischen Gefallenen im Kriege nicht mehr als 500 betrage, somit dem Numerus clausus entspreche, Sza-, bolcsi wurde wegen des Vergehens der Verleumdung unter Anklage gestellt, der Antrag auf Erbringung des Wahrheitsbeweises jedoch mit der Begründung ab» gewiesen, daß der Wahrheitsbeweis in diesem .Falle kein allgemeines Interesse bilde. In der Hauptverhändlungji wiederholte der Verteidiger den Beweisantrag, in deraj er ein umfassendes Beweismaterial vorbrachte, das ctiej Namen und persönlichen Daten von mehreren tausend jüdischen Heldentoten in beglaubigter Form enthält Der Verteidiger führt in dieser Eingabe a!us| daß die Zulassung des Wahrheitsbeweises in dem vorn liegenden Falle sowohl „im privaten als im öffentliche» Interesse“ nicht verweigert werden dürfe. Der Um-j stand, daß die Zahl der jüdischen Heldentoten bös-} willig bezweifelt und in lügenhafter Weise dargestellt wurde, war der Ausgangspunkt des unheilvollen Haders,’ der in der konfessionellen Frage ausbrach. „Zu Tausende» wölben sich die Gräber über die Leichen von Helden-; toten“, sagt der Verteidiger, „die Witwen und Waisen<: die Eltern, die Geschwister und Verwandten dieser Helden können nicht dulden, daß Avarfi mit unsauberen Händen noch jetzt in ihren offenen umk schmerzhaften Wunden wühle.’ Es liegt im a 11 g e< meinen, öffentlichen Interesse, daß vor aller, Welt dokumentiert werde, der Abgeordnete der WOLLJACKEN UND JUMPER Herren* und Damenwäsche, Regenmäntel, engi.Wo!istoffe,fernerBettzeugu.Webwaren, alles erstktiassig und billigst Im Warenhaus Schiffmann Wien, II., TaborstraSe 48 ToEophott 47-1-79 En gpos 1074 Eii defall Der große Maggid und seine Nachfolge. Martin Btibers neues Werk.*) •* -NaJclhi' fast fünf zehnjähriger Paiuise stellt sich Küiber mit einer neuen Sammlung veui Legeinden aus der chassidisehen Bewegung ein. »Ich habe meine Aufgabe dahin 'betrachten, geleimt,« -sagt er im .Verwert, »daß -mir obliege, den Goseibichten, die ich* aus 'dier katuni übersehbaren Fülle des Materials amslese,. die ihnen zukommende Form zu geböm, nicht mehr jtund nicht weniger. loh ,dichte’ eicht »weiter’, ich füge den 'Vorgefundenen Motiven kein neues ihirazu, ich schmelze sie mju.r in die reine Gestalt der Erzählung ein. Diese reine Gestalt ist mir spät aufgegamgem, aber in einer endgültigen Klarheit.« Dieses 1 B'dkemntriis zeigt die uieue Eimstellumg des Schaffenden m seinem Werke, die aiuis der Erkenntnis gekommen sein mag, daß eine »diichtetisahie« Umgestaltung der .volkstümlichem Legende »ihr das Wesentliche nehme. Damit ist Bulber von seinen , früheren Werken, die, aiuis der gkicihem Quelle.geschöpft, doch die EnzählUng in prätentiöser Darstellung gegeben haben, erheblich , älbgorückt.\ Die .»Geschichten des Rabbi Naähmän« und. »die Legende des Basischem« häibeth den Urstoff, die mündliche Anekdote und die Legenden der chäs$idi&ch.qn Voilfcsfoüdhier, neu gestaltet und' in künstlerischer Form vom fast novellistischem Charakter wohl dem aurojpäisehen Kullturkreis nahegebrachf* ihm aber, den Reiz, des ' Ursprünglichen tuind damit .seine stärkste Wirkung genommen. In seinem meisterlichen Geleitwort führt Bulber aus: .»Alle echt religiösen Bewegungen wollen nicht etwa , den Mantschen die Lösung des Weitgeheimnisses danbietem, sondern ihn aiusrüstten, aus ' der jKraf.t des Geheimnisses zu leben; sie weiten ihn nicht über Gottes Wesen belehren, sondern ihira den Weg .weisen, auf dem ihm Gott begegnen kann.« Der Gehalt der chassidisahen Lehre kann nicht besser, als durch diese allgemein gültige Betrachtung er- * Martin Buben’. >Der groß« Maggid und seine Nachfolge*. Literarische Anstalt Kütten & Lüning, 'Frankfurt a. >103% hellt werden. Gott suchen, ihn in seinen Geschöpfen, in toten und lebenden Dingen, in Mantsch, Tier und Baum erschauen, ist Chassidismus. Sein Leben freudig tragen, die Sahwermut als größtes Uebel fliehen, Verdammung starren Buchstabengeistes, Demut, Erbarmen und Brüderlichkeit: So die Lehren des Meistens, Rabbi Israel Baalschem, die auf das religiöse und soziale Leben des Ostjiudenitums .befruchtend wirkten. Von dessen Jüngern erzählt Buber in diesem Werke. In siebzehn Biildmisscn wind das Sein und Wirken großer Zadikim, in denen sich der Sinn der Lehre verkörpert, bildhaft aufgezeichnet. Der »große* Maggid«, der »Seher von Lublin.«, deren Schüler und Nachfolger, werden dem Nachgeborenen anschaulich und dem ' sUohemtdetn Herzten mähe. —ran. Nachstehend einige charakteristische Probern: DerSeuf z er. Die Frau hielt schweigend das hungernde, verstummte Kind. Da seufzte der Maggid zumi ersten Male. auf. Ungesäumt kam die Antwort; eine Stimme redete ihm zu: »Du hast deinen Anteil an der kommenden Welt verloren.« »Wohlan.,« sprach er, »der Lohn ist abgeschafft, jetzt kann, kfoi wahrhaft zu dienen beginnen.« : (Dob Baer van Mesritsch.) Ich üilabe vergeben. . Als Rabbi Levi Jizchak einst in der hohen Glut des Versöhihuingsgeibets an die Worte kam : »Und Gott sprach: Ich habe vergeben«, 'brach er ab und rief: »Herr der Welt, wir haben nicht, mehr die Kraft, zu sagen: Und Gott sprach — Herr der Welt, sag’ du selber, du selber’sag’: Ich habe vergeben!« (Levi jizchak von Berditschew.) Das Hindernis. In einem Jahre erwartet. Rabbi Jaakob' Jizchak mit großer Zuversicht, daß die Erlösung käme. Als das Jahr um war, sprach er zu seinem Schüler, dem »Jehudi«: »Di« gemeinen Leute haben die vollkommene Umkehr getan od</r können sie tun, von ihrer Seite ist kein Hindernis. Das Hemmende sind die gehobenen Menschen. Sie vermögen nicht zur Demut und so auch nicht zur Umkehr zu gelangen.« I (Jaakob Jizchak von Lublin,) Im Sterben. Im Sterben schrie dar Aipter: »Wanum säuimf der Sohn Isais?« Er weinte und sprach: »Der RaibbS von Berditschew versprach vor dom Tode, er wolle ah der Ruhe aller Heiligen rütteln und nicht ab-, lassen, bis Messias kommt. Daran haben sie ihn. itf Hall« und Halle mit Wonnen so über-SjChütt-et, daß; er; vergaß. Aber ich werde nicht vergessen.« ’’ (Abraham Jehosctaa von Apt.)' Das rechte Kind» Nach einem SabbaitausgangsmaM', 'bei dem vielft Hausväter zugegen waren, sprach der Jehudi: »Ach^ ihr Leute! Fragt man'einen von euch, weswegen eaj sich auf Erden mühe, antwortet ein jeder: ,Umi meinen Sohn großzuziehen, daß er lerne und Gott! sdi-ene/ Und ist der Sohn herangewachsen, vergiß^ :er, weswegen sich sein Vater auf Erden mühte, und 'müht sich gleicherweise, und fragst diu ihn roadbr dem Zweck all der Plage, daran sagt er dir: .Ich muß dach meinen Sohn zur Lehre und zu guten Werken großziehen.’ Und so geht es, ihr Leute* von Geschieh zu Geschlecht. Aber wann wird mak endlich das redhite Kind zu sehen bekommen?« , (jaakob Jiizdhak von Plzysha.^ ,; Die kommende Z e i t.i 'l An einem Sabbat saß Rabbi Israel an seinem , Tisch und seine Chaasidim um ihn. Da sprach, eh zu ihnen: »Es nahen Tage, da es dem gemeinen- Menschen gut ergehen wird an Leib und Seele, aber, dem edlen Menschen wird es nicht gut ergehen-, nicht am Leiib untd nicht an der Seele, und er wird nicht einmal einen Psallm zu sprechen vermögen;« Und er beschloß: »Warum sage ich euch dies? Damit esf , euer Herz nicht verdrieße: Es soll so •sein, es rmufT so seim.« Ein andermail siprach er: »In den) fetzten <JreJ Weltstunden vor der Erlösung wird es so schweb sein, an der Jüdischikeit festzuhalten, wie wer auf einer glatten Eiswand emiparklefctern wollte. Darum heißt eg im Gehet: Hilf uns in den drei Stunde»^ Das eind die letzten Stunden.«

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