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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-05 · Heft 1085 (5.2.1922) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1085 (5.2.1922)
Date
1922-02-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5. Februar 1922 Nr. lass Wien, Sonntag WIENER MORGENZEITUNG Seite 5 is t a n d des Landes. Prügeleien, Duelle, wüste Bc- Sdhimpfu-ngeni'bielegte Tatsachen für Grausamkei/tei, deren Opfer diesmal ndben wirklichen uind angeblichen Kommunisten auch teilweise die Legitimisten sind, gegenseitige BesdhmCidÄgiiinig vorn Mißbrauch ''des Mandats und Amtes zu Privat'vorteilen, ewiges Wechseln der Parteien von linlks nach rechtes, von TSisza zu Karolyi, von Karolyi zm Kun> von Kun tim Friedrich, von Friedrich zu Hortliy — äfll dies fließt wie ein sch m utz! g er Strom vorüber. Bemerkenswert auch fütr den Außenstehenden ist die Waihlreforra, die jetzt. von der Regierung 'erfpreßt werden soll. Als typisch magyiairis-dhe > Reform;« bestehlt sie im Raub und in der Verfälschung des Wahlrechtes; einem' Drittel der Wähler, darwuter der. nieht seßhaften Arbeiterschaft, wird das WaihJirecht '^ent- ' ibjgQti, ferner wird der Wahlakt in den meisten". Bezirken öffentlich sein, so daß dem landesüblichen Terror,, für den fortwährend die schauerlichsten 'Beweise erbracht werden, Tür und Tor geöffnet bleälbt. Außerdem geben die Pairlamentsdcbatiten seht'lnteressante Aufklärungen über das V e r h ä 11 n i$? U ngarns zu seinen Nachbar. Die ganze, Unredlichkeit im der westumgarisdhen Frage wird-hier, •yv>o dais Ausland nicht zuisieht, offen besiprocl en, und Graf Befehlen, der von Kari zu Ho-rtihy hintiljergewechsellt hat, wird Verhöhnt, weiter vor dem Eingreifen der Kleinen Entente Angst hatte. Die Irredenta, das Treiben der von der Regierung gelobten and unterstützten Freischärler und geheimen'-Millitärverbändte, die Wühlerei in den Nacihibatrßtaaten wird sachkundig erörtert, und der ungarische Außenminister sagt, durch den Vertrag von Venedig sei ein Präjudiz geschaffen, das in Zukunft vielleicht ermöglichen werde, auch die anderen Bestimmungen des Friedensvertrags umzustoßea Der Außenminister sagt das! Er sagt es dem Grafen Si-gray, der dazu bestellt war, Westan-garn dem, Oestearmdhern zu übergeben und sich selbst rühnitt alles getan zu haben, um die Bestimmung des Trhunon- Vertrags nicht' eimzuhafiten. Im Budaipester Pairla- 'ment meint man, Jugoslawien habe bloß 160.000 Ge~ . wehre und die Mobilisation, der Tschecho-Slowakei sed ein Versager gewesen. Da ist es doppelt notwendig, daß gegen eine so gefährliche Reaktion ein feister Schutz geschaffen wird und daß ein Bund freier und demokratischer Staaten Ordnung und Frieden verbürgt._ . Oesterreich. Ein Schreiben des Bundespräsidenten Dr. Hainisch an König Georg von England. Wie wir erfahren, hat Bude^präsident Doktor Hainisch ein Schreiben an König Get>tg von England gerichtet, , in welchem er . unter Hinweis auf die derzeitigen kritischen Verhältnisse in, Oesterreich an König G e 0 r g . das Ersuchen richtet, der in England eingeleiteten Aktion, betreffend die Gewährung eines Kredits änT Oesterreich, seine Unterstützung und Förderung angedeihen zu lassen. Eine neue großdeutsche Hetze. In Kreisen des Deu ts c h e n Schul verein es ist eine Abwehrbewegung gegen die Wiener tschechischen Schulforderungen im Gange. Der Verein hat Erstklassige Herren- und Damenstoffe finden Sie jetzt noch sehr preiswert bei der 462 Resten-Verkaüfsgesellsthaft, Ul, Windmilhlg. 2 zunächst die Vertreter seiner Wiener Ortsgruppen zu einer Vorberatung eingeladen. Die tschechischen Schulforderungen,\ die jüngst durch eine Abordnung dem Präsidenten H a i n i s c h vorgetragen wurden, entsprechen den Bestimmungen des Friedensvertrages. Es wird also schon wieder eine Blamage der Republik vorbereitet Der Schutz der Republik. Ein Erlaß des Ministers für Heerwesen. Der Minister für Heerwesen Feldmarschallleutnant ■Wächter hat in einem Erlaß ein Disziplinarurteil gegen einen Soldaten mitgeteilt, d£r Mitglied der Partei der schwarz-gelben Legitimisten ist. Der Betreffende wurde aus dem Heer entlassen. Das Urteil sagt weiter: »Die Disziplinarauwälte (Stellvertreter) aller Disziplinarkommissionen sind von diesem Erkenntnis zu verständigen. Es hat ihnen als Richtlinie in allen jenen Fällen zu dienen, in welchen gegen Heeresangehörige ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde, weil sich die Betreffenden für eine Partei betätigen, deren Pr 0 gra mm m 11 d e r Erhaltung der demok rati schenRepublik im Widerspruch steht Dies gilt nicht nur für die Partei der schwarz-gelben Legitimisten, sondern für a 11 e Parteien, die nach ihrem Programm den Sturz der demokratischen Republik anstreben. Die Zugehörigkeit zu einer solchen Partei ist mit dem Wehrgesetz unverein-' bar.“ Es wird hier also ausgesprochen, daß Monarchisten und Kommunisten nicht Angehörige des Bundesheeres sein können. | Die Konferenz der Sukzessionsstaaten. Der italienische Delegierte bei der Konferenz der Nachfolgestaaten zur Liquidierung der Oesterreichischungarischen Bank, Comm. C i a r r 0 c c a, ist in Wien eingetroffen. _' Tschecho-Slowakei. Fortdauer des Bergarbeiterstreiks. Prag, 4. Februar. (Tel. der Wiener Morgen- Morgenzeitung.) Der Bergarbeiterstreik dauert an. In Mährisch-Ostrau, im Kladno-Schlaner Revier und im Kladno-Falkenauer Revier wird gestreikt. Es herrscht überall Ruhe. Prag, 4. Februar. (Tschecho-slow. Preßbureau.) Im Ministerium für öffentliche Arbeiten fand heute eine Vorberatung bloß mit den Vertretern der Grubenbesitzer des Ostrauer und der- Brüxer Reviers statt, da die Grubenbesitzer und auch ein Teil der Vertreter der Bergarbeiter aus Falkenau wegen Schneeverwehungen nicht nach Prag gekommen sind. Die Beratungen werden Montag fortgesetzt werden. Prag, 4. Februar. Die „Präger Presse“ meldet aus Brünn: Die Vertrauensmänner der Bergarbeiter des Roßitz-Oslawaner Regviers kündigen für Montag früh die Arbeitseinstellung an, falls bis zu diesem Zeitpunkt eine Einigung nicht zustande kommen sollte. Lohnkampf in der Textilindustrie. Prag, 4. Februar. Dem „Ceske Slovo“ zufolge kündigen die ostböhmischen Textilfabrikanten jenen Teil der Kollektivverträge, der sich auf die Löhne bezieht. Sie streben eine fünfzehnprozentige Herabsetzung der Teuerungszuschläge an. Von der Maßnahme würden etwa 50.000 Textilarbeiter betroffen. Jugoslawien. Mißerfolg der griechischen Mission id Belgrad. Belgrad, 4. Februar. (Tschecho-slow. Preßbur.) Wie die „Pravda“ meldet, habe der griechische Generalstabs* chef General Dusnaois gelegentlich seines letzten Besuches in Belgrad den Versuch unternommen, einei Militärkonvention mit Jugoslawien abzuschließen. Da man jedoch während des Krieges sehr traurige Erfahrungen mit Griechenland gemacht habe, sei jede Erörterung dieser Frage abgelehnt worden* Polen. Die Zwangssonntagsruhe. Warschau, 2. Februar. (Tel. d. „Wiener Morgen« zeitung“.) Bei der gestrigen Generaldebatte im Sejm über das Projekt der Verlängerung der Arbeite- und Geschäftsstunden besprach der jüdische Abgeordnete} Farbstein in einer längeren Rede die Verfolgungen des jüdischen Handels, wie auch die Schädlichkeiten der Zwangssonntagsruhd für die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden. Abgeordneter Farbstein legte auch eine Re« solution vor, in der die Regierung aufgefordert wird, bei der Bearbeitung der Zusätze zum Gesetz über den achtstündigen Arbeitstag auch die gerechte Forderung der Jude n, auf Abschaffung der Zwangssonntagsruhe für die Juden, die den Samstag und die jüdischen Feiertage halten, zu berücksichtigen. Arbeitsministef Därowsky erklärte in seiner Antwort, in dem Gesetzesprojekt werde auch die Möglichkeit vorgesehen, daß an Sonn- und Feiertagen die Lebensmittel- und Fleischhandlungen in den großen Städten offen halten können. Gegen die Vorschläge des Abgeordneten. Farbstein trat der Sozia 1demokrat Reger, in einer scharfen Rede auf) in der er den Beweis zu führen versuchte, daß im Falle der Erfüllung der jüdischen Forderungen auch die mohammedanische Bevölkerung (!) verlangen könnte, daß die Einhaltung des Freitags gesetzlich gesichert werde. Die Abstimmung über die Resolution Farbsteins wird, erst auf der nächsten Sitzung erfolgen. 1090 mit unseren Preisen in Herren- und Damen-<»» ff Qualifäfs-MOflGn OTE ©«*?*»«Sj I-WEIHBURCGAS5E *10*12 »•ADLE RGA£46*3 Der Mann mit der Hornbrille. Im Grinzinger Wagen faxtet täglich vanrm-titags Um dieselbe Stunde ein Mann Ln mittlerem Jahren der Stadt za. Sobald er Platz genommen hat,'putzt er fein säuberlich seine große, im Menschendienst blind gewordene Hornbrille, holt aus seiner altmodischen Aktentasche eine große hebräische Zeitung hervor, die er rasch überfliegt, und vertieft sich diann -in die Lektüre eines hebräischen Büches. Der Mama mit der Hornbrille umd der exotischen 'Zeitung erregt im Wagen leibhaftes Aufsehen. ' Es 'bilden sich bald verschiedene,, einander widersprechende Ansichten über den Mainn, seine Zeitung und seine Bücher, Ansichten-, die leise geflüstert oder rücksichtslos laut gewechselt werden'. Ein mitfalhirender Grinzinger Heuirigenischänker gibt der Meinung Ausdruck, der Mann lese sicher ein tünkisches Blatt, er wisse es daher, weil er unter Seinen Heurigengästen einen Türken habe, der immer eine solche Zeitung vor sich hinbreitet und So lange einsam utnd allein hiimtschechörlt, bis er sich durch dieses Leintuch, von Zeitung durchgelesen hat. Er, der Hauer, habe einmal atisgerechnet, daß seinem Türken die Lektüre einer solchen Dnuim Zeitung 4000 Kirandeln kostete. Das Vis-a-vis des gelehrten Hauers und feinen Beobachters, ein Insasse des Grinzinger Imvailidenheim'S, widerstreitet dieser .Ansicht. Ei* war Kriegsgefangener in Rußland, erzähMe er, dort sah er «solche Zeitungen zu vielen Hunderten. Die russischen Offiziere baten den ganzen Tag überhaupt nichts anderes als Wutlki trinken, die Gefangenen schikanieren und zwischendurch lasen sie solche Zeitungen wie der Herr dort drüben. Also gar kein Zweifel, die vtieluimstrittene Zeitung ist sicher kein türkisches, son- ^jm ein russisches Blattt. Der Wagen war dicht besetzt. Während der fcleurigen-schänker und der Kriegs invalide ihren gelehrten Streit immer lauter und lebhafter forttetzten und jeder von. ihnen zur Bekräftigung seiner Ansicht wahre Räubergeschichten aus 'seinen Kriegs'erlefbndssen auftischte und seine Sitznachbann erheiterte, führten zwei Herren in nebeln Stadtpelzen, die in nächster Nähe des Mannes mit der Hornbrille und dem hebräischen Buche zu stehen kamen-, flüsternd eine Debatte über demselben Gegenstand ab. Ihr Aussehen, ihr Gehaben, Lire Gesten verrieten den Typus des Döblinger jüdischen Patriziers: Fabrikant oder Bankier oder beides zugleich. Sie wußten nicht recht, wie sie diese in ' einem vollbesetzten* Straßenbahnwagen hebräisch lesende Gestalt mit hoher, klarer Stirn-, glattrasiertem, sympathischem Gesicht., 'kurzer, spitzer Nase werten sollten. Dazu war der Mann ein abgehärteter Badräupter, der trotz der grimmigen Kälte ohne Kopfbedeckung eimherging. Das machte sie vollends irre. »Ich wette,« flüsterte der eine, -»das ist ein Uhiveusitätsprofessou. Vielleicht gar an dier katholischen Fakultät.« »Warum denn?« gab der andere zurück. >Er kann ebensugul ein jüdischer Retigion-slehrer sein-.« >Aber was Ihnen nicht einfällt 1 Glattrasiert, barhaupt,, hebräisches Buch mit unpunktierfcem Text! Ich wette, das kann nicht einmal'unser Rabbiner -lesen. lind dann-, haben Sie schon in Wien einen besseren Juden gesehen, der öffentlich hebräisch liest? Ich wenigstens nicht.« Der andere wollte noch etwas einwendein), aber der M'ainm. mit der Hornbrille, schlug soeben sein Buch au, versorgte es in ddr Aktentasche und machte Anstalten, auszusteigen. Diesen Augenblick benutzte der eine, der auf > Professor« getippt hatte, um von dem geheimnisvollen Hebräischleser selbst eine Bestätigung seiner Behauptung zu erlangen. »Sie gestatten, Herr Hof rat,« begann er. »mein Name ist X., Texrilfabrika-nt. Mein Freund, Herr Bankier Y, und ich bewundern Sie schon die ganze Zeit, wie Sie ohne Hilfe eines Wörterbuches den unpunktiiertem. hebräischen Text lesen. Sie sind --:-:-iwohl Professor der katholischen Theologie, wenn ktf fragen darf?«! Der Mann mit der Hornbrille und ohne Kopf* bededcun-g, der sich inzwischen, von seinem Sitzej erhoben hatte, antwortete lächelnd: »Ich hörte, daß Sie auf mich eine Wette mokieren wollten. Sie haben leider Ihre Wette verloren, Ich bin weder Hofinat, noch Professor, eh-enj noch Uhr Kollege. Denn ich bin — er nannte seinen!' Namen — auch vo*n der Textil brauche. Was ich hier lese, ist ein Band der wiss-enchaftlich-litena^ rischen Zeitschrift ,Haschi'loa>dh\ die jetzt in Jemw' s’alem erscheint. leih) las soeben eine äußerst lehr« reiche fachmännische Abhandlung über die Ent-«' Wicklungsmöglichkeiten der Textilindustrie kt Palästina, Und glauben Sie mir, mein Herr* hebräisch lesen ist keine Zauberei. Man muß dazu kein Professor der 'katholischen Theologie sein, Man kann es a-uch als Jude erlernen.« Bei der nächsten Haltestelle stieg der seit*, same Mann aus. Betroffen stierten die beiden! Döblinger Notablen einander afn. Der Bankier ver- . mochte . ein triumphierendes Lächeln nicht ziu( unterdrücken. »Es ist wirklich nicht zum Ladherr,« platzte nun der Textilfabrikant heraus. »Ich sage es ja immer: Dieses Gesindel auis dem Osten bringt <uma noch das Ghetto auf den Halis. So>ldhe Taktlosigkeiten müssen schließlich zu Pogromen führen.« »Sie haben recht,« stimmte der Bankier zti« -Wenn utnisereins schon am Versöhinuin-gstag mit, dem Gebetbuch zum Tempel geht, wickelt er es, ■um auf dler Straße keinen* Anstoß zu erregen, id Zeitungs-papicr ein. Und diese ein gewandertem! Leute ohne Mander und ebne Kultur setzen sich’ ‘ sogar schon in der Tramway hin und provozieren die Leute mit ihren hebräischen Aufdringlichkeiten,; Wir sind woit gekommen in Wien . . .« Schwere Seufzer entrangen sich der Brust tfcf beiden Döblinger Bodenständigen ans Prag -und Brünn. Kein Wunder! Es war ein böses Erlebnis # Jakob Krause

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