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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-29 · Heft 1078 (29.1.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1078 (29.1.1922)
Date
1922-01-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Fette 4 WIENER MORGENZEITUNO VVlen, Sonntag 20. Miner 1927 Kr. 1 OTT Oesterreich. Die Notanleihe. —y. — In einer Note an die euipoipäi&chen Mächte hart die österreichische Regierung erklärt, Oesterreich sei am Ende seiner Kraft. Die nädus'te Zukunft sei ungewiß, falls nicht die Hilfe der Großmächte endlich zur Tatsache werde. Der Stuat stehe vor neuen sozialen Unruhen. Diese Note des Kabinetts Schober wurde in den Hauptstädten der europäischen Staaten durch die österreichischen .Vertreter überreicht und hatten zunächst einen lebhaften Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Kabinetten zur Folge. Bei der englischen Regler rumg fand der Hilferuf sofort wohlwollende Aufsiö! «ne. Die Regierung beauftragte das Finanz- - Ministerium mit d«r Erstattung der notwendigen -Vorschläge. Es wurde eine aus Vertretern der Londoner Fincnzkreise und der Handelskammern gebildete Sachverständigenkommission eingesetzt, die zu dem Antrag kam, es sei der österreichischen Regierung ungesäumt ein Finß>n<zik-rediiC von 2V2 Millionen Pfund ztum Zwecke der Stabilisierung ihres Wechselkurses zu bewilligen. Die englische Regierung beabsichtigt, die. Hälfte dieses Kredits sofort flüssig zu machen; um bei den notwendigen Besprechungen mit den Verbündetem jede unnötige Verzögerung zu vermeiden. . ' H-i-, Auch das franzöaisC.« Finanzministerium -'Efefc eilt sich, Oesterreich zu Hilfe zu kommen und ist foereit, den gleichen Betrag wie England flüssig »u machen. Die Regierung arbeitet daran, den Kredit mit alten parlamentarischen Kaute len zu umgeben utnd wird der Kammer einen Gesetzentwurf •vorlegen. Es* wird im Anschluß daran zweifellos Lu einer Debatte über Oesterreich kommen und vielleicht werden sich einige Deputierte mit Beechärnning daran erinnern, daß der auf dem Boden Frankreichs beschlossene Friedens vertrag auch die Verpflichtung aussipricht, dem von ihnen aus dei Landkarte herauisgeschnittenen Kleinstaat an der Donau sein schweres Los zu erleichtern. Oesterreich nimmt in dem Ideeu^aug der französischen Politik eine besondere Stelle ein. E* soll sein Anschluß an Deutschland verhindert werden, und es soll von Oesterreich aus die Aufrichtung einer' Don*auföd«iration erfo’geei. die unter starker politisch er Bindung der abgeschlossenen Staaten einen Tummelplatz des französischen Kapitels im Interesse der französischen Hegemonie abgeben soll. Lei Anschluß üe>stenreichs am Deutschland hat sich inzwischen von selbst erledigt und die Domou* Föderation, in der Franlkreic/h sein magyarisches Schoßkind mit der Fiunkticxn der sozialen Reaktion bedacht hat, ist in Prag und Belgrad erbittert ab-1 gelehnt worden, Diese Zcrrtiren der jungenslawischen Staaten sind »her dadurch gezwungen wer. dem. sich um Oesterreich zu bewerben! ' Der Vertrag', van Lana ist'der erste sichtbare Ausdmök! des irk Prag bestehenden Mißtrauens tarid er wuircte von Frankreich mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet. Aber er ha»i jedenfalls die gute Konsequenz, daß man siöh in Frankreich wieder an die Situatkih- Oesterreichs ermnert, und daß man . dort bedenkt,^ Oesterreich, könne vielleicht den Zeitpunkt des BeA ginne« der ihm angewiesenen Rolle nicht mehr sr-A laben. ' Der Hilferuf, den Oesterreich aü«gestqßen ihätL wird also mindestens den Erfolg erzielen, daß die Kabinette den 'angst veivt.übten Akt der vetr-- schieden en Sanicrungspläne wieder hcrvdrhc'lcn. Sie werden wieder etwas leb' öfter und interessierter die Vorgänge in Oesterreich beobachten'. Es--ergabt ' sich daraus für die österreichische Ocffemliehkcit die Maünung zur höchsten Vorsicht, d mit der... glimmende Funke nicht wieder unter der A*c» e; verschwinde. Wie immer in Zeiten der Not, ist 1 Luch jetzt in Oesterreich eine lebhafte Rührigkeit, aller Staiajtsfeindezu merken, und die letzte Regi#; rungskrise, in deren Verlauf die Patentdeütschen timbewußt die Geschäfte der französischen Ghäuvi-; nisten besorgten, hat in Oester re kfh selbst die Flucht von der Ktone bis zu einer bisher riech. nicht erreichtem Intensität angeeifert. Zttgleich mit ihnen sind aai-ch alle anderen Rad:ll«a'!en, die stets ihre Agel'schnur bereit halten, lebendig geworden. Es hat wieder Krawalle und Straßenlärm gegeben, und viele Kaufleute sahen sich veranlaßt, die Bretterverschalungem vor ibrcii Läden zu‘ verstärken. Die Aktion der Entente würde d>te so dringend notwendige Ruhe in unser öffentliches Leben bringen, aber auch die Verantwortlichkeit der österreichischen Parteien sehr stark hervortrefem lassen. Es darf nicht vergessen werden, daß Oesterreich die Pflicht zur Selbsthilfe hat und daß es ailte zur Arbeit am Staat, am der Staatswirtschaft und an der Volkswirtschft he ran ziehen muß, die die Fähigkeit und den Willen dazu besitzen. Die antisemitische Note, dieim Verlaufe der jüngstem Krise wieder so kräftig angeschlagen, wurde, hat sehen genügend Schaden gestiftet. Oesterreich braucht jede Kraft, auch die jüdische, deren Wert jedem Einsichtigem ohne weitere Erklärung verständlich ist. Der Arierparägraipih muß aus seiner öffentlichen Position verschwinden, Abschied des Bundeskanzlers vom Außenamt und Amtsantritt Dr. Hennets. Wien, 28. Jänner. Die Politische Korresp'vndenz meldet: Heute vormittag« veraib&ohiedete sich Bundeskanzler Schober ven den Aibtei'lungsvorstaivden und Referenten des Bundes min ist erki/ms zu mSOigen Preisen für aller Holz- und Stilarten Inland und Export HOBELHAUS MAX BERGMANN Men, II. PraterstrsQ® Nr. 33 Welntraubengass« 2 Telephon 43-1-70 497 des Aeußem. Anschließend daran fand Sh Begrüßung des Leiters des Bundiasministeriuims des Aeußerm, Bundcs-minister Dr. Hem net statt. G-esamditeir - und ■ berralilmäahti'gter Miniister- Pogatscher führte in seiner Ansprache ain den Bundeskanzler Schober einleitend aans, daß weiteste Kreise der. Bevölkerung' es begrüßen, daß in diesen schweren'Zeiten das St'enörrüder wieder in die bewährten Bend* de*sJ Bundeskanzler« gelegt wurde. Der Bundeskanzler habe alle seine Kräfte, seine großzügige, Staatsimanmi«che Auffassung daran gewendet, . sus -jeder Situation das- 'beste Erreichbare her^mszu'holen, und dürfe sich niunmehr miit Geaugt>mun-g sagen, daß ihm dies auch gelungen sei. Der B u n d e s ik a-m z 1 e r erwiderte: Wenn |ioh auf die sieben Monate meiner Amtsführung »hier zu>rüokiblicke, insbesondere auf die in dieser Zeit zwischen O es t erreich und Un gam zu bereinigende westumgamische Frage, sy muß man zugeben, daß die von mir Vorgefundene Situation außerordentlich k-onnp'lizient und daß es unendlich schwierig war, aus dieser Lage so heEiszulkom-men. wie es-uns gelungen ist. Gesandter und bevollmächtigter Minister P ogajsch er hieß hierauf Bundesauinister Doktor HFn net an der neuen Stätte seiner. Wirksamkeit wiHlk-qmmen. Große und wichtige Aufgaben stünden dem Minister bevor, Die Unterstützung der Be^ amteni-dhaft dies Hauses sei ihm si-dher.- ' Bundesminister Dr. Kennet erwiderte: Ich möchte nicht viele Worte machen, über die Vergangenheit nicht, aber auch nicht über die Zukunft; denn darüber hörten wir schon allzuviel, und wir alte lechzen n ach Tja t en. Nur zögernd bin ich dem ehrenvollem R-ufe an .diese Stelle gefolgt. Ich bin mir, wenn es sich such n u ru m s i n F r 0 v is o r i u m handelt, selbstverstandfidh der Größe und Schwierigkeit der Aufgabe und der meiner harrenden Arbeitslast wohl bewußt.. leih bin dem Rufe gefolgt,-weil ich mich der Hoffnung hin gebe, gerade in dieser Jkritiscfaen Zeit doch . etwas Nützlitchea leisten-zu. können., [oh be.t'raöhte die Auf geben" dieses Amtes ganz besonders von einem Standpunkt: Wir müssen danach streben, Lm A u s 1 a n d ein richtiges Bild von unserer Latze au gehen, ein u n g e färbte, B i 1 d, wie es srai dem htetet, der den Entwickhingsgang. der letzten Jahre berü-ckisichtigt. Im Ausland, vvo man immer nrch zu wenig von uns weiß, müssen wir beweisen, daß wir uiefnt allein der, H i I f e würdig sind, so-nctern daß wir auch ein wertvolles Mitglied .der V ö 1 k e r f a m i l i e sind...Die A'öllkerfp-miilie muß. wie jede andere Fatqailje, darunter leiden, wenn eines ihrer Mitglieder krank ist. jDas Aiteßchaltem Oesiterreich« würde, das müssen wir laut hin auwrufen, einen umcrsetzÜicfoeb wirtschaftlichen und kulturellen Verlust für , f - •■•■ahUicit bedeuten. „Die Behörden sind für die Bevölkerung hier — und nicht umgekehrt." . Gestern mittags fand im Bundesministerium für Innereanläßlich des Dienstantrittes des Bundeskanzlers Schober als Leiter des genannten Ministeriums ein Empfang statt. Der Bundeskanzler erklärte der erschienenen Beamtenschaft, er hoffe, daß die Beamten unter seiner Führung die notwendigen Reformen im Interesse der Bevölkerung, namentlich hinsichtlich eines, beschleunigten Geschäftsganges, raschestens durchführen, wobei für alle der Grundsatz gelten muß, daß die Behörden-für die Bevölkerung hier sind und nicht umgekehrt. Die österreichische Note an die Alliierten. Eine Mitteilung des Reuterschen Bureaus besagt, daß bei den alliierten Regierungen ein verzweifelter Hilf er u f der österreichischen Regierung eingetroffen ist ln einer langen Note erklärt die Wiener Regierung, daß der katastrophale Niedergang der Krone ein solch ungeheures Steigen aller Preise hervorgerufen habe, daß die I^age des österreichischen Volkes der völligen Verzweiflung nahe sei. Die österreichische Regierung wendet sich deshalb an die alliierten Mächte und erklärt, daß sie, wenn nicht innerhalb der nächsten Tage Hilfe aus dem Auslande eintreffen würde, jede Verantwortung für die Folgen ablehnen müsse. T schecho-Slo wakei. Benesch reist nach Paria und London* . Prag, 28. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung“.) Ministerpräsident Dr. Benesch begibt sich ani 8. Februar nach Paris und London behufs einer Vorbesprechung mit den dortigen maßgebenden Kreisen über das Arbeitsprogramm der Konferenz von Genua. Prag, 28. Jänner. (P. Z.) Es ist beschlossen, daß sich der Ministerpräsident Dr. B e n e s c h auf der internationalen wirtschaftlichen Konferenz in Genua nicht nur als Träger des Resorts des Außenministeriums, sondern als ein m i t d e r ganzen Autorität derRegierung bedachter Vertreter, hinter welchem die Majorität steht, beteiligen wird. Während seine! Abwesenheit wird ihn der Minister für die Nationalverteidigung U d r z a 1 vertreten. Nach diesem Sonntag treten die Vertreter der koalierten Parteien mit dem Ministerpräsidenten Dr. Benesch zusammen, um über dessen Reise zu beraten. Keine Veränderungen lm Kabinett. Prag, 28. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen« zeitung“.) Gestern erschien Ministerpräsident Doktor Benesch gemeinsam mit den Vertretern der koalierten Parteien bei dem Präsidenten M a s a r y k, Es wurde beschlossen, daß eine Aenderung in der' Zusammensetzung der Regierung derzeit nicht einzutreten, habe. Die Flucht des Abgeordneten Baeran* Prag, 28. Jänner. Die Gerüchte, daß Abgeordneter Dr. Baeran auf seiner Ftycht aus Prag von den Eisenbahnern in Aussig a. d. Elbe angehalten wurde, werden nicht bestätigt. Einer Meldung der „Narodni Listy* zufolga ist er mittels Auto nach Bayern geflüchtet^ einer anderen Version zufolge begab er sich übel Wien nach Ungarn. Die Anklage, die gegen ihn erhoben wurde, lautet auf Verbrechen einer gefährlichen Gefährdung der parlamentarischen Verhandlungen und dl« Sicherheit des Lebens einiger Abgeordneten. Ungarn. Die Morde zwischen der Donau und Theiß. Budapest, 28. Jänner. Wie eine Korrespondent meldet hat die Polizei in Angelegenheit der seinerzeit in den Gebieten zwischen der Donau und Theiß verübten Gewalttaten eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen, So wurden vier Einwohner von T o r g o v a n y, darunter der ehemalige Gendarmeriewachtmeister Johann Z bona« unter dem Verdachts , verhaftet, an den Mordtaten beteiligt gewesen zu sein, denen im November 1919 drei Kaufleute aus I z s a k zum Opfer fielen. Ferner wurde der ehemalige Hörer der Theologie und spätere Student der Medizin Franz B a 1 0 g 1] unter dem Verdachte verhaftet, der Leiter der Umtriebe gewesen zu sein, infolge deren im Frühjahr 1920 sämtliche jüdischen Einwohner v 0 n I z s a k ge z w u n g e.n waren, zu flüchten. Es besteht auch .der Verdacht, daß er;an den im Mai 1Ö20 in den Gemeinden U,j-S z e n t- M i k l os und Sol t begangenen Mordtaten beteiligt war, Schließlich wurde der, Ingenieur Ferdinand Patay in Gewahrsam genommen, da er an der Ermordung des Direktors der Kecskemeter Zündhölzchenfabrik Isidor N e u b a u e r beteiligt gewesen sein soll. Protest gegen die Verpfändung der Gobelins. Budapest, 23. Jänner. In derheutigen Sitzung def Nationalversammlung beantwortete in Vertretung des erkrankten Ministers des Aeuüern Handelsministers H e g y ö s* halmi die Interpellation des Abgeordneten Sandor wegen der Verpfändung der Gobelin« durch di« österreichische Regierung. Der Minister erkürte, die ungarische Regierung habe beim Boischafterrat, bei der Wtedcrgutinachungskonimlssioa und bei der französischen Regierung Protest erh o b e n und entsprechende Noten auch nach London, Rom und nach Wien abgesandt. Die ungarische Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß die Gobelins als Teil de« habsburgischen Fideikomißvermögens zu dem Oesterreich und Ungarn gemeinsamen Eigentum gehören und von Oesterreich weder veräußert noch verpfändet werden dürfen. (Anmerkung der amtlichen Nachrichtenstelle: Wie die Amtliche Nachrichtenstelle von zuständiger Stelle erfährt, ist diese Ansicht der ungarischen Regierung durch keine der Bestimmungen des Friedens Vertrages von St. Germaln begründet.) Zu den Versöhnungsverhandlungen in Budapest. Budapest, 28. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen« zeitung“.) Zu der mitgeteilten Aeußerung des Ministers des Innern, Grafen Klebeisberg über bevorstehende Versöhnungsverhandlungen zwischen der ungarischen Regierung und den Vertretern der Judenschatt nimmt all erster der Abgeordnete Paul S a n d o r in folgender Weise Stellung: Mit den Juden kann nur auf einer Basis ver» handelt werden: Es müssen alle Atrocitäfen, die gegen die Judenschaft verübt wurden, ungeschehen gemacht werden. Die Staatsbürgerschaft zweiter Klasse muß wieder in die erste Klasse zurückgeführt werden. Geschieht, dies aber, dann ist eigentlich jede Verhandlung überflüssig, dann wird sich die jüdische Gemeinschaft, wie cs in der Vei> gangenhelt der Fall war,' je nach Ueberzeugung und Neicune den verschiedenen politischen Parteien anschließend

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