Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1073 (24.1.1922)
- Date
- 1922-01-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1073 Wien, Dienstag WIENER H0RGEN2EITTOÖ 24. Jänner 1922 Seite 3 Kannibalismus. Moskau, 23. Jänner. (Fuimk&prudi.) Die Bauern« feitung »Bednota« berichtet aus Samara, daß in den Dörfern dieses Gebietes die hungernden Einwohner sich bereits an den Leichen der Verstorbenen vergreifen. Zahlreiche Fälle dieser Art seien von Vertretern internationaler Hilfsaktionen lest gestellt worden. Pressefreiheit in Rußland. Warschau, 22. Jänner. (J. C. B.) Zuverläßigen Informationen au>s Moskau zufolge, beschloß der Rat der Volkskommissare die -Wiederherstellung d e r P r e s s,e f r e ih e it im Bereich der jsfsaiscnen Sowjetrepub litte, Demgemäß wenden in Kürze neue Zeitungen verschiedener politischer Richtungen auf Grund einer bloßen Registrierung, wieder zu erscheinen beginnen. Man erwartet, daß dadurch auch die allgemeine jüdische Presse Wiedererstehen wende,'wodurch die Außenwelt wieder,die Möglichkeit bekommen wird, mit der wirklichem Lage der russischen Judith eit vertraut zu werden, was auis der einseitigen Be rieht erst a ttuug der kommunistische; üd'i sehen Presse nicht möglich war. Die Sowjetvertreter für Genua. Riga, 2i. Jänner. (Telegramm der »Wiener Morgenzeitiuing«,) Hier sind authentische Nachrichten eingetroffen, daß, au»rWirtschaftskonferenZ in Genua als Vertreter Rußlands nicht Lenin, sondern Joffe und R a k 0 w s k i als Vorsteher der russischen Delegation fahren. Voraussichtlich wird Joffe in dieser Delegation den Vorsitz führen. Einwanderung Vött Juden nach Amerika. Wäshingtbn, 21. Jänner. (J. C. B.) Der'Vertreter der J, C. B. hatte mit dem demokratischen Senator und Mitglied des Emigration Committee des Senats, William ECiflg, eine längere Unterredung über den vom ihm eingebrechten Gesetz* entwurf, der die Einschränkung ddf Einwanderung auf zwei Prozent der amerikanischen Nationalitäten Vorsicht. Die Grundlage dieses Gesetzentwurfes bildet das gegenwärtige Quoten System. Senator K i n ginai.’m eine ungewöhnlich ablehnende Stellung gegenüber der jndenirn megratiom ein. Es sei seine feste Ueberzeugiwug, daß die jüdifchen Einwanderer in ihrer überwiegenden Mehrheit bölschewiklsch und ausgesprochen radikal gesinnt seien. Senator King erklärt, daß es hauptsächlich der Furcht des Senats vor dieser radikalen Richtung der jüdischen Einwanderer aus dem Osten Europas zuzusebfeiben ist, daß die gegenwärtig bestehenden Strengen Maßregeln der K-ontiAgentierung unartikuliert wurden. Er führte weiter aus, daß die Gefühle dos Senats seither noch feindseliger .henvortratm, und man würde, wenn möglich, gerne versuchen,: die Tore Amerikas überhaupt zu schließen. Wäl ireud" der letzten zwei Jahre habe er jmehr als zweitausend Juden.gesprochen und fand, d ß sie alle dem Radikalismus zuneigen. Auf den Versammlungen der Kolumbia-Universität habe er viele atheistisch und radikal gesinnte jüdische Studentein bec-Bachtet. Während seiner öffentlichen .Aiiseina«derset2ung mk Senator Francs über Sowjetrußland bestand 80 Prozent der Hörerschaft aus Juden,, die jedesmal begeistert applaudierten, wenn die Namen Lenin oder Trotzki erwähnt Wurden. Der Senator legte besonderen Wert darauf, zu betonen, daß er kein Antisemit sei. Als Mormone glaube er sog.r, daß in seinen Adern jüdisches Blut fließe. Ueberdies sei sein Sohn mit einer Jüdin verheiratet, mit der er in einer glücklichen Ehe lebe. Senator King gab seiner Ueberzeugiing Ausdruck, daß dieser radik le Typus in der Winklichkeit mit der Judenheit nichts gemein habe, sondern von jenen A b t r ü n u i g en der Judenheit zusammengesetzt sei, die dem Gatte Abrahams, Isaaks und Jr.lkobs untreu geworfen sind, Senator King sagte zum Schlüsse, er würde froh sein., wenn ©sine1 Ansichten Sich als ünzturtreffend erweisen würden. (Aus den Äußerungen des Senators ist ersichtlich, wie groß in gewissen amerikanischen Kreisen die Furcht vor dem Bolschewismus ist. Daß die Angaben des Senators glatte Uebertreibungen sind, bedarf wohl keines weiteren Beweises, und die Opfer der Verhältnisse im Osten, die sich nach Amerika retten wollen, sind keineswegs die radikalen Elemente, von denen King spricht.) Die jüdische Autonomie in Lettland. Riga, 22. Jänner. (J. G. B.) In einer unter dem Vorsitz des Staatskontröltors M i n z stattgefundenen Sitzung der vom Jüdischen Nationalrat eingesetzten Kommission zur Ausarbeitung der jüdischen Autonomie referierte der Vorsitzende überdas von der juridischen Kommission , vorbereitete Projekt der jüdischen. Autonomie1 in Lettland, das demnächst in die lettische Konstituante im Zusammenhang mit der Beratung der lettischen Verfassung eingebracht werden Soll. Die d e u t sehe und russische Minorität haben gleichfalls ähnliche Autonomieprojekte zur verfassungsmäßigen Gewährleistung ihrer nationalen Rechte ausgearbeitet. Das jüdische Autonomieprojekt enthält eine Reihe von Gesetzesartikeln für die Schaffung und Erhaltung der jüdischen nationalkulturellen Organisationen und B i 1 d ungs%anstalten sowie die autoneme Verwaltung des sozialen Wohlfahrtswesens in Fällen, wo die staatlichen Institutionen nicht imstande seien, den Bedürfnissen der nationalen Minderheit vollkommen zu entsprechen, pie Mitglieder des „Bund“ opponierten dem letzen Paragraphen. Rabbi N u r 0 k wünscht namens des Misrachi und der Agudas Jisroel die Aufnahme eines Artikels, kraft dessen der öffentliche Gharakter der religiösen Institutionen der jüdischen Gemeinde anerkannt werden soll. Dieser Antrag wurde mit 8 gegen 6 Stimmen angenommen. Eine Anleihe der Frankfurter israelitischen Gemeinde. ' Frankfurt, 22. Jänner. (J. C. B.) Die israelitische .Gemein dein Frankfurt ist bei der Regierung um Bewilligung einer 5°/0igen Anleihe von 12 Millionen Mark eingekommen. Die Anleihe, die seitens der Inhaber unkündbar ist, wird zu 102 Prozent mit 1% Prozent des ursprünglichen Kapitals nebst ersparten Zinsen durch Auslosung oder Rückkauf, beginnend am 1. April 1927, getilgt. Ein Bankkonsortium hat von dieser Anleihe bereits 9 Milli 0 n en Mark übernommen. Einigung der beiden irischen Regierungen. London, 23. Jänner. (Funkspnudh.) Zwischen der provisorischen Regierung von S ü d i r 1 a n d und der Regierung von Ulster ist ein Uebereinkommen in den strittigen Fragen erzielt worden. Das bezügliche Dokument wurde in London von Colli « 6 und C r ä i g h Unterfertigt. Wcst*Australieti t)raucht*€inwanderer. London, 23. Jänfier. (Funksprucih.) Die Regierung vöh West-Australien hat beim auaitflä* tischen Staalenhund einen Kredit von zwei Millionen Pfund zur AnsiedlUmg Vön 25.Ö00 Einwanderern an* gesprochen. Die chinesischen Großdeutschen. Washington, 23. Jänner. (Punkspnuch.) Der chinesische Ministerpräsident Weigert sich, sein Amt niedeirzulegen, obwohl ihm vorgeworfen wird, daß er das Land an Jap anverkaufe, und obwohl eine Anzahl hervorragender Personen öffentlich seine Verbannung verlangt hat. Die Wählen in Südtirol* Innsbruck, 23. Jänner. Wie der heutige »Tiroler« meldet, haben bei den gestern staittgefundenen Gemeinde wähle« in Bozen und den Hauptorten des Unterlandes die deutschen b ü r g erlich e n P a r t e i e n einen über' Erwarten großen Sieg errungen. Es entfallen in Bozen auf die vereinigten 'deUitM'ibüngefllchefl Parteien (Tiroler VöHkspartei un d <kuts<chfreithoitliah'e Volk sparte i) 1994 Stimmen (bei den Parlaments wählen töoo), auf die Sozialisten 6S7 (880) und die Italienisohbürgerli'&heo 429. Die ItalienlÄChbürgerlkhen hauten ge- ' scihlos'sen für die deutsche sozklititisdiie Liste gestimmt, jedoch sechs Namen denselbendurch ihre Kandidaten ersetzt, ln Leifers und, Neomaukit erhielten die D euit s'dlibü r ge fliehen alle Sitze. In Salnrn entfielen auf die Liste der Deutsch-bürgerlichen und der gemäßigten Sozialisten 400 Stimmen, auf die Lifte der intransigentem Sozialisten und der Italiener 60 Stimmen. In Salum fallen demnach alle Sitze den Deutschen zu. Der Tod d^s Papstes. Rom, 22. Jänner. (Tel. der »Wiener McrgenzeitUng«.) In Anwesenheit des. diplomatischen Korps fsmd heute nachmittags die feierliche Aufbahrung des Pcpstes im Anracoi-Saal statt. Die Ueberführung aus dem dritten in das zweite Stockwerk ging mit dem üblichen Potnd vor sich.; Vier Paias’bgärdisteh in der roten Galauniform trugen die Bahre. Ihnen voraus sc1'ritt die Geistlichkeit, die Lichter trug. Die Kardinale folgten* Im Vorzimmer schlossen sich die Diplomaten und die wenigen Besucher, die zu gelassen waren, an. Der Papst lag in einem weißen Gewände mit gelber Mitra, gefaltetem Händen und sehr ruhigem Ge« sichtsauisdirueik da, doch war die Hautfarbe ganz um ge wohn lieh bleich. Bei dem Vorüber kommen der Leiche knieten die Anwesenden nieder. Vier große Kerzen wurden um den Katafalk angezündet, die Bahre Wurde niedergelassen. Darauf traten die Kurienhiairdinäle vor und sangen die Einsegnungsgebete. Sodann wurde die Leiche mit Weihwasser eingesprengt, womit die Feier ihr Ende nahm, Die ' Vorbereitungen für das Konklave, die Neuwahl des Papstes, heben noch nicht begonnen. Man erwartet die Neuwahl erst in etwa zwei Wochen. Das Krrdina 1 skol 1 egium zählt derzeit 71 Mitglieder, darunter 31 in Italien. Die Forderungen der Juden von Wilna. Wilna, 20. Jänner. (Telegramm der »Wiener Margen,zeitung«.) »Umser Freund« bringt an leitender Stelle einen Artikel des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Df. W i g o dsk i über dii<e jüdische nationattpersomeile Autonomie. Wigodski bespricht in diesem Artikel ausführlich die Forde-rungen der jüdischen Bevölkefumgnacth einernationalpersomeilen Autonomie und tritt gegen’die Behaupt,umgen der Wilnäer »Gazetta Krajowa«, die die jüdischen Forderungen als Privilegien bezeichnet, alVf. Wigo-dski stellt fest, daß die Juden die natioinatpemo nelle Autonomie auf keinen Fall als »Privilegium«* sondern lediglich zum Schutze ihrer nationalen Minderheit verlangten. Die Juden vet* •treten ebenso den Standpunkt, .daß die national- •personelle Autonomie nicht. nur. ihnen, sondern! allen nationalen Minderheiten, ähnlich! wie in Kowno-Litauen zu erteilen -sei. Die tiatiiomiattpersonelle Autonomie’ bedeute die einzig mögliche Sicherste]hing Ihrer Gl-elöhberechitlgüng auf bürgen* lichcm, politischem und nationalem. Gebiet. Sie -biete auch die einzige Garantie,; daß die -Gleichberechtigung tatsächlich dunchgeführt werde. Wilnä, 20. Jänner. (Telegramm der »Wieners Morgenzeitung«.) Im Zusammenhang mit den letzten Besprechungen der polnischen Regierungs- Vertreter mit den Vorstehern der jüdischen. .Bevölkerung in Wilna, von denen wir seinerzeit gemeldet haben, hat die jüdische Gemeinde in Wilna dem polnischen Innenminister D o w n a r o w i t® c h ein Ekemplar der jüdischen G e m e i ri d e s t a t uten übermittelt. Eine Abschrift dieser Statuten wurde auch dem Regierungskommissär für Mittel-,, litauen Meysztowicz übenreicht, Das jüdische Flüchtlingsprobleiti. Konstantlnopel, 20. Jänner. (J. C. B.) Der vev einigen Tagen hier eingetroffene Oberkommis^säf des Völkerbundes, Mr. Samuel Hörne, dessen Aufgabe die Hilfeleistung für die russische!* Flüchtlinge ist, empfing eine aus den Vertretern der 10 Lj Joint, B nei B r i t h Und der hiesigen »Föderation russischer Juden für gegen* SCitige Hilfe« bestehende Abordnung, die. Ihm eki ausführliches Memorandum über den Ernst des judta sehen FlüchtlingspfoblemS überreichte. Der öberikoihmiSisäf informierte sich bei dieM, Gelegenheit über die eventuellen Hilfsiv erschlage, die ihm sowohl Mündlich als auch schriftlich unterbreitet Wurden. Die jüdische Abordnung appelliert« an den Obefkommassäf, insbesondere für die Eifw leichterung der Ausreise vieler Flüchtlinge «»cift Palästina und in die Länder des Westens .Sorge zu fragen, was ihnen bisher durch die ablehnende Haltung verschiedener Konsuttate, betreffend die Etteilung von Paßvisen, unmöglich gemacht wurde. Mt. Horn e versprach sein Möglichstes zur Unterstützung des Hilfswerikes der jüdischen Organisationen zu tun. Tagesbericht. Die Paßkonferenz. Graz, 23. Jänner, Die Delegierten bei der Paß* konferenz in Graz haben in Konimissiam&sitz/umgen die von der Konferenz gefußten Beschlüsse und Wünsche formuliert und sind, soweit Oesterreich, Italien, die T&checho-Slowakei und Ungarn in Betracht kommen, zu einer vollständigen Einigung gelangt. Es steht nunmehr der Redigierung eines Vertrages zwischen ihnen nichts mehr im Wege. Der Stamt S, H. 5. und Rumänien, das nunmehr gleichfalls durch einen Delegieren vertreten sein wird, haben ihre Vorbehalte noch nicht auifgegeben. Dieser Stellungnahme hielt Präsident Legatiomsrat Lulke&ch in der heutigen Plenarsitzung die bezeichnende Tatsache entgegen, daß einerseits der Staat S. H. S, bereits auf der Verkehrskonfereutz in Paris im Oktober 1920 durch seinen damaligen Venlareteif eine Erklärung abgfben ließ-, die in dem Antrag auf Abschaffung der Sichtvermerke gipfelte, also viel! . weiter ging als die Pariser Resolution, die diö Grundlage der Grazer Konfereniz bilde, andererseits sich Rumänien m einer Note an den Völkerbund auf diese Grundlage stellte. Beiden wäre nunmehr Gelegenheit geboten., ihr Wort in die Tat umzusetzen. Der polnische Delegierte gab bekannt, daß ef unter Aufrechten' altung seines Standpunktes zur Unterzeichnung ermächtigt worden sei. Es steht zu hoffen., daß auch seine Regierung sich de« Grundsätzen der Pariser Konferenz schließlich anpassen werde, damit ein einrverständUches, für alte, Sukkziessionsstaaten wichtiges, praktisef.-os , Eirgeb* nis erzielt werde, das auch in den Vereinigten^ Staaten gewertet und für die Genueser Konferenz* von Einfluß sein würde. Arbeiter-Fortbildungskurse in Palästina» Das Kuilurkcmitee der jüdisohen Arbeiterorganisation hat in letzter Zeit Schritte unternommen, um einen geregelten Fortbildungsunterricht unter den Arbeiten zu ermöglichen, abgesehen von dem hebräischen Sprachunterricht, der -schon seit mehreren Jahren durch eigene Lehrer unter der Arbeiterschaft Palästinas gepflegt wind. Zu diesem Zwecke hat die Arbeiterorganisation mit Untersfüt'zuing des Palestine Immigrant Welfare Committee einen Wanderlehrer für Naturkunde bestellt, der in den verschiedenen Punkten Galiläas, lokale Museen ©inrichtat; desgleichen sind zwei monatliche Kurse für hebräische Literaturgescihiahte und Nationalökonomie in Juaäa eingerichtet worden. In Jerusalem hat die Aribeiteronganur sahion volkstümliche Kurse einiger io' net, in welchen unterrichtet wird: Zeichnen für Baubamdwerker; Tischler und Straßenarbeiter, Chemäe, Botanik, Pa*- lästimakunde, Psychologie, Geschichte d'er arabischen ENGLISCHE STOFF RegB.imgntel, Herren- und CBmanwSsche, Ufoltjackon und Jumper, ferner olle Soden von Chiffon. V/®b- und Lelnenßa waren, alles erstklassig und billigst im Warenhaus «hiffmann En aros 1074 •Ie!äüll3li47l?9 En detail