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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-17 · Heft 1066 (17.1.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1066 (17.1.1922)
Date
1922-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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17. Jänner 192? Teste 2 Wien, Dienstag Rundschau. Die Gliederung der russischen Föderation. Rußland führt unter dem Sowjetreglme den Titel einer föderativen Republik der Arbeiter und Bauern. Aber der Staat erkennt seinen Gliedern nicht den gleichen Rang ZU, Er besteht AUS verbündeten Republiken, die, eigenes Militär und diplomatische Vertretung besitzen und Delegierte zum. allrussischen Sowjetkdngreß entsenden, und zwar Rußland mit < er Hauptstadt Moskau, Ukraine mit der Hauptstadt Charkow, Weißrußland (Minsk), Georgien (Tiflis), Armenien , (Eriwan), Aserbaidschan! (Baku) Buchara und Chiwa; feiner aus den autonomen Republiken (von Mos au militärisch rind diplomatisch kontrolliert), und zwar die Tataren- Republik (Kasan), die Kirgisen*Republik (Qrenburg),' die Baschkiren-Republik (Sterlitamak), Turkestan (Taschkent), die Republik der Bergbewohner (Wladb kawkas), die Republik Daghestan (Tennichantschura) und die Republik Terek, Schließlich gehören zur Föderation noch elf „au t q n o m e“ Territorien, deren Stellung zum Staate vollkommen unklar ist. Es sind dies die Deutsche W o 1 g a - K o mm u n e (Hauptstadt Marxstadt, früher Jokalerinosjaw), die Territorien der Kalmuken (Astrachan), der Karelier,, die sich jetzt im Aufstand befinden (Hauptort Olsnetz), der Tzyriaren, Lappen, Bur jäten und Jakuten (darunter die Republik des fernen Ostens mit dem Hauptort T s c h i t a), das Gebiet Tgcheremike (Hauptort Krasnokoktscheisk), des Gebiet Wotjak (Usfc Sipolsk) und das Territorium Tschunsch mit dem Hauptort Tschebocharje. Insgesamt .gehören also der Föderation 25 Territorien am Sowjetrußland und Frankreich, Mosk*au, 14. Jänner. (Resta.) Die >Pra\vdnc schreibt: Tier Rücktritt 8 riaNdtz, derd-nreh doii kategoris-oheq •Protest des qatipn^.^n Blgcicgis iiy fTihU^Oli^hen Pariamente £egen das mfo England, Hn Cannes getroffene .Ueberemkqmmen hervorgerufeu \vvirde, itzt eines der .wichtigsteti Ereignisse der internationalen Politik. Der Rücktritt gestattet sogar von einem Verfall der DrHynts mit allen möglichen Feigen zu sprechen, 41? steh diaramis ergeben können. Die Grundursachen dieses Geschehens sand in den Interessengegensätzen zyviuchen Frah-kreioh tmd England an einer ganzen RMe von Fragen aller* erster Wisohtigkeit?n suchen. Diese Interessengegensätze lasion sieh durch keine. dwjy-matltzßhe'Y Maoh-ep« schäften mehr vefschLeiern. Die Interessen der Iranzosi-schen u<ncj der engl Ischen Kapitalisten schein in einem vnrversöhnlichen Gegensait?, und zvyar hj folgernden. Fragen: 1. Frairakrsich macht das ganze Tenritqriu'm Mitteleuropas, Polens, des Balkans und der Türkei zu seiner Interessensphäre utpd schließt besondens mit der Türke? ein gegen England gerichtetes Uebereiinkommen. 2. ist Frankreich hystryhch, £)öy<tsal}-!, 'and völlig auszurauben und benützt che deutsche Kpn, trihution zum Ausbau seiner Armee und Flotte. Deutschland ist seiner Flotte beraubt,, folglich’ sind Frankreichs Seerüstungen zur Gänze gegen England gerichtet. 3. ist Frankreich nicht gewiflv das linke Rheinufer zu räumen. 4. Frankreich will SowjetTU Irland nicht zu den. englisch evr Bedingungen anerkennen. Es hofft, .Rußland ZU seiner Kolonie zu machen, - In allen ,diesen . Punkten hat Rußland seine Gegeninteresspn. Die Konjfer&ntfevo-n Canmes beschloß, zum 8. März eine in.terqatiwialc Konferenz nach Gen-Ua eirmubarufen. England will an dieser Konferenz tei'lehmen, seihst woran Frank reich •sich weigern sollte. Den französi'&ehen IImperialisten' 'bleiben zwei Wege offen: Entweder nach Genua au gehen und sich dort zu bemühen, das Maxim-ram am Zugeständnissen für sich h-rLu,-zuschlagen väer albet isoliert dazuatehen und aille aus dieser Isolierung.ent*, stehenden Folgen auf sich zu nehmen. Womit alles dies enden wird, ist schwer vorauszusaegn. Eimes ah er ist unzweifelhaft: Sowjetfuß-Iand kann aufatmon. Furchtbares Elend in Rußland, Moskau, 16. Jänner. (Funkspruch.) Im B aronsker Gebiete nimmt der Hunger zu. Ganze Familien sterben aus, Die Leute nähren sich von den Eingeweiden gefallener Tiere, Die Typhusepidemie breitet sich aus und die Sterblichkeit Nimmt zu. Aus Perm wird gemeldet: Im Lager Gubewaka befinden sich 60.000 Flüchtlinge, hn Lager herrscht der Typhus. Im Verlauf von zwei Monaten wurden 400 obdachlose Kinder aufgelesen. Unter den Volksschullehrern kamen vor Hunger einige Selbstmordfälle vor. Im Kreise W 0 I s k (Gouvernement Saratow) hat der Hunger fürchterliche Dimensionen angenommen. Die Bevölkerung schlachtet ihre letzten Pferde. Hungerstreik in Moskauer Gefängnissen. Paris, 16. Jänner. {Funkspruch.) 250 Sozialrevolutionäre und Menschewiken, die in den Moskauer Gefängnissen interniert sind, traten in den Hunger- »treik- Mustapha Keniat Pascha ermordet? London, 16. Jänner. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus Angora soll Mustapha Kemal 3ascha ermordet worden sein. Antimilitaristische Kundgebungen in Madrid. London, 16. Jänner. (Funkspruch.) In Madrid kam es zu großen Kundgebungen gegen die mliitäri- {chen Kommissionen. Reiterei trieb die Menge aus- 4nander, _WIENER MORGENZEITUNG_ Amerikas Hilfsbereitschaft für den Zionismus. Empfang Sokolows bei Präsidenten Harding* Washington, 15. Jänner. (J. C. B.) Heut© empfing der Präsident der Vereinigten Staaten, Har ding, den Führer der zionistischen Delegation, Nahum Sokolow, in längerer Privatatidienz. Sokolow erstattete ausführlichen Bericht über die gegenwärtige politische Lage des Zionismus, insbesondere über die Frage des Palästina-Mandats, und schildert© die Lage der Ostjuden« Er war in der Lage» dem Präsidenten auch über die großen Sympathien zu barichten, denen die K e r e n * H a j e s a 0 d- Bewegutig in Amerika nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Gouverneuren der einzelnen Staaten, den Bürgermeistern der Städte und bei vielen führenden Persönlichkeiten Amerikas begegnet. Präsident H a r d In g folgte den Ausführungen § Q k O IO w s mit großem Interesse, das sich auch durch wiederholte Fragen über verschiedene Punkte des Berichtes kundgab. Har ding gab seinen großen Sympathien für den Zionismus Ausdruck und versicherte schließ’ lieh, daß die Regierung der Vereinigten Staaten immer bereit sein werde, dem Zionismus bei der Erreichung seiner Ziele behilflich zu sein. Für den Völkerbund. Bern, .16. Jänner. (Schweiz. Dep.-Ag) Sonntag fand in Anwesenheit zahlreicher Vertreter des diplomatischen Korps^ und der eidgenössischen Behörden eine groߣ Versammlung zur A u f k Urung über den V. ö 1 k e r b n n d statt. Der erste Ehrenpräsident der Völkerbundversammlung in Genf, Bundesrat M 011 a, betonte die bisherigen Leistungen des Völkerbund:s, an dessen’ weitere Entwicklung er unbedingt glaübe. Der Völkerbund wolle positive Arbeit leisten in politischen, kulturellen u d sozialen Fragen. Daß Genf Sitz des Völkerbundes bleibe, sei nicht zuletzt eine politische Frage, denn es sei festgestellt, daß die Schweiz eine günstige Atmosphäre für eine Verbindung der Völker untereinander biete. Das schweizerische Volk dürfe sich dem Völkerbund gegenüber nicht passiv verhalten. Die schweizerische Neutralität bleibe unter allen Umständen aufrecht. Professor H über, Mitglied des Internationalen Schiedsgerichtshofes, betonte die höhere Entwicklung do§ Völkerbundes gegenüber früheren ähnlichen Versuchen, wie dem Haager Abkommen. , Die Versammlung führte zur * Gründung eines großen Komitees zur Popularisierung d e r V 0 1 k e r b u n d l d e e n. t Die europäischen Schuldner Amerikas. Washington, ly. Jänner. Der Senatsauschuß für Finanzen hat den Vorschlag, die Schulden der Alliierten zu konsolidieren, g e b i 11 i g t Die ukrainische Frage. London, 15. Jänner. (Westukr. Presseagentur.) Wie »Daily Chrcmicle“ meldet, wird der Oberste Rat gleichzeitig mit der 0 s t g a 1 i z i 5 c h e n Frage auch über das Schicksal des ukrainischen Teiles der Bukowina die Entscheidung troffen, Ernst Breiter steckbrieflich verfolgt, Lemberg, 14. Jänner. (Tel. <b „Wr. Morgenztg“.) Das hiesige Kreisgericht hat gegen den Abgeordneten E. Bretter einen Steckbrief erlassen. Breiter, der, gegenwärtig in Wien wohnt, wird des Verbrechens dec öffentlichen Ruhestörung angekiagt. Vor einigen Monaten hat Breiter an die ostgalizische Bevölkerung einen Aufruf, gerichtet, in dem sie zur Proklamierung einer selbständigen ostgalizischpn Republik aufgefordert wird. Oesterreich, Die Stellung des Kabinetts Schober. Nach dem Rücktritt des Giroßdeutsehen W aber aots der Regierung ist eine Klärung in der Krise nu'cht erfolgt. Ein1? Qc samt d e missjan .wird — vorläufig1 wenigstens —- nicht erfolgen, weil sie die Situation in keinem Punkt ändern würde. Es wäre wr möglich, daß zum Zwerge dör Able-hmuntg des Staatsvertrages v^n Laoa ein grqßdeutsches Kabinett gebildet würde. Das werden aiber die Grqßdeutscben nickt tun,' arf-oo ans dem Grunde, weil ihnen arnDc* der politischen' Logik auch noch die geistige Kapazität abgeht. Diese Partei hat keinen Unterbau in der österreichischen Bevölkerung. Ihr Anhang besteht aus Vereinsstamtmiseten und deutscliböhmischen Flüchtlingen, übefr denen Fähigkeiten Vor kurzem der Tiroler Heimwehrkommandant SteiJle sehr hübsche Worte gesagt hat. . Es kommt jetzt sc1*«“ viel aiitf die Haltimg" dier Sozi Mdemok raten an, die für den Vertrag von Lana stimmen wollen, aber jedenfalls die Gelegenheit zur Erlengung von Konzessionen seitens der Regierung benutzen werden. Eine aus dem Ministerium des Aeußern stammende Darstellung der »PolitWci tn Korrespondenz« erklärt, daß die Grcßdeutschen durch ihren Herrn Waber ünmiftc.'bar rt'.ch der Rückkehr des Kanzlers aus Prag von dem Vertrag Kenn-tnis erhalten haben. Daß Waber chm Bericht des Kanzlers nicht verstanden, hat und erst durdi einen aufgeregten sudctendeuitschcn Schrift- Nr, 1066 '.citer auf den Inhalt aufmeriksadn gemacht werden mußte, gehört, auf ein anderes Blaitit. Aber die Partei selbst wurde am zp. Dezember in der. Sitzung des Ausschusses für Aeußeres unterrichtet, ahne daß ihre Vertreter Einwendungen erivoben hätten. Der ganze Sturm erhob sich erst nach der Sitzung der DeytS'i&natiündlen Partei in Prag, an der auch . die m^gyairisehen Abgeordneten der tschechischen Natlcnalversamml-umg teiigen^mraen hatten. Erst jetzt kamen die »Belange« in Gefaf ir, Die zitierte Erklärung der »Politischen Korrespondenz« verteidigt den Inhalt des Vertrages tmd erklärt, am Schlüsse«? »Die Prager Verhmdluingen stellen in ihren wirtschaftlichen und politischen Beschlüssen ein für Oesterreich vorteilhaftes Resultat dar und die Regiorunig fühlit sich verpflichtet, das Abkommen von Prag der verfassungsmäßigen Behandlung zu Zufuhren, wobei sie sich der Hoffnung hingibt, daß ejpe noehmälige genaue LJeberprüfung' diese*s Abkommens die Haltung der Regierung rechtfertigen wird.« Dad besagt also, daß das Kabinett Sen ob er den Vertrag wr dem Nationalm vertreten wird. Der F i n i n?? n s s c h w ß des MfiMLckwtes lM sich gestern wegen'der Krise'für u'nibestimm'te Zeit vertagt. Die G^roßdcutschen beschäftigten sicib gestern mit dei Affäre W a n e c k - G ü r 11 e r, Dz Herr Wsyneck e r w a r t § t, daß ihn Gürtler klagen werde, wurde von eme>r Vorlage seines Materials, die man stolz ängcküncligt haute, abgesehen. Rollte Gürtler klugen (was nicht 80 WsgemaM ist), so» werden di? Großdeutschen für di? Auslieferung Wanecks stimmen., Das Ministerium des Innern. Ein definitiver Beschluß der Regierung über die Besetzung des Ministeriums des Innern ist noch nicht erfolgt Einstweilen führtder Kanzler Df. Behöbet die Geschäfte,' Die Konteren? der Snftze§gjon§§tnaten in Graz. Graz, lö. Jänner. Die zur Verkefirsko ferenz det Nachfolgestaaten in Graz eingetroffenen Delegierten traten heute um V*4 Uhr naehmittip ln der Burg zur Eröffnungssitzung zusammen. An ihr nahmen außer der österreichischen Delegation die Delegierten Italien?, der Tschecho - Slowakei, Ungarns, Jugoslawiens und Polens tejj. Von der r u m ä Nisehen Regierung isi bisher kein Delegierter zur Konferenz elngetroffen. De? Chef der Österreichischen Delegation, Legation?? rat Robert Luke?, verwies darauf, daß die Einberufung der Paßkonferenz auf der Konferenz in Porbrose beschlossen wurde, damit unter den Nachfolgestaaten Vereinbarungen getroffen würden, um den Transport von Waren und das Reisen von einem Staate zum anderen durch die Beseitigung bestehender Hemmnisse zu erleichtern und zu bo* schleunigen. Die streng .umschriebenen Aufgaben der Verkehrskonferenz bestehen au? zwei Punkten: 1. Maß» nahmen zu treffen zur Sicherung der Anwendung jene? Teiles der von der Pariser' Konferenz am 21. Qk’obei 1920 angenommenen Resolution, der Paß- und Visa* fragen betrifft, und ' % das Studium größerer oder weitergehender Erleichterungen in diesen Fragen. Der Chel der italienischen Delegation Marche?? C o n s t ä n t i n j' de Chatcaupeuf dankte im Namen der Delegierten für die Begrüßung und die Gastfreund* schaff der österreichischen Bundesregierung. Uebe?* seinen Vorschlag wählte die Konferenz einstimmig Legationsrat Luke? zu ihrem Präsidenten. Die Chef? der fünf ausländischen Delegationen wurden zu Vize* Präsidenten gewählt, zum Sekretär der Konferenz der österreichische Atbchösckretär Schmidt bestimmt Die meritorischen Beratungen der Verkehrskonferenz beginnen am 18. d. M‘. um 10 Uhr vormittags. Minister a. D. Förster gestorben» Gestern ist hier rach einer Operation nach kurzer KrankhcH der Eisenbai ih-miniis^etr in den Minist men S-türgk'h imkI Clam-Mairtimc, Doktor Z d e r, k o Förster, im 62. Lebensjahr gestorben. Er hat seine Laufbahn bei der Ppstdirektiion in seiner Gebuntestadt Praig begonnen. Untor dem Eisenbahn minister VVktek (1807) war er Leiter des Präsidialbureaus, IQ05 Sektipn'schef. Im Jahre 1908 leitete er durch einige Monate das Eisemibuhnmtnisterium im Kabwetst Bicnorth, im November '19:1 wurde er im Kabiucett Stürgkh Eisonbahn- * minister und bekleidete die StelHmg mit einer kurzen Untc:brechuing bi« zum Jahre 1917. Dann wurde er Henenhausnvitglied, zog sieh a.ber voll- . ständig ins Privatleben zurück. Ungarn. Der Numerus clausus bleibt. Budapest, 15. Jänner. (Tel. der »Wr. Morgen* zeitung«.) Vor kurzem erklärte deuagarlsche Minister für Kultus und Unterricht Joeef V a s s, diß er ^ciicci ii)r die bevorstehenden Inskriptionen e*n<e Milderung in der Handhabung de* Gesetze? üIklt den Nan.eius clausus werde euvtreten lausen. Er werde durch die Erhöhung der Geamtzatal der aufzu-nehmenden Hörer auch eine größere Zahl jüdischer Hörer zula&sem. Würde schon diese» AuskunftsmiWcl eher eine Bekräftigung de* Numerus ebusus bedeuten, so ergeben die Vorgang* bej den Inskriptionen; daß Minister Vass nicht eitimal die*«“* VwnsiDrcchen eiiwehalten tuait. Im Gccen-

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