Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1058 (9.1.1922)
- Date
- 1922-01-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ...........um.Mil...BIM Seite 2 Wien, Montag WIENER MORGENZEITUNÖ 9. Jänner 1922 Nr. 1058 Die unabhängigen Sozialdemokraten Deutschlands, Leipzig, 8. Jänner. (Wolff.) Der Parteitag der U. S. P. D. trat heute nachmittags im Volkshause zusammen. Partei Vorsitzen der Crispien bezeichnete als > Aufgaben dieses zweiten Parteitages namentlich' die Steuerfragen, die Koalitionspolitik und die Einigung des Proletariats. Zu Vorsitzenden wurden einstimmig die Reichstagsabgeordneten vittmann und Leger (Leipzig) gewählt, vittmann begrüßte hierauf c ie erschienenen Ausländer, darunter Dr. Friedrich „Adler (Oesterreich), Grumbach (Frankreich), Becher (Luxemburg), Ayles (England), Reinhard (Schweiz), Professor Ballod (Lettland), Hillebrand (Tschecho-Slowa ei) und Abramowicz (Rußland). Hierauf überbrachten die Vertreter der einzelnen Länder die Grüße ihrer Parteigenossen. Die Juden und die Wilnaer Wahlen. Wilna, 6. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Der Regierungschef Meysztow.icz hat vor einigen Tagen dem Rabbiner R u b i n s t e i n einen Besuch abgestattet und ihm bei dieser Gelegenheit einen Kompromißvorschlag,* der den Juden die Teilnahme am Sejm ermöglichen sollte, vorgelegt. Rabbiner Rubinstein lehnte diesen -Vorschlag ab und erklärte, daß die Juden von dem einmal gefaßten Beschlüsse auf Wahlenthaltung nich weichen werden. Aehnliche Besprechungen hatte auch M e y s z t o w i c z mit den anderen jüdischen Führern Dr. W i g o d z k i und Dr. S c h a b a d, che ihm die gleiche Erklärung abgegeben haben,; Wahlniederlage der litauischen Antisemiten. Kowno, 6. Jänner, (Tel. der „Wiener Morgenjreitung“.) Bei den vor einigen Tagen stattgefundenen Wahlen zu den Dorfgemeindeverwaltungen haben die „christlichen Demokraten“ eine Niederlage erlitten. Diese Partei, mit ihrem Führer Smetona an der Spitze, gehört im Parlament zu den größten Gegnern der jüdischen Autonomie, deren S atut gegenwärtig behandelt wird. Während dieser Wahlkampagne haben die christlichen Demokraten auf dem Lande eine starke antisemitische Agitation entfaltet Durch die letzte Niederlage ist ihre Position sehr geschwächt worden. Der Patriotismus der Nationaldemokraten. Lemberg, 7. Jänner. (Tel. d. „Wiener Mittags-?.eitung“.) Der „K u r j e r L w o w s k i“ bringt interessante Dokumente zum Abdruck, die die enge Zurammenarbeit der Nationaldemokraten mit*, em russischem Gouverneur Bo- > r i n s k ij zur Zeit der Invasion in Galizien beweisen. Jnter anderem ist aus diesen Dokumenten zu ersehen, daß Prof. G r a b s k i, der Führer der galizischen Nationaldemokraten, mit der Inkorporierung Ostgaliziens an Rußland einverstanden war. Jn einem Bericht an den Generalstabschef stellt Bobrinskij fest, daß nur dank Dr. G r a b s k i s Tätigkeit die ostgalizischen Polen Vertrauen zu Rußland gewinnen. . ■ Antisemitische Hetze in Lemberg. Lemberg, 6. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenreitung“.) Die hiesige Abteilung des R o z w o j (Antisemitische Wirtschaftsorganisation) hat eine ' rege Agitation in < en Kreisen der Hochschuljugend begonnen. Vor einigen Tagen fand ein Studentenmeeting statt, auf dem die akademische Jugend zum K a mpfgegen diejüdische Stude ntenschaft aufgefordert wurde. Es' wurde auch ein Vorbereitungskomitee zur Gründung einer akademischen Sektion des R o z w o j eingesetzt und ein Aufruf an <lie Studenten erlassen, in dem sie unter Hinweis auf die jüdische Gefahr an den Universitäten zum Kampfe gegen diese aufgefordert werden. Russische Hetzpropaganda in Amerika. Washington, 5. Jänner. (J. C. B.) Der Führer der reaktionärsten russischen Monarchistengruppe, Boris B r a s u 1, ist hier eingetroffen, um beim Staatssekretär Hughes für die Nichtanerkennung der Republik im fernen Osten zu intervenieren. Brasul gehörte dein Anklagesenat gegen Mendel B e i 11 s im bekannten Ritualmordprozeß an und benützte die Gelegenheit seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten zur Gründung einer antitemitischen Organisation in Amerika. Oesterreich. Oer Wiederbeginn der partamentarischen Arbeiten. Anfangs dieser Woche werden die Ausschüsse «fes Nationalrates wieder ihre Tätigkeit aufnehmen, um für die am 17. d. AL beginnenden Plenarsitzungen das Verhandlungsmaterial vorzubereiten. Das Hauptinteresse wird sich diesmal aüf die Arbeiten des Finanzausschusses konzentrieren, der die noch ausständigen, in das große Finanzprogramm Dr. Gürtlers fallenden Steuervorlagen in kürzester Zeit erledigen soll. Vorläufig liegen ihm eine Reihe kleinerer Vorlagen, so die Warenunisatzsteuer und die Kapitalsgewinnsteuer (Börsengewinnsteuer) vor. Ucber verschiedene andere S.euerprojekte sind die Vor- Gedenket Eurer Presse! Abonnieret die „Wiener Morgenzeitung« 1 Jeder Leser muß neue Abonnenten werben! 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Im Parlament verlautet, daß die Regierung die Absicht habe, sich zur Deckung des vergrößerten Defizits aus einer Steigerung aller Tarife, Gebühren und Monopolpreise erhöhte Einnahmen zu schaffen und in zweiter Linie eine starke Steigerung der verschiedenen indirekten Steuern, vor allem der Getränkesteuer, in Vorschlag zu bringeii. Eine Erhöhung der Personen'arife um 300u/o und der Gütertarife um 153%» bei gleichzeitiger Streichung der bisher begünstigen Tarife, wurde bereits angekündigt Jetzt verlautet jedoch, daß diese Ansätze bereits überholt sind und daß die Steigerung wesentlich größer sein soll. Die Erhöhung der Post-, Telegramm- und Telephongebühren wird in einem Ausmaße erfolgen, das die Tarife der Welt parität annähernd gleichbringt Auch die Erhöhung der Preise für die staatlichen Monopolartikel, vor allem für die Erzeugnisse des Tabakmonopols, soll in ähnlicher Form erfolgen. Wesentliche Mehreinnahmen erwartet man sich von den geplanten Erhöhungen der indirekten Steuern, die besonders bei der Alkoholsteuer ein, Vielfaches der gegenwärtigen Sätze betragen werden. Unmittelbar nach Erledigung dieser 'Steuervorlagen, beziehungsweise Regierungsverordnungen, die zum Teile bekanntlich nur der Genehmigung des Hauptausschusses bedürfen, wird der Finanzausschuß an die‘Beratung des Bundesfinanzgesetzes gehen. Die Regelung der den Ländern zukommenden Steueranteile ist umso dringender, weil die finanzielle Situation der Bundesländer heute fast durchwegs eine desolate ist, und viele Länder nur mit äußerster Anstrengung ihren Haushalt fortzuführen imstande sind. Tagesbericht. Eine jüdische Helen Keller in Amerika. Aus New York wird uns geschrieben: Rosalie Loben, eine blindgeborene Jüdin, die, trotzdem sie ohne Augenlicht auf die Welt kam, alle Hindernisse, die mit der Blindheit einhergehen, rasch überwand, hat auch als Schülerin sich ausgezeichnet und ihre Studien am College um zwei Jahre früher als die normale Studienzeit es ihr gestattet hätte, mit Auszeichnung beendet. Rosalie ist das Kind russisch-jüdischer Eitern und wurde in dem Judenviertel Brorix geboren. Bezeichnend ist, daß Jhre Mutter sich der Blindheit ihres Kindes erst bewußt wurde, als sie durch einen'Anstaltsarzt darauf aufmerksam gemacht wurde, denn das Baby hatte auffallend schöne klare Augen. Nach dieser Feststellung kam die kleine Rosalie in die Pflege einer Blindenunterstützungsorganisation, wo sie bis zur Absolvierung ihrer Studien blieb. Rosalie Cohen ist eine ausgezeichnete Musikerin und beherrscht sowohl die Zither als auch Geige und Klavier und gilt ganz besonders auf dem letzterwähnten Instrument als Meisterin. Dazu kommt noch ihre außerordentliche Geschicklichkeit in Skulpturabeiten und in der Korbflechterei, wovon ihre Spezialausstellung im Blindenheim in Brooklyn Zeugnis ablegt. Aber ebenso geschätzt ist Rosalia Cohen als Köchin und Stickerin und — was das Merkwürdigste ist — sie ist auch als Tänzeritn eine vielbegehrte Partnerin. Für ihre Schularbeiten benützte sie die Schreibmaschine. Rosalie Cohen, die heute erst 15 Jahre alt ist, erzählt mit Stolz die Episode ihres Lebens im Blindenheim, bei welcher sie ihre Geistesgegenwart und einen wahren Heldenmut zu beweisen Gelegenheit hatte. Es war während einer Unterrichtsstunde, als Im Heim plötzlich ein Feuer ausbrach und der übrigei Schülerinnen sich eine große Panik bemächtigte, die leicht das größte Unglück hätte herbeifu'.^n können. Rosalie Cohen verlor ihre Geistesgegenwart m. s^ndrr* brachte die blinden Kinder unter , beruhigenden Worten in Sicherheit und erst dann verließ sie selbst den Lehrsaal. Ihre Dankbarkeit füf den Unterricht und die Pflege, die sie in dem Blindenheim genoß, bekundet Rosalie Cohen damit, daß si« es sich*zur Lebensaufgabe macht, selbst als Blindenlehrerin ihren Schicksalsgenossen nützlich zu werde» Eisenbahnunglück auf der Ostbahn. Eine Lokomotive zertrümmert die Stirnwand de$ Bahnhofes. Heute früh hat sich auf der Ostbahn ein schwerer Unfall ereignet, der glücklicherweise kein Menschenopfer forderte. Als heute früh der B u d a p e s t e r S c h n e 11z u g in den Ostbahnhof einfuhr, fiel es auf, daß er schon Im Bereiche des Bahnhofgebäudes seine Geschwindigkeit nicht, wie vorgeschrieben, verminderte. Man sah voraus, daß er beim Prellbock nicht stehen bleiben werde; tatsächlich überfuhr der Zug den Prellbock. Ein Spittern und Krachen wurde hörbar und die Lokomotive fuhr über den Prellbock hinaus und bis zur Stirnwand der Bahnhof halle, die sie durchbrach, Mauerwerk und Ziegel fielen krachend auf die Straße und es schien, als ob die Lokomotive von der Höhe der Halle auf den Platz vor dem Bahnhofe In den Maria-Josefa-Park hinunterfallen wollte. Zum Glück blieb sie knapp eln£n Millimeter vor dem Absturz stehen. Dadurch war ein schweres Unglück abgewendet, da die Lokomotive unfehlbar noch einige der dicht besetzten Waggons mitgezogen hätte. Der bauliche Schade ist sehr groß. Der Zug, dem das Unglück zustieß, ist der Bukarests D-Zug Nr. HO. Er kam um 6 Uhr 23 Minuten früh im Ostbahnhof an und war von 32 Reisenden besetzt. Beim Einfahren des Zuges versagte die Westinghouse-Bremse, und die Lokomotive überfuhr« den statt eines Prellbockes an der Stirnwand errichteten Sandhaufen. Die Reisenden hatten von der Gefahr, in der sie geschwebt, gar nichts wahrgenommen und das Ueberfahren des Sandhaufens nur als unvermeidlichen Stoß beim Anhalten empfunden. Die Lokomotive schleppte den ersten Teil des Zuges über den etwa fünf Meter breiten Perron hinaus und kan; bis an die meist aus Glasfenstefa bestehende Stirnwand. Diese wurde zertrümmert, und. die Lokomotive, die mit den Hinterrädern im Sandhaufen stecken geblieben war, ragte mit den Vorderrädern über die Stirnwand in den etwa l‘/9 Meter tief unter der Halle liegenden Vorpark hinaus. So blieb sie auch stecken. Die Passagiere stiegen aus und erfuhren erst dann von dem Unfall. Verletzt wurde niemand. Der gleiche Unfall hat sich im Ostbahnhof an der nämlichen Seile schon viermal ereignet, zuletzt am 15. Jänner 1918, als ein von zwei Lokomotiven gezogener Urlauberzug den Prellbock überfuhr und die Labestation demolierte. Damals wurde ein Soldat getötet, vier Soldaten wurden verletzt Die Erhöhung der Spielabgabe bevorstehend. Die Organisationen der Kriegsbeschädigten sind an das Bundesministerium für soziale Verwaltung mit der Forderung herangetreten, die Sptelabgabe für das Jahr 1922 zu erhöhen, da das Erträgnis des abgelaufenen Jahres in der Höhe von zwölf Millionen als nicht zufriedenstellend bezeichnet wird. Die Entscheidung wird seitens des Ministeriums bald fallen; es dürfte voraussichtlich eine 100- bis 300%ige Erhöhung der Spielabgabe eintreten. 1 Ein hoffnungsvoller Bursche. Dem Kaufmann Lindenbaum, Franz - Hoch- Edlingergasse 4 wohnhaft, hatte am 29. v. M. sein Lehrling, der 16jährige Franz Schlifellner jun., einen Handwagen mit zwei Kisten Teigwaren und einer Kiste Gries im Werte von K 150.000, die er von einer Firma in Ottaßring abzuholen hatte, veruntreut. Am 2. d. M. früh wurde er im Massenquartier, Althanstraße 29, verhaftet Er wur^e überwiesen, den Handwagen samt der Ware durch Vermittlung des 27jähr;gen Hilfsarbeiters Franz W a n e k, III., Kuhngasse 14, und des 25jährigen Mechanikers Franz Wagner, dem 60jährigen Gastwirt Johann Stürzer, XX* Pappenheimstraße 6, verkauft zu haben. Dieser hat einen Teil der Waren in Wien verkauft, den Wagen selbst mit dem anderen Teil der Waren nach Stammersdorf zu einem .bekannten Wirtschaftsbesitzer geführt, wo alles noch vorgefunden wurde. Schlifellner jun.» Wanek und Wagner, die gleichfalls verhaftet wurden^ wurden dem Landesgericht. eingeliefert _ * Verhaftete Millioneneinbrecher. Wegen mehrere* größerer Einbrüche in Stoffgeschäften wurden am Sonntag der 28jährige, unterstandslose Htltsarbeiter Franz Henesch und der 25jährige Wehrmann der Brigadeartillerie-Abteilung, Markus Mallinowsky, Brigittagasse 5, dem Landesgerichte eingeliefert Henesch hat in der Nacht zum 1L v. M. das Geschäfte der Tuqhwarenfirma Richter# Goller, Obere Donau Straße, 4, vom Keller aus erbrochen, vier Ballen Stoffe Im Werte von 595.000 Kronen gestohlen. Gleichfalls vom Keller aus hat er in. der Nacht zum 26. Dezember das Konfektionsgeschäft Jakob S e i d l e r, Wasnergasse 17, erbrochen und Leinwand im Werte von K 633.650 gestohlen. Er erscheint ferner dringend verdächtig, in der Nacht zum 23. Dezember das Konfektionsgeschäft des Samuel Lauft e r, Jägerstraße 21, erbrochen und Stoffe im Werte von K 780.000 gestohlen zu haben. Mallinowsky ist der Mittäterschaft verdächtig. Der unterschätzte Schaden. Am 11. v. M. wurde der 26jährige Fleischhauergehilfe Rudolf Panzer im IX. Bezirk unter dem Verdachte verhaftet, tagsvorher aus den Schlafräumen der Spinnerei in Felixdorf 10 Leintücher