Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1057 (8.1.1922)
- Date
- 1922-01-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag WIENER M0RGEN2EITUNQ 8. Jänner 1922 Seite 3 Nr. 1687 Tagesbericht. Jeder bewußte Jude kennt die Bedeutung der „Wiener Morgenzeitung“ .für das jüdische Volk. Er weiß, daß dieses Preßorgän für die zionistische Bewegung» für . den Kampf um das gleiche Recht d e s j ü d isehen Bürgers im Staate, für; das; jüdische Kultur werk, aber auch für das dringende Werk der Versöhnung v«n Volk zu Volk unentbehrlich geworden ist Die gesamte Österreich; s c h e Tage 8. presse ist durch die ungeheure; Verteuerung der Materialpreise, durch das' gewaltige Steigen der Löhne in eine Krise geraten. Am schwersten'1 sind jene Blätter, betroffen,, die, wie die „Wiener Morgenzeitung“, nicht vom Großk-a p i t aj erhalten oder gestützt werden. Eine stets wachsende Abonnentenzahl muß diesem einzigen jüdischen Tagblatt in deutscher Sprache über die furchtbare Krise hinweghelfen. Jeder bewußte Jude,/vor allem jeder organisierte Zionist, mache es sich zur Pflicht, noch in diesem Monate der „Wiener Morgenzeitung“ mindestens einen Ab önnent e n zuzuführen. Die Ueberlegung, welcher unersetzliche Schaden unserem Volke erwachsen würde, wenn die „Wiener Morgenzeitung“ ihr Erscheinen e i n s t e 11 e n müßte, wird alle unsere Leser und . Freunde veranlassen, mit voller Tatkraft für die Erhaltung und Verbreitung unseres Blattes zu wirken. > - Für den Notstandsfonds der Kultusgemeiride. Große Spenden durch die „Wiener Morgenzeitung*. Von der Firma Brüder Klein (Schuhfabrik „Beka*) in Mödling sind der „Wiener Morgenzeitung“ für den Notstandsfonds der Wiener Kultusgemeinde K 100:000 Überwiesen worden. Ebenso hat die Firma Pollaczek, F u n k & Grünhut, L, Vorlaufstraße, K 50.000 als Ergebnis einer Sammlung unserer Verwaltung für denselben Zweck übermittelt. Baldur oder Christus? Arierparagraph und Bibel. Der Mündm-er Kellner, der eine KircWenpredigt über die Wunder Christi mit der skeptischen Frage störte: »Was kann Christus uns helfen, dia er doch selbst ein'Jude wart« hat Schjile'gemacht. Nicht Uuir unter den sd?liebten Mandern aus, dem Volke,’ sondern an ah in dem Kreisen der Hoch intelligent beginnen sich die Folgen zu zeigen, die der christliebe Ki-rohenantisemitisrrmus, diese' paradoxe Stellungnahme einer Priesterfoaste gegen die Rasse, ihres Glaubens-Stifters, zeitigen mußte. Wir finden fol- -gende Bekenratn-iis worte, aus Studemtenkreisen in der »Freiburger Tagespost«: »Am neuen Werk ist ein neues Geschlecht, .das wieder,an den Sonnenglauben der Väter amknüipft,.der deutschen Väter, und es ablehmt, sich von dem ersten jüdischen Defaitisten (gemeint ist euer Christus) Vorschriften machen zu lassen! Unser deutscher Bismarck steht ums zu hoch-, weltenhoch über jedem internationalen Juden —heiße er nun Professor Kantorowicz oder Jesus von Nazareth!« Man kann sich den Schmerz dier katholischen Presse vorstellen, daß Bismarck, der Präger des kühnen Wortes »Wir gehen nicht nach Canossa!« über Christus und dieser in eine Linie mit einem Jüdischen Professor gestellt wind. Und doch , war gar nicht viel Voraussicht nötig, um diese Folgen der Juden hetze zu ahnen. Den reichsdeutschen Ultramontanen muß man immerhin diese Voraussicht in höherem Grade zubiljigen als ihren österreichischen Gesinnungsgenossen. Denn das deutsche Zentrum hart den Antisemitismus, mit dem unsere Christiicbsozialen bedenkenlos Geschäfte gemacht haben, offiziell immer abgelehnt. In der Praxis hat freilich auch der reichsdeutsche Klerus nichtimmer der Versuchung widerstehen können^ die Sti-m- .miungsko-njunktur gegen eine Konkurrenz-Religion auszunützen und an einem von alldeutscher Seite veranstalteten Diskussionsobend . über die Stellung der christlichen Kirchen zum Judentum hat. auch rer katholische Referent, ein Benediktiner, .wacker ins. an ti'setn itische Hom geblasen und das Alte /Testame.nt als ein dem deutschen Empfinden.gan-z wesensfremdes Werk hingestellL In Wirklichkeit Hat,aber die katholische Theologie gerade dem .Alten, Testament stets das wärmste Interesse entgegen gebracht tincb zufällig ist erst in diesen Tagen ein Wenk, erschienen, das beweist, wie wenig dieser Sympathie die. Ungunst vom demagogischen Tagesiströmumgeu anzuhaben vermag. Besagtes Werk ist: , »Die h e i 1 i g e n. S c h r i f t e n* d e s Alten Bundes, aus, dem kritisch wiederhergesteUten hebräischen Urtext übersetzt und kurz erläutert.vou Dr, Nivard Schlögl, O. Cis.L, o.-ö. Professor an der Wiener; Universität. Erster Band (Pentateuch, Josua, Richter, Samuel, Rüth). Mit zwei A b b i ldüngen deshe! 1 igen Zeltes.« Und sogar der » Reich-spost «-F euill et an ist Dt. Richard IC r a 1 i k bat an dieser Arbeit nur des au&z-u setzen, daß statt Moses: Mosche, Matt Methusalem Methu sehe.lach in der mm Gedenket Eurer Presse 1 Abonnieret die „Wiener Mörgenseitimg“ I Jeder Leser muß neue Abonnenten werben! Wenn jeder hur einen Abonnenten gewinnt, stärkt er das einzige jüdische Blatt Oesterreichs, unsere stärkste Waffe gegen eine feindliche Uebermacht Die „Wiener Morgenzeitung" kostet für Wien monatl. K 1030. (Bezugspreise für das Ausland am Kopf des Blattes ersichtlich) Uebersetzung beiibeh alten erscheint. Und ex glaubt, ■ daß einzig und allein die Wiederherstellung der »gebräuchlichen« Namen genügt, um. das Werne »•deutscher« erscheinen zu lassen und weniger 'irdisch. Herr K r a 1 ilk scheint also das Alte Testament seiner deutschen Seele doch nicht gar so wesensfremd zu empfinden, wie es angeblich der Münchner Benediktiner tut. Der »Reichispost«- Eühiker hält bloß die Verschleierung des fatalen Umstandes, daß die heilige Schrift eben eine »Judenmache« ist, für opportun. Indessen zeigt das Beispiel des Münchener Kellners und der Freiburger Studenten, wie wenig praktischen Wert eine solche Verschleierung heute noch hat. In - Deutschland alerdings noch weniger als bei uns. Aber auch hierzulande kämm die Denkfaulheit des Volkes nicht ungestraft auf die Dauer so starkem Be las l um gsp rohen ausgesetzt werden, wie sie ihr die demagogische Verlogenheit der Cbriotlichsozialen täglich zumutet. Auch in' den . österreichischen Gehirnen werden sich die Gesetze der Logik schließlich zur Geltung bringen. Und dann wird sich das Volk zur Entscheidung gedrängt fühlen: für den Eassehkam-pf gegen den .Semätismus in jeder Form, also .auch in der des Christusglauibens, oder für die sittlichen Offenbarungen des semitischen »D'ebaitismu's« gegen den hirm- und Wut-- gdiamdericheni Rassemikampf. Wehe denen, die sieh .dann zwischen den beiden feindlich aufeinaouderprallen-den Extremen gelagert finden, um von beiden zu -profitieren! Sie werden zu B-rei zermialimt werden! Ausschneiden und einschichen! Ich abonniere die „Wiener Morgenzeitung* Monatlich und wüns. ö__.._ _ die Zustellung durch die Trank durch die Post... ......._ Unterschrift . Adresse:. .. -— -1 Ein französischer Horthy-Roman« Jerome und Jean Tharaud: „Wenn Israel König ist!* Die Budapest er Machthaber begnügen ’ sich nicht damit, den käuflichen Teil der französischenr Presse in ihrem Kampfe gegen das Judentum zu mobilisieren, sie lassen auch auf BesteLumg Romane schreiben, welche der Rechtfertigung, utn-d Verherrlichung ihrer am den Juden verübtem Mordtaten dienen Derzeit -wird , im Paris für einen R-om-am der Brüden Tharaud, welche sich schon früher in ihren Werken »Im Schatten des Kreutz es« und »Gotfeesrcic/b« mit der Judenfrage befaßten, viel Reklame gemacht. Er heißt »Quand Israel est roi«, spielt sich im Rahmen der Naebkriegsereigmisse in Budapest ab und verrät in jeder Zeile,, daß der Stoff und die D-etaidis aus der Kanzlei der »Erwachenden Umgarn« stammen. Der Pariser >T e nt p s«,» welcher den Ho-rthy-Leuten sonst keim Feind »ist und für die Juden herzlich wenig übrig hart, widmet dem verlogenem Machwerk seine Aufmerksamkeit, und sein literarischer Referent Paul So-uday nimmt in emergicher Weise gegen dem Mißbrauch der französischen Literatur im Dienste der HotrtEiy-Banditem energisch Stellung. , Die Verwürfe, die er dem Autoren wegen ilirer im Werke bekundeten Sympathie für Bismarck und den Grafen Tisza macht, sind für ums nur so .weit v-om Intere-sse, als , sie die reaktionär-feudale Gcrininrung der Tharauds erkenn es» lassen. Graf Karolyi findet bei ihnen die schlechteste Aufnahme. Sie geben sein aus den» ungarischen Regierungsblättern wohlbekannte v veizenrtes Bild, das ihn als bösartigen, wirrkp-pfigen; Abenteurer darstell't, wieder. Sie scheuen sich' nicht, auf Katrolyis Sprachfehler amispi elend/ zum Bibel zu greifen: »Trauet nicht den GezeichnetemU Sauday läßt hier ein beredtes PHaidoyer erklingen, ' worin er dem Grafen Karolyi im Namen, der Freiheit, des Rechts und der Demokratie (daß die Fran-, zosen dieser großen Worte nie müde werden!) umd -— last not least — seiner alten Entemtefreuimdischaft halber in Schuifez nimmt. Ein neues französisches Buch, das vor* Bismarck freundlich', von Tisza begeistert umd' von Karolyi feindselig spricht! Döph das ist n-ur unwesentliches Beiwerk. Bald gehen die Herren T.baraud zum »triumphirenden Judentum« über-. Sie s-ind in ihrer Erzählung bei dem kammumis-tischeu Umsturz vom 21. Klärt iq 19 angelangt. Lassen wir raun Heran Sou-day sprechen: »Wft -kommen jetzt dorthin, wo map gewöhnt« lieh die Juden ins Spiel zieht. Die Herren Thamau cf haben bereits Karolyi vorgeworfen, daß er sidhmit Juden, Radikalen, Intellektuellem und Freimaurern' umgeben hat. S-ie bemühen sieh, jetzt fe&tzms.telleny, daß der bolschewilki-sche Umsturz in Budapest im. Jahre 1919 ein Werk der Juden war und daß der*. Bolschewismus, seinem Wesen nach, , Überhang, jü-d/seh ist. Es ist wahr, daß Bela Kum J-ude ist, d-ocli; Lenin ist keiner; er ist reinrassiger Russe./Es isi. wahr, daß- Karl Marx, auf den sich die Bolschewiken, mit Recht oder Unrecht, berufen, Jude (g^ naiver Halbjude) war. Aber Babeuf war kein.cn Die. Herren Tharaud behaupten, daß der Bolschewismus eine Form des Messias-glaiubens, ein Mittel zur Sicherung der Herrschaft Israels sei und dem Geiste der Propheten und Rabbiner — zwischen! denen sie keinen Unterschied machen — entspringt. Nun, es ist wahr, daß die, Propheten die Gerech*? tigkeit und Gleichheit mit revolutionärer^ Herbheitz » predigten, aber sie setzten sich dam-it"in Gegensatz! zum rabbi-ni sehen und ta Im udi st Ischen Geiste. Der Kampf zwischen den beiden Tendenzen, von denen die zweite rein.konservativen Gharakter trägt, füllt! die Geschichte, des- Volkes Israel ans, wie wir -das aus R e n a u ersehen können. Die Herren Tharaud geben, zu, daß die Mehrzahl der ungarischen Glaubensgenossen Bela Koitus /s-eane überspannte und arm-selige Politik verurteilten. , Es i-st gewiß unwahr, -daß alle Juden Demagogen sind, wenn es auch au jeder Zeit und in jedem Lande, solche gibt. Doch weder der Cleon des Aristophan-esij' ‘ noch d-ie Gracchen in Rom waren Juden. Sogar Renan schreibt diie Vaterschaft der Ideen der,Gleichheit und Gerechtigkeit — .die nicht notgedrungen;/, Demagogie erzeugen müssen — allzu einseitig den!-: Propheten der Bibel zu. Die grieehischdateimischc! > Antike hat diese Ideen auch gekannt. Es ist, nichts, leichter, als den Bolschewismus .zur Fordenirng-der’ antisemitischen Leidenschaft zu benützen., Dos ge-. schab auch in Ungarn während des weißen Terrors* der dem roten an Wildheit kaum pachstand, .E-s ist . aber ein Irrtum und eine Ungerechtigkeit, -die ans Verbrecherische grenzt.« ■ •, Soweit »Le Tempis«. Wir kennen den Geist defaus dem Buche der Than-au^' spricht. Wir kennen., das dunkle Milieu, dem es entsprang. Wir verstehen, a-uch die - überraschende Zärtlichkeit, mit der Bismarck und Tisza in diesem »französischen« Buch? behandelt werden. Alle Details sprechen dafür, daß , zwischen den Herren Tharaud und den Pariser ungarischen Propagandak-reisen engere geistige(?) Beziehungen bestehen. Horthy-Ungarn begnügt sich nicht damit, die wehrlosen Juden Ungarns zu miß-" handeln. Es läßt sich angelegen sein, seine Verbrechen durch gefügige »Poeten« des Auslandes, rechtfertigen zu lassen. , H. D. - Die Erhöhung des Straßenbahntarifs* Eine Fahrt 60 Kronen. Wie wir erfahren, soll die Preiserhöhung der Straßen-; bahn auf K 60 am 19. d. M. in Kraft treten. Die Erhöhung wird am Donnerstag im Gemeinderat beschlossen werden. Der Straßenbahnfahrpreis soll stufenweise erhöht werden. In drei bis vier Wochen wird man aus den Berechnungen der aus dem neuen Kollektivvertrag ergießenden Ausgaben und sonstigen höheren Betriebskosten erkennen, um wieviel die Preise weiter erhöht werden müssen. ohne und mit Hahn tief unter Fabrikspreis größeres Quantum % Tecfcn. ü. e!e!eidrote£hn. Unternehmung Wien, III.', Dapontegasse 10 r/rKAM, AK*“ U /