Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1051 (2.1.1922)
- Date
- 1922-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Montag _ Rundschau. Geänderter französischer Kurs gegenüber Sowjetrußland. Eine charakteristische Aeußerung des „Temps“. Paris, 1, Jänner. Der „Temps“ erklärt in einem Artikel über das Konsortium für Rußland und die Handelsbeziehungen mit Rußland: Wie schon mehr alsein Zeuge dargelegt hat, steht hinter dem bolschewikischen Regime das neu e Rußland, das sich während dieser letzten Jahre der Leiden gebildet hat und das früher o er später seinen Platz in der Welt fordern wird. Die Sowjetregierung ist — welche Verbrechen auch immer ihr zur Last fallen — doch die einzige Autorität, die gegenwärtig eine nationale russische Politik* betreiben könnte. In dem Maße,, wie sie diese Politi kmacht, wie sie die Unabhängigkeit der Nation gegen die Eifersüchteleien oder die Feindseligkeiten des Auslandes aufrecht erhält, spricht sie im Namen des ganzen russischen Volkes und ihre Ansprüche dürfen von keinem der Völker, die Freunde des künftigen Rußland sein wollen, geringgeschätzt oder verkannt werden. / Unser Wunsch ist es, daß man nicht darangehe, ihr auf diesem Gebiet eine Schlacht zu liefern. Wir glauben nicht, daß sich Franzosen irgendeinem finanziellen oder anderen Versuch anschließen könnten, der zum Ziele hätte, die russische Nation unter Vormundschaft zu setzen oder ihre Zukunft zu verstümmeln. Die Orientkonferenz in Paris. London, 1. Jänner. Wie das Reutersche Bureau erfährt, werde die Konferenz der Minister des Aeußern über den Orient in Paris nach der Konferenz von Cannes zusammentreten. Die Verteilung der Kabel. Washington, 1. Jänner. (Reuter.) Die Delegierten der fünf Großmächte und Hollands haben' ein Uebereinkommen getroffen, wonach das Kabel Vap—Guam den Vereinigten Staaten von Amerika, das Kabel Vap—8 changhaiJapan und das Kabel Yap— Menado Holland zugesprochen wird. Das französische Budget. Paris, 2. Jänner. (TeI.-Komp.) Senat und Kammer haben nach einer Nachtsitzung am Neujahrsvormittag das Budget für 1922 angenommen. Da nach der Verfassung die Abstimmung vor Mitternacht des 31. Dezember beendet sein muß, zeigten die offiziellen Saaluhren bis zur letzten Stunde der Sitzung 11 Uhr 45 Minuten nachts. Der Senatspräsident hatte die Uhren anhalten lassen und somit das alte Jahr gestreckt Der deutsche Eisenbahnerstreik. Berlin, 1. Jänner. (Privat) Der sogenannte Ausgleich in der Eisenbahnerfrage ist praktisch vorläufig ohne Folgen geblieben. Unter der Arbeiterschaft hat eine großzügige Propaganda eingesetzt das Abkommen als durchaus unbefriedigend abzulehnen, infolgedessen kann von einer Wiederaufnahme der Arbeit noch nicht gesprochen werden. v Berlin, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Der Eisenbahnerstreik hat mit den Samstag beendigten Einigungsverhandlungen seinen Abschluß noch nicht erreicht Die Funktionärversammlungen, die über die endgültige Annahme des Einigungsbeschlusses abzustimmen hatten, tagten gestern bis in die späten Abendstunden, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß der Beschluß auf Wiederaufnahme der Arbeit am Montag früh lauten wird, Einigung. Berlin, 2. Jänner. (Wolff.) Zwischen dem Deutschen Eisenbahnerverband, der Gewerkschaft deutscher Eisenbahner und Staatsbediensteten, dem Allgemeinen Eisenbahnerverband und dem Reichsverkehrsminister ist es zu Vereinbarungen gekommen. Die indische Bewegung. Ahnadabad, 31. Dezember. (Reuter.) Bei der Eröffnung der diesjährigen Tagung der indischen Liga der Muselmanen kündigte der Vorsitzende die Ausrufung der Republik der Vereinigten Staaten von Indien für den 1. Jänner 1922 an und trat für eine rege Fortführung der gegenwärtigen Bewegung bis zur Befreiung aller Hindu-Gebiete von der Fremdherrschaft ein. Rumäniens Schulden. Bukarest, 31. Dezember. (Orient-Radio.) Nach «fner vom Finanzministerium veröffentlichten Statistik betrug die rumänische öffentliche Schuld am 1. April 1921 20.311,292.311 Lei. Feierliche Uebergabe Oedenburgs an Ungarn. Budapest, 1. Jänner. Das Ung. Tel.-Korr.-Bur. meldet aus Oedenburg: Heute fand die festliche Ueber- WlEN'ER MÖRGENZEtTUNÖ gäbe der Stadt Oedenburg und Umgebung an Ungarn seitens der interalliierten Generalskommission statt Ministerpräsident Benesch für ein wirtschaftlich geeintes Zentraleuropa. Prag, 1. Jänner. Ueber die wirtschaftlichen Grundlagen der äußeren Politik schreibt Ministerp r ä s i d e n t Dr. Benesch in einem Leitartikel der „Tribun a“: Die Politik der kleinen Entente wurde ursprünglich von der Oeffentlichkeit ausschließlich politisch aufgefaßt. Dies war ein Irrtum! Schon die Stellung des tschechoslowakischen Staates, seine wirtschaftliche Struktur in bezug auf die Mitglieder der klei :en Entente zeigt, daß sich dieses, Verhältnis politisch nicht formulieren läßt. Uebrigens ist das Problem Zentraleuropas, dessen Lösung durch die Konstituierung der kleinen Entente eben begonnen hat, besonders auch die wirtschaftliche Kultur und jede internationale politische Organisation, von großer' wirtschaftlicher Tragweite. Heute treten wir in ein Stadium, dessen sich auch die Oeffentlichkeit bewußt ist, und es unterliegt keinem Zweifel, daß gerade unsere Mitarbeit mit Jugoslawien und Rumänien für eine wirtschaftliche Reorganisation von Zentraleuropa in dessen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen die Grundlage bildet. Man darf ferner nicht vergessen, daß auch dem politischen Uebereinkommen mit Polen und Oesterreich de facto wirtschaftliche Uebereinkommen vorausgegangen waren und daß durch die politischen Uebereinkommen gerade die wirtschaftlichen Verhandlungen verstärkt und ergänzt wurden. Das Ziel unserer auswärtigen Politik muß die Harmonie zwischen den wirtschaftlichen, politischen, moralischen und kulturellen Interessen sein. Die Zukunft der Slowakai. Prag, 1. Jänner. Im Preßburger „Slovensky Dennik“ faßt der Ministerpräsident in einem Artikel die Lage der Slowakei in zwei Fragen zusammen•* Ist die Freiheit der Slowakei gesichert? Nach < en letzten Begebenheiten in Ungarn, die/ durch die Habsburger hervorgerufen wurden, könne man von neuem sagen, die Slowakei sei in ihrer Integrität fest und sic he r. An ihrer Lage ändere sich nichts und könne sich auch nichts ändern, nicht nur weil die Ungarn als Staat ohnmächtig' seien und ohnmächtig auf lange Zeit bleiben werden. Die ganze internationale Welt wisse bereits, daß die Slowakei ein integrierender Bestandteil der Tschechoslowakei bleiben müsse, was für die Gegenwart unbedingt entscheidend sei. Die zweite Frage sei nicht weniger wichtig, was nämlich in der Zukunft mit der Slowakei sein werde. Das Schicksal der Slowakei liege vollständig in der Hand der Republik, vor allem aber bei den Slowaken selbst Die Verteilung der österreichisch-ungarischen Staatsschuld. Paris, ZI. Dezember. (Havas.) Die Reparationskommission veröffentlicht folgende Bekanntmachung: Bekanntlich haben die Friedensverträge von St. Gennain und Trianon vorgeschrieben, daß eine Verkeilung der ehemaligen österreichisch-ungarischen Staatsschuld unter die Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen . Monarchie stattfini'en soll. Zu diesem Zwecke hat die Reparationskommission an alle Staaten (je Liste der zu sammelnden ur.d zu zeichnenden Papiere übersandt. Ihre Inhaber werden aufgefordert, sie den betreffenden Staaten vorzulegen. Der österreichische Geschäftsträger in Washington. Washington, 1. Jänner. Der interimistische Geschäftsträger der österreichischen Gesandtschaft in Washington, Legationsrat P r o c h n i k, hat dieser Tage dem Staatssekretär der Vereinigten Staaten von Amerika sein Akkreditive überreicht Die Gesa dtschaft in Washing on hat somit ihre Tätigkeit begonnen, wodurch die Zuteilung Prochniks zu der bisher mit dem Schutze der österreichischen Interessen betraut gewesenen königlich schwedischen Gesandtschaft ihr Ende findet Tunnelelnsturz. Paris, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Der Tunnel zwischen den Stationen Plombteres und Isle-sur-le-Deube auf der Linie Besan$on-Belfort ist auf einer Strecke von 30 Metern eingestürzt Der Einsturz erfolgte in dem Augenblick, als der Expreß Lyon—Straßburg in den Tunnel Einfahren wollte. Es gelang dem Lokomotivführer, noch rechtzeitig den Zug zum Halten zu bringen, so daß ein Unglück verhindert werden konnte. Auswanderungsverbot aus Irland. London, 2. Jänner. (Wolff.) Einer Meldung aus Cork zufolge hat die Sinnfeiner-Regierung ein Dekret veröffentlicht, wonach die Auswanderung nach Amerika verboten wird. ^.-.^r Penrose gestorben. Paris, 2. Jänner.' (Havas.) Wie der „Chicago Tribüne“ aus Washington gemeldet wird, ist der republikanische Senator Penrose nach langer Krankheit gestorben __ 2:jannefi922~_ NE IM" Tagesbericht. Gestempelte Krone -- —.11 Centimes. Auszahlung Wien - —.19 Centimes* In Zürich notierte: die österreichische Krone —.19 (—.19 am 31, Dezember) die österr. gest. Krone . . —.11 (—.11 am 31. Dezember) die tschechische Krone. . 7.25 ( 7.60 am 31. Dezember) die Mark. . 2.77 ( 2.82 am 31. Dezember) Agram .. 1.90 ( 1.90 am 31. Dezember) Bukarest.. (-.- am 31. Dezember). Budapest ....... -.82 (-.85 am 31. Dezember)' Warschau ....... -.17 (-.17 am 31. Dezember) Das Martyrium der jüdischen Schüler. In der in Breslau erscheinenden »Jüdisch* liberalen Zeitung« schreibt Rabbiner Dr. Beurens, Göttingen, über das Martyrium 1er jüdische?* Schüler uin-d Schülerinnen in den meisten deutsche« Schulen u. a. wie folgt: i »Im Grunde ist das ja gar nicht neu. Wer dem letzten Men.schenalter eine deutsche. Schule besucht hat» weiß davon zu erzählen. Alle Faiktorert erweisen sich im wesentlichen als machtlos. Selbst ei me vorurteilslose Leitung tenm dieser Sdhiamge ■den Giftzahn nicht ausbrechen. Es genügt j^; in den Klasse, im Unterricht, auf gemeinsamen Spaziergängen ein Wort, eine Gebärde, eine harmlose Bemerkung, um Kränkung, auf Kränkung auf das jugendliche Herz zu häufen, um eine Verbitterung zu erzeugen, eine Stimmung zu erwecken, die die Erwachsenen kaum in ihrem vollen Ausmaß würdigen und nachempfinden können. Daß die Klassen sich vollzählig absondern von den jüdischen Karne-, raden, ist etwa-s Alltägliches geworden. Das sind; Eindrücke,'die in der Jugend haften und das Weltbild, das doch nun einmal in der Kindheit in seinen!, ersten Konturen sichtbar wird, unverlierbar be-» stimmt. Es ist schmerzlich.,zu denken, daß die natürlichsten und fröhlichsten Stunden unserer jüngererf Generationen . vor der Zeit mit diesem Wermutstropfen getränkt werden. Die Harmlosigkeit hat aufgehört. Die jüdischen Schüler sind geächtet und verfemt und müssen es sich; gefallen lassen, daß sie auf Schritt und Tritt wegen ihrer Abstammung, ihres Namens, ihres Glaubens gehöhnt und ge-, hänselt werden. Wohl niemals ist ein Schülergeschlecht so brutal, so ungerecht, so unduldsam und so wenig anpassungsfähig gewesen wie das unserer. Zeit. Ein Lehrerkollegium, das völlig homogen in sich, den Antisemitismus energisch bekämpft und ablehnt, gibt es kaum noch in deutschen Landen. Was könnten diese Männer für das Gemeinwohl, für die Verständigung der einzelnen Bevölkerungsklassea leisten, wenn, sie nur wollten, wenn sie die' Einsicht gewännen' in die.Notwendigkeit ihrer erzieherischen Arbeit, die der Zukunft des Vaterlandes gehören müßte. Die wenigen Gutgesinnten werden nicht beachtet und dringen mit ihrer Mahnung nicht durch. Es ist ohnehin ein bitteres Geschäft, gegen den Strom schwimmen zu wollen. Die allgemeine Stimmung, besonders in der Gebildetenschicht* ist aber für den Antisemitismus einmal aus hergebrachter Gewohnheit, sodann aber infolge der Einflußnahme der Presse und der Literatur. Auf seine Autoren schwört mvn. denn die müssen es ja wissen. Eigenes Urteil und eigene Erfahrung ainzuritfen, lehnt mam einmütig ab. Wir halben in den Kreisen, besonders der höherem Lehrerschaft, zu wenig Volksmäniner tuniö ziu viel Weltfremdheit und Eigenbrödelei. Es Ist eine ■nicht zu ohaxakterhierende Ungerechtigkeit, die unserer jüdischen Jugend stillschweigend geschieht Alle Erlässe von den höheren Stellen,, alle parlamentarischen Erörterungen, bringen uns nicht ■ vorwärts, dem sie werden nicht beachtet* Wo sind die führenden Geister, die einmal mi$ aller Einsetzung ihrer Persönlichkeit den Finger in die Wunde legen würden?; Wo ist die vielberufene Wirksamkeit der Religion, die dieses gerneimgefähr- , liehe Spiel, dieses hinterhältig« Treibern Öffentlichl brandmaarken und verurteilen würde? Wir wollen! doch, meine ich, .pflichtgemäß zufriedene Staatsbürger erziehen und nicht Männer; und Frauen heranbilden, dieschon auf der Schulbank dem tief ein Stachel der Verärgerung in ihrer Seele empfinden. Wir dürfen nicht dulden., daß'die Freiheit der deutschen Republik in diesem Maße besudelt, in den Staiub gezogen wird. Wie soll der deutsche Name seinen alten Klang draiüßen m der Welt behalten, venu so-kurzsichtig wertvolles Gült zertreten wird? An der Tatsache, daß unsere Jugend ein schweres Martyrium erduldet, können wir. zu unserem Leidwesen nicht deuteln und nicht rütteln.« - 80-Kronen-Tarif auf der Straßenbahn? Wie der „Morgen“ berichtet, haben die Angestellten der städtischen Straßenbahnen, und zwar sowohl die Schaffner, und Mötorführer als auch Werkstätten- und Streckenarbeiter, den Kollektivvertrag mit der Gemeinde Wien gekündigt und verlangen Verhandlungen für einen neuen Vertrag mit wesentlich höheren Lohn* Sätzen als bisher. Unter solchen Umständen ist der Plan, den Straßenbahntarif von K 30 auf K 50 hinvfzusetzen, hinfällig und gegenstandslos geworden, da die neuen Forderungen der Straßenbahner einen bedeutend höheren Tarif erforderlich machen werden. Ma : spreche in unterrichteten Kreisen davon, daß innerhalb wenigen Tagen ein Straßenbahntarif von siebzig bis achtzig Kronen eingeführt I werden wird.