Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1050 (1.1.1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4_ Wien, Sonntag Antike und künstlerische 134 Wien, Seilerstätte Nr, 3 (Palais Coburg) Wiener AUtagssitten und der soziale N Sinn. Die Mc-de ' des smeialen Sternes ist in Wien fewa-r eigentlich scfwo »passe«. Aber es ist doch so viel ds/vom zurückgeblieben, daß man sich (nicht gerne der unsozialen Denkweise zeihen läßt» Trotzdem beweist jede Fahrt mit der Sttraßenlhaihm, jeder Spaziergang durch beleibte Straßen, jeder Aufenthalt in Räumen mit großem Personenverkehr, daß man bei ums noch nicht gelernt hat, die selbstverständlichen Rechte seines N-dbennneruscf. en zu respektieren, was schließlich n<ur ein andererAusdruck für soziales Denken ist. Vom Kampf der »Vorgeher« gegen die »Nicihtvtctrgeher« in der Elektrischen soll nicht weiter gesprochen werden, der Gegenstand ist schon zur Genüge behandelt worden und hat bewiesen, daß die, die drinnen sind, für die Ausgesperrten nur ein inniges Gefühl beseelt: SctSadenfreude, gemischt mit unbegrenzter Geringschätzung. Aber anch sonst ist so mawahes zu vermerken. Selbst bei heftigem Wind schließen nur Jene Fahrgäste die Tür, die ihren Platiz .beim Eingang finden. Wer in das Innere des Wegen« dringt, hat kein Interesse mehr an der Sache arid überlaßt die Sorge dafür geruhig, den Beteiligten. Mütter fahren mit keuchhusterükramiken Kindern auf .der Säraßenibdhn-; bekommt das Kind einen Husten-., ‘anfall, so vei schwören sie sich boclh und teuer,; fisechs Professoren hätten bezeugt, es sei nur ein leichter Luftrölirenihatarrh. Die Männer hingegen »glauben« nicht an die Bazillen und spucken in alle Windrichtungen, daß die schönsten Italien- Erinnerungen bei ihren Fahrtgenossen wach werden. Wenn auch dadurch Krankheitskeime verbreitet werden — schließlich sieht man ja die Erkrankten nicht. Atao kommt es nur darauf an-, daß der Schaffner nichts . b.enrerüat., Bei. ..schlechtem (Wetter finden vor dem Einsteigen in die Straßenbahn wahre Kämpfe statt, Männer stoßen die (Frauen zurück, die alten Leute werden zur .Seite gedrängt — wenn es regnet, hat der soziale Sinn, iij Wien Urlaub. Komnat es zu einem Streit, zwischen zwei Fahrgästen oder zwischen Schaffner.; und Fahrgast,' so freut man sich zwar der unverhofften Unterhaltung, aber der schwächere Teil—- meist sind es Frauen — findet keine Unterstützung und läge .sein Recl.it noch so so/iinenkliiir . zutage. (Wer aber gar für eine gerichtliche Austragung Zeugen sucht, kann seine Wunder erleben* welche Schwerhörigkeitsepidemie plötzlich unter seinen Nachbarn ausbricht. »Was Recht, was Untredl.it!« denkt' der Wiener mit dem sozialen Sinn, »die Hauptsache ist, daß ich keine Sa'/erereiem habe.« Im Postamt oder beim Bahn Schalter kann man ähnliche Beobachtungen machen. Schmuggelt sich ein Spätergekommener Ln die Reibe der Wartenden ’ ein, so hat er sich nur der hinter ihm Stehenden zu, erwehren. Die vorne denken: was geht’s mich an. Bei Regenwetter wird niemand den Fußabstreifer: jam Fuß der Treppe benützen —. beim Hinaufsteigen ändert zu haben. Ich meine nicht Ihre äußere Er-/ scheinung, sondern Ihre geistige Persönlichkeit.. Sie tun nichts für die armen russischen. Juden, eben-; sowenig Ihre Kampfgenossen in der Oeffentlichikeit.« Mit diesen Worten, die Zeugnis von Pin-slkefs Erbitterung über die Gleichgültigkeit der westjüdischen Oeffentlichkei't-gegenüber dem Juden^robleni: ablegen, begrüßte er den alten Freund seines Vaters. Aber schon aus J e 1! i n e k s Frage,. was er! "denn von ihm und allen übrigen, die-»immer auf der [Warte der Zeit stehen' und ihr e Stimme hören lassen,-- wenn unsere Sache, gefährd et oder wenn die Böswilligkeit unseren alten Stamm beschimpft«, verlange, mußte Pinsker erkennen, daß er zwar den beredten und gelehrten Prediger vor sich habe, aber, keinesfalls den Mann, den er zu finden-erhoffte und •in dem er Verständnis für seine Idee vorausgesetzt batte. Unter dem Eindruck der.ihn völlig enttäuschen-' den Frage Jellineks erklärte Pinsker heftig und laut aufschreiend: »Wir wollen ein Vaterland, eine Heimat, ein Stückchen Erde, auf welcher wir menschlich leben können!- Wir sind es müde, uns wie die Tiere hetzen zu lassen, ausgestoßen zu sein aus der Gesellschaft, beschimpft, beraubt und geplündert zu werden, wir wollen nicht mehr immerfort die Entrüstung und Empörung in uns niederkämpfen» daß der Pöbel in den höheren wie in den unteren Gesellschaftsklassen uns seelisch und materiell mißhandle und martere, daß man uns ein Vaterland .streitig mache* auf dessen Boden wir seit Jahr* hinderten leben, eine He m n verweigern, *n welcher wir tns sicher fühlen, Stadt-* und Distrikte weigern, wo wir auf einen kärglichen Erwerb beschränkt sind. Ich wiederhole es Ihnen mit aller Kraft meines Gemütes, wir wollen ein Volk sein, auf unserer eigen cm nationalen Erde leben, eiri kommunale.-? und politische« Gemeinde wesen gründen, den Kationen zeigen, daß wir nicht verkommen, daß wir vie mehr ein un- WTBNER MORGEHZEITÜNÖ_ »tritt« man ohnehin die Schuhe ab. Und der Hausbesorger soll nur die unangenehme Reinigungstarbeit haben, dafür wird er gezahlt. Beim Arzt, im Amt, im Krankenhaus, überall dort, wo dem einzelnen nichts nachgewiesen werden kann, wird dieselbe Praxis geübt. Daß daraus überflüssige, lästige Arbeit erwächst, kommt neben der Äugend!icksbequemlichkeit nicht in Befracht. Auch der Briefträger kann ein Lied von der Mißachtung fremder Plage singen. Es ist trotz aller Anstrengungen nicht möglich, in den Wohnhäusern (auch in jenen, die gar keine Geschäfttfunternehmungen 'beherbergen) die Briefsack Verteilung durchzuführen. An sich wäre es keine schwierige Sache. Der Postbote läutet unten, an, die Partei läßt einen Briefsack an einer Schnur hinunter und zieht ihn mit den Postsachen wieder auf. Welche Erleichterung für den Briefträger, welche Ersparnis an Zeit und Kraft! Wer so rechnet, vergißt, diaß ptan in Wien nichts und niemandem so innig die Treue bewahrt wie den landesüblichen Unsitten. Ueber den Unfug, der auf Ausflügen, in öffentlichen Gärten pnd Spielplätzen getrieben wird,, wäre auch so manches zu sagen. Wenn frierende Menschen die Bänke wegtrugen, die Bäume absägten, die Bänke demolierten, so war das zwar bedauerlich, aber es war auch verständlich. Mah kann nicht verlangen, daß verzweifelte, frosterstarrte ‘ Menschen an den Nutzen der anderen denken. Traben vergnügte Ausflügler munter in die hohen Wiesen und reifenden Aehrenfelder hinein, brechen sie arm-voll Obstblüten vom Baum, knicken sie Fliederzweige, um die hochw-adhsenden Blüten zu erlangen, bloß weil es »auf das bißchen Korn schon nicht mehr ankommt« oder »weil wir, du und ich, ja ohnehin von den Pfirsichen da nichts essen werden«, so darf man den weitblickenden Leutchen ohne weiters den sozialen Sinn absprechen. Wir haben Zeiten erlebt, in denen die Lederüberzüge aus den Eisenbahnwagen, das Roßhaar, die Knöpfe entwendet wurden und wenn es ging, stahl man das Holz der Bänke noch dazu. Diese Zeit der Diebstahlsepidemie wer furchtbar. Jetzt stiehlt man weniger. Aber man ritzt mit dem Federmesser in die Lederüberzüge, in. die Fensterrahmen, überall wo eine Möglichkeit dazu gegeben ist, Namenszeichen, Buchstaben und ebenso geistvolle wie wichtige Mitteilungen ein. Ich schnitt es gerne in s s TT aierüolz- und Stiiarten zu mäßigen Preisen für Inland und Export MOSELHAUS MKKBEmMm® Wien, II. Praterstra&e Hr. 33 Weinfraubongasse 2 Telephon 43-1-70 vc-r wüst! ich lebensfähiger Stamm sind, befähigt und begabt, einen wenn auch noch so kleinen Staat zu gjT.nrUn. Helfet uns, Brüder un-1 Freunde, -r*.eiet, handelt, macht Gebrauch von allen Mitteln, über die Ihr verfügt, um uns ein Territorium zu verschaffen, auf welchem wir gehetzten russischen Juden uns als freie Menschen niederiassen können.« Aus diesen Worten sprach bereits Pinsker, der Überzeugte Nationalist und Anhänger des jüdischen Staatsgedankens, vor der Veröffentlichung seines Mahnrufs, der »Äutoemanzipation«. Und als einen nationalen Juden, der einen Kern schaffen will, aus dem -sich allmählich eine »jüdische politische Nation« 'entfalten soll, bczcichnete ihn Jellinck, der bereits früher Smolenskiis jüdischen Nationalismus in einem Zwischenrufe auf seine Ausführungen heftig bekämpft hatte. Pinskclerklärte ihm hierauf, daß er und ■ mit ihm Hunderttausende seiner Brüder nationale Juden geworden sind, weil sie in ihrem Glauben an den fortschreitenden Sieg der Rumänen und liberalen IJeer des achtzehnten Jahrhunderts, welche die Freiheit, Gleichheit und Brüderlickeit zum obersten Dogma erhöbet!, erschüttert w :n seien. Dieser schöne Glaube ist in ihm längst »wie ein Traum zerflossen«, er erhoffe, weder von den Germanen noch von «den Slawen, srib»» nicht von den Romanen die Erfüllung der Gleichberechtigung. Leberall haben die Juden versucht, sich den Völkern aufrichtig und innig anizuschließen, auf allem europäischen Schlachtfeldern haben diie Juden gekämpft und geblutet, überall die Interessen des Reiches gefördert. Was war aber die Wirkung? Uebenil wurden die Juden hin- und hergeschleudert, man gönnte ihnen keine Ruhe und behandelte sie wie Vagabunden. Doch mit diesem Vagabundentum muß endlich ein Ende gemacht werden, denn auch die Juden wollen endlich wie freie Bürger ’eoen, »die Menschenwürde und die Manneswürde« frei walten lassen und ihr Hauet frei erheben, trjänner 1922 NrV 105Ö Arbeitsmäntel Schlosseranzüge En gros Zu haben bei Eu detail ZINÄDER & Co., Wien, XVI. LERCHENFELDERGÜRTEL Nr. 29 Zu erreichen mit Straßenbahnlinien 46, 8 und 13. 1033 alle Rindern ein, daß der Brennhuber ein Trottel ist oder Aehnliches. Sehr bezeichnenderweise ist es auch nicht gelungen, in Wien eine Gehordn trug durchzuführen, obwohl das sonst in allen Großstädten als Selbstverständlichkeit gilt. Aber es ist unbequem und in Wien haben die meisten Leute noch hiebt bemerkt, daß sie nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind. Einträchtig finden «ich alt und j.ung, hoch und nieder in dom Gnundsatzi sozialer Sinn ist nur für die Feiertage. —_Klara M aut n er^ Strikte Einhaltung der Einwanderung«-* gesetze in Palästina. Die zionistische Organisation erhielt diese#. Tage eine Note der britischen Regierung, in welcher darauf aufmerksam gemacht wird, daß in letzter Zeit . zahlreiche Einwanderer nach Palästina kamen, welche den ' bestehende^ Einwarnderungsgesetzen n i c ih t v o.l 1 k o m m e m e n t s ip r o c Ih e n haben. Die palästinensische Verwaltung beschloß daher, allen Einwanderern» welche nicht alten Vorschriften des Einwanderumgisgesetzes in vollem Maße, entsprechen', die Landung in Palästina auch dann zu verweigern, wenn sie im Besitze des P aß-, Visums einer britischem Paßstelle sind. Um jedoch Einwanderern,1 welche sich bereit# unterwegs auf der Fahrt nach Palästina befinden, den Eintritt in Palästina pa ermöglichen, wird diese •neue Verfügung der Regierung in Palästina nur auf solche Einwanderer angewendet werden, deren Paßvisa erst vorn 15. J an n er 1922 ab datiert sind. * Das Neueste Ist... Das Neueste ist tiämlidh da» Jcbr 1922. Zunächst ist man von der Geräuschlosigkeit seines Anfanges enttäuscht, denn seit sechs Wochen laufen die Professioiris-Unglucksraiben sowie etliche talentierte AmnteurrRaben m der ganzem Stadt herum und bringen ihr das Gruseln bei. Jeder Siegfried bekäme dabei über der hörnernen noc.i eine Gänsehaut. Die. tapferen Fürchte-Pädagogen weissagen Preise. Das Brot wird auf 6oo, auf 800 Krönen steigern, die Straßen'baihnfahrt kommt sicher in Kürze auf 200 Kroman, um Stiefel zu kaufen, muß man einen Einbruchisdieb-stahl un-tennohmen oder ein Valutageschäft (am besten beides) und die Butter — ja die Butterl Aber die Barn gemacher hatten Jeder ec mal .unrecht; Vor allem deshalb, weil das Neiyaihr der Preise, wenn man so sagen darf, auf dien 15. Jänner verschoben wurde. Also bleibt aiHes so spottbillig wie bisher und wir dürfen uns weiter fürchten. Auch sonst tritt dte gute, ake Gewohnheit wieder in ihre Rechte. Der Mist« bau er samt Bäuerin und sein unterirdischer Gefährte fanden, sich pünktlich zur Jahreswende ein, der Rauchfangkehrer erinnerte sieh, außer der Versorgmig der Wohnungen mit Ruß und seiner Tätigkeit als Kiaidertmd Hausfrauen schreck, noch höhere Pflichten zu •haben, der Haualbesorger beschloß, vom Silvesterabend bis zum NeujabrMmorgen die Wobmparteien zu grüße«, um ihnen den Wert und diie Bedeutung eines freuden- und friedvollem Pförtner xUmmuchcn, und auch der Briefträger besiegte seinen Stolz der ihn 1921 laut verkünden--ließ. Po<tbiiohel und Neujahrsgcld sei eines freien Postboten nicht würdig. Er fand sich 1922 bereit, 7war d:ms Postbüchel gnädig zu erlassen, dafür aber den Neuinhrsgruß zu beheben. Wer könnte froher sein als das Publikum! Zwar hätte man ja atjcli früher das Erzeugnis der pünktlichen Kai*endermtrse nicht lesen müssen, aber das ließ das Pflichtgefühl des Wieners nicht zu. Auch war es immer ein Wiedersehen mit lautet guten, alten Bekannten-, und die Wehmut des: »Wie hat meine selige Urnr•>Pmnt‘2r ‘her den Wirz ge- ' lacht« ist uns ja schließlich doch erspart geblieben. Also fügt steh alles zum Guten. Wir halben ein neues Jahr, neue Trinkgelder, neue Preise, neue Kreditaussichtcn. und neue Steuern! Kater Murr. * Hofrat Dr. Fuchs. Der Bundespräsident hat dem stellvertretenden Chef des Preßamtes im Ministerium des Aeußerh, Regierungsrat Dr. Bernhard Fuchs, den Titel eines Hofrätes verliehen. * Silberne Hochzeit. Herr Ludwig 0 r n s t e l n, Kaufmann in Salzburg, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, feiert am 3. d. M. mit seiner Gattin ira Kreise seiner Familie das Fest der silbernen Hochzeit * Der Stadtsenat hält Dienstag vormittags eine Sitzung ab. * Die Zeitungsmisere In Oesterreich. Die gestrige '„Wiener Zeitung“ te’it mit: Die„WienerAbendposlf wird mit heutigen Tage ihr Erscheinen einstellen. Ebenso teilt das „N e u e W i e n e r J 0 u r n a l" die Einstellung seines Mittagblattes mit. Eine Reihe von Provinzzeitungen wird von nun ab statt täglich nur einmal wöchentlich erscheinen. * Neuerliche bedeutende Preiserhöhungen In den Kaffeehäusern. Auf Einberufung der Genossenschaftsvorstehung fand gestern im Saale „Zum grünen Tor“ eine massenhaft besuchte Versammlung der Kaffedsieder statt, um zu den Gehilfenforderungen Stellung zu nehmen. Die . Versammlung einigte sich auf eine durchgehends 30%ige Erhöhung der Preise aller Getränke und einer entsprechenden Erhöhung der Preise für Speisen, die jedoch dem freien Ermessen der Gewerbeinhaber überlassen bleibt. Die Preiserhöhungen treten mit 2. d. M. In Kraft. * Fahrkartenvorverkauf. Wegen des zu gewärtlgendlen Andranges von Reisenden wird der am 5. Jänner 1922 um 20 Uhr 25 Min. abgehende D-Zug Nr. 207 der W e s t b a h n in zwei Teilen verkehren. Zur Erleichterung der Fahrkartenbeschaffung wird ein größerer Teil der Fahrkarten im Vorverkauf ab morgen durch das österreichische Verkehrsbureau; I., Hofstallgebäude (Eluganvon der Lastenatraße), ausffegeben werden. 4