Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1050 (1.1.1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1050 WIENER MDRGENZEITUNG 1. Jänner 1922 Seite A Men, Sonntag H-ctfe befinden sich nämlich drei Kreise, und wenn sie an dem dritten dieser Kreise (pochen würde, würde da« bedeuten, daß ein Bekannter Bind aß begehrte, Die Wohnung des Braitm wurde von .den Kriminalbeamten Tag und Nacht bewacht und ebenso die Wohnung des Abgeordneten Doktor I? 1 a s c h k e s, da der Verdacht bestand, daß die beiden-Freundinnen dort einen Anschlag, .planten, zumal sie geäußert haben sollen, daß sie der greisen Mutter des Gemeinderates, ebner 70jährigen Dame, ■»den . Köpf waschen« würden. In der Wohnung Dr. Plaschkes’ war zur größeren Sicherheit für alle, Fälle Kiriminalheamteninispe'ktior Hermann N aroziby auf der- Lauer. Tatsächlich;-smd' nun gestern vormittags um 1/29 Uhr vormittags,, zu einer Stunde, zu der,sonst niemand daheim zu sein- -pflegt als. die alte Frau, die beiden Mädchen vor; der. WoSnung erschienen , und; haben Einlaßbegehrt. Die Tür ging auf, doch . statt der alten Dame, die sie erwartet hatten, öffnete ihnen — IdTsipeiktcr N 3 rozn y die Tür und erklärte sie für verhaftet. Bei den im Sicherhei'tsibuireau vorgenioUimenen Verhören blieben beide sehr verstockt. Ihren Besuch bei Frau P 1 a s ch k e s motivierten sie mit der Absicht, mit der Greisin -wegen angeblich schlechter Behandlung der Wagner »afbzurecbnen«. Sie werden dem Landesgericht eingeliefent werden. Helft den Chälüzim! Das Fürsorgekomitee für Palästina-Enilgranten, II,, Zirkusgasse 33, erlaßt .den folgenden Aufruf:. Cbanyka . wird als Licht- und Weihefest vom jüdischon Volke gefeiert zum Andenken an die Tage, da begeisterte Jüdische Jugend das Volk durch beispiellosen Opfer- - und Heldenmut gerettet hat Auch heute unternimmt nach zweitausendjähriger Versklavung die jüdische Jugend das befreiungswerk unseres Volkes. Tausende unserer Brüder Und Schwestern, besonders; aus den vom Kriege verheerten Gebieten Osteuropas, wandern unter unsäglichen Mühen nach dem Lande der Väter und erbauen aus Trümmern die nationale Heimstättedem jüdischen Volke. Schon sind die Früchte ihrer Arbeit ersichtlich. Immer mehr jüdische Siedlungen, ländliche und städtische, entstehen auf der alten Heimaterde; neue Wege ^werden gebaut, Sümpfe getrocknet, Sanddünen' bewaldet. -. ' . . Den Pionieren unseres Volkes, den Chaluzim, auf ihrer Fahrt nach Erez Israel den A u f ent hal t in W i-e n und ihre W e i t e r r e i s e z u e r i e i c h t.e r n, ist eine heilige Aufgabe für die im Galuth verbleibenden Juden. . Das Hilfswerk für. die Palästina^Wauderer leitet das dem Palästina-Amt angegliederte Fürsorgekomitee für Palästina-Emigranten, das z w e i 8 ladt heime begründet und eingerichtet hat und dem es »kürzlich gelang, in K a h l.enberge rdorf bei Wien ein eigenes Haus zu e rwerben, das als modern eingerichtetes Landheim!'demnächst eröffnet werden wird. Das Fürsorgekomitee entfaltet seine Tätigkeit für die Palästina-Emigranten auf allen Gebieten der sozialen Fürsorge, indem es den Durchreisenden Verpfleg u 11 g, Unterkunft, ärztliche Hilfe und in dringenden Ausrtahmefällen auch R eisezuschüsse gewährt. MÖBELFABRIK I. MANNE l! WIEN, VII. SCHOTTEN- FELDGASSE 24 TELEPHON NR. 39-1-08 Jlltülu nimiiF GRÖSSTE AUSWAHL IN QUALITÄTSMÖBELN ALLER holz-u. stilarten ZU MÄSSIGEN PREISEN SS 5jE xs 488 Jis Um seihe Tätigkeit fortsetzen und erweitern zu können, bedarf unser Komitee der moralischen und finanziellen Unterstützung der jüdischen Oeffentlichkeit Wir richten daher an alle Juden ohne Unterschied der Partei sowie an alle jüdischen Institutionen und gesellschaftlichen Verbindungen den dringenden Appell, uns durch monatliche Beiträge oder einmalige Spenden die Weiterführung und Ausgestaltung des Fijrsorgewerkes zu ermöglichen! Fürsorgekomitee, für Palästina-Emigranten Wien, II., Zirkusgasse 33. NB. Überweisungen erfolgen, am zweckmäßigsten auf unser Konto bei der Allgemeinen, Depositenbank, Wechselstube Leopoldstadt, IL, Taborstraße 7. Alle Beiträge und Spenden werden in der „Wiener Morgenzeitung“ ausgewiesen. Einweihung des Chalnzimheims. Heute um l/s4 Uhr nachmittags wird das neue Chaluzim heim in Klosterneuburg, Wienerstraße 124 (Stalion Kahlenbergerdorf), vom Herrn Oberrabbiner Dr. P. H. C h a j e s eingeweiht. Gemeinsame Abfahrt vom Franz-Josefs-Bahnhof um 2 Uhr 40 Minuten nachmittags. ^_ Zionistisches Landeskomitee. Die konstituierende Sitzung des Wiener zionistischen Lokalkomitees findet Mittwoch den 4. d. M. um V-7 Uhr im Sitzungssaale des Zionistischen Landeskomitees, IL Zirkusgasse 33, statt. Organisationen, welche die Wahlen noch nicht vollzogen haben, werden aufgefordert, diese sofort vorzunehmen. Ein Weitzmann-Hain. Die Leitung des Jugendvereines Erez Israel benützte die Anwesenheit des Präsidenten Doktor Weitzmann in Wien zur Durchführung einer Sammlung für den Jüdischen Nationalfonds zwecks Stiftung eines Weitzmann - Haines Im Herzl- W a I d e. Die bei den Versammlungen gesammelte^! Beträge sowie die vom Verein schon vorher gestiftete« Bäume ergaben die Anzahl von 400 Bäumen im Weitzmann-Haine. Das Diplom samt einetj Adresse der Vereinsleitung wurde dem Präsidenten Weitst mann durch die Vertreter des Vereines Erez Israel, überreicht Weitzmann dankte in hebräischen Worten füll die . ihm erwiesene Ehrung. (Die Sammlungen für den Weitzmann-Hain müßten sofort fortgeführt werden, damit die nötige Zahl von Bäumen ehestens erreicht werde.) Die Judenhetze in St. Pölten. Die zionistische Ortsgruppe in Sank# Pölten schreibt uns zu dem am 25. Dezember veröffentlichen Bericht über die Makkabäerfeier: „Die Mitteilung der „Wiener Motgenzeitung“ ist dahin zu ergänzen, daß die Polizei in St. Pölten bereit war, uns ihre Unterstützung zu gewähren, und daß die von der p r o* testanti sehen Kirchen gemeinde und vom deutschnation a 1 e n Schutz- und Trutzverband eingelangten Proteste von der- Stadtgemeinde St. Pölten abgewiesen wurden. Da ' wir niemanden unrecht tun wollen, sei auch bemerkt, daß der katholische Bischof bloß in höflicher Form bitten ließ, an diesem Tage von der Veranstaltung abzu^ sehen, wobei der Dompfarrer allerdings durchblickea ließ, daß sich der Bischof sonst bei der Bezirkshauptmannsfchaft für die Untersagung der Feier am Christtage Einsetzen werde. Um es unmöglich zu machen, daß jemand sagen könne, er sei durch die Abhaltung der Makkabäerfeier am Christtage in seinen religiösen Gefühlen verletzt worden, obwohl am selben Tage Theater gespielt und in allen Bars getanzt und gesungen wurde, haben wir es vorgezogen, die Feier zu verschieben. Der Name des protestantischen Pfarrers lautet Denzel Die Verpfändung der Gobelins. Einer Abordnung der Wiener Künstler hat gestern defi Bundeskanzler Dr. Schober die Erklärung gegeben/ daß es der Regierung ganz fern liege, an die Veräußerung? der G o b e 1 i n s oder an eine Entfernung derselben aus Wien zu Belehnungszwecken zu denken. Die. Kunstschätze' würden jedenfalls in Wien bleiben. — Bekanntlich sind Verhandlungen im Zuge, eine amerikanische Finanzgruppe zu veranlassen, auf die Gobelins drei Millionen Pfund Sterling zu leihen. Sollte diese die Gobelins nicht als Faustpfand akzeptieren, so würden die Z ö l 1 e, die Staatsforste oder das Tabakmono p o I verpfändet werden. Zur Führung dieser Verhandlungen wird Generalrat Dr. Rosenberg in der. nächsten Woche nach London fahren. Gleichzeitig wird auch mit' der unter Führung des Staatsrates Nils Hansen stehendendänischen Finanzgruppe und mit der tschechischen Regie» rung wegen eines Kredites von 500 Millionen tschechischen Kronen verhandelt. . Die Krawalle vom 1. Dezember, v Pie Hilfeleistungen der Regierung. Die Verhandlungen zwischen der Regiejung find äet Wiener Handelskammer über die Schadensgutmachung der" am 1. Dezember geschehenen Plünderungen sind gestern durch einen Ministerrat abgeschlossen worden. Die- Regierung stellt den in ihrer Existenz bedrohten Kaüfleuten, deren Läden vollständig demoliert wurden, 200 Millionen Kronen .zur Verfügung. Ferner sind für diese Betroffenen Steuererleichterungen und Kredite unter; Garantie der Regierung vorgesehen. Regenmäntel HerrenuncB Damenwäsche, Yextilun«3 Stückwaren, Silkes erstklassig und billigst Im Waren-haus Sctslfffmasm il.TaäDPSfÄ H-TtigMi En gros ,o?4 En detail Leo Pinskers Begegnung mit Adolf Jellinek.*) fcur Wiederkehr des 100. Geburtstages Pinskers^' Von Dr. N. M. Gelber. I. . . Seit.dem Jahre 1867 war Piinsker m der * Leittang der Odessaer Filiale der im Jahre 1863 gegründeten Gesellschaft zur Verbreitung der Aüfklartt-ng unter den Juden tätig. Hier suchte er die v .m ihm verbreitenen Amsdhauumgem einer radikalen 'Assimilation zu verwirklichen. Im Verein mit den _ früheren Herausgebern des »Raswjet« uind >Sy:ca« , ■ (Zion) Q. R a b i n o w i t s c h und E. S d 1 .»> ,wejtsch.ik Arbeitet er für das ihm aOs einzig imoglidh. erscheinende Ziel, »die Aufklärung der Juden in russischer Sprache und in russischem Geiste« durchzuführen. Ja, zu diesem Zwecke beantragte er sogar die Uebersetizumg der Bibel utnd der Gebetbücher ms Russische utnd tritt gegen den ' »Beschluß der Peteirsbuirger Zentrale auf, der die Entsendung von Zöglingen an das Breslauer Raibibinferserhinar bezweckte, um sie,dort zu wisfeenschaifittich geschulten Rabbinern auiszubiläen. Nach' Ilinsker'sollten ,die Zöglinge, in Rußland’bleiben und Eier, die Universität besuchen, damit sie zu r u;s s i s c b e n und nicht m d eutsc hem Rabbinern erzogen werden. Naiph dem Verbilde der jüdischen Assimilaübnisyorkäinpfer in .Dcutischliamd war Pinskers Ideal, die. Juden zü »Russen judisdjier Konfession« au machen. v; " . :>! Und in diesem Sinne beeinflußte er auch die Tätigkeit . des oberwähnten» Zweigvereines in Odessa. Inmitten dieser eifrigen Ruis-sifikatlonsarfoeit brach im Jahre 1871 in Odessa ein Judenpogrom aus. Während der Osterfeiertoge 1871 verams teile ten die Odessaer Griechen, die in dem Juden .*) Ein Kapitel aus einer größeren hasto riechen Studie über Jehuda Leifp (Leo) Piwskcr. (1821—1891.) ihrem' stärksten wirtFchaf tl hcT." <en Korn kurrenten sÄ'.-.en, einem Judenpogrom, im der Meinung, sich auf diese Weise des lästigem-Konkurrentem zu entledigen. Zwei Tage wütete der Pogrom, ohne daß die Behörden. dagegen e'n,geschritten wären. Jüdische Häuser wurden ge,plündert, Geschäfte ansgeraubt. Die russische Intelligenz tolerierte dies, ja, russische Zeitungen verteidigten selbst die Pogromanstifter, statt sie öffentlich zu brandmarken. Der Pogrom wirkte auf die jüdischen Russifikataren geradezu nixedenschmetbernd. Sie verloren den Mut und verzweifeltem an ihrem Ideal, »weil alle Bemühungen unserer Brüder, den Russen mahezukommen, offenbar vergeblich bleiben werden, solange die russische Masse in ihrem jetzigen rcl’cn Zustand veirhairrt und den Juden gegenüber feindselige Gefühle hegt«. Seit diesem Pogrom begann in Pinskers seelischem Leben ein Umwamdlumgs,prozeß. Er sali, wohin eigentlich die R»ussifikation führe, daß auch sie bei weitem nicht’ die einzige Lösung der Judenfrage in Rußland' bedeute. Er begann, das Jiudeuprc-blem mit anderen Augen zu betrachten und einzusehen, daß nicht die Glcici.roereciitigu.hig allein den Juden dais Heil bringen werde. Doch kaum waren einige Jahre der Ruhe etngötreten, begann Pimsker allmählich zu den alten Anschauungen mrückzukehren, und im Jahre 1878 schloß er, sich sogar dem reorganisierten Zweigverein der Gesellschaft zur Verbreitung der Auf- •klärumg Unter den Juden, als aktiver Mitarbeiter an. Erst die Pogrome der Jafore 1881)82 überzeugten ' Pinsker vollkommen von der Haltlo-sig- .keit der Assimilalionsidee. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse begann er an der Ausgestaltung seiner Arosebauumgen über dem jüdischen Nationalismus, die bereits im Jahre 1871 im ihm rege’wurden, zu arbeiten. Ln diesen s»ch werbe wagten Tagen kam er einmal in die Sitzung des Zweigvereines und erklärte den versammelten Ausschußmitglieckrü, <L ß ihre Anbeit wertlos sei, »Helfet dem ganzen Volke, irachet dem Tausenden von Flüchtlingen und Wanderern Bnot und Ruhe ausfindig.« Dann gegenwärtig müsse man »neue Heilmittel, neue Wege finden«, um die Wunden des Volkes zu heilem. .; Pimsker trat auch aus dem Zweigverein; aus und’ begann, seine Gedanken üben* die Judenirage in. ein System zusammeuzufassan, ohne sje . jedoch, schriftlich niederzulegen. '; Die Erlangung eines eigenen T'tznrifformM'S wurde nun der Hauiptgedonke, um den sich all sein,« Arascbaüumgen konzentriertem. Um mum seine Ideen; der Verwirikiichting näher zu bringen, begibt ersieh ins Ausland. Hier hofft er, die jüdische Fim-anz- und Gelehrtenwelt vo-n der Richtigkeit seiner Ideon zu überzeugen umd zur Einleitung von Taten, zu1 veranlassen. Auf dieser Reise berührte er zuersit Wie rf.- Pli er will er dem l»a.n.giährigen Freunde seines Vaters* dem Prediger und Gelcihmten Adolf j e 11 ine k, »seine Ideen. vertragen, um mit Hilfe dieser Autorität die jüdischen Notahlen gewinnen zu können. ..Im März 1882 besuchte er »in Wien vor seiner Abreise nach Italien Jellinek*. Jellinek ^blidlderi diesen Besuch in folgenden Worten: »Vor mir stand ein Mann in mittleren Jahren mit etwas graumeliertem Barte und harrte, daß ich ihn begrüßte. ^Sie erkennen mich nicht?« rieft er erstaunt aus, »Ich bin j.a der Arzt Dr. N. «N. aus Rußland, den sie oft schon im Laufe der Jahre bei sich gesehen hab*en, und kein Wunder, daß Sie einem ‘russischen Juden, der aus,; Rußland ko-mmt, nicht wiedererkannt haben. ■, Ich weiß:wohl, daß ich verstört und melancholisch außsehe und die Spuren tiefen Kummers in meinem, Antlitz trage. Aber auch Siexscheinen, sich ver-, . *), Dr.' Josef Klausner erzählt, im >Sefer Pimsker«?, S. 18 und ly. daß Piimsker bereits im Jahre 1871 JeÖlfaidk reime Ansichten vorgetragen habe. Diese Schildorungsn sind unrichtig. Pin«;ker hat erst im Jahre 1882 Jellinek mit reimen Ideen bekamm-tgemacht, wie dies Jellinek seDbst in seimen Leitartikeln. >Fin Zwiegespräch« im der >Neu-?cit< Nr. i'3, 14 und 15 vom Jahre 1882 schildert, natürlich ohne Nennung Pinskers. Erst i*n einer Besprechung der Plnskerschen Atiitoemanzipaticin erwähnt er, daß der Verfasser mit dem in seinen Artikeln erwähnten russischen Arzte identisch sei» 9073725066^028345982570801^8574^16970195^^