Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1047 (29.12.1921)
- Date
- 1921-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CfoizGiflummer K so Wien: Zum Abholen In der Expedition, II.,Taborstr. 1—3, öder?n ein er Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1000. Mit Postversand fürWien und Oesterreich monatlich Kl000» Ts c h e c h o- S1 o w a k e i: Moh. Kronen20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl.- Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Frcs. 6. Wir. 1047 wner fseneeho-SiowaKet tsch. K 1 Italien: Monatlich Lire 9i Rumänien: Monatl. Lei 40« Schweiz und das übrige» Ausland monatlich Francs 3,« Redaktion u. Administration Wien II., Taborstras.se 1—3; Telephone: 44-0-38, 43-3-19, ab 6 Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse: „Morgenzeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.69& Wien, Donnerstag, 29. Dezember 1921 3. Jahrgang Die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees. Die Debatte. Recht und Politik. —y. W i e n, 29. Dezember. Es ist eine oft beklagte Tatsache, daß für die Beziehungen der Staaten untereinander andere Grundsätze gelten als für die Beziehungen des einzelnen zu seinen Nebenmenschen. Was im Leben des einzelnen als Verletzung des göttlichen und menschlichen Rechtes als unmoralisch verpönt ist, das gilt im Verkehr zwischen den Völkern als höchste politische Tugend. Wenn, man die im Dekalög niedergelegten Grundrechte und Grundpflichteti der Menschen,, die unabhängig von Ort und Zeit, anerkannt sind, als’Kriterium annimmt für das Leben der Völker zueinander, so wird man in-, den heutigen Zeiten als einnaiver Mensch angesehen, der sich mit seiner idealen Forderung dem Gespött der Wissenden preisgibt Der Weltkrieg hat diese Erfahrung in einer Weise erhärtet, die für alle Völker und für alle Menschen überaus schmerzlich geworden ist. Die' Mißachtung des Heiligsten auf Erden, des menschlichen Lebens und der menschlichen Arbeit, die bewußte Verletzung des gegebenen Wortes und der mit allen Feierlichkeiten verbrieften Verträge wurden in ein neues Völkerrecht ausgenommen, das sich nicht tierleitet aus einem allumfassenden und allgültigen Rechtsbewußtsein, sondern aus dem Wahn, daß die erfolgreiche Anwendung der Macht jedes Unrecht heiligt. Es läßt sich nicht leugnen, daß das Recht nicht bloß eine'Idee ist, sondern begründet ist in den tatsächlich gegebenen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Kräfteverhältnissen. Es ist ein .Unterschied zwischen der .elementaren Gewaltanwendung; eines Wütenden und der organisierten. Macht der Gesellschaften, für die nicht die rohen Instinkte und-Leidenschaften, sondern die-Zweckmäßigkeit im weitesten Sinne bestimmend ist. Nicht der Zweck des Augenblickes,. nicht der Erfolg eines Tages, sondern die Rücksichtnahme, auf' die weitere Zukunft, dies gilt für die Menschen ebenso wie für die Völker. In der. Nachmittagssitzung vom 27. d. M. widmete vor Eingang in die Generaldebatte Herr; Dr. Reich den zwei jüngst verstorbenen zionistischen .Führern, Dr. G. Z i p p e r und Dr. A Ko r k i s, einen Nachruf, der vom A. C. stehend angehört wurde. Als erster Redner in der Generaldebatte sprach Twersky, welcher eine Aufklärung Über verschiedene politische Fragen verlangte- und hierauf eine Reihe von Angelegenheiten der Organisation behandelte. Rubascliov schilderte den Eindruck, den die November-Ereignisse auf das jüdische Volk gemacht haben, und -wendete sich hierauf gegen die politische Tätigkeit einzelner Mitglieder der Exekutive. Dr. R eie li behandelte Fragen des Mandats und des Verhältnisses zu den Arabern sowie , ' einzelne organisatorische Angelegenheiten, Herr Dr. Weitzmann gab Aufklärungen zu einigen von . den Vorrednern; gestellten Anfragen. Kaplan sky besprach Fragen des Budgets und widmete sich im einzelnen den; ökonomischen Arbeiten in Palästina sowie den Prinzipien der Keren- Hajessod- Arbeit. Dr. ■ H.antke übte. Kritik an, den Methoden der Geldaufbringu ig, machte Anregungen, betreffend die Organisation der Keren - Hajessod - Propaganda. ,. « Als letzter Redner in der Nachmittagssitzung sprach : Abgeor neter S t r i c k e r, welcher neben politischen Fragen auch Angelegenheiten der zionistischen Finanzen sowie die Einrichtung eines.? re s sedienstes behandelte. Zu der Vormittagssitzung vom Mittwoch den 23. Dezember sind als weitere Teilnehmer die A. C.- Mitglieder Rabbiner Fischmann und Herr Abgeordneter H. Farbstein sowie als Gäste die Herren Dr. Jakob Thon und Dr. H i I k o v i c h aus Palästina erschienen. Zu Beginn der Sitzung wurden Entschuldigungstelegramme der Herren Dr. S o 1 o vv e i t s c h i k, M o t z k i n und N a i d i t s c h sowie ein Begrüßungstelegramm -der in Amerika weilenden- Herren Sokolow, Jabotinsky, War bürg und G o 1 d s t e i n verlesen. In Fortsetzung der Generaldebatte, sprach alS erster Redner Dr. Jacobson, der zu den Fragen der Politik, Organisation und Finanzen Stellung nahm. Podlischewsky konzentrierte sich auf die Besprechung organisatorischer Fragen und Angelegenheiten des Keren Hajessod. Kaplan erörterte dje politische Lage, behandelte die Arbeit des Keren Hajessod und des .Bureaus in London und die Leistungen der zionistischen Presse. Hierauf, gaben Dr. Thon und Rabbiner Fischmann .Informationen über die gegenwärtige. Lage in P al ä s t i n a. Julius Berger sprach über das System, das zur Erreichung eines großen Erfolges des Keren Hajessod notwendig ist, Abgeordneter Grünbaum über die Entsendung einer. Delegation nach Palästina sowie über . organisatorische Fragen. Dr. K a t z n e.l s o n kritisierte die. Tätigkeit des Keren Hajessod und behandelte die Frage der Regelung der Emigration* Die Friedensverträge,‘unfär-denen die Welt noch 1 ange seufzen wird», sind enWMden. aus dem Mdehtwahn der Güter, ebenso wie 'der Weltkrieg entständen ist aus dem Machtwahn der später; Besiegten. Esist eine lückenlose Kette von Rechtsbeugungen und Gewalttaten, die, ob. sie nun Krieg oder Frieden gena nt werden, doch der ganzen Menschheit große Opfer auferiegen. Leider treffen diese Opfer, wie dies nun einmal mathematische Regel der Geschichte zu sein scheint; weniger die Schuldigen, .als vielmehr, die Unschuldigen. Keine Statistik kann die Folgen des Krieges erfassen, die fern vom Schlachtfeld in den Häusern und Spitälern des Hinterlandes sich einstellen. Das Elend der Mässenevakuationen, die Verkümmerung der Jugend bis' ins dritte und vierte Geschlecht die Verseuchung ganzer Generationen mit den Kriegsgiften, die Entartung ganzer Gesellschaftsklassen — das alles erleben-wir heute und empfinden es als ein hartes Schicksal, aber.. wir sträuben uns dagegen, die Quelle zu. erforschen, aus der alle diese Uebel strömen. Mehr denn je gilt' heute unter den Staatslenkern der Grundsatz Machiavellis von der Staatsrais.n, daß der Zweck das Mittel heiligt Die Anwendung dieses Prinzips hat zu den Kriegen geführt und hat die heutigen Friedensverträge erzeugt Die Einsicht von der Unmöglichkeit dieses Zustandes verbreitet sich und sie tritt besonders markant in der heutigen englischen Politik zutage. Es ist kein Zufall, daß sich dies gerade in England zeigt, in dem Staate, dessen historische Funktion in Europa herabzüsetzen stets das Ziel der alldeutschen Propaganda gewesen ist,- die das Wort vom „perfiden Albion“ geprägt hat In den letzten Jahren vor dem Krieg war es das unablässige Bemühen der englischen Politik, die Keime der Konflikte mit Deutschland durch Flottenabkommen und Schiedsgericht zu beseitigen. England hat im Jahre 1913 durch die Londoner Konferenz dem Balkankrieg ein Ende gesetzt. Ebenso sollte durch den Greyschen Vorschlag' die österreichisch-russische Affäre im Jahre 1914 vor 'ein Weltschiedsgericht gebracht werden. Nach dem Kriege ist England immer für den Weg von Verhandlungen mit Deutschland eingetreten und auch jetzt ist es bemüht, die Reparationen auf ein erträgliches Maß zu bringen. Verhandeln ist besser als Krieg führen. Soviel man auch bei Verhandlungen aufgeben muß, das Opfer ist doch weitaus geringer als das des siegreichsten Krieges. Dieser seiner Politik ist England auch in der irischen Frage treu geblieben und gerade in Oesterreich muß man mit den bittersten Gefühlen den Erfolg dieser beharrlichen, leidenschaftslosen Methode des Verhandels feststellen, den England jetzt errungen hat Und daß England für sein Wort einsteht, das haben die Verletzer der belgischen Unabhängigkeit erfahren müssen. V Ein wirklicher Frieden zwischen den Völkern wird erst möglich sein, wenn auch für die internationale Politik der Gedanke vom Recht die Grundlage bilden wird. Solange der Wahnsinn der Ziffern die Beziehungen der Völker zueinander bestimmt, ist ein Frieden nicht Russische Triippenkoiiieitratiph gegen Finnland. Kopenhagen, 28. Dezember. (Wollt) " Nach einem Telegramm der „Politiken“ aus Helsingfors ziehen die Russen an der finnischen Grenze starke Truppenabteilungen zusammen. Dies gab vor einigen Tagen zu Gerüchten Veranlassung, wonach zwischen bolschewikisehen Truppen und finnischen Freischaren blutige Zusammenstöße stattgefunden hätten. In finnischen Militärkreisen betrachtet man die russischen Truppenkonzentrierungen als militärische Demonstration. Finnischerseits sind Maßnahmen getroffen worden für den Fall, daß die Bolschewiken die. Grenze überschreiten sollten. . Die Unruhen in Aegypten. Kairo, 27. Dezember. (Reuter.) In Port Said, Alexandrien und Suez ist die Ruhe heute nicht gestört worden, . Paris, 28. Dezember. (Havas.) „Petit Journal“ meldet aus London, daß General Al l enby mit diktatorischen Vollmachten aüsgestaitet werden soll; zugleich würden sämtliche gewährten Freiheiten suspendiert. zu erzielen. Er hat die Geltung des Rechtes und des Gesetzes zur Voraussetzung, den Grundsatz, daß das gleiche' Recht für alle zu gelten hat. So lange es vergewaltigte Minoritäten gibt, so lange nicht jedes Volk der Welt seine Selbstbestimmung und sein Heim hat, so lange herrscht keine Rechtsordnung und so lange kann es keinen Frieden geben. Rußland und Europa. Von unserem Warschauer Berichterstatter. Auf dem allrussischen kommun ist heben Kongreß erstattete Sinowjew den Bericht über die Taktile der kcminvunistischen Internationale. Er trat für den jüngst von Berlin anns lancierten Plan einer .Vereinigung des Proletariats ein 'und' sprachsich für ein Zusammengehen mit den Menschewiken ams, allerdings -ohne Konzessionen in den' organisatorischen Fragen. Von einem Frieden mit den Sozialdemokraten könne jedoch keine Rede sein. Sehr scharf wandte er sich gegen die von anarchistischer Seite betriebene Propaganda für. eine Vierte Internationale. Aus diesen Aeußerangedi, so radikal sie sich gehaben, spricht bereits die Einsicht, daß Rußland die durch die Schuld der Bolschewiken herbeigeführte Desorganisation nicht mehr erträgt. Die r, Prawda«t be^ichnet offen als die Aufgabe des Kongresses die Rettung der Existenz Rußlands. Sie bet eitet auf eine Schwenk unsdes Kurses vor und for- London, 28. Dezember. (Wolff.) Die „Times* berichtenaus Kairo, die Lage sei zu Ende der Woche kritisch geworden. In Kairo seien die Regierungsbeamten in den Ausstand getreten. In fast alle» Schulen werde gestreikt In Port Said, Suez . und Ismailia seien britische'Kriegsschiffe eingetroffen. .Eine Fiotille von Nilschiffen sei nach Oberägypten abgegangen. Keine Teilnahme des Sowjetdelegiertefl an der Konferenz Briand-Lloyd George* London, 28. Dezember. (Funkspruch.). »Daily Telegraph“ erfährt, daß die Nachricht, Tschitsc herin un . L i t w i n o w sollen zur Teilnahme an der Konferenz vom 8. Februar eingeladen werden, jeder Grundlage entbehrt Eine zweite Abrüstungskonferenz. Paris, 28. Dezember. Nach Washingtoner Meldungen seien halbamtliche Unterhandlungen im Gange, die die Einberufung einer zweiten Abrüstungskonferenz bezwecken, an der eine weitaus größere Z a h l von Staaten teilnehmen soll. dort die äußerste Vorsicht bei der Besprechung der! Wirtschaftspolitik. Die »Komuceskara Sihisn« erklärt: Die Krise der russischen Landwirtschaft wird .sich im'kommenden Jahr kaum fühlbar bessern; e-s bestehen auch Anzeichen für eine Verschlimmerung der industriellen Betriebe. Die wirts-chaftlidhe Nb€ Rußlands läßt also die mildere Tonart in den Rede»' der maßgebenden So-wjetfüharer erklärlich erscheine», , gleichzeitig aber auch, so paradox dies 'klingt, «dies Fanfaronaden der mit der militärischen Leitung betrauten Personen, die das Ausland vor einer Intervent Ion warnen. Eine solche würde auch in der Tat, selbst wenn sie Erfolg hätte, an dem Zustand nichts ändern. Die russischen Emigranten sind nicht in der, Lage, sich auf ein gemeinsames aktives Programm zu einigen und ihre Schwäche rettet dem Bolschewismus das Leben, genau so wie sich das Horthy-* $tysfem in Ungarin nur dank der5 Passivität der' ungarischen Emigranten am Ruder halten kann.. Diese Zerfahrenheit der Emigranten hat die Än-i näherung des von M i 1 j u »k o w geführten bürgere lich-demokratischen Flügels an die Moskauer Diktatur begünstigt und auch die Oktobristen" unter Lwow wollen eine' Aussöhnung mit den Sowieis anba'hnen, ohne jedoch die Regierung übernehmen! zu wollen. Hinter diesen Vorgängen steht der Einfluß der. e n g 1 i s c h e n P o l i t i k, die in P a r i« uni Warschau eine Neuorientierung in der russische» Frage erzielen will. Da® bedeutsamste Ereignis dieser Tendenz ist die jüncst in London erfolgt^