Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1045 (27.12.1921)
- Date
- 1921-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Wien, Dienstag WTTCNEfc MOKGENrsrnmO 2T. Dezember 1921 Nr. 1043 „Rom und Jerusalem“. ""Vir erhallen folgende Zuschrift: Kürzlich brachte die „Wiener Morgenzeitung* einen Interessanten Artikel über die Stellung des Vatikans zur Schaffung eines jüdischen nationalen Heims in Palästina. Ich möchte auf einen Artikel hinweisen, der am 7. d. M. in der Grazer „Tagespost“ erschien und dessen Verfasser recht gründlich informiert zu sein scheint. Er gibt ein anschauliches Bild von der gegenwärtigen diplomatischen Arbeit des Vatikans und kommt auch auf dessen Stellung zum Zionismus zu sprechen. Da heißt es: „Mit England hingegen sind die vatikanischen Beziehungen ganz eigener Art. Irland und Palästina bilden zwei Elemente, die die alten guten Beziehungen etwas verwässert haben. England kann es dem Oberhaupte der römischen Kirche nicht vergeben, daß es seinerzeit in einem Briefe die zionistenfreundliche Politik des Londoner Kabinetts beklagt hatte; Der Papst hat zwar kürzlich den Gouverneur von Jerusalem, den Anglikaner Storr s, wohlwollend aufgenommen, doch ist er nur zu gut unterrichtet über die Tätigkeit des britischen Oberkommissärs Sir Herbert Samuel, eines Israeliten, der mit Hartnäckigkeit am W e r k e I s t, in Palästina das Reich Israels herzustellen. Dieses Programm stößt selbstverständlich auf den lebhaften Widerstand des Vatikans, ln der irischen Frage aber ist der heilige Stuhl eher zum Nachgeben bereit als in der zionistischen. Man spricht heute sogar schon von einem bevorstehenden längeren Urlaub des britischen Geschäftsträgers beim Vatikan*. „Während hier die Gegnerschaft des Vatikans als eine Selbstverständlichkeit betrachtet und ohne Angabe eines weiteren Grundes festgestellt wird, erfährt man aus Ihrem Artikel, daß es dem Vatikan um die Konservierung des heiligen Bezirkes von Jerusalem zu tun ist Die Bemerkung bezüglich der „heiligen Stätten“ trifft aber nicht den Kernpunkt, denn augenscheinlich ist es dem Vatikan nicht um diese selbst zu tun (worüber ja keine Diskussion entstehen kann), sondern um ihre nächste U m g e b u ngl Aber auch in dieser Beziehung müßte es nicht schwer fallen, zu einer Verständigung mit dem heiligen Stuhle zu gelangen, Dean zunächst kann es sich bloß um gewisse Tei.e der historischen Altstadt, nicht um die ganz Unhistorische Neustadt handeln. Unsere jerusalemitischep Probleme aber — die Schaffung eines Kranzes von zarten städtischen Siedlungen um Jerusalem — liegen vorwiegend außerhalb des „heiligen Bezirkes''. Gewiß sind wir nicht minder in der Altstadt interessiert Haben wir doch da neben dem Rothel marawi (Klagemauer) die altehrwürdigen Synagogen von Radban Jochanan den Srakat, Rabbi Jehudah Hachassid, Nissan Back, die hohe Jeschiwab Torath Chaim und viele andere historisch-religiöse Stätten. Aber wir könnten uns leicht dahiß einigen, daß von einer „Modernisierung“ der Altstadt (die übrigens niemand anstrebt) Abstand genommen werden solle. Andererseits würde auch der Vatikan seineZustimmungzugewissenMaßregeln nicht versagen. So zum Beispiel, wenn es gelänge, die arabische Prostitution, die sich gerade in der Altstadt eingenistet hat, zu entfernen. Auch die Sauberhaltung der Straßen der Altstadt, die jetzt leider so viel zu wünschen übrig läßt, wird sicherlich nicht auf den hartnäckigen Widerstand des Vatikans stoßen. Hingegen würden wir fuden es gerne verbieten lassen, daß sich Tlngel-Tangel in der nächsten Umgebung der Via dolorosa breit machen. Wir könnten auch auf die bestehenden arabischen verzichten . . . J. Radler-Feldmann, Jerusalem, Mitglied der Exekutive des Waad leumi (jüdischer Nationalrat für Palästina), zurzeit in Baden. ■ q- Wlr müssen zu diesem Schreiben bemerken, daß die Bpflmisiische Auffassung des Verfassers, weicher sich von lokalen Maßnahmen, deren Zulässigkeit von zionistischer Seite bereits wiederholt anerkannt wurde, eine Gesundung lies Verhältnisses zum Vatikan verspricht, leider nicht geteilt werden kann. Aus dem von Ihm zitierten Artikel in unserem Blatte geht hervor, daß die Feindschaft des katholischen Rom grundsätzlicher Natur ist und die Klage wegen angeblicher Bedrohung der christlichen heiligen Stätten durch den Zionismus lediglich ein billiger Vorwand ist Oesterreich. Der tschecho-slowakische Kredit, Prag, 26. Dezember. Wie das „Prager Tagblatt“ meldet, werden im Jänner Verhandlungen wegen anfälliger Kreditfragen zwischen der Tschechoslowakei und Oesterreich stattfinden. In welcher Richtung und unter welchen Bedingungen die Kreditgewährung an Oesterreich erfolgen soll, ist noch nicht fixiert Tschecho-Slowakei, Fünf-Millon en-Pf und-Kredit. Prag, 26. Dezember. Wie das „Prager Tagblatt“ meldet, hat ein Konzern englischer Banken der Tsehecho-Slowakai einen Investitionskredit mit mehrjähriger Laufzeit in der Höhe von fünf Millionen Pfund Sterlin g.bewilligt Revision des Prozesses gegen Rabbiner Schapira. Warschau, 24. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgen- Kettung“.) Wie verlautet, wurde für den 20.Jänner 1922 die Revisi n des Hochverratsprozesses gegen de, während des polnisch-bolschewikischen Krieges unschuldigerweise erschossenen Rabbiner PIoc': Schapira festgesetz4 Die Verteidigung hat Abgeordneter U artglas übe- ~,men- Jugoslawien. DleOemcindewahlordnting in Dalmatien und Bosnien. Belgrad, 25. Dezember. (Privat.) Die für Slowenien gültige Gemeindewahlordnung wurde auch in Dalmatien, Bosnien und in der Herzegowina eingeführt Meldepflicht für Staatsfremde. Belgrad, 25. Dezember. (Privat.) Alle fremden Staatsbürger, die bis zum 1. Jänner den Polizeibehörden nicht ordnungsgemäß angemeldet sind, sollen ausgewiesen werden. Ungarn. Die Ausnahmsgerichtshofe. Budapest, 26. Dezember. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Eine Regierungsverordnung verfügt die Aufhebung des beschleunigten Strafverfahrens und stellt die Gültigkeit der gewöhnlichen Strafprozeßordnung in Strafsachen wieder her. Märtyrer des jüdischen Ehrgefühls. Miskolcz, 23. .Dezember. (Eigenbericht der »Wiener M'jrgemzePivng«.) Seit vielem Wiadhen schon werden dl? h!origen Juden Macht für N-cfat VOM >E*iwaehcffid-cn Ungarin«) beuirruliigt, miß* hamdeit, die Fenster ihrer Wo’! mengen werden eingeschlagen uihd Schüsse gegen jüdisöhe Häuser gehören nicht m dem Seltenheiten. Diese Art, Politik zu madhen, hat auch unter den chri-iUllCren Studenten des katl’jolischem Obergymnasiums Schule gemi. cht. Wie bereite berichtet, sind e>rs.t vor Icturzem die jüdisorcin Schüler dieser AnstaH von ihren dem Verein der »Erwachendem Ungarn« angehören den christlichen Mitschülern überfallen und blutiggeschlagen worden. Es war tiut selbstverständlich, daß die -jüdischen Mittelschüler diese feigen Einzel überfalle, in der Regel zehn gegen einen, sich nicht lange gefallen ließen und sich zu gemeinsamem Schutze gegen die studentischen Rowdies vereinigten. Bei einem solchen Angriff der christlichen Mitschüler mußtem die Angreifer, trotzdem die Juden in der Minderheit w>:ren, sich mit blutigem Köpfen zutrückziehen. Die Angelegenheit hatte großes Aufsehen hervergenufer», und der Professoremkörper als DiszipUnarrat fällte nach durch geführter Untersuchung ein Urteil, welches vom Minister für Kultus und Unterricht mit einigem Aenderungen bestätigt wurde. Das Urteil, vcai welchem die offiziöse Meldung be. hamplet, daß es eine wesentliche Milderung des Misicolczer Professore-nlkörpers darstelle, ist, wie alle Urteile während des Horthy-Regimes, eine Aufmunterung ^des weißet] Terrors und der »Er, wa<chend.en Ungarn«.- Dieses »gemilderte« Urteillautet: »Aus sämtlichen Mittelsdhiulen des Landes sind auszuschließen: Karl Glück, SchuLr der achten, und Artur Friedmamn, Schüler der siebenten Klasse. Aus sämtlichen Miskolczer Mittelschulen sind ausziuschlieioni Ladislaus Berctnyi, Emmerich Fr-nk, Emmeriah K*agy, Theodor Klein, Emmerich Keriesz, Franz Schwarz und Bela Sipos, Scf-ülcr der achten Klaisse, mit der Einschränkung, daß sie ihre Studien an anderen Mittelschulen nurals ’Pirivaitschül-er fortsetzten könnten und daß sie vor Septemiber 1022 zur Privatisteryprüfuing nicht zugelassen werden.« Diese verurteilten Schüler sind Juden. Der einzige ndchtjüdische Student Geza Vegl). der Rädelsfü’hrer der Miskolczer »Erwachen den« Stfudemkin, Schüler der siebenten Klasse, wurdee wohl gleichfalls ams sämtlichen Miskolczer Mittelschulen ausgeschlossen, und kann seine Studien ebenfalls mir als Privatschüler foirtsetzen, doch ist es ihm gestattet, die Prüfung.ziur nctrmalon Zeit ab zu legen. Das ist die von Graf B e t h 1 e n verkündete und vcm seinen jüd-richen Vertr-anervsmänoenn Franz Szekdvi und Rabbiner Dr, Elias Acller in Amerika gepriesene Rechtsordnung in Ungarn. Palästina. Die abessynische Delegation. Jerusalem, 23. Dezember. (Telegramm der »Wiener Margenzeitung«.) Die abessynis-che Delegation unter Führung des Vizekönigs von Abessynien, welche eine Reise durch das Heilige Land unternahm, widmete einen Teil ihrer Zeit dem Studium der jüdischen Siedlung. In Jerusalem wurde zu Ehren der Abessynier ein Empfangsabend veranstaltet, an welchem der bekannte Förderer der Fälascha-Juden!-n ' Abessynien Dr. Feritlowit’s c'h, sowie die Führer der jüdischen Gemeinde, von der Exekutive U s s i s c h k i n und Dr. Eder, vom Nationalrat Yellin und Dr. Thon sowie die Mitglieder des Rabbinätes te!ln,ahmen. Der Führer der abessynischen Delegation wies darauf hin, daß die Abessynier sich nach ihrer Tradition als die direkten Abkömmlinge der Israeliten betrachten und erst spät zum Christentum übergegangeri seien. In Abessynien gebe es keine religiöse Undui*** siämkeit und fl^ch alldem, was die Delegation im Palästina gesehen und erfahren habe, werde sie nach ihrer Heimkehr alles auf bieten, u-rii das -Interesse für die Bestrebungen des Judentums in der abessynisc' en Bevölkerung zu erhö’ en und zu fertigen. Er sei iikeneugt, daß dadurch die Freund-clr ft zwier, en den Abcssynicr.n und dem Judentum zum Nutzen beider gestärkt werden wird. Telegramme. Lloyd George nach Cannes abgereist# London, 26. Dezember. (Reuter.) Premierminister Lloy George ist heute vormittags nach Cannes abgereist Neuer chinesischer Ministerpräsident. Peking, 25. Dezember. Liang-Shih-Ye ist zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Der französische kommunistische Kongreß. Marseille, 26. Dezember. (WolfF.) Hier wurde heute d?r erste Kongreß der französischen kommunistischen Partei eröffnet An ihm nehmen 350 Delegierte teiL Die Unruhen in Kairo. Kairo, 25. Dezember. (Havas.) Zaglul Pascha und die übrigen festgenommenen Nationalisten verbleiben unter militärischer Bewachung in Suez, bis die Entscheidung darüber getroffen ist, wohin sie gebracht werden sollen. Fast die gesamte Schuljugend streikt — Es verlautet, daß zwei englische Regimenter den Befehl erhalten haben, sich bereit zu halten, um zur Wiederherstellung der Ordnung nach Aegypten abzugehen. Paris, 26. Dezember. (Wolff.) Wie „New York Herald* aus Kairo erfährt, ist es gestern wieder zu Unruhen gekommen, wobei fünf ägyptische Studenten g e t,ö t e t und zwanzig verwundet wurden. Die Wilnaer Sejm-Wahlen. Warschau, 24. Dezember. (Tel. der „Wienet Morgenzeitung“.) in seinem Briefe an den „Hajen H a j n-1* berichtet der Präsident der Wilnaer jüdischen Gemeinde Dr. W i go d s k i, daß der „Bund“ nach einer neuerlichen Beratung wiederum einen Beschluß auf Wahlenthaltung zum Wilnaer Sejm gefaßt hat Wilna, 24. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.*) Die hier weilenden englischen und amerikanischen Journalisten — darunter auch die Korrespondenten von „MorningPost“ und „Daily News“—haben.den Rabbiner R u b i n s t-e i n, die führende politische Persönlichkeit der Wilnaer Judenschaft, besucht und mit ihm eine längere Unterredu g in Angelegenheit der jüdischen Stellungnahme zum Wilnaer Sejm gepflogen. Wetterkatastrophe. New York, 25. Dezember. (Havas.) Durch heftfgfe Stürme ist in den Tälern des Mississippi großer Schaden angerichtet worden. Auch zahlreiche Menschenopfer sind zu beklagen. Kleine Nachrichten. Entgleisung auf dsr Bregenzerwaldbahn. Aus Bregenz wird gemeldet: Infolge eines Felssturzes entgleiste bei Kilometer 13*9 der Lastzug auf der Strecke Bezau— Bregenz. Die Lokomotive und der Hüttelwagen stürzten in die Brengenzer-Ache. Der Lokomotivführer wurde durch Verbrühungen schwer verletzt, der Heizer und die Kondukteure kamen mit leichteren Verletzungen davon. An die Leser der „Wiener Morgenzeitung“. Gleich allen anderen Wiener Blättern ist auch die „Wiener Morgenzeitung“ gezwungen, eine Erhöhung des Abonnements vorzunehmen, um wenigstens zum Teile dem Tempo der allgemeinen Preissteigerungen folgen zu können. Der Papierpreis hat sich auf das Vierfache erhöht und die Löhne sind seit dem Monat November dieses Jahres bereits ums Doppelte gestiegen, ohne daß ein Ende dieser Aufwärtsbewegu/.g abzusehen wäre. Wir haben trotzdem die Verteuerung unseres Blattes nicht in dem Maße vorgenommen, weiches diesen Verhältnissen entsprechen würde, da wir denjenigen Teil unserer Leser, der dem Mittelstand angehört, nicht von der Lektüre < ieses für sie notwendigen Organs ausschließen können. Bezugsbedingungen ab I. Jänner 1922t Abonnement für Wien (zrnn Abholen im Expedit oder in der Verschleißstellen) monatlich «»,»•»»». .K 1000.—— Oesterreich monatlich.K 1000:— Tschecho-Slowakei monatlich . tscliech K 20.— Polen monatlich .... poln. Mark 600.— Jugoslawien monatlich .... Dinar 18.— Deutschland monatlich.Mark 25.— Rumänien monatlich ...... Lei 35.— Bulgarien monatlich .... . Leva 35.— Holland monatlich ...... holl. fl. 1.50 Italien monatlich ...... Lire 6.— Schweiz monatlich. . . Schweiz. Frcs. 3.— Frankreich monatlich ...... Frcs. 6.— Belgien monatlich .... belg. Frcs. 6.— England monatlich ....... Sh. 3.— Amerika monatlich. ..... Dollar 0.50 Einzelnummer für Wien K 40.— Montagsnuinmer . . . 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