Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1043 (24.12.1921)
- Date
- 1921-12-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Säfrtsfagf Oesterreich. Der Optionsskandal und der Völkerbund. London, 21. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Die am 18. d. M. abgehaltene Tagung des Board of Deputies (Vertretung der jüdischen Gemeinden in England) hat sich unter anderem auch rftit der Optionsfrage in Oesterreich befaßt Morris M y e r, Chefredakteur der „The Jewish Times“, schilderte in einer längeren Rede die Optionsskandale seit dem Regierungsantritt des Dr. Waber und forderte, sofort energische Schritte zum Schutze der österreichischen Judenschaft einzuleiten. Der Board of Deputies hat bereits über Beschluß des Plenums durch das Joint Foreign Committee dem Völkerbund ein ausführliches Denkschreiben in der Angelegenheit der Waberschen Optionspraxis überreicht Der österreichischen Regierung wurde bereits vom Völkerbund eine diesbezügliche Anfrage übermittelt Befürchtung eines Bandenüberfalles auf das Burgenland. Wiener-Neustadt, 23. Dezember. (Privat.) Im Öedenburger Abstimmungsgebiet wurden 2600 Freischärler, meist Hejjas- und Pronai-Leute, festgestelit Durch Konfidenten wurde nunmehr in Erfahrung gebracht daß die Freischärler morgen nachmittags einen Ueberfall auf burgenländisches Gebiet planen. Der Tag wurde deshalb gewählt, weil vermutet wird, daß wegen des Weihnachtsabends unsere Grenzschutzorgane vom Wachtdienst abgelenkt würden. Die Landesregierung hat aber sofort alle erforderlichen Maßnahmen zur Verschärfung des Grenzschutzdienstes getroffen, so daß kein Grund zur Beunruhigung vorliegt Die Schweiz verzichtet auf Zahlungen. Bern, 23. Dezember. (Schweiz. Dep.-Ag.) Der Ständerat stimmte dem Beschluß des Nationalrates hinsichtlich der Verzichtleistung auf die Vorzugsrechte zu, die die Schweiz aus den anläßlich der internationalen Kreditaktion für Zentraleuropa Oesterreich gewährten Vorschüssen erworben hatte. Polen. Antisemitische Hetze gegen Jüdische Gewerbetreibende. Lublin, 20. Dezember. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung“.) Die antisemitische Hetze nimmt, obgleich die Regierung, die ihre traurigen Konsequenzen für Polens Wirtschaft und Politik erkannt und wiederholt in offiziellen Auslassungen verurteilt hat, ungestört ihren Fortgang. Die antisemitischen Verbände finden besonders auf dem flachen Lande und in den Provinzstädtchen den richtigen Boden für ihre giftige Saat Da sind immer einige unbeschäftigte Landjunker, politisierende Geistliche und Krämer, die mit Neid sehen, wie der Bauer lieber beim Juden gute und billige Ware als bei ihnen nationalgefärbten Powel kauft Aber nicht nur die jüdischen Händler sind ihnen ein Dorn im Auge: sie möchten auch gern den jüdischen Gewerbetreibenden um die Existenz bringen. Uns liegt ein Sitzungsbericht des antisemitischen Ortskomitees von N a 1 e c z o w vor, laut dem die Herren folgende Resolution gefaßt haben: „ln unserem Vaterland beherbergen wir Polen die Fremden nur als Gäste. Wir wollen ihnen keine gleichen Bürgerrechte geben. Ein Verräter an Polen ist jeder Pole, der das Judentum unterstützt Unsere Regierung kann ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn wir den verderblichen Einfluß der Juden auf das politische und wirtschaftliche Leben nicht mit allen Mitteln bekämpfen werden.“ In derselben Sitzung wurde noch beschlossen, an dem in Naleczow wohnhaften jüdischen Fleischhauer Aron G r i n b e r g die Aufforderung zu richten, er möge, „wegen des Wohles, des Lebens und der Arbeit der polnischen Bevölkerung von Naleczow sein Fleischhauergeschäft liquidieren und mit seiner ganzen Familie Naleczow verlassen". Diese Forderung wird von der Bemerkung begleitet, daß im Falle ihrer Nichtbeachtung „die rassenbewußte Bevölkerung für die daraus entstehenden Konsequenzen nicht bürgen könne“. Dieses Dokument ist im Namen von 150 Hammeln von dem Geistlichen Luczycki unterzeichnet Es wird Aufgabe der Behörden sein, die angedrohten „Konsequenzen“ unschädlich zu machen. Die Dessentlichkeit darf nicht dulden, daß ein friedlicher Gewerbetreibender, durch das ungesetzliche Treiben unverantwortlicher Elemente in seinen bürgerlichen und menschlichen Rechten geschädigt wird. Neuer Chef der französischen Militärmission. Paris, 23. Dezember. (Funkspruch.) An Stelle des Generals Nießl ist Divisionsgeneral D u p o n t zum Chef der französischen Militärmission in Polen ernannt worden. Ungarn. Eine neue Schurkerei der Bethlen- Regierung, Tomcsanyi und Sandor kontrahieren einander. Budapest, 23. Dezember. In der gestrigen Sitzung Öer Nationalversammlung wandte sich Abgeordneter WIENER Sandor scharf gegen die Regierung, die den gelben Fleck wieder eingeführt habe. Sie lasse die Pässe von jüdischen Staatsbürgern durch die römische Ziffer 11 zeichnen, um die Inhaber auf diese Weise kenntlich zu machen. Die Justizverwaltung sei mit schuld an dieser Gemeinheit. Er griff den Justizminister Tomcsayi an, der früher im Dienste Bela Kuns gestanden sei. Der Minister leugnete heute die Wahrheit dieser Behauptung ab. Als Sandor daran festhielt, nannte ihn der Minister einen Feigling, der unter dem Schutze der Immunität Beleidigungen vornehme. Nach der Sitzung ließ Tomcsanyi den Sandor fordern, während Sandor sich wegen des Vorwurfes der Feigheit ebenfalls mit einer Kontrahage revanchierte. Die Sekundanten werden sich bis zum 28. Dezember Zeit lassen. Amnestie. Budapest, 23. Dezember. (U. T. K. B.) Das Amtsblatt veröffentlicht ein Handschreiben des Reichsverwesers, worin eine allgemeine Amnestie erwähnt wird, die sich auf die seit dem Umsturz verübten revolutionären und kommunistischen Strafhandlungen erstreckt. Von der Begnadigung sind Strafhandlungen, die aus Gewinnsucht verübt wurden, ausgeschlossen. Auf die unter der Bezeichnung „Emigranten“ bekannten Personen findet die Amnestie keine Anwendung. Jugoslawien. Radle’ Mandat nicht anerkannt. Agram, 23. Dezember. In der gestrigen Sitzung des neugewählten Gemeinderates, die sich mit der Verifizierung der Mandate befaßte, wurde das Mandat des Führers der kroatisch-republikanischen Bauernpartei Radic nicht anerkannt, da dieser noch im letzten aufgelösten Gemeinderat die Eidesleistung verweigert hat und deshalb für die Dauer von drei Jahren des Wahlrechtes verlustig erklärt worden war. Rumänien. Das Regierungsprogramtn. Bukarest, 23. Dezember. (Orient-Radio.) Ministerpräsident Take J o n e s c u erklärte gegenüber Vertretern der Presse, die gegenwärtige Regierung sei entschlossen, an die anerkannten Autoritäten un :i alle nützlichen Kräfte zu appellieren, um dem Lande die notwendige Entspannung zu geben. Das Regierungsprogramm sehe die unbedingte Freiheit der Ausfuhr, die Abänderung der übertriebenen und undurchführbaren Teile der Steuerreform und eine Vereinfachung des komplizierten Verfahrens vor, das die Steuerpflichtigen belaste. Palästina. Errichtung einer kooperativen Bank. New York, 20. Dezember. (J. C. B.) Einer offiziellen Mitteilung des Palestine Deveioppment Council zufolge gelang es der Brandeis-Gruppe, eine Reihe jüdischer Organisationen für die Errichtung einer Kredit- und kooperativen Bank in Paläs-ina zu vereinigen. Die Bank wird über ein eingezahltes Kapital von 100.000 Pfund verfügen. Das Uebereinkommen wurde zwischen dem Reconstruction Committee des Joint, vertreten durch Herbert Lehmann, dem Paläs ina-Entwicklungsrat, vertreten, durch Louis Bran eis und Julian Hack, dem Palästina-Wirtschaftsrat in London, Ica, vertreten durch Mr. Goldsmith, London, abgeschlossen. Der amerikanische und Londoner Palästina- Wirtschaftsrat, haben zusammen das Minimum von 30.000 Pfund Sterling einzuzahlen, der Rest von 70.000 Pfund Sterling wird von der Ica und dem Joint als langfristiges Darlehen gegen bloß nominelle Zinsen vorgestreckt Gleich nach der ehes’ens zu erfolgenden Genehmigung dieses Übereinkommens durch die beteiligten vier Organisationen wird in London oder in Paris die Gründungsversammlung abgehalten werden. Die Brandeis-Gruppe wird dabei von James de Rothschild und der Joint durch seihen europäischen Dire' tor James Rosenberg vertreten sein. Jede dieser vier Organisationen wird in allen Institutionen der Bank paritätisch vertreten sein. Verurteilung von Arabern. * Jerusalem, 21. Dezember. (J. C. B.) Das Gericht hat über weitere fünf Araber, unter denen sich auch zwei Frauen befanden, wegen Beteiligung an den Ausschreitungen vom 2. November die Urteile verkündet Ein Araber wurde zu elf Jahren Zuchthaus, zwei zu f ü n f J a h re n und die beiden Frauen zu je einem Jahre Gefängnis verurteilt Telegramme. Graf Toggenburg über die deutsche Minorität. Rom, 23. Dezember. Im Laufe der Kammerdebatte über das Budgefprovisium verlangte Abgeordneter Graf Toggenburg Auskunft über die Umwechslung der österreichischen Valuta und über die Einlösung der Krieg sa n 1 e i h e, die zum großen Teile für die Verkchrs- I weec in Südtirol verwendet worden sei. die heute Von 24. öezembhr fjf. jo4$ Italien benützt werden. Redner warnte vor einer G e* w a 111 a k t i k. Italien mangle die Praxis in der Behandlung fremder Völker. Eine Unterdrückung könnte traurige Folgen haben. Er empfahl, eine liberale Behandlung entsprechend dem italienischen Freiheitsideal und beklagte die Praxis der Ortsnamenänderung, die Vernachlässigung der Wein- und Obstkultur sowie die Erschwerung des Reiseverkehrs, die den Ruin des blühenden' Hotelwesens herbeiführen müßte. Redner bot die Mitwirkung der Deutschen zur Beseitigung des Völkerhasses an und legte die Legitimität der Ziele des deutschen Verbandes dar, wobei er die im Senat gefallene Bezeichnung als Barbaren zurückwies. (Schluß-Rufe rechts. Die Sozialisten fordern Redefreiheit für Toggenburg.) Redner besprach hierauf die Frage der Bozener Polizei und forderte die Aufhebung der Preßzensur und die Einführung des italienischen Preßgesetzes. (Ministerpräsident Bo o m i: Am 1. Jänner!) Tagesbericht. Die Ankunft Weitzmanns in Wien. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Prof. Chaim Weitzmann trifft Montag den 26. d. M. gegen 23 Uhr abends mit den Berliner Mitgliedern des Zionistischen Aktionskomitees auf dem Franz.- Josefs-Bahnhof in Wien ein. Sämtliche zionistischen Vereinigungen, Korporatione usw, werden aufgefordert, zum Empfang ihre Vertretungen abzuordnen. Die zionistische Studentenschaft wird aufgefordert, zum Empfang vollzählig zu erscheinen, Zionistisches Landeskomilee für Oesterreich. Bei den Pogromwaisen. Als die Kunde von den blumigen und grauem* vollen Pogromen in der Ukraine die zivilisierte Welt durchzog, da filiutote eine Welle der Teilnahme über die gesamte judemis-dhaft. Selbst jene gatne Modernen, die am liebsten jede Sputr dies Rasseniztusr.mmenihanges v-erlöschen mochten, die einet» mehr oder minder diskreten Antisemitismus zur Schau tiragem, selbst sic kcminiten si-ch den Wirkungen jener Schreckemisgesells-dhaft nicht entzic'/en umd bekannten sich — freilich watren sie in guter Gesellschaft da/bei, ha't/tcm dcicfh viele edel, m-riir» niar menschlich denkende Christen sich dem Ililfisbestrebungen an-ges-chfossen — seiit langem wieder einmal öffentlich als mitbeteiligt an Schmach und Leid der Judens-dbatt. Der Sammlung für die Pogromwais'un flössen reichlich Spenden zu. Man gab, und dann, mur ja, dämm vergaß man an das Grauenvolle und Urosühnibare, vergaß an die Greuel und Schandtaten, vergaß an das, was uiwvergeßbar bleiben sollte. An die Pogromwaisen vergaß man ensit recht Die watren inzwischen an guter Hut. Der Joint sowie da-s Hilslkoumtee haben für die verirrten, betäubten, verzweifelten Kinder Heime gesell affen, haben sie 'beüreut und viel« tausende mach Kanada, Amerika und Südafrika zju Pflegeeitern geschickt, die die Kleinen am Kindes Staitt amiailvmem. Eine Gnup-pe der Kinder wurde alber auch vor wenigen Wochen, madh Wien gebracht, von Frau , A n i 11 a Müller im eim kleines Heim ausgenommen, um zum Teil im Wien zu Weibern, zum Teil in Triest durch einen jüdischen Menschemfrcimd zu Landarbeiten™ für Palästina erzogen zu werden. Vorläufig ist die kleine Schctr aibef noch bei» sammen, zwanzig Buben zwischen neun um-d fünfzehn J-f mem und ein» Mädchen von neust, die matt» von ihrem Bruder niec.t trennen will, ist er doch dos eizige meiniidhliehe Wesen auf Gottes weiter Weilt, das au «hm gehört. Im einer einzigen Nacht wurden Vater, Mutter umd Binder der Kinder ermordet, ihre sämtlichen Verwandten hingescWi.xhtiet oider* verschleppt. Die Schützlinge des kleinen Heimes könneen alle solche od-er ähnliche Berichte erstatten. Alle diese Kinder «haben weder Vater noch Muittor, weder Sdhütizetr noch Freund. Mit einem Schlage sind sie des natürlichen Schutzes borauibt worden und keiner von ihnen ka.n*n vielleicht heute sdbon ermessen, was er damit verlören hat; Sie sind ri-cht leicht zum Erzählen zu bringen, man muß im Anfang Wort für Wort —- auch über gamz Belangloses — au»s ihnen herauslocken. Aber langsam kommt doch ein mohremschworaar Junge, (es is-t nicht ein Blondkopf in der Schar) heran und erzählt seine Geschichte. Es ist immer dieselbe furchtbare, grauenvolle, schaurig-eintönige Geschichte. Nach wildbewegten Zeiten zogen eine« Tages die Bolschewiken ab. Und es dauerte oft nur ein paar Stunden, da Karnen andere Trappen, die die Knaben »Petlonen« nennen, die Petljura* Banden, und begannen ihre segensreiche Tätigkeit, damit, alle Judenhäuser in Brand z«u stecken. Wer flüchten konnte, flüchtete. Der .Vater des großen, schlanken Jungen glaubte im Gotteshaus den besten Schutz au finden. Aber die Banden '-pflanzten zwei M-aschinengewä’ ire vor dem Tor auf und feuerten in die Versammlung, bis auch nicht ein Beter wehr am Leben war. Ein paar Kinder ließ man entweichen. Diurch ein Wunder traf der Junge auch seine Mutter i:md Leime Schwester. Damm sind sie »geb'ffen«, viele Stunden 1« mg. veirb^gt vom Schall der Schüsse, vom Feuerschein, vom Schreien und