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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-24 · Heft 1043 (24.12.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1043 (24.12.1921)
Date
1921-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Pariser Zeitung hat sich kürzlich den Scherz geleistet, . die Panikzü schildern, die in'den französischen politischen Kreisen von. der Nachricht erzeugt wird, daß Deutschland seine Verpflichtungen erfüllen wolle. Der Ministerrat ist in Permanenz, Briand. bereitet sich zur Abreise nach Londn : vor, alle .Zirkel; und Salons von fieberhafter Erregung erfüllt/,.Der Satiriker wollte damit seinen Landsleuten eine^allgeliieinverständliche Erklärung.'des »Tuns und-Treibens jener geben, die in Frankreich an der- Verdunklung . und . Ausbreitung; des Konflikts; mit Deutschland arbeiten 1 und es 1 so weit gebracht haben, -daß -Frankreich wieder -in .die Isolierung gerät Die wegen .der deutschen Stirn duiigsforderung eii)- geleiteten Besprechungen zwischen England find ■ Frankreich sind ins. Stockerl geraten, da die französischen'Vertreter' sich auf den Standpunkt der Unnachgiebigkeit festgelegt haben. ‘Die deutsche' Regierung hat von der Reparationskommissiqn, die Stundung eines Teilbetrages -der beiden nächsten Raten von' 750 Millionen .Goldnnark verlangt,; dä sie . nur nüber etwa. 150 .bis 20ß Millionen in. barem verfüge und den . gleich hohen Bettag ir\ Sachleistungen ' - auf bringen könnte. Der Rest von* einer Viertelntilliarde . sei für Deutschland nicht aufbrrnglich.-, Die Rßparations- " komihission. hat, in ihrer Antwort erklärt, sie vermisse, „jede,,Andeutung darüber,;, fjürrwelche Zeit sie eine Fristverschiebung. anstrebe. Diese;,' Auseinandersetzung ist - zu ■■■, einem politischen Akt . geworden, der die Kabinette von London und Paris; in Atem hält, aber schon in:Kürze zur Aufrollung; des gesamten.- europäischen Problemkomplexes führen wird. . . Die englische. Politik will aus .der steten: ' ‘Beunruhigung ihrer Wirtschaft herauskommen.; Sie hat sich durch den in Washington .'abgeschlossenen* ,Vier- * Mächte-Bund die Sorgen;um -den Stillen Ozean für zehn Jahre vom. Halsp gssscKaH.-ynd-Hurc^ das mit Amerika und Japar-vereinb^rfe; -nach.' dem-• Schlüssel 5:5:3 die Sicherung-;aer;;idoirimiQns, erzielt; Sie. bekommt nunmehr* pa^dein .Abschluß, -der; irischen Fehde die Hände frei Nr die^ Behandlung der, europäischen Fragen. Die daraüs resMerende.. Neu- . Orientierung . der englischen Politik, ‘hat sich ' durch, eine kräftige Betonung der. englischen Interessen' im haken Orient während des noch. ’ nicht erledigten Angora-Konflikts Frankreich gegenüber, angekündigt und England beginnt nunmehr auch * zu der . kritisch ge-' wordenen Entwicklung der mitteleuropäischen Länder; und des Ostens Stellung zu ■ nehmen.1 Die Hartnäckig- ' keit, mit : der die englischen, Staatsmänner jede Ver- . Schiebung der deutschen Geldfrage- -auf das Geleise' ' des französischen Radikalismus I-ablehnen, spricht dafür, daß England ' die Verständigung;;init Deutschland' nur atif der wirtschaftlichen -Basis anstrebt. Die * Rücksicht- '' auf die Lage Deutschlands wird selbstverständlich mur~ bis ‘zueinem gewissen- Grade beobachtet'.werden können.-Mankann, vop der Entente nicht mehr Entgegenkommen erwarten, solange, die, Kreisender Deutschen Volkspartei in ihrem alldeutschen Rachegefühl gegen die Republik die Steuern sabotieren und dem Reiche die Devisenbeschaffung erschweren. Das .unterirdische Tjeiben dieser Kreise versorgt die französischen .Hetzer mit dankbarem Agitationsstoff und hat ja auch jüngst die Unterlage für die Rüstungsrede Briands in Was,hi ■ gton geliefert. Man - hat aus, dem jüngsten Prozeß.'gegen Jägow- und die Kapp-Leute nebst der - schon längst bekan’ten Dokumentierung ihißr. .politischen Unfähigkeit auch noch die? schlüssigen ^D^weise für die-' planmäßige Unterminierung des ö(f^i|j<ihen. Lebens .erhalten. Es. ist'deshalb nicht damit zuHMnen, daß Deutschland aus der 2aJi)W§tzvärpfliDM^. entlassen fye/den wird. Es wird ihm auferlegt Werden, seine Finanzen zu ordnen, den Besitz zu erfassen und Steuern einzuheben. Die englische Regierung arbeitet an der Ordnung Europas und sie greift , bereits außer dem deutschen auch das russische Problem an. Es besteht bereits der Plan einer gesamteuropäischen Konferenz, zu der-auch Deutschland und Rußland zugezogen werden sollen. Die Schwierigkeiten, die sich,-wie, zu erwarten;-stand, diesem Plan jetzt noch entg^geftjstellen, ergaben sich aus der Unklarheit des Verhältnisses Frankreichs zu Deutschland/ wie ja hierin alle gefahren für die Ruhe Europas zusammenlaufen. Aber def Gedanke der. Konferenz, .der im amerikanischen- Senat sich" zu , dem Antrag auf Einladung der Völker statt der Regierungen verdichtet hat, ist so stark wie die Idee des Völkerbundes? und des internationalen Gerichtshofes. Nach dem amerikanischen Antrag, der .den Vorschlag , Englands in glücklichster Weise ergänzt, soll der Völkerkongreß eine Organisation für ■ die Sicherung des Friedens durch die Lösung der .finanziellen und wirtschaftlichen Fragen schaffen, die der Krieg aufgeworfen fiat. Es versteht sieh von selbst,; daß ein solcher Kongreß Alle Völker umfassen und alle nationalen und sozialen Krisen zwischen Gleichbereclitieten besprechen müßte. England will den Wiederaufbau Europas. Die projektierte Wirtschaftskonferenz. — Das Programm von Cannes. London, 23. Dezember. (Wolff.) „Daily Chronicle“ berichtet über die letzten Beratungen zwischen Briand und Lloyd George, den französischen Ministern sei deutlich gesägt worden,. daß Großbritannien der Ansicht sei, daß bei -der Wiederherstellung Europa als ein großes Ganzes behandeltwerden müsse. Deutschland und Rußland sowie die neuen Nationen ■müßten;in den'Plan mit hineingebracht .werden. Das Blatt meint, den Franzosen. sei anscheinend der-..volle Ernst’ der Lage Eng^ lands nicht Idar. Die englische Öffentlichkeit fordere die Belebung des Handels, Behebung .der Arbeitslosigkeit und .Herabsetzung der Einkoinmehstieuer., Die Not’ Englands sei größer als die Frankreichs, ..obwohl vielleicht die stillgelegten Werke und dre Arbeitslosigkeit auf den Straßen weniger eindrucksvoll seien als die Ruinen Nordfrankreichs. , „Daily News“ weisen darauf hin,' daß der Beschluß des Obersten Rates, die Einberufung einer e u r o p ä i sch e n W i r t s c h a f t s k o nfere nz unter Einschluß der N tu tra 1 e n anzuempfehlen, mit der im amerikanischen Senat elngebrachien Entschließung F r a n c e s - Zusammenfalle. Die von Lloyd George . und Briand; vorgeschlagene Konferenz würde eine wesentliche Vorbereitung für eine internationale Wirtschaftskonferenz in Washington sein, da Europa Schritte tun müßte, um seine Angelegenheiten in Ordnung zu . bringen, bevor es nach Amerika um Hilfe ausschauen könnte. > „Daily.Mail“, berichtet,, daß Premierminister Lloyd George am Montag vor seiner Abreise nach Cannes einen Ministerrat abhalten werc)e. Dem Blatte zufolge würden auf der, Konferenz^ die Neuregelung; der Weltfinanzen, die Herabsetzung der deutschen; Reparationszahlungen, die Ratifizierung des Wiesbadener Ab-' Kommens sowie des Pariser Abkommens vom 13. August, die Frage eines e ri g 1 i sch-französis.chen Bündnisses und der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas einschließfi c h D e u t s c h 1 a n d s und R u ß 1 a n d s erörtert werden. An der Konferenz in Cannes wirden auch Lord C ur zo n und Schatzkanzler Home teilnehmen. : :Die Konferenz von Cannes* Paris, 21. Dezember. (Funkspruch.) Die Konferenzder Alliierten wird am 4. Jänner in Cannes beginnen. , . v ’ ' . - - ' . -TL Eine neue Washingtoner Konferenz. Washington, 23. Dezember. (Reuter.) Senator Fra nc e hat einen Beschlußantrag eingebrachiyworin die Einberufung einer Konferenz nach Washington ge-; fordert wird, die 50 Nationen umfassen soll, darunter au c h 0 es terreich und Deuts ch-l-and. Die deutschen Zahlungen, London, 23. Dezember. (Wolff.) Einer Meldung des Berichterstatters des- „Daily Expreß“ zufolge sind Briand und Lloyd George übereingekommen, daß Deutschland den vollen Betrag der Jänner- und Februarrate nicht bezahlen könne. Sie hätten jedoch festgestellt, was Deutschland zahlen solle und könne. Diese Summe würde rund zwei Drittel des ursprünglich festgesetzten Betrages därstellen. Deutschland werde aufgefordert werden, Garantien zu geben, daß es bei Gewährung ei er solchen -Erleichterung Maßnahmen ergreifen werde, lim seine .Finanzen in Ordnung zu bringen. Kredithilfe für Oesterreich, London, 23. Dezember. (TeI.-Komp.) Der diplomatische -Korrespondent des - „Daily Telegraph“ in Paris bespricht in ' einem: Artikel das Prager Abkommen -zwischen Oesterreich und der Tschechoslowakei und erblickt in diesem Staatsverlrag eine Garantie für die Konsolidierung in Mitteleuropa sowie einen .Beweis, daß Oesterreich alles zu tun entschlossen sei, um sich selbst aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten herau&zülielfem ,,D a i 1 y T e'l e g r äp h“ erwartet von den neuen wirtschaftlichen Abmachungen Oesterreichs mit der Tscheeho-Slowakei sowie von den energischen Finanzmaßnahmen der österreichischen Regierung nicht so sehr eine Hebung als vielmehr eine Stabilisierung des Wertes der österreichischen Krone. Indessen kann auch diese Folge der gebesserten Finanzgebarung Oesterreichs rieht sofort in; Erscheinung treten, sondern es ist unbedingt notwendig, daß Oesterreich für die Uebergangszeit bis zu seiner vollendeten Sanierung eine . zeitweilige Anleihe von ungefähr . 21/a Millionen Pfund erhalte. Die Verhandlungen zur Flüssigmachung dieses Kredits in den; Ententestaaten seien nach der Versicherung des Korrespondenten des „'Daily Telegraph“ in London und Paris in günstigem-Fortschreiten begriffen. Die jüdischen Vertreter in der Emlgratsonskommission des Völkerbundes, London, 22. Dezember. (J. C. B.) In der Sitzung des Board of Deputies teilte Sir Stuart Samuel mit, daß das Joint -Foreign Committee seine Delegierten für die Emigrationskommission in Genf bereits entsendet, habe. Wahrscheinlich werde auch; dje zionistische Organisation zur Entsendung von zwei. Vertretern, eingeladen werden. Der Board of Depiiti.es sei zur Zusammenarbeit mit der zionistischen Organisation zwecks Ueberführung von. Juden unter entsprechender Aufsicht nach Palästina bereit Sitzung des Völkerbu^drates, Genf, 22. Dezember. Die 16. Session des Völkerbundrates wird am 1 0. J ä n n e r unter dem Vorsitz Hymans’ in Genf eröffnet werden. ^; Auf der Tagesordnung stehen verschiedene internationale Angelegenheiten, so die Wahl des OberkommiMA, für Danzig, der Regierungskommission des SaarbeeMM der Protest der litauischen Regierung gegen die/HWmmung von Wilna sowie verschiedene Berichte'ddr vom Völkerbund eingesetzten Kommissionen. Die irische und die jüdische Frage. London, 21. Dezember. (Tel. der Wiener „Morgenzeitung“.) Dr. W/e i t z m a n n richtete." an Lloyd G.e o r g e anläßlich des englisch-irischen Abkommens ein Gratulationsschreiben, in welchem ,, er seiner Hoffnung Ausdruck gibt, daß es Lloyd George auch gelingen werde, in.Palästina auf der Grundlage der Balforn-Deklaration eine' Friedensschluß zustande zu bringen. . Lloyd. George. dankte. Djr. Weitzmann. in einem soeziellen Schreiben für diesen Glückwunsch. Die ostgalizische Frage, Warschau, 22. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzei'u.:g“.) 3m Ministerium für Inneres fand vor einigen Tagen unter Vorsitz des Innenministers D o w-* uarowicz eine Konferenz in Angelegenheit der ostgalizischen Frage statt. An der Konferenz nahmen außer dem Minister der Vizeminister Domkowskt und die Wojwoden von Lemberg, Stanislau und Tarrtopol teil. Keime Aufnahme der italienischrussischen Handelsbeziehungen. Rom, 23. Dezember. In der heutigen Kammersitzung wurde der Antrag des republikanischen Abgeordneten C h i e s a, betreffend die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit Rußland, nach eiper Rede des Außenministers in namentlicher Abstimmung mit 220 gegen 86 Stimmen abgelehnt Vertagung des irischen Parlaments. Dublin, 22. Dezember. (Reuter.) Da sich die Parteien des irischen Parlaments nach erregter Debatte über eine Beschränkung der Redezeit nicht einigen konnten, ohne die es augenscheinlich unmöglich isl, noch vor Weihnachten zur Abstimmung zu gelangen, wurde auf Antrag C o 11 i n s die Vertagung auf den 3. Jänner beschlossen. Allklageerhebung gegen Ludendorff. Berlin, 23. Dezember. Wie verlautet, hat die Oberstaatsanwalt beschlossen, gegen Ludendorff wegen seiner Stellung in der Kapp-Putsdi-Affäre die Anklage zu erheben.

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