Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1039 (20.12.1921)
- Date
- 1921-12-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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WIENER MORGENZEtTUNG 20, Dezember 1921 Nr. 1039 Seite 2 Wien, Dienstag_ Das Ausland über Oesterreich. Lieber die Plünderungen. — Die Oedenburger Abstimmung. — Der Antisemit Waben Wir emtaveihmen dem in Kotisbamrinoipsl enPsoheinendm >J o uin a1 >& Orient« ■weiches dort eine führende Stellmg hehamio-tet, eLnün interessanten Artikel , Wer die Zustände! n O e s t e r r ei e h. Die Ausführungen i>n dar Frage des , Burgemriamdes und der Haltung Italiens sind umso de, i merken«werter, ßits da« Bläbt sonst in guten Beziehtungen ztitf römisch c*n Regie* nüng steht Auch was über unseren groß-; deutsch en Innen miiii sit-er 'W a b e r und sein schändliches Vorgehen gegenüber den Juden gesagt wird,. . verdient hervorgehoben und vo-n unserer Regierung beherzigt zu werden. Man kann 'daraus er- ■ kennten, wie weit ein schlechter Ruf dringt. »Der Monat Dezember ist in den Annalen des rangen Riapribllk als schwauzer Mona/t einerubragen. Der i. Dezember, an welchem die zügellose W;ut sinn- und zwecklos dem armen Wien durch van'dalische Plünderungen einen Milliardenschaden zugetügt hat, wirft einen dunklen Schotten über das gutmütige, sympathische Wien. Es ist .dem takt- und verständnisvollen Auftreten der prächtigen Wiener 'Polizei zu danken» daß die AMsdhreitü-nge«r, die in einem anderen Lande gewiß zu Katastrophen geführt hätte, hier am gleichen Tage ihr Ende fanden und seither vollkommene Ruhe und Sicherheit herrscht. Wessen Auge nicht von Haß verblendet ist, muß in Oesterreich die Ordnüng-szelle für Osteuropa erblicken. Das Österreichsche Volk und seine Regierung höben wieder eine .glänzende Probe ihrer Ordnung und Friedensliebe erbracht. Das traurige Irvteimezz war die Frucht einer eytcinatief:en Verhetzung durch eine kleine kommunistische Clique einerseits und einer noch schärfer und breiter angelegten antisemitischen Hetze. Dann kahl die Ab s t i m m un g i n Öe d e nburg-, die man fälschlich als Komödie bezeichnet. Das ist eine ergreifende Tragödie, ein unverzeihliches, schwer gutzumachendes Verbrechen- Eine ■Volksabstimmung, während Ungarn dort - sein Terrorregime *ufrechte:helteii‘ hat. Selbst verständlich rief die österreichische Regierung ihre Abstimmungskommissäre zurück und doch ließ die Ententemission die Abstimmung vornehmen, und schuf das Präzedeas eines fürchterlichen Gewaltaktes in der Form des schönen, d'c melke adsdnai und gerechten ■Prinzips -der Volksabstimmung, dazu noch zugunsten eines barbarischen Landes. Die Abstimmung und die Exzesse haben denselben Ursprung. Sie sind Früchte der ungerechten Haltung der Ententemächte gegenüber Oesterreich: Die Vorenthaltung des Kredits mußte jeden guten Glauben an die Aufrichtigkeit der Westmächte erschüttern, Dias verstümmelte Oesterreich kann sich, nicht selbst erheben. Das erkannten die Ententemächte, da-s erkannte mer Völkerbund und die Reparationskommission. Wiederholt wurden Versprechungen gegeben, doch bis jetzt keine erfüllt. Wais wunder, wenn der Glaube schwindet und die Krone dem!Xullpunki zusteuert und die am Sturze Interessierten leichtes Spiel haben, die Fahrt in den Abgrund zu beschleunigen. Man hat kein Recht, über Verrohung und Entsittlichung der Masse zu klagen, wenn die Lenker der Welt in ihren Handlungen ■kumdtuat, daß Menschlichkeit, Gerechtigkeit» Freiheit, Fortschritt und Versprechungen leere Worte sind. Das Bungenland hat der Völkerbund Oesterreich z-ugesprochen. Jetzt wird es durch ein niedriges Manöver zu Ungarn gebracht, weil Oesterreich seinerzeit naiverweise ethische Grundsätze in die Politik einführen wollte und selbst eine Abstimmung verlangt hat. So wird österreichisches Gebiet dem Kulturland Oesterreich genommen und den Banditen Horthy, Hejjas und Fronai, der-Erzreaktion, ausgeliefert. Man d*arf sich.nicht wundern, wenn der Pöbel auf seine Art daraus die Lehre zieht. Die Angst vor dem Bolschewismus darf die Herren der WVlt nicht so weit verblenden, im Horthy sehen Benkersystcm einen Schutz gegen dem Bolschewismus zu erblicken, Es gibt keinen besseren Mähirfo^xlein' für den. BoHsdhewismu« in seiner häßlichste, eilestruktivefen Aft, w{e die Hurthysche >Ordimng«, die mit Mord und sadistischem S-diäuidungön arbeitet. Das ist eine Potlitik, 'die früher oder später fürchteriUdhc und weitreichende Verheerungen surichteu muß. Mit doppeltem Schmerze wird die Tatsache beobachtet, uJaß gerade Italien sich i« die Liigengeaplnste eines 'Hörnt hy verstrick ein läßt und mit ewnetr Regierung geht, die an Verlegenheit und Uinzuverlä&sigfkeit den Rekwd geschfegen hat. Iitalaeu und die Westmächite wllten . doch endlich erkoanen, daß m CEteurctoa ein dauernder Friede nicht eipziehen wind, solange der Ver- Ibfrecheibierd Hornbys in Umgarn existiert. Vorläufig werden dte Nachbarstaaten durch das Maicibtiwcrnt der Wesitmächtc gehalten, Das MachtwCmt hviird bald 'Versagern. Die Exzesse k Wien waren jclie erste Warnungam, die Weltmächte, Die Ab» irÄmmung in Oldenburg, weiche die Autorität der oberstem bm'itvJtivxi', der Boi'jsclmfterkonfereruz, er» ödiüttemn muß, war die zweite. Das Unrecht gegen?. über Oesterreich muß und kann «och gU'tgemachit werden. Mit demselben Schärfe muß ein Umrecibt gcbrandmarkt werden, welches der österreichische Innenminister einem Teil der Bevölkerung aoiujt. Dr. Waber mißbrnuuoht «einen Poisten, um antisemitische. Theorien praktisch zu verwerten. Das Recht auf Option, auf freie Erklärung, wessen Staiaites Bürger ein Angehörig-or der alten Monardhie sein will, ist mrach dom Vereidig von Sarint-Germcin m die Bedingung der Zugehörigkeit zu*r »nace« geknüpft. Daß dieser Begriff nicht rassentÜi'Ocreti'Sich, sondern sprachlich und 'kulturell zu verstehen ist, isrt selbstverständlich* Herr Doktor Wafoer aber -benutzt diese« »Wort«, u m allen Jtuiden dßis Bürgerrecht zHi verweigemr. Leute, die sich redlich ^mähren, die in Oestenreiciä auferzogoii wundem, die deutsche Spuaidhe beherrschen - und für Oesterreich gekämpft und geblutet haben, werden glr.'tit zurüdkgewiesen, weil sie'Juden sind. Haß macht ibünd. Die Juden der Westmäclhte erfrelien sich eines gewissen. Einflusses., beennders * in ' Engljainid . und Amerika. Das .Vorgehen Walbers nach dem Muster der einst, so . mächtigen, Zauentregierung. bringt Oesterreich um sehr wertvolle Sympathien. - Wenn. Miniisitenpiräside-nit; Schabergegen die U.nigarechtiglkeit der Westmäcihte dln der Kredit-. und Burgen!amd-Fnage. mit vofldem Reihte protestiert *Tttnd uim Sympathien wirbt, %o sollte eir sich auch bemühen, das, eigene Uinmedhit zu beseitigen, So gireß und aufrichtig die Liebe und Achtung' ist, welche er seitens, der Juden in Oesterreich Und im Ausland genießt, sto tief ist zu bedauern, daß er die den Staat •schädigenden Ucbergmiffe seines IinKiemnmi'Ster'S duldet.« , Oesterreich. Der Steuergalopp im Nationalrat und der Abbau der Lebensttiittelzuschüsse. Morgen will der Nationalrat bereits seine diesjährige Tätigkeit beenden, vorher sollen aber noch folgende fünf Steuergesetze, die Bankenumsatzsteuer, die Novelle zur Vermögensabgabe, das Sicherungsgesetz, das VoreJnzahlungsgesetz und schließlich noch das Gesetz über den Abbau der Lebensmittelzuschüsse erledigt werden. Die Steuervorlagen sind gestern im, Ausschüsse rasch und ohne wesentliche Aenderungen angenommen worden und stehen auch bereits samt dem Gesetz über den Abbau der Staatszuschüsse auf der Tagesordnung des Nationalrates. Es wird zwar nicht die sofortige Einstellung der Staatszuschüsse zu allen Lebensmitteln beschlossen werden, aber immerhin jedenfalls bei M e h 1 und Fett aß 15. J Ln n e r die Zuschußwirtschaft eingestellt und,, für Brot und Kondensmilch der. Abbau etappenweise festgelegt. Ob sich Dr. Gürtler und Dr. Rosenberg mit dieser Form der Beseitigung der Subventionswirtschaft \yerden einverstanden erklären,; bleibt abzuwarten. Der Nationalrat hat gestern die Kapitel „V e r- *k e h r s w e s e n“, „P o s t“, Jelegrap h“, „T e l ep h o üV' „Postsparkasse“, „Staat sschulden“, Hoher Weisungen“, Pensionen* und „Finanzen“ angenommen, so daß vom Bundesvoranschlag nur das F i n a n z g e s e t z noch aussieht. Bundeskanzler Schober beantwortete im Laufe der Sitzung eine an ihn gestellte Anfrage, betreffend d i e Verschleppu n g von vier Weh rmänneirn durch ungarische Truppen. Die Wehrmänner wurden nächst dem Meierhof M e x i k o im sogenannten neutralen Torritorlum gefangengenommen und erst über Intervention der Generalsmission und unseres Budapester Gesandten frelgelassen. Die Meldungen der Wehrmänner haben 'ergeben, daß sie in vollkommen völkerrechtswidriger Weise nicht nurgefangen, sondern auch mißhandelt wurden. Wir werden, erklärte der Kanzler, diesen neuen Bruch des Völkerrechts und diese ganz uu,europäischeMethocie (Rufe; „Sehr richtig“) mit allen geboteheo Mitteln und mit allem Nachdruck denjenigen Faktoren zur Kenntnis bringen, bei denen wir Hilfe erwarten können. Wir werden auch der ungarischen Regierungmltallem Nach- ' druck unseren Standpunkt zur Kenntnis bringen,' daß wir qin derartiges Vorgehen nlehtdulde« können. (Lebhafter Beifall.) ln "der Finanzdebatte verlangte der Sozialdemokrat 8 ehie gl, daß die Regierung gegen die verschiedenen Gerüchtemacher energisch einschreite. Dazu gehöre vor allem H err J u l iu $ Benescb, der vor einigen Wochen die 0 e f f e n tU c h k e (t b e u n r u h T g t hat. Das Haus müßte es als seine Pflicht anseben, diesen Mann aus dem Parlament h i n a u 6 z u w e Isen. Ueberhaupt wäre eezu wünschen, daß ln Zukunft von dem Strafgesetz gegenüber denen, die gegen die Republik arbeiten, ein ausgiebigerer Gebrauch gemacht werde. Abgeordneter V o l k e r t kritisierte es, daß für „die Staatskommisslon für Rennangelegenhelten und einschlägige Zuchtfragen* ein Betrag von 00 Millionen Kronen ausgeworfen sei, während im gesamten Staatsvoranschlage n i c h t der geringste Betrag z u r F ö r d erungdes K ö r p e r 8 p o r t s ausgegeben werde,. Dar Staat habe wohl Geld dazu, um das unmoralische Wettwesen auf den verschiedensten Rennbahnen zu fördern. Er will aber nicht die Mittel aufbringen, wenn es sich darum handelt, die Jugend zu kräftigen und die gesunkene Volkskraft wieder aufzurichten, In (fieser Beziehung verläßt man sich einzig und allein auf die privaten Organisationen. Der Staat muß auch hier endlich einmal seine Pflicht erfüllen. Nächste Sitzung haute 11 Uhr vormittags. ch Die Beratungen des Finanz- und Budgctauoj-. ,^ses, der nach Schluß des Hauses zusantmentrat, wurde auf heute '/.IO lihr vormittags vertagt, da die Beschlüsse des Subkomitees über das Lebensmittel zu schuß- Einstellungsgesetz noch einer Schlußredaktion unterzogen werden müssen. Die Großdeutschen und der Anschluß. In der gestrigen Sitzung . der Reichsparteileitung der Großdeutschen wurde folgende Resolution angenommen: »Die Groß deutsche Voik&patntei fordert, daß unverzüglich der ipi Artikel 88 des Vertrages von St Germsin vorgesehene Weg einer Abänderung dieses Staats Vertrages 'betretenwerde, i umsomehr als die Signatarmädite selbst in der westungarischen Frage eine solche Abänderung vorgenomraen haben.« Polen. Dr. Balaban — Nachfolger Doktor Poznanskis? Warschau, 18. Dezember. (Telegramm der »Wiener Morgenzeitnng«.) Die Warschauer jüdische Gemeindeverwaltung kandidiert als Nachfolger des verstorbenen Pr. Poznanski den bekannten jüdischen Historiker Dr. Meier Balaban. Doktor Balaban Ist gegenwärtig als Leiter des misrachistv schein Lehrerseminars in Wainschaiu tätig. Die Vermögensabgabe. Wien, ig. Dezember. Die Polnische Gesandt* schaft teilt mit: Wie aus Warschau telegraphisch berichtet wird, hat der polnische Landtag in seinen beiden letzten Sitzungen am Freitag und am Sams, tag sowohl den Gesetzentwurf über die Vermögens» abgabe als auch die Vorlage, betreffend die Sanie» rung der Staatsfinauzen in dritter Lesung erledigt Beide Gesetzentwürfe wurden mit ganz unwesenb liehen Aenderungen in der vom Finanzministerien langten Fassung angenommen. Gleichzeitig wurde der Finanizmimster ermächtigt, Verordnungen, betreffend die Regelung des Geldverkehrs mi! dem Ausland, sowie den Verkehr mit fremden Valuten zu erlassen. Das Programm der Antisemiten. Warsphau, 17. Dezember. Der jüdisch-polnische »Nasz Ivuryer« veröl Font! acht ein Interview mit dein Abgeordnetem Dymo w ■$ k i, welcher, wie eri-nncrlich, dem Abgeordneten Di am and im vorigen Jahre Briefe entwendet hat,' u'ti.d gegen*' wärtig ads Direktor des »RozwoJ« an dem Z'Uistondekuimnön des ' leteitein AintLseimitemkongresses ln ’VVars'chatu einen, hervorragenden Anteil Latte. Auf die Frage de« Veiitretens dies »Niasz Kurrjer«, wie sich Dymiowski die Lösung der Jndemfraige in 'Polen voirstelle, eiiklärce' eir, daß msm in Polen mit ailien' Mitnoritiltem, die eigene Gefoiete halben, wie Deutschem,. L-i't'aneirin timd anderen, ziu Irgemdieineni Mcdtüis viveai-dd kommen müsse, jedoch «nicht mitden Juden, da sie nie Bürger dieses Landes gewesen sind. Auf die Frage, ob es diemin möglich sei, mit Bürgerin eines Staate«, die hier geboren wurden,- so umziugehon., aintwortete Dymowslki, daß er diesibozügliioh keinem anderen Wog finde; die demcfkraitische Verfassung gositatte eben keimie; amderc Art der Fn frua ti.coali sierumg. ' In diesen paair Sätzen hat Dvmowski klipip rund klau die Jemdenizen cies »Rozwoj« — die völlige Vernichtung der Juden — offenbant, cF;itie su bedenken, ob denn eine solche Politik wirklich im' Interesse der wirtsrhaftliche-n Fortentwicklung Polens liege. Doch die Herren vorn ^Ro'zwoj«, denen .eine.auf die gemelnj.-.-iten Instmikte hlmzielende Partei» ipolitik mob»r am Herzen liegt, 'kümmern sidh wenig um die wirtschaftliche Zukumft i'nres Landes, wetm sie nutr ihre dunkle Hetze 'betreibein kömnsn. _._ ¥ Jugoslawien. Die deutschen Reparationslieferungen. Belgrad, 19, Dezember. Deutschland hat "aus dem Titel der Reparationen an Jugoslawien Sachwerte im Betrag von io Millionen Gold mark geliefert, und zwar: 4000 Pferde, tq.ooq kg chemische Produkte, 50.000 kg pharmazeutische Artikel, 5000 Pflüge, 60 Sämaschinen, eine Fahrkartendruyk- . masdiine, 100.000 Säcke und 50.-000 kg Oe1. Dr. Bern ar verhaftet * Agram, 19. Dezember. Gestern wurde der gs* wesenc Abgeordnete der Radic-Gruip'pe, Dr. B e rh ar, verhaftet. Die Festnahme erfolgte wegen einer Rede, worin er die Teilnehmer der Versammlung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgefordert batte. _ Telegramme. Neue Autonomie Projekte ffir Ostgalizien# Lemberg, \y. Dezember. (Tel. dar »Wiener Morgonizeitiaig«.) Wie das »I.emlberger Tagblaitt« meldet, beschäftigt sidh die Konstltuieruingskommisrioin des Warschauer Sejm gegetnwärtig mit einem neuen Autonomienrojokt für Ostgalizien.. Nach diesem Pmajickt 9101II Oslgalizien m aiutonome W'üjw'B'd'schafteii nufgeteilt w er dem, die alls ein. zelmo aiutotniome Gebiete eigene Landtage (sejmki) mit stark beg^reniziten Kompetenzen haben. Die Bezirke und Städte mit über 35.000 Seelen bildern separate Wahlkreise. Auf je 25.000 Stadte- und 15.000 Dorfbewohner et^fälk ein Wahlman-dat wi