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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-20 · Heft 1039 (20.12.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1039 (20.12.1921)
Date
1921-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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evnzöfitwitmer ic 30 Wien: Zum Abholen in der Expedition, H.,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 560. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich K 560; Tschecho-Slowakei:Mon. Kronen 18. Ungarn: Monatl. Kronen 70. Jugoslawien: Monatl. Dinar 15. Polen: Monatl. Mark 500. Deutschland: Monatlich Mark 20. Frankrei ch: Monatl. Frcs. G., rener Tsdiecho-Slemke! «sch. K 1 Italien: Monatlich Lire 6. Rumänien: Monatl. Lei 30. Schweiz und das iibiige Ausland monatlich Francs 3. Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—3, Telephone: 44-0-38, 43-3-19. ab o Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse: „Morgenzeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.693. Nr. 1039 Wien, Dienstag, 20. Dezember 1921 3- Jahrgang Teilweise Verzichtleistung Englands auf die deutschen Reparationen. Kompensationen für Frankreich. Die schwarze Schmach. F. Wien, 20. Dezember. •Der erregte Protest gegen die „schwarze Schmach“ fst seit rjahf und Tag eine stehende Rubrik, in der deutschen .Presse' der verschiedenen Richtungen, geworden; fes ist sicherlich zuzugeben; daß die Erregung in Deutschland über: die. Uebergriffe * und gelegentlichen Exzesse der schwärzen . Besätznngstruppen nicht unbegründet ist,; man kann ’• die * * Empörung über eine solche , Behandlung, , wphl nachfühlen und bajonettbewehrte; Senegalneger sowie Marokkaner mögenals Ordnungstruppe keine angenehmen Gäste in:Deutschlands; besetztem Gebiete sein. Aber wie im allgemeinen die größte Schmach nicht die ist, welche einem Wehrlosen von außen 'angetan wird, sondern jene, welche man sich selbst zufügt und für die man moralisch selbst die Verantwortung trägt, so wird. Deutschland von einer schwärzeren Schmach niedergedrückt, als es jene ist,, die ihm die Zuayen und Marokkaner antun. Es dst dies das Treiben der Koalition militaristischer^Prägung,' die keinen sehnlicheren Wünsch' kennt, als die; „glorreiche“ Zeit des Massenblutbades wieder auflebenjzü 'lassen. Es ist ein.Schauspiel eigener:Ärt .und charakteristisch für die. Geistesverfassung der herrschenden Klassen in Deutschland, daß die Männer, an deren Namen sich Deutschlands Sturz .und ■ Erniedrigung knüpft; nicht etwa still in irgendeinem verborgenen Winkel hocken, sondern in den vordersten Reihen der gesellschaftlichen und politischen Oeffentlichkeit agieren, um sich unter (lern 'Beifall einer' jubelnden Menge - dem betörten Volke neuerdingS; mit der Heldenglöriote zu präsentieren. ' ' Der erklärteste Held des deutschbiirgerlichen Nationalismus ist wie eh und je Herr, Lude ndo r f f. Die Tage liegen .weit zurück, da' er, in der irrigen Meinung,-, es gebe. eine deutsche Revolution, unter falsM'ck/'paß,,-dM^Hasenpanier ergriff, um nach 'MMiMh^ÄAs^WettC^u^ suchen-; derdeujscite Held -Lat'; e^öchen<brkannte. rasch,- daß', das' Vaterland seiner' bedürfe, und trat alsbald nach .pöirier. .bescheidenen .IVeise in. die vordersten.Reihen, um, wie der Prozeß gegen die. K ä p.p - L e u t e bezeugt, nach der Gelegenheit für' einen Umsturz, in . seinem Sinne auszuspähen. . Die unüberbietbare Dreistigkeit des Auftretens Ludenidorffs .muß' dem‘Ausland, wo das Mißtrauen gegen Deutschland keineswegs geschwunden fst, ein besonders schlagkräftiges' Bild von Deutschlands- Geistesverfassung darbieten und -es ist nur zu verstehen,, wenn man sich den harmonischen. Einklang zwischen dem .Oberdurchhalter und der großen Masse seiner Getreuen ■ vor Augen führt, die nahezu das ganze '.bürgerliche Deutschland umfaßt, wenn man bedenkt, daß erst heue'r die medizinische Fakultät. -; er Königsberger Universität, an der bekanntlich ein Kant gewirkt ■ hat, um ein Versäumnis gutzumachen. und hinter der allgemeinen Selbstbefleckung deutscher Wissenschaft-nicht zurückzubleiben, Herrn- Ludendorff das Ehrendoktorat verliehen hat; und zwar unter •Paris, 19. Dezember. (Tel.*Komp.1 Nach einer Meldung des Sonderberichterstatters des „Matin“ in London, Jules Sauerwein, beabsichtigt die englische Regierung, Frankreich K o m p e nsationen . für die eventuelle Stundung der deutschen Schulden zu geben. England chM sich bereit erklären, in einem solchen Falle seinen Prozentsatz an der deutschen Reparation von 12 auf 5, vielleicht sogar auf 3 herabzusetzen. Was Briand vqrschlägt. London, 19. Dezember. (Tel.-Komp.) »Daily Mail« erfährt aus offiziellen Kreisen, daß Briand sich der Herabsetzung des französischen Reparationsguthabens widers e t ien werde, daß er •aber-gewillt sei, eine ebenso hohe Lumme anderer Form tind' au^ anderer Grundlage änzunehmen. Er vv-emde ebne Harahsetziüing der RHeviiarimee Vorschlägen, soferne Frankreich^ gegen einen ,zukünftigen Angriff. Dentschlaintdls Gabanitaeh dumcih die englische Regierung 'erhält.' Briand wird 'aber die volle Bezahlung der Jänner- Uihd'Febirüatr-Rateii verlangen. Briand dürfte ferner . die Entsendung einer Kontrollkommission nach. Deutschland verlangen, die die »Funktion eines’.offiziellen Vertreters-bei der Kontrolle der deutschen'Finanzen: übernehmen soll* London, ■19: Dezembetv-(WölffO-'Dqr .Parisei: Berichterstatter des „Öbserver“ glaubt gütdn Griind?u der Annahme zu haben, daß Briand Sich stark genug fühlen würde, um die Feinde innerhalb und außerhalb des Kabinetts, unbeachtet zu lassen und in weitgehendem Masse Lloyd George zuzustimmen. Es würden keine Schwierigkeiten bei der Festsetzung einer umfassenden Konferenz zu Beginn des neuen Jahres bestehen. In Frankreich sei ein großer Teil der öffentlichen Meinung überzeugt,, daß man der Wahrheit offen und furchtlos ins Auge, sehen müsse. Briand werde gezwungen sein, irgendetwas als Weihna c ht s- 0 d er N e u j ahrsgeschenk nach Frankreich mitzubringen, um es dem französischen Volke zeigen zu können. Briand werde daher von England einen hohen Preis für Frankreichs Zustimmung fordern. Frankreich habe jedoch eingesehen, daß alles Säbelrasseln während der letzten zwei Jahre ihm ichts genützt und daß es nicht einen Pfennig dafür erhalten habe, daß es in Europa den.Gendarmeti spiele. Für nichts und wieder nichts habe Frankreich den Tadel der gesamten Welt und den tiefen Haß Deutschlands auf sich gelenkt. Finanzkontrolle der Alliierten in Deutschland? London, 19. Dezember. (Wolff.) Den „Times“ zufolge treten gewisse einflußreiche politische Kreise für ein Moratorium ohne Alliiertenkontrolle der deutschen* Finanzpolitik ein; andererseits widerstrebe eine sehr starke Gruppe energisch dem Gedanken eines Moratoriüms, wenn die deutschen Finanzen nicht unter strikte Aufsicht der Alliierten kämen. Dies sei auch die vorherrschende französische Ansicht Eine Konferenz aller europäischen Mächte. London, 19. Dezember. (Wolff.) Die gesamte Presse hebt die große Bedeutung hervor, die der heute beginnenden Konferenz zwischen Lloyd George und Briand zukomme. Sie gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Erörterungen der beiden Premiers zur Einberufung einer internationalen Konferenz der europäischen Mächte . im nächsten Frühjahr unter Einbeziehung Deutschlands und Rußlands führen werde. Paris, 18. Dezember. (Havas.) Der Bericht«, erstatter des. ..Meldet, es sei währ schein lieh, daß Großbritannien yerteiigesiy •werrdie, daß sieb Frankreich mit einer Besehäraikuing. der Rüstiuingan eimrvers'lia'ndm erkläre uimd seine Zustimmruing zu der Abhaltung einer europäischen Konferenz gebe, auf der auc.lv Deutschland und Rußland vectrefcetn. sein würden. Die Beratungen in Berlin. Berlin, 19. Dezember. (Tel.-Komp.) Wie. vc> laustet, fand heute -in der Reichskanzlei eine Be-. «Iprectouinig statt, die sich mit dem ReparatictUspiröblam 'und der Antwort auf die 'drei Fragen der; RepsraticfiTsJkommisisioin .beschäftigte. Eine Auifewort aiuf die Nöte wird mi-chit efruer einfeiligen,'’ .als ' bis . R ä t!li ewau a'u s Lon do n zu'r’üc k g e k e hr t ist oder mmdestetns ein präziser Bericht von ihm' yorliegt. Im übrigen wird die Lage an a.mit8iclient Stellen als unverändert bezeichnet. anderem mit der Begründung, die Auszeichnung gelte dem Führer, der „den-Glanz deutscher Kultur getragen hat von den Gestaden des Atlantischen Ozeans'bis in diö Wüsten Arabiens“. - Herr Ludendorff ist in der Tat danach angetan, diese sonderbare Kulturauffassung deutscher. Hochschullehrer nicht Lügen 1 zu-strafen — dies beweist, sein neuestes Memoirenwerk, in dem er die offizielle Dolchstoßlegende bis zum Ueberdruß ableiert ■ und. im übrigen nach bewährter Manier für den Zusammenbruch seiner Strategie— die Juden verantwortlich macht. Der große Mann scljämt sich nicht, die verstaubtesten Argumente der Hetzantisemiten, seinen Bewunderern aufzutisefien, er 'bestätigt seinen, aufhorchenden Lesern ' die von Jen antisemitischen Schmierern, täiisbndfach. aufgestellte' Behauptung,. daß die „Oberleitung“; des .Judentums „den Weltkrieg herbeigeführt hat —-: während’ mäh.'bisher immer meinte, eine .Herrn Ludendorff bedeutend, näherstehende Klasse könne dieses Verdienst Tür'; sich in Anspruch. nehmen — uriä dies alles zü dein 'Zwecke, '■ um sich in Europa -die Vormachtstellung .. .zu.. exringen und Palästina zu erobern. An ' diesem Werke wirkten, wie Ludendorff weiß, der jüdische; B’nei- B’rith-Orden in trauter Gemeinschaft mit der Alliance Isradite und -— der zionistischen , Organisation, wobei, die internationale Freimaurerei und die sozialistische Internationale, die* ja auch nichts anderes sind alsverkappte jüdische Gebilde, wacker mithalfen. Diese Behauptimgallein erweist, welch gründlicher 'Kenner jüdischer Verhältnisse der;große. Feldherr , ist und wiel leichtfertig der Mann mit der Wahrheitspielt, dem datz Leben von Tausenden und Abertaüseriden an vertraut war. Daß sich Herr Lüdendorf? der Fälschungen und Verdrehungen bedient, tunseihe „Beweise“ von der Schuld jener zu erbringen, ’ an die er zu Kriegsbeginn seiner Aufrufe „An meine lieben Müden“ richtete, gehört mit zum Charakterbild des Mannes, der in Deutschland noch als .nationaler Heros gelten darf. Er bedient sich indischer Veröffentlichungen Keine rumänisch-ungarische Union. Prag, 19. Dezember. (Pireßzentra,le.) Der neue rumänische Ministerpräsident Take Jonescu äußerte sich dem Bukarester Mitarbeiter der »Gazette de Pragu.e« über die von den Magyaren verbreiteten Gerüchte, betreffend eine ungarisch-rumänische Utiiioin: Es kairnn mahlt« Absurderes mud Unsinnigeres gedacht werden,- eis eine Union zwischen Ungarn und Rumänien, Nur die Feinde Rumäniens sind fähig, solche Gerüchte zu verbreiten, um Rumänien mit den Großmächten und , den Staaten der kleinen Entente zu verfeinden. Es gibt niemanden, in Rumänien, der sich nicht vergegenwärtigen würde, daß eine solche Union ein Unglück und die Vernichtung der nationalen Vereinigung-bedeuten würde. Die Sieben- : bürger Rumänen würden'dagegen einen noch schärferen Protest erheben als die Rumänen im alten, Königreich. Uebrigens wären: für solch eine Union! weder England, noch Frankreich, da, wie bekannt, 1 die magyarische ‘T'hronfiiage nur mit ihrer Zu-stimüber die „Logen“, die er entstellt und aus denen er , alles ihm-'Unbeqeume wegläßt, er erzählt, daß der in;Deutschland lebende Professor W e i t z m a n n — auch das ist bekanntlich nicht wahr schon 1906 : mit B a 1 f ö u r und England über Palästina verhandelt hat, der Delegiertentag der deutschen Zionisten hat heuer beantragt;'1 daß der Sitz der Exekutive entsprechend der politischen Lage, in London sein solle, in den letzten Auflagen von Herzls „Judenstaat“ fehlt Professor Warburgs früheres Vorwort (was mag das nur enthalten haben?) und schließlich sind | die „Weisen von Zion“ auch noch da, tun dem großen j Heerführer sein „Beweismaterial“ zu liefern. t So also sieht Ludendorffs unbekümmerte Wissenimtng gelöst werden kann. Alles, was ich weiß, ist, daß wir nach erlangter nationaler .Vereinigung in unseren Grenzen bleiben wollen und an .solche phan-. tastische Kombinationen nicht denken. Die Anklageschrift gegen die Legitimisten. Budapest, 18. Dezember. (Ung. Tel.-Korr.~Bur.) In der Angelegenheit der in den letzten Königsputsch verwickelten .Politiker hat die Staatsanwaltschaft gestern die Anklageschrift eingebracht. Sic erhebt die Anklage wegen Verbrechens' der. Empörung und bezeichnet das Bii'dapester Strafgericht als zuständiges Gericht. Bezüglich des 'Abgeordneten B e n i c z k y wurde keine Anklageschrift ein-' gerei-dhit, der' Staatsanwalt beantragte vidmdbr gegen ihn die Einleitung einer Untersuchung. Gegen sämtliche Angeklagten wird die Verhängung der Untersuchungshaft vorgeschlagen, weil bisher die Verhaftungen bloß im eigenen Wirkungskreis der Staatsanwaltschaft erfolgt waren.; schaff aus. Der Historiker und Politiker wie jeder ernste Mensch mag über solches Gesudel hinweggehen, aber diese Memoire: Schreiberei ist nicht ohne kulturgeschichtliches und politisches Interesse. Sie zeigt deutlich, aus welchem Holz geschnitzt die Leute sind, die zahllosen Deutschen als Repräsentanten deutschen Wesens gelten, und was man zu erwarten hätte, wenn der Klüngel einmal Oberwasser bekäme. Solange Ludendorff und die Leute seines Schlages auf der Tribüne Deutschlands die Protagonisten spielen dürfen, solange Deutschlands Volk diese Schmach nicht abschüttelt, wird man sein moralisches Anrecht 1 anzweifeln, über die schwarze Schmach zu klagen, * die ihm Zuaven und Kongoneger verkörpern. tim t- . —---

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