Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1037 (18.12.1921)
- Date
- 1921-12-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lite 4 Men, Sonntag Karlistenputsch und die Juden frage. fra Verlaufe der in der ungarischen Nationalversammlung im Zuge befindlichen Debatte über den Lcgitimistenpdtsch, die unter dem falschen Titel „Immunitätsfragen“ abgefiihrt wird, konnte man auch manches Interessante »ber Juden und Judenfrage hören. In der Budapester Nationalversammlung findet jetzt eigentlich ein Duell mischen H o r t h y und seinen Gegnern statt und da in beiden Lagern Urheber und Teilnehmer der J u denmorde sich befinden, .erhält man nicht unwichtige Aufschlüsse darüber, welche politische Richtung Hortliy in der Judenfrage einzuschlagen gedenkt, wenn er siegt, keinesfalls aber darüber» welche Politik in Ungarn maßgebend wäre, wenn die Koalierten Gegner Horthys von Appoiiyi über Friedrich bis hinunter zu Vazsonyi schließlich den Sieg davontrügen. Der maßgebendste und einflußreichste Exponent des Horthysmus in Ungarn ist heute <i ö m b ö s, der Besieger des Exkönigs Karl. Aus seiner Rede wie auch aus seiner Haltung sieht man erst recht, welch ungeheuren, geradezu sträflichen Fehler die jüdischen Politiker Vazsonyi, Simon K r a u s z Und die übrigen begingen, als sie in diesem Kampfe sich und das Judentum exponierten. In seiner großen Abrechnungsrede, die G ö m b ö s vor einigen Tagen hielt, sagte er unter anderem: „Ich behaupte, die Rückkehr des Königs wäre mit - ütem Sturz des christlichen Kurses gleichbedeutend gewesen. (Zwischenrufe: Ein Irrtum0 Ich behaupte es, denn welches andere Ziel hätte Wilhelm Vazsonyi vor Augen gehabt, indem mit Ihnen ein Bündnis einging, als die Rettung seiner eigenen Rasse? Einem Juden ist die (judeufrage viel wichtiger als die Königsfrage und die Frage des ganzen ungarischen Nationalstaates. Abgeordneter Dr. B r o d y: Die Judenfrage ist nur ■ ßhnen wichtig! Abgeordneter Gombös: Ich erkläre ganz aufrichtig,; tmr ist sie wirklich wichtig! ' Dr. B r o d y: Mir ist die Religion gleichgültig. Ich; Kenne nur menschliche Rücksichten.! G ö m b ö s : Mir ist die Judenfrage wichtig, ich empfinde die liberale Gefahr instinktmäßig und weiß auch , aus meinen geschichtlichen Studien, daß sie dazu bei- I getragen hat, daß sich Ungarn in seiner gegenwärtigen unglücklichen Lage befindet. Ich will nicht leugnen, es gibt auch gutgesinnte Israeliten in diesem Lande, deren i Denkungsart eine ungarische ist , . . Dr. Brody: lch!)in ein Ungar wieSie! Abgeordneter Mesko: Von geringen Details abgesehen!! Dr. Brody: Ich mache keine Geschäfte. Ich bin ern makelloser Mensch, ich bin nicht die Move. Ich mache Keine Geschäfte. j Gombös (der Führer der Move ist): Ich weiß, ] es schmerzt Sie, daß die Move Geschäfte macht. Auch \ uns wird die Judenfrage nur so-lange brennen, bis wir; nicht so viel Geschäfte machen, daß uns Ihre Geschäfte! nicht mehr schmerzen müssen. : * : ,; Ira weiteren Verlauf seiner Ausführungen wirft Göm-; bös Wilhelm Vazsonyi vor, daß sr das Offizierskorps beschimpft und für feig erklärt habe, weil es den König 5m Stiche ließ. G ö m b ö s behauptet ferner, daß einer der Geldgeber des Karl-Putsches der jüdische Financier Simon K r a u s z war und daß auch in Wien sich eine (Zentrale befand, an deren Spitze Prälat Dr. S e i p e 1, ORENDI I. Röfhenturmstrasse 20. das grösste Teppich - Lager 4 Wiens. « der Führer der Christlichsozialen, und Rothschild, der jüdische Kapitalist, standen. Wohl wurde dem Redner zugerufen,' er lese aus einem Gratismärchenbuch zum Weihnachtsfest vor, aber die gesamte Horthy-Presse greift gerade diese Details heraus, um Stimmung gegen die Juden zu machen. Aus der Debatte verdientauch die Bemerkung R a s s a y s hervorgehoben zu werden, der über die Behandlung Andrassys unter anderem'sagt: „Recht geschieht es .Andrassy! Wäre er doch lieber ins Britannia- Hotel gegangen, um unter dem Deckmantel patriotischer Ereiferung ein paar Juden zu ermorden oder auszuplündern, dann ginge er jetzt frei herum wie viele, die dies taten!“ Rassay hat recht, aber hat auch Andrassy selbst nicht gemordet und geplündert, so hat er jedenfalls dadurch, daß er den christlichnationalen Kurs und die antisemitische Politik mit seinem Namen deckte und durch die Annahme der Führerschaft aufmunterte, indirekt manches Verbrechen an den Juden mitverschuldet. Er stand mit dem wildesten Antisemiten Ladislaus Budavary im Bunde, der in der letzten Sitzung der ungarischen Nationalversammlung die Kühnheit hatte, zu behaupten, daß die „Erwachenden Ungarn“ alten Grausamkeiten fernestehen und daß P ro n a 1 und H e j j a s, die blutbeflekten Mörder/ in jeder Beziehung Nationalhelden seien, die das Recht haben, die höchste Ächtung von jedermann zu fordern. Vor dem Königsputsch hat Graf Andrassy diesen Prqnai und Hejjas die Mauer gemacht und dies wird ihm unvergessen bleiben, mag auch heute Wilhelm Vazsonyi, der unjüdische politische Jude, sein Verbündeter und Verteidiger sein. . __ Der Angora-Vertrag. Eine Londoner Depesche, die anderweitig noch unbestätigt ist, will wissen, daß der Angora-Vertrag aus dem Programm der zwischen Lloyd George und Briand angesetzten Verhandlungen gestrichen worden sei.' England sei bereit, die im Angora-Vertrag vorgesehenen Benefizien Frankreichs gegen dessen Abstand von dem Einmarsch in das Ruhrgebiet zu konzedieren. Dies würde auf eine völlige Neuorientierung der europäischen Politik Englands hindeuten. •T8TD5zenipg~ig2T_ yT037 Oesterreich. Aus dem Nationalrat. Die Eintönigkeit der Budgetverhandlubg wurde gestern durch die Beratung <tes Pensionisten ge< setzes unterbrochen, das gemäß einem Kompromiß zui Annahme gelangte. Die Sozialdemokraten verzichteten auf ihren Antrag, durch den die legitimistisebe Betätigung votj Ruheständlern unter eine besondere Strafsanktion gestellj werden sollte. Auch die Obstruktion des sozialdemo^ kratischen Abgeordneten Lcuthner gegen daS Pensionsgesetz für den katholischen Klerus scheint deü Verhandlungen des Finanzausschusses nicht mehr hindere lieh zu sein. Der Nationalrat empfahl nämlich gestern dei Regierung in einer Resolution, den Seelsorgerpensionärenj die nicht mehr als K 4000 Monatsbezüge haben, Vorschüsse auf das erst zu beschließende Pensionsgesetz zu ged währen. Dann wurde die Spezialdebatte über die Kapitel „Verkehrswesen“, „Post“, „T e I e g r a p h*J „Telephon“ und „P o s t s p a r k a s s e“ des Bundes-« Voranschlages fortgesetzt. Verkehrsminister Dr. Rodler kündigte unter anderem einen Erlaß über die Einschränkung der Fahrh begünstigungenan. Die Konferenz von P o r toros« eröffne günstige Aussichten für die Entwicklung des Verkehrs, sie habe die Erwartungen, die an sie geknüpft wurden, weit iibertroffetL. Die Verkehrs« entwicklung zeige bedeutende Mehrleistungen beim Güterverkehr, aber auch der Personenzugsverkehr werde-ver« stärkt werden. Die Verhandlung wird in der Montagssitzung beende! werden. Von den neuen Steuergesetzen sollet jedenfalls noch cjje Vermögensabgabenovelle mit de« Sichärungsgesetze, die Banken«, msatzsteuel und das Steuereinzahlungsgesetz vor Jahresschluß erledigt werden. Ob auch die Vorlage über den Abbau de! staatlichen Leben smittelzuschllssq mit dem der Finanzplan Gürtler- Rosenberg steht und fällt, noch zeitgerecht Gesetz werden wird, isi trotz der Bemühungen Dr. Gürtlers mehr als fraglich geworden. Uebrigcns bereitet die Finanzverwaltung eit neues Gesetz über die Besteuerungdei Börsegeschäfte mit sehr empfindlichen Ansätzen vor. Die österreichisch - tschechischen Beziehungen. Eine amtliche Prager Mitteilung. Prag, 17. Dezember. Der Besuch des Bundespräs!« deuten der österreichischen Republik beim Präsidenten dei tschecho-slowakisehen Republik gab den Chefs der beiden Regierungen Gelegenheit, den in Hallstatt begonnene« Gedankenaustausch über die die Lebensinteressen dei beiden Nachbarstaatenberührenden Fragen in L a n a fortzusetzen und in Prag zu Ende zu führen. Zunächst wurden mehrere aus dem Friedensvertrag sich ergebende, bisher noch ungelöst gebliebene Frage« wirtschaftlicher und finanzpolitischer Natur geregelt. Die Ergebnisse der Konferenz in Portoros« wurden besprochen und ihre Durchführung beschlossen^ insbesondere wurde .bezüglich der i m R e i s e v e r« kehr der beiderseitigen Staatsangehörigen einzuführenden Erleichterungen volle Einigung erzielt. ' Aus der Erörterung der Fragen handelspolitischen Charakters sind der Beschluß einer raschen Ratifizierung IMiAm '1S TaftorsSraSle 44 mR lwll| EH. Fernruf 41-6-34 Groß® Sperlgasse Nr. 29 Fernruf 46-6-21 »«»» CäSoekemfijass© Nr. ZH ibbd Eigene Werkstätten * für t3t Kleider und Pelze Die Toynbeehalle.; Anläßlich ihrer feierlichen Wiederöffnung am 18. Dezember. Von Dr. Richard Korn.*) II. So staaid man mm vor der traiurigm Tatsache, ft aß man zwar ein prächtiges Heim, jeuioch Reine Möglichkeit mdhir hatte, davon würdigen Gefouaiuch zu machen. Nun bewies aber die Schöpfung K ei-Uicrs ihre Lebenskraft. Die Jugend ai/afim bich ihrer mit erneutem Iiniteressc «la,. imd umiter «ter Aegide des Henmi Medizinalrats J. S a-m-iuic 1 y begannen im Sommer 1921 die vorbereitenden Arbeiten für den Wiederaufbau. Hiebei obwailtete dier. iGcsichtsptöiiikif, daß wir dem tiefsten -Punkt untser.es wifitychaf&ihchem ®<n.d geistigen Elends überschritten hätten! ivnd man die lethargische (Passivität, mit der man die Nachkriegszeit m entiragem sic!u angcwöhnit halte, endlich überwinden! müsse. Neues Leiben sollte -ans den Ruinen, wieder zu erblühen beginnen- . Stand ma« (frühen vor der absoluten/ ünmöglidbkeit, ßich Heizmaterial in legalem. Wege x-u beschaffen, so ist die Aufbringung des Holzend IvohleriloTntiingcnts heute ausschließlich eine Präge des G eil des. Waren?lber einmal die materiellem. Vorbedingungen für die Wicdcramf-naihme (geschaffen, dann war es für u,ni» kein Zweifel, daß «s an, dien ideellen Tragsäulen, der I-nistilJujt’ian fehlem würde. Die finamzieMe Bumdierung überEhm die Loge »Eintiraieht« und der »Jugendfl'nmdte vjrftl in stiller Emsigkeit bagaan-nen bereits Vergangenen Sommer utnd Herbst die Vorarbeiten kur Wiederaröffnung. Als man sich an die geistige iElite des Wiener judentoms um Mitarbeit wandte, ineigte sich eine vorbildliche Tatfreudigkeit, Seel- . % Liebe »Wiener Morgenzeltwg“ vom 14. Dezember. sorger, Gelehrte, Künstler, Schriftsteller-, Lehrer erklärten sich sofort bereit, durch Vorträge die Rcmaissainiae der Toynbeeballe m fördern, tund daß es anigesidhit-s der bevorstehenden Darbietungen an Publikum rieht Mulen dürfte, kit die Hoffnung alter, die an dem Gedeihen der Toymbeehalle Anteil nehmen, ' » Welches aber!st nun diese spezifisdlie Miss iE der Wiener Toynbeehalle? Nur wer sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, abgibt, kann die wahre Bedeutung richtig eim^diiä'tizeir. Die originjatlen Tcynbeehailen JEogl’ands treiben . ipo-litische Auifkläruug uniter den Arbeiitierni; diese Aufgabe kaüin. eiime konfessionelle Institution nicht leisten und diese Tendenz schwebte ihrem Begründer in Wien so wenig rar, daß er aktuell politische Themen aus dem Bleich der Vorträge auisdrübklkh’tesditoß.'—- Und doch ist letzten Emdes die Aufgabe der Toynbeehalle eine eminent sozialpolitisdbe. .Gegenüber den Auswiukungen der Judenfein’dWöhJkcit, die ums von dteir wüsten Form des rohesten Radiaraainltisemitiisnuis bis zw ästhetisch v-erfeinerten Form f des Rassendünkel-s em.(tgegemtritt, dürfen, wir nicht untätig, blei-ben. Niur ehrliche und strenge Selbstkritik wird unserem Gegnern immer mnelir den Anngriffsboden entziehen. Welcher ehriklhe Jude vermag sich darüber liinwegzuitäiedhien, daß. die Furchen, die die fmnehtbare Vergangenheit unserem Wesen ein.- gegrialben. hat, während der wenigen Generationen, die wir außerhalb des Ghettos zugebracht haben, «odh laaige •nicht.gaci« geglättet sind. Gewiß steht es jjen'em, deren VwfahredU mitbsdhiulddg sind ain den inneren Sdhödcmi, die das jüdische Wesen im Ghetto genommc-ii hart, nicht au, in dünlkdlia-ftcr S^Ibetüberhebumg si-ch des besseren Menschentums zu rühmen. Wir aber wollen nicht aai unseren Feinden E'nziehumgs- und Bekehjnutngsversuiah*e vornehmen, -sondenn nxit atder Gründlichkeit 'utnd Hurlichkeit uns Rccheniischaifit darüber ablegen, was von den üblichen Vorwürfen, die man Jüdischem Wesen macht, berechtigt ist und in welcher Weise mairji-n behairrbciher Selbistzudut ihnen ihre B'crechtb guüig enitiziehcm. kann. Wenn die philairitlvnoipisiche Großzügigikeit des besitzende 11 Jtud enturas gegenüber den Stamniesgenossön. in diesem Falle nicht versagt, um die materäellen,’ Vorbedigutngen für di<3: Bildiuittigsstättc m schaffen, wenn die geistigen Führer der jüdcuschaft W iertus ihre bestem, Kiräfte in den Dienst dieser Bestrebungen steife^ dam anruß aus dieser /seltenen Verbinduiiiig vdij jüdischem Geld uind Geist die Macht erwadhfsenjj. jenen, die noch die Spuren der furchtbaren. Ver^ gangenheit in ihrem immersten Wesen tragen, die Segnungen zuteil werden zu lassem, die auis dei t. Pflege der bestem Kutorermmgcnisichaftein für j'edd bildungsifähige Seele orcjuelJem Und damit isi unsere Aufgabe klar Umrissen. . , Vor allem soll in der Toynbeehalle durch Dan bieturug all des Edlen und Großen, was die Welf dem Judenitium verdankt, das Scilbstaahtu/ngsgefühi des Erntwunzclten wieder gekräftigt werden. Dänin aber soll bei allen Vertiefuing'sbeis'trebungen d<&s Stämmeszugehörigkieitsgefülils alles ' dargdbotein werden, was die größten Kultumnatdioinen in. iihlreu edelsten G cicsteschöpfuugen den mach BiMiumg Strebenden uäher*briin.gt. Wenn «ich m diesem Be&trdben, die diü(it< G esd lsöhafitesohich te, die Bildung s ai c h ent d eü unter dem Bi ldumgs bedürftigem, mit deh beiden anderem-, der Besitzenden und geistig Führenden, trifft, dann ist eiine gedeihliche Entwicklung dei* T'oynbcefhalle gewährleistet, deinn dämm erfüllt sie. ihre Bestimmung