Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1020 (1.12.1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r .'Seifet_ . Wien, Donnersfägf r-'-n.“ '-j .." - ■ ~ '- ii i Ij-amgt, daß in Disdiamii ein Zweigverein' der mosleemtdisdbem. (also nicht moslemitisch-chirirt.lioheni, also iawtidhri&tiidlien) Vereinigungengeschaffen werde. |*B«t - el - Makda-s« fügt hinzu, daß auch in Safed {■und iw anderen- Städten Palästinas derartige Vereinigungen m Bildung begriffen sind. £JüdL Korr.« Cl&nesiceau und Franchet d’Esperay als Zeugen. ln Budapest finden jetzt die Vorerhebungen in dem VeriTJÖgenskonfiskationsprozeß statt, den die ungarische Regierung gegen den Grafen Michael Karolyi führt Bisher wurden die seinerzeitigen Volkskommissare einvemommen und die Konfiskation stützt sich; hauptsächlich darauf, daß Graf Karolyi zugunsten Frankreichs Spionagedienste geleistet habe. Behufs Widerlegung dieser Anschuldigung hat nun der Verteidiger Kärolyis die Einvernahme Clenienceaus verlangt, welchem Wunsche wahrscheinlich auch stattgegeben werden wird. Karolyi wird ferner beschuldigt, daß er den Belgrader Waffenstillsta dsvertrag mit dem Kommandanten •Franchet d’Esperay abgeschlossen habe, obgleich der französische General keine Vollmacht besaß. Die Verteidigung Kärolyis wünscht nun auch die Einvernahme des Generals darüber, daßer Karolyi erklärt iliabe, er sei zum Abschluß des Waffenstillstandes ermächtigt und handle namens der Entente. Da a gekommen wird, daß auch diesem Anträge der Verteidigung wird stattgegeben werden müssen, erwartet man mit Interesse, die Aussagen der beiden Zeugen. Die innere Krise in Ungarn. Wie die „Ungarische Rundschau“ aus Budapest [erfährt, kann die Schaffung der einheitlichen Re-, gierungspartei wider alles Erwarten nunmehr als endgültig gescheitert: angesehen werden. In der Sitzung der Kleinen Landwirte wurde der Antrag des Grafen S e t h 1 e n niedergestimmt -und der Antrag des Abgeordneten Karl H e n c z angenommen, wonach die Kleine Landwirtepartei ihre Selbständigkeit auch weiterhin bewahrt Sollte es bis. übermorgen, Freitag, nicht gelingen, die einheitliche Partei zu -schaffen, so erfolgt nach einer Nachricht des „Az (Ujsag“ unbedingt die Auflösung der Nationalversammlung. Oesterreich. Dr. Rosenberg fährt nach London. Generalrat Dr. Wilhelm Rosenb erg reist in Sen nächsten Tagen nach London. Daselbst soll in der ^nächsten Woche die Finalisierung des Vertrages über die Sitzverlegung der Anglo-österreichischen Batik nach; England erfolgen. X)esterreichisch-tschechische Grenzfragen. ^„Ceskoslovenska Republika“ meldet: Ministerpräsident Dr. B e n e s c h unterbreitete gestern der [Nationalversammlung das Abkommen mit der ö s t e rr e ichischenRe pu b 1 i k, betreffend die Regelung {verschiedener Grenzfragen. Es betrifft vor allem 'die Grehzfragen, die durch’ den Friedensvertrag nicht gelöst worden sind, , und enthält gegenseitige Vereinbarungen über die Ausnützung der Wasserkraft der WtENER"1ÄWGEN'ZEIT,mfG TT Dezember 192! mm Thaya im Abschnitt der gemeinsamen Staatsgrenze von Zaisa bis Baumöhl, ferner genaue Bestimmungen über die Grenze bei Feld s §e r g, über den Grenzverkehr in diesem Abschnitt über die Benützung der Eisenbahn Nikol'ßburg—Feldsberg— Lundenburg, über die Errichtung und Erhaltung einer städischen Wasserleitung der Gemeinde Lundenburg, über den Grenzverkehr in dem von der Thaya und der March gebildeten Dreieck, über die von der March und der Thaya gebildete Grenze* über die Regelung von Fragen rechtlicher Natur usw. Die Preßzensur in Oedenburg. Der österreichische Bevollmächtite bei der interalliierten Generalsmission hat die Forderung gestellt, daß die Preßzensur nicht mehr von der ungarischen Staatsanwaltschaft sondern.von einem interall i i e r t e n Organ ausgeübt werde. Dieser Forderung ist stattgegeben worden. \ Pronai in Csörna. Budapest, 30. November. Nach hier eingelangten zuverlässigen Nachrichten hält sich Pronai’ mit seinem Stabe in Csorna (südlich vom Burgenland) auf. Neue Verhandlungen mit Litauen. ' Warschau, 29. November. (Privat) Wie der. „Moment“ erfährt, trifft demnächst der litauische Minister Dr. S. Rosenb aum, Präsident des jüdischen’ Nationalrates, in Warschau ein, angeblich um mit den maßgebenden Kreisen über einen Ausgleich.1 zwischen Polen und Litauen zu ver-| handeln. Polnische Blätter wissen zu melden, daß die: litauische Regierung in der letzten Zeit ihre Haltung gegenüber Polen geändert und beschlossen habe, in direkte Verhandlungen mit Polen zu treten.! Die Reise Rosenbaums wird als der erste Schritt zur Durchführung dieses Beschlusses angesehen. Wie es scheint, ist die polnische Regierung nicht geneigt, über die Frage der Wahlen in das Wilnaer Parlament zu verhandeln, die sie bereits für abgeschlossen hält. In den Verhandlungen soll jedoch versucht werden, normale Bezihungen zwischen Polen und Litauen lierzustelien, vor allem die Fragen der Koni* munikation zwischen beiden Staaten, der Hän d e Is vertr äg e, Konsularvertretung etc. zu. regeln. _ Ungarn. Polen. Antrag auf; Errichtung eines Nationalitätenministeräu-ms. Warschau, 30. November. (Privat) In der letzten Sitzung der Verfassungskopimission, bei welcher die Frage der Organisation der höheren Regierurigsorgane behandelt wude, stellte der jüdische Deputierte G r ü nbaum den Antrag auf Schaffung eines Nationalitätenministeriums mit besonderen Unterstaatssekretariaten für alle nationalen Minderheiten in Polen.. Seinen Vorschlag begründete> der Antragsteller , außer mit den Grundsätzen! der - nationalen Gerechtigkeit^ auch damit,'daß ein solches’Ministerium den Nationalitätenkampf. im - .künftigen- Parlament sehr abschwächen würde und der erste Schritt zur Lösung des Problems der nationalen Minderheiten in Polen sein könnte. Für den Antrag Grünbaum sprachen sich nur die sozialdemokratischen Vertreter im Verfassungsausschuß aus, die Majorität lehnte ihn ad. Die Vorbereitungsarbeiten für einen Entwurf der Autonom Le O s t g a 1 i z i e n s werden von der polnischen Regierung rege weitergetrieben, in politischen Kreisen heißt es,, daß der Entwurf bald fertiggestellt sein dürfte. Paris, 30. November. „Journaldes DSbats“ meldet aus London, in führenden Kreisen der Alliierten verlaute, daß im Jänner 1922 die meritorischen Verhandlungen über. . die ostgalizische Frage beginnen werden. . v- ' - - . 4" ' ' Haiasi & Co.!.. Seitofflii! fir.3 Palais Ko&urs ~ Fernsprecher Innenarchitektur, antike undmoderne Kunstmöbel, Kunstgegenstände, Dekorationen, Bilder, Stoffe, Tapeten 134 Die richtige Methode. Miskolcz, 29. November. (Privat) Wie überall ln Ungarn, so hat auch an den hiesigen Mittelschulen! der Antisemitismus unter den Studenten brutale Formen* angenommen. In Miskolcz wird das noch schwerer! empfunden, weil das hiesige Obergymnasium, solange es' vom Minoritenorden geleitet wurde, frei von jedem natio-: rialen oder konfessionellen. Haß war, erst seitdem ein junger Schüler der „Erwachenden Ungarn“, namens; V i 11 a n y i, zum Lohne für 1 seine äritiseriiitiscliö Hetzarbeit zum Direktor des Obergymnasiums* ernannt wurde vergeht fast kein Tag, an dem nicht! jüdische Studenten mißhandelt würden. Da der Direktor sich direkten. Beschwerden unzugänglich zeigte, beschlossen. die jüdischen Mittelschüler, gemeinsam aufzutreten. Vorige Woche kam es nun außerhalb der Schule infojge unajisgetzter Provokationen der christlichen Schüler zu einer förmlichen Schlacht zwischen diesen und den 'in der Minderheit befindlichen jüdischen Studenten, in welcher die christlichen Studenten blutige Köpfe davontrtigeii. Die Affäre rief naturgemäß; großes Aufsehen hervor und es ist bezeichnend, daß es gerade angesehene christliche Bürger, von Mi skol cz sind, die angesichts dör Verwilderung ihrer Söhne, die völlig unter dem Einfluß des Hetzpädagogen Villanyi stehen, nunmehr unter Androhung eines Boykotts der Schule' die Entfernung ViUanyis aus! Miskolcz fordern. So reifen die Früchte der judenreinen » erwachen den“ magyarischen Kultur. Eine Horthy-Verhaftung. Aus Budapest wird gemeldet: Die Polizei’ verhaftete. den Schriftsetzer Jakob G u 11 m a n n, den Präsidenten, des Fächyereines der Buchdrucker, unter, der Beschuldigung, einen angeblich existierenden St r e i k i 0 nds von 20 Millionen Kronen unte r4 schlagen zu haben. Diese Verhaftung rief in den! Kreisen * der 2 ei tu. ngssetzer große Erregung hervor, und es bestand die Absicht, einen Demoti-j strationsstreik zu veranstalten. Ueber Intervention des Gewerkschaftssekretärs Peidl wurde jedoch beschlossen, die Stellungnahme von der Entscheidüng des Anklagesenats, welche heuteerfolgen soll, abhängig zu machen. , - .1 Herrenwäsche erstklassig un<9 billigst Im Warenhaus II- ÄrsMs 48 " En gros rirol IIB l II ICSI IS ■ Telephon 47179 ,m En detail , --- -- In der Krämerbude. Erzählung aus den russischen Pogromjahren. Von Semjon Juschkewitsch. Ein Häuflein Juden saß in der Kirämerbude des jDuvid Koltpailc. Das Tages werk ging zu Ende. Von iier Straße her .kroch in die Bude neben der Feuchtigkeit und der Kälte auch die Bangigkeit der (Nacht hinein. Man rauchte. Man •kratzte sich den Scheitel. [Duvid Kolpak wandte sich zu den Anwesenden, [schöpfte tief Atem, warf einen Blick auf seine Frau s-Ethel, die sich in ihr Kopftuch einhüllte, dann auf js. einen 15jährigen Sohn Abramichen, der in der p-fLitze idastand, und sagte: —. ja, ja, Kinder, ich habe Angst, Angist, wie Bas kleinste Kind. Je länger die Zeit, desto mehr die IFti-rchit, Wenn ich nur wüßte, Kinder, aus welchem {Grunde mich das Unglück ereilen soll, d-ann würde ‘ich es r/uihig hinnehmen und gegen niemand Klage •führen. Zustimmead nickten die Juden mit -den Köpfen. ^Freilich, wenn sie nur den Grund für all dies Unglück wüßten, dann soll es auch geschehen! Indessen istampfte Ethel mit den Füßen auf dem Fußboden, tarn sich zu wärmen. L'_ — Ich bim, setzte Duvid Kolpaik .fort, ein einfacher Mensch, arbeite den ganzen Tag, die Frau buch, Abramohen auch, und man hat keine Zeit, über hohe Fragen nachzwdenken. Woher denn? Nun aber [wurde man hiezu gezwungen. Ich zerbreche mir den [Kopf, denke unaufhörlich nach. Wem horte ich früher «zu? Es ereignete sich dass eine, as ereignete Lieh was anderes —- das ist nicht dcD-e Sache, Duivid, uu hast unterdessen weiterzuair/beitein«. Solange du brfbeiten wirst, wird alles auf seinem Platz stehen, läo lehrte ich auch meine Kinder und sogar mein Kleinster, mein Aronchen — ach, dieses Aronchen! t wußte schon, daß man nur arbeiten muß. Kam jj^steokten wir uns mit Ethel und Kindern im Keller, warteten zitternd, bis es wieder ruhig geworden war; kam dann das Ende, weinten w*ir uns gut -aus — Duvid, arbeite weiter! Jetzt aber . . . Nur ein halber Mensch -blieb von mir. Denke nach und habe Angst»- habe Angst und denke -nach. Angst, Angst, Angst. Und schon kriecht die schwere Bangigkeit in die ■Bude hinein. Erstarrt durch die Angst sitzen -bärtige Männer mit Kimderaugen. da. Ethel -blickt leblos das im schwarz-blauen Nebel versunkene Lämpchen am. — Bei Tag hin ich noch Mensch, sagt Duvid ' Kolpak, es ist hell, Menschen kommen —- gehen. Freilich,' hört man einen. Pfiff oder läuft jemand' über die Straße — gerinnt das Blut. Hat*® wieder begonnen?. Soll man vielleicht den Laden'Schließen? , Söhnchen, was glaubst dti? . . . Aber nachts!.. . . - Ach, diese verdammten Nächte! Nur -dann soll uns Gott helfen. Zwar sitze ich. im Zimmer, trinke Tee oder führe ein Gestpräch, doch hin ich ganz auf der Straße, am Hof. Ist dort «ruhig, Ethel? Es scheint, ich habe einen Schrei gehört? Das schien mit nur so, sagst du? Na gut, vielleicht schien es mir nur so! Du, ich glaube, man schießt? Jemand schritt durch den Hof! Sin-d’s -sie vielleicht? ... Ich ‘bin ein einfacher Mensch,-Kinder, -doch ein sehr zarter Mensch. Ich liebe meine Ethel, meine Kinder, mein Aronchen — ach, .dieses Aronchen! Ein Geschenk Gottes l Für Aronchen lasse ich mir, alle meine Adern herausziehen. Wer lacht noch bei uns? Aronchen! Wer treibt Possen? Wer will nichts wissen? Aronchen. Und wen liebt Aronchen? Den Duvid, diesen großen, von Mehl und Hering riechenden, Duvid: Seinen, Hals umarmt es mit den wie Fiügelchen dünnen Händchen, küßt seine bärtige Wange und sagt: Patpaiüsdiicd, ich liebe dich, du bist gut! Und dieses Aronchen soll ich nicht lieben, soll ich vielleicht sagen : Ach" was, ganz gleich, -sie sollen meinetwegen kommen, sie d-rfen meinetwegen dem : Aronchen vor meinen. Augen das Händchen abhacken oder ihm im den Kopf schießen! Hört ihr, wie ich schon spreche? Do-ch nein, schon heule ich, sohed weine i-ch, schon biegen sich meine Beine und strecken -sich -die Lippen vor, um die' Hand detsj Bösewichts zu küssen. Ich weiß es aber,- er-wlrd miri nicht folgen —absichtlich, vor meinen Augen, wird! er das Händchen dem Aronchen abhaciken-, damit! mein Kopf ’ vor Bohreoken platze. Und er wird mich! nicht früher töten, und er wind michzwingen zu-' zuhörem, wie mein-Söhnchen -schreit — Pap-atsdicrlJ Papatsoherl! Wah-nisinnig bin ich? Vielleicht . .'j Doch ich habe -so Angst! Ich will, daß es nichtdazit komme. Gott, Gott, mach mit mir, was du willst,] nur;soll es nicht dazu kommen1. Alles, was d-u willst/] jede von dir auferlegte Qual nehme ichhin-, nurj nicht das! - - ■ Ach» -die «Nächte . .; Wer hat für de$ Me-n-soKeifl solche Nächte erdacht! Kaum höre ick Schritte im| Hof oder irgendwelche Stimme, schein bin ich bei’ den Türen. und horche. Sind’s nicht die? Wohi-n sich’ verstecken? In den Keller? Man wird uns dort finden! Beiden Nachbarn? Man wird uns dort finden! Am Boden? Man wird uns dort finden! Nirgend^ Zuflucht. Wir werden also alle -auf das Dach gehen und uns her unterwerfen: Aronchen werde ich auf; dien Händen halten. Nein, ich werde m-idi nicht lebendig ergeben, wenn sie kommen. Alles, was beliebt,! •nur'nicht das! Ich werde ein langes, -scharfes Messet^ nehmen und ... Mein Aronchen — mit dem Messer?j Nein! Auf das Dach, nur auf das Dach}» und dann" alle vorn Dach, alle, vom Dach herunter . . . Und Aronchen auf meinen Händen ... Es sitzen bärtige Männer mit sanftmütigen] Augen und hören-schweigend zu. Oder sind sie vieM leicht schonwahn-sinnig? (Aus dem Russischen übersetzt von S-a T a r t a k o w e r.)