Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1020 (1.12.1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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0 /SeilsfT Wien, Donnerstag Wiener' morgenzeittjitg ____ 1. Dezember 1921 i wT r.1020^ 1?! doiteress-e. au-. Er vertiefte sich in die zionistische Uiteratiu* und fühlte sich mam entlieh vom. der Figur ‘Herz i s amgazogen, den er in eine Linie mit “Mazzini stellt. Lin diesem Sinuc hat er., die italienische Uebensetzung voin H a g a m i s »Das Leiben 'Theodor Henzls« mit einem Vorwort; 'versdhieu, in dem er die Gestalt des . verstorbenen Führers ver- :h entlieht und ihn mit Mazzini vergleicht. Ruiffimi ist iPiräsid-euit der italienisch-christlichen Gesellschaft liPro Israel e, welche der Verbreitung der zb> mistiisehen Idee in politischen. Kreisen 'bereits schätzenswerte Dienste erwiesen hat. Als im Deizemiber 1918 in Rom die denk würdige, piröziotnij ©tische Kundgebung ©tattfamd, an welcher mehrere i nicht jüdische poiliitisdie Persömil-i chkeiten Italiens -teilnahmen, hielt Ruffini eine groß angelegte Rede •über »Zionismus, Nationalität e m p r i sitz i pum d V ö 1 k e r b u n d«, welche er später zu; einem Buch über. -Zionismus und Völkerbund ratusge weitet hat, eine Schrift vian vollöndöter Klarheit umtd da‘s Beste, das eiin Nichitjude bisher über •dem Zionismus geschrieben, bat. Ruffini betrachtet den Zionismus in diesen seinen literarischen Aeuße- •rungen vom seinem Standpunkt gegenüber der nai&o- •ri-alen Frage aus. Er unterscheidet zwei Prinzipien. :des Naticmriisrautä: die naturalistische Auffassung, '-welche er in den Ideen des neuem deutschen Nattionailismus verkörpert «sieht, und die spirituaiistisdhe, die er mit Stolz die italienisdhe Auffassung mienm-t, -weil sie an die Lehren eines ihrer Schöpfer, ■M a z iz i n i, ankmüpft. Jene germanische Auffassung stützt sich aiuf natuirahstische Faktoren!, wie Rasse, Sprache und Territorium, und führt zur Theorie.der Uebematipn, 'während sich die. entgegengesetzte Anschauung vielmehr auf geschichtliche, moralische und ‘Spirituelle ^Momente stützt und ihre letzte Essenz aus dem nationalen. Bewußtsein zieht. Die Folgerung der einen ist das Recht der Unterdrückung anderer Völker, während die . andere die Nation als 'eine' sittliche Aufgabe ansieht und so «die Respektierung jedes nationalen Seins erfordert. Für diese bestehen dalter mach der Lehre Muzzimis die V'erpfMittmg, . sich für .die Befreiung der. amä deren noch! ‘unterdrückten Völker, einzuserzen, und das letzte Ende jeder maition.alen,Bewegung müsse es sein, eine »heilige Völkerallia'nz« •zu schaffen,- in weldier die Humanität 'und der .'dauernde Friede, begründet werden’müssen. Es ist' -dies ein Nationalismus, den Mazzini eine religiöse jjdee nennt. Ebenso wie er -jeden chauvinistischen ’Nationalismus aufs schärfste ablelmt. Ruffini untersucht den Charakter des Judentums, dessen nationales 'Wesen unverkennbar sei, und analysiert die verf ,schiedenen Formen des Antisemitismus, den er in 'theologischen, ökonomischen, politischen und etihiuj •sehen Antisemitismus scheidet. Die gefähriroh^td .dieser Formen ist nach -seiner Auffassung. der' in ^Deutschland entstandene und dort ipseudowisseni'schaftlich begründete ethnische Antisemitismus, weil 'die anderen Arten viel rascher überwunden werden können, während jener nicht früher schwinden wird?als mit der naturalistisch-egoistischen nationalen fAuffassrung Tabula rasa gemacht sein wird. Ruffilm© Untersuchung über den Zusammenhang zwischen [Pangermänismus und Antisemitismus, - seine Anailysen der Lehren der verschiedenen Rassenfanatiker fii la Chamber!ain und seine Konfrontierung der zioihistisehen nationalen Ideologiemitdernationalen Konizeption Mazzinis, der einst die der Selbstbestimmung ‘entbehrenden Italiener die »Israeliten Europas» genannt'hat, bezeugen sein tiefes Verständnis für das- Werk Herzls und seiner' Nachfolger, das er ebenso genau kennt wie die Vorläufer Heß, Pinsker •und die anderen und in flammenden Worten tritt er für die. Idee ein, ein jahrtausendealtes Unrecht gutzumachen und dem jüdischen Volke zu seiner •nationalen Selbstbestimmung zu verhelfen. Daß es der Präsident der europäischen Völkerbund Vereinigungen ist, welcher sich als nichtjüdischer Pionier des Zionismus den Balfour, Cecii timd Wedgwood gesellt, bedeutet für die zionistische «Politik nicht bloß eine reale, sondern ebensosehr eine ideelle Stärkung und zeigt auch den Fernstehenden in welch hohem Maße der allgemein-menschliche Inhalt des Zionismus den wahrhaft progressiven Tendenzen der Zeit verschwistert ist. Die zionistische Delegation in Amerika. Imposanter Empfang,. — Große Spenden für den Palästina-Aufbaufonds. Aus N ew- Y o r-k wird uns 'berichtet: Der Emp fang der zionistischen Delegation, die unter Führung N&hiuin Sokolows zünden Verhandlungen mit der amerikanischen Regierungeingetroffen ist, wurde von der jüdischen Bevölkerung zu einer selbst für amerikanische Begriffe imposanten Kundgebung ausgestaltet. Die riesige C a r n e g i e.H 'a I I konnte die unaufhörlich; zuströmenden Massen.nicht fassen,, Tausende von Leuten mußtön draußen bleiben. Als rrster Redner sprach Nahum. So ko low, der der .Versammlung <he, bedeutsame Erklärung Hardings für die weitere Unterstützung des Zionismus offiziell’ zur Kenntnis bsachte. Die Versammlung nahm die Mitteilung mit großer Begeisterung auf. Sokolow berichtete weiters über seine. Verhandlung mit dem amerikanischen Staats-- d e p a r t e m e n t, über seine Besprechungen mit B a 1f 6 u r und den Führern der anderen Delegationen zur- Washingtoner Abrüstungskonferenz. Nach Sokolow hielt Richter Rosenblatt eine Abschiedsrede anläß-j lieh seiner UÜbersiedlung nach Palästina behufs Ueber-j nähme seiner Funktionen in der ziomstischen Exekutive! Palästinas, Auch die Ansprachen Professor W ar b n rg s, Jä~; b oti n s k y s und Dr. G old Steins wurden -mit liamgJ andauernden Ovationen beantwortet. Nach dem Empfang wurde eine Sammlung für dsd ICeren Hajesisod veranstaltet, die den ansehnlichen Betrag von 180.000 Dollar in bar ergab. Unter den‘Ein-«, zählenden 'befanden sich der-Ordern Brith -A'bral harn mit 100.000 Dollar, Samuel Untermey er (erste Rate) mit 10.000 Dollar und1 Harry F i s che 1 mit 5000 Dollar. Die Zustände in Sowjetrußland Wirkung des freien Handels. — Petersburg. — Aus der Roten Armee. . (Eigenbericht der »Wiener Morgenzeitung“.) Wabers Beichte. —y. Wien, 1. Dezember. Herr Waber, der noch immer Minister des Innern ist, entpuppt sich als ein Mann von höchst zartem Empfinden für das Gemütsleben der Bevölkerung. Er hat die Publizierung eines Plakats zu verhindert gesifcht, das einen dem Zölibat und der Beichte gewidmeten sozialdemokratischen Roman anzeigt, und hat sein Verbot mit Rücksichten auf die Stimmung der katholischen Bevölkerung begründet, die durch das Plakat beleidigt werden könnte. Er ist dadurch, ähnlich wie seinerzeit beim „Reigen“-Skandal, in einen Kompetenzkonflikt mit dem Wiener Landeshauptmann geraten, der als Sozialdemokrat natürlich das Plakat gestattet hat und sich durch Herrn Waber in der Funktion als erste und letzte Instanz gestört sieht Es wird also der Verwalümgsgerichtshof bemüht werden, um das in Oesterreich herrschende Verwaltungschaos zur Erheiterung des/von Sorgen bedrückten Publikums in einem verhältnismäßig geringfügigen Falle zu klären. Es wird hiebei wieder viel die Rede von Kultur sein und von dem hohen Gute der Gewissensfreiheit; die andere Seite wird davon erzählen, daß Rücksichtnahme auf die öffentliche einet weisen Staatsräson und Kiew, November. 1921. - Die Aufhebung 'des Verbotes des freiem Handels in Sowjetrußlaud hisüt bisher keime.Wirkung erzielt, weil -die terrorisierten. Händler <umd Produzenten keim. Vertrauen gewonnen halben. S-ie fürchten die berüchtigte Geheimpolizei «Tscheka* 1», welche über allen Gesetzen und Verordnungen, ja über den Willen der führenden Staatsmänner steht und 'unumschränkt über Eigentum, Freiheit und , Leben gebietet. Wer garantiert dem Manne, der unter Berufung auf die neue Verordnung Waren auf den Markt bringt, daß nicht die Häschdi der , «Tscheka«» - ihn samt der Ware unter . irgendeinem 'politischen Vorwände verschwinden lassen? Viel-' leicht verfolgt das neue liberale Gesetz nur den - Zweck, vjumi .Menschen, -und- Waren aus dem Versteck zu locken?'Zufolge dieser- Auffassung ist alles •beim Alten geblieben und die Warenzufuhr ist noch •minimal. Die Markt- '.todvWarenberichte des Wirtschaftsorganes -der Sowjetregierung »Eklotnomischeska-ja Shisncf illustrieren-diesen Zustand. In seiner-Ausgabevom 15. November -bringt das Blatt n achstehenden Marktpreisibericht-,: j Pud (vierzig , Dekagramm) ci^-aidjtibrot ,1440p , Rubel, W e f ßb,r o t. M-ZÖp/ E Wl ä p f e l 970* Fl ei sch 10.000, Butter 44.000, Zucker 50.500, 1 Liter Milch 52.00,0, 1 Häring 7200. Das nämliche. Blatt, enthält auch Zahlen, welche sich auf den Stand der. Bevölkerung Petersdie erste Pflicht der verfassungsgemäß zur Wahrung der Ruhe berufenen Behörde ist und sein muß. Die feinen Nerven des Herrn Waber in allen Ehren. Nur scheint es. uns, daß sie eine sonderbare Struktur besitzen, die sich bei verschiedenen .Anlässen verschieden äußert. Wenn an den Straßenecken mannshohe Plakate in klotziger Aufmachung den „Ostjuden“, den „jüdischen Schiebern“, den „semitischen Parasiten“ mit aller im Krieg erlernten Roheit drohen, dann riiluen sich die Nerven in Waber nicht. Wenn er seine Verfügungen unterschreibt, die den jüdischen Optanten ‘ und . nur diesen das gleiche Bürgerrecht mit Hinz und Kunz verweigern, dann kennt er keine Empfindlichkeit, keine Rücksicht. Wenn die Ritualmordpresse aller Schattierungen frech und schamlos zum Pogrom äufforderh, die Frontkämpfer-Mauldrescher ihr Publikum zum Sturm auf die öffentliche Ruhe verführen, dann irritiert das den Herrn Waber nicht im geringsten. Und wenn dann im Ausland von diesem anderen Oesterieiieb efzähjt wird, das bezüglich des Judenpunktes den Ansciiluß an die Hörfhy-KuUur vollziehen möchte, dann läßt . dä& den Herrn Waber' kalt und er denkt,.nicht weiter über die Zusammenhänge Aschen innerer Politik und äußerer Haltung nach. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er leider nicht immer den Verstand. Man muß nur fragen, wie lange dieses Treiben noch dauern, soll. Irgendeinmal ist ja doch auch die Gesamtregierung für die Taten ihres Mitgliedes verantwortlich, auch wenn .noch so viele Bezirksstammtische dieses Mitglied zu ihrem Ehrengesippen erküren. Irgendeinmal muß ja doch der Staat die Fenster bezahlen, die die bekannte Presse unter Führung des großdeutschen Ministers einwirft. Es muß doch endlich in diesem Staate die Einsicht dämmern, daß die Attacken des zartbesaiteten Herrn Waber auf das Vertrauen der Umwelt nach Gebühr gewürdigt und abgestellt werden müssen. Die Budgetdebatte im Prager Abgeordnetenhaus. (Von unserem Korrespondenten.) —r. Prag, Ende November. Eine humdertstü-ndige Debatte wurde über das ts-rihecho-slowakische Budget für das Jahr 1922 atbgeführt Das Kabinett Ben-esch hat für das nächste Johr den Staatshaushalt bewilligt bekommen tmd hat inim dem .Weg für weitere Acbdteti, frei, Mac bürg s am 30. Oktober 1921 beziehen'. Das BiTuff! Ist trostlos. Im Frieden zahlte die Stadt iiberi 2,000.000 Einwohner, heute sind es insgesamt; ■700:000. Von diesen führt der aimtlidhe Bericht! 404.950 als Angestellte der Regierung und Arbeiter, •samt Familien an. D'a diese KategöTie ^durchwegs aus Staatsmitteln erhalten wind, zählt die Stadt] 300.000 Seelen, die von freieir, selrtändiger Arheirfj 1 eben ödof dtabei veirbuingern. , Die R d t e A r m e eerfordert 'die Ans'piainiaüin^. aller Kräfte der Regiehunig, so daß -von einer wirtschaftlichein Tätigkeit,', w-iic "Hebiüiag der PirodiuktiCwi', Verbesserung des Verkehrs uisw., keine Rede'ist.11 in deii ersteh Novembenhälfte wnrcle in Mos >k'a/Ä unter dem Vor-sitz Trotzkri eine Sitziung ldesoibersbeü revdkudionären Kriegsrattes abgehalten. Der Ober des -Generalstabs L e be d e w .stellte fest; daß dliej Moral und Disziiplin der Tnuppei^ in. der Uloraine sehr - erschüttert ist. Die Angriffe der Petl jiüra:-l Truppen, "welche von einer disziplinierten Truppe, inl kürzester Zeit zurückg.ewiesen worden wären, haben! anfangsaus diesem Grunde Schwierigkeiten verri ursacht. Es mußte Bodjenniis Kavallerie aus dem!. Kaukiasus abdirigiert.werden. D-mn erst: wurde,Petl ji^ . ge'Sichlageii., Leb edeSy ' stellte deiiAntrag, 5der -uldräi^ nis-chen Sovvjetregieriunig . jeden Einfluß auf milK tärische AngelegNih-eiten ziu entziehen und die Leitung in" Moskau ziu konizentrieren. Trotz defs i Protests des uikrainisehen Minlstenraites (Low. riä«f, kom.)' wdrde der Antrag L’eibedew angenommen!. kann nicht sagen, daß diese Debatte ohne Einfluß antf die Regierung geblieben; ist, wenn -sich auidbJ dieser Einfluß vorläufig nidlit allzu sinnfällig äußert dürfte. Die -slowakischem Klerikalen hialben' stich! der AhÜ etttnimuing. über dien Staats1 vor ans dhllag emthaltenij und damit zuim Ausdruck gebradit, daß sie mit ded t'sehedh'isdhten Verwalitiuimg iiidhit eimverstandan sind.; Main erinnert sich, daß. die slowakischem Klerikalem! schon am-Emde .der vwigen Session .Schwierigdfleitem gemacht haben, die aber schließlich durch diais Ge-; sobidlc des Führers der- .Volksparte!, desjetzigem-. Eisemibahmminiiis-ters Dr. Sch r a m e k, und duroli Vorsprech-unigen . seitens des damaligeüi Uinterri'dhltisv« minis ters Dr. S c h u s t a beseitigt wurden. Vom! der neuen Regierungerhofften sich die slowakischen Klerikalen die Erfüllung i-brer Wümisdhe, dli-d sich haiuipbsädhlich auf die Errichtung und Erhaituiiig 'klerikalar Schulen ‘bezogen,- Uiinsoimiehr, aflsij der . jetzige Unterrei dh ts mini st er Dr. S ehr ob » ein Slowake, mit ihnen. eimes -Sinnes-ist. Aber did Hjoffmungem bliebaii ohn/e ErfülÖiuinig' u-nd die. slowa-l kisöhen Abgeordneten schieden aus. dem Klub deitj Klerikalen aus. Sie bildeben -uintervdar Leitung des«, bekainnitien Paters H lin 'kia - «eid« - selbständigemparlamentarisch M Klub, derzwölf Mitglieder zählrbj Auf . diese. Weise wollen sie ünre Forderungen durclliM setzen, die, wie. in paTlamomtairisehen Kneiisien -verv*: lautet, iniicht nur Sdhulfragen, sondern -.auch die weit. kompHiriortete Frage der slowalkdiS'ch'en' Auto-- monnie betreffen.' Die ummittellbaire Fotlige .di'eseiif Sezession ist matürlioh eine Schwächung deri Vollkspartiei umd damit eine, Schwächung derj Partei. innerhalb der Koalition. Aber, auch für di-sganze Koalition,, kann dieses Ereignis unter Um-1 ständen gefährlich werden. War schon die abisia-: lute Majorität vorher nicht sehr groß, «o kämm sio jezt, da sic die zwölf slowakischem Sitiimmen.- ver-, liert,. in eine heikle Situation geraden. Allerdings hat Pater Hlinka •veukünden. lassen, daß sein neues ICiuib nicht Immer^ppositioindil ©ein wird, aber lassem kann man siel; auf ihm nicht. Eines der Br-j gebnisse der Budgetdebatte, wenn auch nicht ihre!; uimmittelbaires, ist also eine Absplittenuing der Majio-' lifät. 1 Diese Majorität hat aber während der ganzem Debatte eine ers tum liehe Festigkeit gezeigt. Sie hat! alle Angriffe der >ufeschen kommuniis-tischen Opposition ertragen, hat es peinlich vermieden, Kon-,, flikte zu vieischärfen, uod M r 1 1 *, - i I" v? r:HC